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Offener Brief an Peter Hahne

22. Februar 2009 um 17:54 Uhr von Atari-Frosch

Sehr geehrter Herr Hahne,

Sie fragten in der BamS, warum man „das” nicht sagen dürfe, was Herr Mißfelder da letzte Woche abgelassen hat.

Diese Frage kann nur jemand stellen, der nicht schon monate-, wenn nicht gar jahrelang von Sozialhilfe abhängig ist. Insbesondere, wenn man keine Ahnung davon hat, wie sich das auf Dauer auswirkt, wenn dann auch keine Perspektive vorhanden ist.

Die Herren Mißfelder und Sarrazin bezeichnen Sie also als „Klartext-Politiker”. Keiner dieser „Klartext-Politiker” hat es in den letzten Jahren geschafft, mal wirklich Klartext zu reden und zu sagen: Der Sozialhilfesatz wird seinem eigenen Anspruch nicht gerecht (§ 1 SGB I, Zweck der Sozialhilfe: Freie Entfaltung der Persönlichkeit und Teilhabe an der Gesellschaft). Und nicht: „Hey, Ihr dürft froh sein, daß wir Euch Überflüssige überhaupt noch existieren lassen, also vergammelt mal schön in Euren Mini-Wohnungen und sterbt dann bald sozialverträglich weg”.

Gerade Ihre Zeitung ist es doch, die ein solches Bild der Arbeitslosen (und weiterer Sozialhilfeempfänger, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen können) in der Öffentlichkeit verbreitet. Und Ihre Zeitung hat es hervorragend geschafft, dieses Bild der Bedürftigen sowohl bei Gesetzgebern als auch in den Sozialämtern breitzumachen. Was im Grundgesetz steht, ist dabei nicht mehr so wichtig.

Sind Sozialhilfeempfänger für Sie nur noch überflüssige, unerwünschte Kostenfaktoren, die am besten sterben gehen sollen?

Einem Menschen, der von 351 Euro im Monat existieren muß (unter „leben” stell ich mir doch ein bißchen mehr vor), zu erklären, er müsse sparen, ist Zynismus pur. Jeden, der behauptet, daß es möglich sei, damit auf Dauer ein menschenwürdiges und sinnvolles Leben zu führen, bezeichne ich — gern auch öffentlich und vor Zeugen — als Lügner. Möge man mich anzeigen! Die Behauptung kann nämlich keiner beweisen. Zumindest hat es bisher keiner getan. Was es diesbezüglich bisher gab, waren „Studien”, die nur besagten, daß man damit und sogar mit noch weniger „noch irgendwie klarkommen” kann. Klar, kann man, wenn man bereit ist, seine Menschenwürde in die Tonne zu treten.

Also gut. Reden wir doch mal Klartext, Herr Hahne! Wie gut und wie lange kämen Sie denn mit 351 Euro im Monat (plus Miete und Heizung) über die Runden? Denken Sie dabei nicht nur an den Einkauf im Supermarkt. Strom, Telefon/Internet und Fahrscheine (denn Auto ist für Langzeitarbeitslose nicht mehr drin) müssen auch bezahlt werden, und der überwiegende Teil der Bewerbungskosten. Und dann kommen im Leben so lustige Dinge vor wie Waschmaschine geht kaputt, Festplatten-Crash, neue Brille ist nötig (auch die wird nicht extra bezahlt, keine Sorge), und wenn's richtig dicke kommt, das alles und noch mehr auf einmal. Ja, wie klappt das dann mit den 351 Euro? Uns fragt das keiner. Und die „Klartext-Politiker” kommen auf solche Ideen nicht einmal, sie haben ja ein gutes Einkommen und müssen sich solche Sorgen gar nicht erst machen.

Die Kinder von Sozialhilfeempfängern hat der Herr Mißfelder im übrigen erst nachgeschoben, nachdem er kräftig auf die Mütze gekriegt hat. Das Argument „Kinder” zieht ja immer gut, nicht wahr? Über die Höhe des Sozialhilfesatzes für Kinder hat sich Herr Mißfelder bestimmt vorher noch nie Gedanken gemacht (und ich wette, Sie auch nicht). Nur zum Diskriminieren von deren Eltern sind die Kinder plötzlich ein tolles Argument. Tatsächlich sind Ihnen diese Kinder herzlich egal.

Ach ja, rauchen Sie eigentlich? Und wie sieht es mit Ihrem Alkoholkonsum aus?

Fragt sich
Sabine Engelhardt
(40 Jahre alt, alleinstehende Nichtraucherin und Antialkoholikerin, arbeitslos von 2000 bis 2003, seitdem chronisch erwerbsunfähig krank, verrentet seit 2006, Erwerbsminderungsrente 100 % plus Grundsicherung = Zwangsverarmung nach SGB XII)

Update: Der Mailserver von bams.de schickte mir erst eine Eingangsbestätigung auf die Mail, und direkt hinterher einen Bounce. Tja, man sollte sein Mailsystem schon ordentlich konfigurieren, selbst wenn man BILD heißt.

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