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Freiheit statt Angst

24. September 2007 um 20:58 Uhr von Atari-Frosch

Unter diesem Motto demonstrierten am Samstag (22.09.) rund 15.000 Menschen in Berlin (konservative Presse und Polizei logen die Teilnehmerzahl auf zwischen 2.000 und 8.000 herunter).

Mich hatte die Fahrt nach Berlin fast das ganze Essensgeld für diesen Monat gekostet. Ich hatte am Monatsanfang billigste Vorräte gekauft und dann rund 80 € in die Bahnfahrscheine gesteckt, dazu kamen vor Ort noch rund 15 € für Fahrscheine. Finanziell ist es für mich also schon ein Risiko, meine politische Meinung auf diese Weise kundzutun. Zum Glück konnte ich bei einer Freundin übernachten, sonst hätte ich die Teilnahme gar nicht finanzieren können (wäre ja auch schlimm, wenn Sozialhilfeempfänger auch noch ständig demonstrieren würden).

Wir — Petra (die Berliner Freundin), Alex (aus Heidelberg) und ich — trafen gegen 14:00 Uhr am Pariser Platz ein und trafen uns dort noch kurz mit Michael, der aber bei seinen Arbeitskollegen blieb, die ebenfalls mitdemonstrieren wollten. Wir hatten superschönes Wetter, die angesagten 21 °C wurden vermutlich noch ein ganzes Stück weit übertroffen (warum haben wir uns eigentlich Pullover eingepackt?). Wir gingen erstmal zu den Infoständen, und Petra bastelte sich bei den Grünen ein Schild mit der Aufschrift „Meine Daten gehören MIR!”. Dann gingen wir vor zur Bühne, um eine gute Sicht zu haben, wenn es losging.

Schon bald war der Platz voll. Es war zwar eng, aber ich fühlte trotz Klaustrophobie nicht unwohl, denn es wurde nicht geschubst oder gedrängelt. Die Stimmung war so friedlich, wie wir es eigentlich auch erwartet hatten. Wir sahen nur vereinzelt Polizisten rumlaufen, alles war völlig entspannt. Es gab bereits eine Menge Plakate, die fantasievoll und bunt den Unmut ihrer Träger gegen die Vorratsdatenspeicherung (und ähnliche Themen) kundtaten.

Padeluun begrüßte schließlich die Teilnehmer, sprach selbst ein paar Minuten und übergab das Mikro dann anderen Rednern, zum Beispiel Werner Hülsmann, den ich aus der Mailbox-Zeit noch kenne, einer Frau von der Journalisten-Union in ver.di (Name vergessen), einem Arzt aus Erkrath bei Düsseldorf (auch Name vergessen) und Patrick Breyer vom AK Vorratsdatenspeicherung.

Der Arzt las zwar wie die Dame von ver.di ab, schien aber trotzdem sehr genau zu wissen, wovon er redet. Sein Thema war die Elektronische Gesundheitskarte, und er erklärte, daß die Daten der Patienten keineswegs auf der Karte gespeichert werden sollten, sondern auf einem zentralen Server, auf den bis zu zwei Millionen Menschen Zugriff haben sollten (wer genau, hat er nicht weiter ausgeführt). Diese Berichterstattung ist wohl völlig an mir vorbei gegangen, denn das wußte ich noch gar nicht.

Die Journalistin wertete die VDS als Angriff auf die Pressefreiheit, weil sämtliche Informationskanäle und -netzwerke von Journalisten abgebildet werden könnten. In Belgien ist eine VDS bereits in Kraft, und dort beklagen sich Journalisten darüber, daß ihnen scharenweise die Informanten weglaufen.

