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Bundestag zahlt Steuergelder für HTMülL

12. August 2009 um 18:45 Uhr von Atari-Frosch

Der Bundestag hat seiner Website ein neues Gesicht verpassen lassen. Nun ja. Wenn das eine Schönheitsoperation gewesen wäre, könnte man den Chirurgen jetzt bestimmt verklagen. Immerhin sind vereinzelte Nachbesserungen möglich.

Der erste Eindruck: Die Seite ist träge. Beim Abwärtsscrollen hinkt auf meinem Hauptrechner (AMD Athlon XP1800+ auf 1533 MHz, 512 MB RAM, FF3.0) der Content hinterher. Und dabei habe ich JavaScript noch gar nicht eingeschaltet. Das muß man denn gleich für zwei Domains tun, nämlich nicht nur bundestag.de, sondern auch für tv1.de. Für die Zappelbilder.

Auf der Startseite gibt's dann auch gleich Zappelbilder, nämlich das Video mit der Pressekonferenz zur Vorstellung der neugestalteten Seite in der zeitsparenden Version von 49 Minuten. Ich hab's mir ehrlich gesagt nicht vollständig angesehen. Daß die Website so ausführlich erklärt wird, obwohl eine gute Website selbsterklärend sein sollte, spricht für sich.

Sich nicht an Normen anzupassen findet man toll: Man wisse zwar, so Frau Dr. Jachmann, die im Video die Seite ausführlich erklärt, daß eine Navigation auf der linken Seite üblich ist, habe sich aber für eine horizontale Navigation entschieden. Das könnte man ja sogar noch hinnehmen. Schlimmer ist, daß noch ganz andere Normen verletzt werden: Schon die Startseite ist nicht barrierefrei. Und das, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist, daß alle Webauftritte des Bundes, der Länder und der Kommunen (Korrektur: Die Bundesländer haben eigene, unterschiedliche Regelungen, thx Alex) barrierefrei sein müssen!

Darstellungsfehler: Box schiebt sich über das Videofeld

Direkt an diesem Video gibt es dann auch gleich die ersten Darstellungsfehler. Bei einem Kollegen läßt sich nach einiger Zeit die Lautstärke am Video nicht mehr ändern. Bei mir dagegen hängt der Kasten daneben ein Stück weit ins Video und seine Schaltflächen rein, so daß die Schaltfläche rechts unter dem Video nicht mehr bedienbar ist. Offenbar wird hier selbstverständlich mit einer Seitenbreite von wenigstens 1280px gerechnet (so breit ist meine Gesamtauflösung, aber ich habe das Browserfenster nicht auf volle Breite). Korrekt wäre es, wenn der Kasten rechts neben dem Video schmaler würde, wenn das Browserfenster nicht genug Breite hergibt. Und ja, natürlich ist das machbar.

Reparieren könnte man theoretisch noch den automatisierten Zugriff auf ältere Inhalte. Laut PK-Video ist das offenbar nicht geplant gewesen (Frage nach Abruf älterer Inhalte via XML oder RSS). Frau Jachmann erklärt nur, man käme an alles leicht heran. Offenbar aber wohl nicht per RSS. Und „leicht” ist auch nur relativ zu verstehen, wenn man die fehlende Barrierefreiheit bedenkt.

lynx meldet mir bei einem ersten Versuch: Bad HTML. Laut Validator des W3C ist die Seite aber sauber (XHTML 1.0 transitional — warum eigentlich kein strict?). Ich probiere es mit lynx -trace. Dann heißt die Meldung: „Bad partial reference. Stripping lead dots.” (wird leider nur ganz kurz eingeblendet). Das darf ich mal mindestens seltsam finden.

Tonnie Lubbers hat das mal genauer verfolgt. Sein Ergebnis: Die Seiten sind nicht WAI1-konform, für Blinde nicht benutzbar, es fehlen Alt-Attribute bei Bildern, und Videos fangen teilweise von allein an, loszulaufen (allerdings nicht das auf der Startseite). Ihm fiel auch der doppelte Content über die Links auf die Prä-Version unter relaunch.bundestag.de auf. Das ist eine hervorragende Methode, sich SEO-mäßig in den Fuß zu schießen (und wird von Google im allgemeinen als duplicate content abgestraft).

Kleiner Lacher beim Source: Nach der Document-Type-Declaration kommt erstmal eine große Ladung Leerzeilen. Soll das wohl ein primitiver Versuch sein, den Code zu „verstecken”? Ich hab sowas durchaus schon gesehen, und dann tatsächlich diese Begründung bekommen. Für wie dumm hält man die Leute, die immerhin so weit gehen, mal in den Source gucken zu wollen? — Die meta-Tags „revisit” und „audience” sind dann nur noch peinlich, da kann ich schon gar nicht mehr drüber lachen. Und warum man in den Listen und im unteren Drittel nochmal massenweise Leerzeilen einbauen muß, muß ich wohl auch nicht verstehen.

