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Defacing als Protestmittel

16. Mai 2009 um 14:12 Uhr von Atari-Frosch

Letzte Nacht wurde die Startseite des Webauftritts der umstrittenen Deutschen Kinderhilfe verändert (leicht qualitätsreduzierter Screenshot), offenbar über eine Sicherheitslücke in der dort eingesetzten Software Typo3. Derzeit ist die Site komplett vom Netz — offenbar kann man da nicht einfach ein Backup der letzten Version einspielen, oder man hatte keins.

Daß sich Typo3 für solche „Verzierungen” besonders gut eignet, zeigte sich ja früher im Jahr schon auf der Website von Wolfgang Schäuble.
Update: Die Information, daß es sich bei der Kinderhilfe-Site um ein Typo3 handelt, hatte ich aus Twitter und war davon ausgegangen, daß derjenige, der das behauptet, das zu Recht behauptet. Anscheinend ist dem nicht so. Ich bitte das Typo3-Team um Entschuldigung.

Eine andere Frage ist, ob solche Eingriffe in die Websites anderer eine zu akzeptierende Form des politischen Protestes sind bzw. wie sie überhaupt einzuordnen sind.

Nach geltendem Recht handelt es sich wohl um eine strafbare Datenveränderung nach § 303a StGB. Dabei kommt es nicht einmal darauf an, wie die Datenveränderung wirkt, sondern nur, daß sie rechtswidrig war. Also: Wer Daten verändert, obwohl er eigentlich nicht dazu befugt ist, kann in den Knast wandern. Ein derartiges Defacing wäre also im konkreten Fall für die Befürworter der Zensur ein hervorragendes Argument, die Internet-Aktiven pauschal als Kriminelle abzuurteilen (und ich warte nur auf die entsprechenden Meldungen).

Für mich wäre die Anwendung von § 303a StGB in so einem Fall (wie auch im Fall des Defacings von Schäubles Seite) allerdings wie mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Die Wirkung ist eher wie die, daß ein Plakat (teilweise) mit einem anderen überklebt wird, wobei hier rein technisch gesehen die Entfernung der Änderung sogar aufwendiger wäre. Allerdings ist bei einem einzelnen überklebten Plakat der Verbreitungsgrad der Veränderung wesentlich geringer (sofern man das veränderte Plakat nicht fotografiert und dann im Internet publiziert). Trotzdem habe ich im StGB keinen Paragrafen gefunden, der das Überkleben von Plakaten explizit verbietet, aber ein Jurist würde da sicher was Passendes finden. Im OWiG habe ich nicht nachgesehen, vielleicht gibt es ja dort was dazu.

Die Hackerethik sagt: „Mülle nicht in den Daten anderer Leute.” Somit verbietet sich diese Art des Protests eigentlich auch für diejenigen, die sich zu den White-Hat-Hackern rechnen lassen wollen.

Man mag eine solche Art des Protests allein schon wegen des Schadens verurteilen, aber ich sehe da auch eine andere Seite:

Eine Regierung sowie Amtsträger und Organisationen, welche die Aufmerksamkeit auch und gerade der großen Medien genießen und die ganz oder teilweise aus Steuergeldern finanziert werden, zeigen gerade extrem deutlich, wie egal ihnen die Meinung der Menschen ist, die sie vertreten oder vor denen sie auftreten, und wie egal ihnen die Wahrheit ist. Das Ziel ist Zensur, und die Mittel der Wahl sind Dummheit (im Sinne von gewollter Unwissenheit), Korruption, Volksverhetzung und Lügen. Solche Leute sollten sich ja hüten, mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die ein im Vergleich dazu harmloses Defacing als Mittel des Protests gegen diese Volksverblödung einsetzen. Wer ein Defacing durchführt, muß ja schon ganz gewaltig den Eindruck gewonnen haben, sonst überhaupt nicht mehr wahrgenommen zu werden.

Wer also als lügender betroffener Politiker, als lügende Organisation oder sonstwie sämtlicher Vernunft entgegen handelnde oder redende Gruppe jetzt aufjault, muß sich erstmal an die eigene Nase fassen.

Disclaimer: Nein, ich war's nicht. Dann wären nämlich manche Wortkombinationen nicht getrennt geschrieben. 😉

5 Kommentare zu “Defacing als Protestmittel”

  1. Stefan quakte:

    Wohl wahr, genauso wie ein School-Shooter auch zum äußersten Mittel greift, um auf sich aufmerksam zu machen (ernst gemeint, könnte man auch ironisch verstehen).


  2. Marcus quakte:

    Wie kommst Du auf TYPO3; Nachgeplapper aus dem Twitter-Universum?

    Anhand der vorhanden Seiten und verlinkten Dateien (http://www.google.de/search?q=site:kinderhilfe.de) schließe ich TYPO3 definitiv aus.

    Gruß vom TYPO3 Security Team.


  3. frosch quakte:

    Nachplappern möchte ich das nun nicht genannt haben. Richtig ist, daß ich die Information nicht überprüft hatte. Dann hoffe ich mal, daß Eure Information richtiger ist. 😉


  4. Reality Czech quakte:

    Hackerethik… LOL! Was kommt als nächstes? Die Robotergesetze von Asimov? Grundgesetz? Genfer Konvention? Menschenrechte? Internationaler Gerichtshof?


  5. Internetsperren 16.05.2009: Artikel und Kommentare am Samstag « Wir sind das Volk quakte:

    […] Atari-Frosch: Defacing als Protestmittel […]


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