Pünktlich wie geplant um etwa 15:15 Uhr sollte sich der Zug dann in Bewegung setzen. Allerdings kamen wir erstmal gar nicht vom Pariser Platz weg, denn aus für uns zunächst nicht erkennbaren Gründen stockte alles beim recht eng bemessenen Ausgang in Richtung der Straße Unter den Linden. Erst später erfuhren wir, daß dort angeblich ein paar Autonome die vom Hotel Adlon herausgestellten Stühle und Tische zertrümmert hätten, weil sie sich nicht kontrollieren lassen wollten. Interessanterweise wurde später anscheinend niemand mehr kontrolliert, denn uns ließ man unbehelligt durch. Durch diesen Zwischenfall kamen wir aber erst gegen 16:00 Uhr auf die Straße Unter den Linden.

Bis zum Alexanderplatz hatten wir das, was padeluun angekündigt hatte: Einen friedlichen Spaziergang, größtenteils mit Musik, mit vielen netten, teils recht bunten Leuten, über die volle Breite der Straße. Zeitweise liefen wir bei den Grünen mit, die zwei große Supermarkt-Einkaufswagen mitschoben, einen voller Papierstreifen und einen mit einer Musikanlage. Die wurde uns irgendwann zu laut, sodaß wir uns ein Stück weit absetzten. Die ganze Zeit über waren weder viele Autonome noch viele Polizisten zu sehen. Nur über uns stand zeitweise ein Polizeihubschrauber, was wir nicht ganz so lustig fanden.

Am Alexanderplatz wurde eine Zwischenkundgebung gehalten, die wir, da wir recht weit hinten im Zug waren, nur akustisch und nicht von Anfang an mitbekamen. Bis auf einen Satz war der Vortrag des Menschen von der Hedonistischen Internationalen gut und prägnant. Er sprach klar aus, daß Sicherheit auch heißen müsse, genug Geld in der Tasche zu haben, um vernünftig leben zu können. Endlich höre ich das auch mal auf einer offiziellen Kundgebung, sogar unter Applaus — wenn ich das nur so erzähle, will das ja kaum einer hören ...

Während dieser Vorträge flitzte Petra mal eben zu einem Schlecker und besorgte uns was zu Trinken, was wir vorher verpeilt hatten. Allerdings war das auch dringend nötig. Gefühlt hatten wir mittlerweile ca. 28 °C, und ich fühlte mich sehr ausgetrocknet.

Nach den Beiträgen hieß es, die Route würde etwas verkürzt, weil wir schon einiges an Zeit verloren hatten. Nix dagegen, meine Knöchel und Knie fühlten sich nach dem Marsch und dem langen Stehen nicht mehr so wirklich frisch an. Alex schlug vor, sich ein wenig nach weiter vorn durchzuarbeiten, um bei der Abschlußkundgebung wieder möglichst nah an der Bühne sein zu können. Diese Idee hat uns vermutlich einiges an Problemen erspart!

Denn kurz nachdem wir wieder am Bebelplatz vorbei waren, stockte der Zug plötzlich. Wir befanden uns zu der Zeit neben dem Wagen von [solid'] (Aufschrift: „Sozialistische Feuerwehr”), aus dem gerade ein recht interessanter Redebeitrag kam. Dann wurde der Sprecher jedoch von einer Frau abgelöst, die zuerst davon sprach, daß weiter hinten Demo-Teilnehmer von Polizisten angegriffen wurden, daß man sich und andere schützen und Verhaftungen an den Ermittlungsausschuß melden solle, dessen Nummer mehrfach durchgesagt wurde. Dann ging der Redebeitrag erstmal weiter, aber wir mußten stehen bleben.

Dann sprach die Frau wieder. Diesesmal sagte sie nicht mehr „Polizisten” sondern „Bullen”, was wir nicht sehr deeskalierend fanden. Sie berichtete, daß wahllos Demonstranten herausgegriffen wurden, und daß „die Bullen” auf Demonstranten einprügeln würden. Dann kam aus den Lautsprechern dieses Wagens ohrenbetäubend laute Musik, und sowohl die Ansagen, diese laute Musik und der knatternde, mittlerweile recht tief fliegende Polizeihubschrauber schafften es dann doch, langsam Panik in mir aufsteigen zu lassen. Wir versuchten, den Ordnern, die zu diesem Wagen gehörten, klarzumachen, daß die Musik trommelfellzerstörend ist, aber wurden mehr oder weniger ausgelacht.