Bemerkenswert ist auch der Hinweis von Frau Jachmann, daß man viele neue Applikationen online habe, aber es könne ja nicht alles von der ersten Sekunde an funktionieren. Das ist bei Webauftritten sowas von blamabel! Baustellen nimmt man nie, nie, nie online! Das hat getestet zu werden! Oder werden hier die Bürger und sonstigen Interessenten als Beta-Tester mißbraucht? Hat es bei all den Kosten nicht einmal dafür gereicht?

Mit den Kosten von 300.000 € hat Heise übrigens vermutlich untertrieben. In der Pressekonferenz wurden sie nämlich auf einen einstelligen Millionenbetrag beziffert. Das genutzte CMS ist eine proprietäre Software, deren Lizenzen in einer Größenordnung von einer halben Million Euro pro Stück verkauft werden. OK, die hatte man vielleicht vorher schon im Einsatz, aber es mußte natürlich alles neu durch Fachleute, die möglicherweise teils direkt von der Herstellerfirma kommen, angepaßt werden. Auch die Folgekosten sollen wohl höher sein als bisher.

Norbert Lammert sprach dann auf dieser Pressekonferenz noch zum Thema E-Petitions-System. Offensichtlich stört ihn dieses demokratische Werkzeug der direkten Einflußnahme. Er meint nämlich, Online-Petitionen stellten eine zusätzliche Belastung des Petitionsausschusses dar. Schließlich ließe sich hier durch einen „schlichten Klick” die Zahl der Interessenten vergrößern. Hey, der Herr Lammert hat was aus dem Internet begriffen! Da kann man gut Aufmerksamkeit erzeugen! Nur die richtigen Schlußfolgerungen zieht er nicht daraus, im Gegenteil, er stört sich daran, daß diese Interessierten dem armen Petitionsausschuß so wahnsinnig viel Arbeit bereiten. Hallo, Leute, das ist dessen Job! Aber danke für die Erklärung, nun ist auch völlig klar, warum die Leistung des Petitionsservers nicht verbessert wird und er bei echtem Interesse für eine Petition mehrfach am Tag so richtig in die Knie geht. Und es ist klar, was Herr Lammert von der Demokratie hält.

Hier wurde der Bundestag als Kunde in meinen Augen nicht dahingehend beraten, was für seinen Webauftritt am besten wäre, sondern dahingehend, wie der Auftragnehmer möglichst viel an (Steuer-)Geld kassieren kann.

3 Kommentare zu “Bundestag zahlt Steuergelder für HTMülL”

  1. vera quakte:

    JAU. hast mir aus der seele gesprochen; das ist ja wirklich peinlich. kann man was tun, damit’s die richtigen auch mitbekommen? ausser twittern, twittern, twittern?


  2. Dunkelangst quakte:

    Na, was wundert es Dich. Ich zeige Dir, welche Menschen darüber entschieden haben, wie die Webseite aufgebaut werden sollte… Das dumme ist: Das ist nicht lustig. 🙁


  3. frosch quakte:

    @Vera: Twittern, bloggen, dem Bundestagsabgeordneten des eigenen Wahlkreises unter die Nase reiben (der hat Sprechstunden), oder direkt den Herrn Lammert anschreiben. Allerdings bitte nicht übersehen, daß dieser Blog-Eintrag schon ein paar Monate alt ist. Ich hatte den Link als Antwort auf eine Bemerkung von @Hartz4imNetz getwittert, als es um die Qualität des Petitionssystems ging, weil ich das nicht in einen Tweet quetschen konnte. Und Serien-Tweets sind nicht so mein Ding.

    @dunkelangst: Die Frage nach dem Browser war mir ja geläufig, das ging ja durchs Netz. Die restlichen Antworten kannte ich größtenteils noch nicht. Allerdings bezweifle ich, daß Bundestagsabgeordnete selbst über die Ausgestaltung von bundestag.de entschieden haben. Das wurde einer Firma übergeben, die dann eine, ähm, Beratung durchführte, die … eben nicht, wie das sein sollte, dem Kunden, sondern dem eigenen Geldbeutel diente. Und wer auch immer über den Auftrag zu entscheiden hatte: Ahnung hat derjenige sicher auch keine, der hat dann eben abgenickt, was die Firma mit bestimmt ganz doll schicken Powerpoint-Folien vorgeführt hat.


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