Wir stellten fest, daß rechts neben uns eine Baustelle war und so eine Fußgänger-Durchführung stand, weil der Fußweg selbst nicht benutzbar war. Dieser Durchgang war frei, also benutzten wir ihn, um ein Stück weit nach vorn und von diesem überlauten Wagen wegzukommen. Dahinter stand eine Ladung Polizisten am Straßenrand, und Alex fragte, was eigentlich los sei. Antwort: „Es ist nichts passiert.” Ich lief noch ein paar Schritte weiter; insgesamt waren wir dann wohl so 20, 30 Meter von dem Dröhn-Wagen weg, dann war's vorbei, ich mußte mich hinsetzen, weil weder meine Beine noch meine Nerven noch weiter konnten. Ich weiß nicht mal, was das für ein Laden war, bei dem ich mich auf die Treppen gesetzt hatte, aber die Angestellten dort waren sehr nett, boten Hilfe an und brachten ein Glas Wasser. Danke nochmal unbekannterweise!

Dank dieser und Petras Hilfe ging es mir dann bald wieder so gut, daß wir weitergehen konnten. Auf einer relativ freien Straße liefen wir also zurück zum Brandenburger Tor. Unterwegs wurde Alex von ein paar Autonomen angesprochen, die verlangten, daß wir doch wieder zurückgehen sollten. Aber wir hatten alle keine Lust, was aufs Maul zu kriegen, weder von Polizei noch von Demonstranten. Wir waren froh, nicht eingekesselt worden zu sein.

Kurz vorm Pariser Platz war wieder alles dicht. Aus einem Wagen dröhnte Techno, viele saßen auf dem Boden oder standen einfach herum und redeten. Es war unklar, ob am Eingang zum Pariser Platz kontrolliert wurde oder ob da überhaupt jemand hinein durfte. Also warteten wir wieder ab, bis ich einen Menschen mit Ordnerbinde sah und mal fragte, ob es da noch weitergeht. Der erklärte mir, die Abschlußkundgebung laufe schon, und man könne seitlich auf den Platz. Darüber gab es draußen keinerlei Information, und zu sehen war das auch nicht! 🙁 Als wir dann auf den Pariser Platz kamen, kamen uns Leute entgegen: Die Abschlußkundgebung war gerade zu Ende gegangen.

Enttäuschend war am nächsten Tag die Medien-Reaktion. In der Tagesschau war wohl gar nichts, in den Tagesthemen wurde die Demo nur ganz nebenbei erwähnt. Der Stern schrieb genauso wie andere konservative Zeitungen von nur 2.000 Teilnehmern, von denen 400 Ausschreitungen provoziert hätten, weswegen die Veranstalter die Demo abgebrochen hätten. So kann man eine Demonstration natürlich auch diskriminieren. Im Gedächtnis des Durchschnittsbürgers bleibt hängen: Da haben ein paar Autonome wegen eines unwichtigen Themas Krawall gemacht, die haben bestimmt was zu verbergen ...

Wer nun wirklich wen verhauen hat, ist noch nicht so ganz raus (hier ist eine Linkliste). Die Blogs sprechen überwiegend von angreifenden Polizisten und einem Schwarzen Block, der selbst aus den Augen von der linken Szene nicht ganz so nah stehenden Personen ungewöhnlich friedlich war. Ein Polizist soll sich das Pfefferspray selbst verpaßt haben, auch nicht schlecht. Für mich hinterläßt die Gewalt, egal von wem sie nun ausging, einen schalen Nachgeschmack. Auch wenn ich mich davon nicht abhalten lassen werde, auch die nächste Demo zu diesem Thema zu besuchen, bleibt bei mir mehr Angst als Freiheit.

So, und jetzt muß ich gucken, wie ich mit den letzten 10 € durch die Woche komme ...

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