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Reichstagsführung mit Jörg Tauss

12. September 2009 um 1:00 Uhr von Atari-Frosch

Ich hatte mittags auf Twitter noch bei @tauss nachgefragt, wann und wo die Führung denn losgehen sollte. Als Antwort bekam ich eine DM: „Angemeldet?” Ja, eigentlich schon. Ich hatte eine Mail mit der geforderten Personalausweisnummer an seine @bundestag.de-Adresse geschickt, aber nie eine Antwort bekommen. Nach mehreren Tweets hin und her rief ich in Tauss' Büro an. Dabei stellte sich heraus, daß meine Mail nie angekommen war. Seine Angestellte und ich kamen auf den Verdacht, daß die PGP-Signatur den Bundestags-Mailserver gestört haben könnte, allerdings hatte ich auch keinen Bounce bekommen. Wenn der Bundestags-Server PGP-signierte Mails als Spam aussortiert, bekommt der Postmaster dort allerdings noch was von mir zu hören. Aber erst muß ich das nochmal ausführlicher testen. Ergebnis des Telefonats war jedenfalls, daß ich trotzdem mal dazukommen sollte, sie mir aber nicht garantieren kann, daß ich in den Bundestag reingelassen werde.

Sonnenuntergang beim Reichstag

Ich war schon am späten Nachmittag vor Ort und machte noch eine Reihe von Sonnenuntergangs-Aufnahmen auf dem Reichstagsgelände. Am Eingang des Paul-Löbe-Hauses fragte ich dann schonmal die Wachmänner, wie das aussieht, wenn die Anmeldung nicht angekommen ist, aber die meinten nur: „Warten wir mal ab, bis der Herr Tauss kommt. Wenn er denn kommt.” Ich fragte nach, ob die Aussage einen bestimmten Grund hätte, aber der Wachmann wich aus: „Es kann ja mal was dazwischenkommen.” Muß/darf/sollte ich das seltsam finden?

Ich fand schließlich die Gruppe mitsamt Jörg Tauss hinter dem Paul-Löbe-Haus und meldete mich mit „ich bin die, deren E-Mail verloren gegangen ist”. Tauss baute sich vor mir auf, zog ein finsteres Gesicht und polterte los: „Verloren gegangen? Das kann ja jeder behaupten! Bestimmt eine Terroristin!” — und dann kam ein breites Grinsen 😉

Am Ende wurde ich dann aber genauso wie alle anderen Teilnehmer der Führung „nur” durch den Metalldetektor geschleust und mußte noch nichtmal jetzt meinen Ausweis vorlegen. Tauss hatte vorher angemerkt, daß man auch wirklich alle Messer etc. abgeben sollte; in jeder Schülergruppe sei mindestens einer dabei, der ein Protz-Messer dabei hätte, und das gäbe öfter mal Streß.

[Update:] Immerhin gab es keine Probleme wegen der Kleidung. Im Juli hatte es da ja mal Ärger gegeben, weil jemand aus einer Schülergruppe ein T-Shirt mit der Aufschrift „Make Love Not War” getragen hatte. Der Schüler mußte das Shirt dann linksrum anziehen, damit er reindurfte. In unserer Gruppe waren nicht wenige Piraten-T-Shirts zu sehen, ich selbst hatte das Artikel-20-Shirt des Chaosdorfs an, und ich hatte mir da schon Sorgen gemacht. Es könnte aber auch daran gelegen haben, daß zur Zeit unserer Führung keinerlei Sitzungen stattfanden. (Danke an @coraxaroc für den Link, ich hatte den nicht mehr gefunden.) [/Update]

Die Führung war sehr interessant und wesentlich ausführlicher, als ich sie Anfang der 90er mal mit einem Mannheimer Bundestagsabgeordneten der SPD erlebt hatte.

Jörg Tauss im Bildungsausschuß

Wir nahmen zunächst im Paul-Löbe-Haus im Saal des Bildungsausschusses Platz. Das dort installierte Videokonferenzsystem scheint nicht sonderlich gut geplant worden zu sein: Es ist unter der Decke installiert und kann nicht weit genug heruntergefahren werden; wenn es in Benutzung ist, müssen die Ausschußmitglieder sich ein Stück weit den Hals verrenken, um das Bild sehen zu können.

Im hell erleuchteten Tunnel vom Paul-Löbe-Haus zum Reichstag

Dann gingen wir durch die unterirdische Verbindung zum Reichstagsgebäude und stießen auf ein, hm, Kunstwerk, das aus lauter verrosteten quadratischen Blechdosen, Urnen genannt, bestand. Auf jedem war ein Zettel mit Name und Jahreszahlen für Legislaturperioden aufgeklebt. Für jeden Abgeordneten, der jemals im Bundestag saß, war so eine Urne angelegt worden, geordnet nach Legislaturperioden (wer mehrfach drin war, hat aber nur eine) und darunter dann noch alphabetisch. Besucher sollen schon gefragt haben, ob sich in diesen Urnen-Kisten tatsächlich die Asche von verstorbenen Abgeordneten befindet 😉

Fraktionssaal der SPD im Reichstagsgebäude

Nach einigen weiteren Stationen kaperten wir den Fraktionssaal der SPD. Ganz ehrlich, da möchte ich nicht den ganzen Tag sitzen und an Beratungen teilnehmen müssen: Keine Fenster und damit kein natürliches Licht, und auch sonst fand ich den Raum nicht sonderlich angenehm. Tauss erzählte ein paar Anekdoten, unter anderem vom letzten Tag, an dem er in diesem Raum als Mitglied der SPD aufgetreten war und sich mit Peter Struck gefetzt hatte. Und wir erfuhren, daß die installierte Kamera zwar theoretisch dafür genutzt werden könnte, die Sitzungen öffentlich zu machen, sie aber eher selten wirklich zum Einsatz kommt. Auch in den Ausschuß-Sälen sind Kameras, die selten genutzt werden. Begründung: Wenn die Abgeordneten wissen, daß sie vor einer größeren Öffentlichkeit reden, versuchen sie stärker, sich zu profilieren, und reden unnötig lange. Nunja, darüber kann man jetzt denken, was man will.

Auch den Stand des Ermittlungs- bzw. jetzt Anklage-Verfahrens wegen Besitzes und Verbreitung von kinderpornografischem Material gegen ihn sprach er an. Allerdings hatte ich den Eindruck, daß das in der Gruppe nicht so wirklich von Interesse war; ich vermute, das war eher für den teilnehmenden Journalisten der Süddeutschen Zeitung.

Reichstagskuppel von innen

Zum Schluß der Führung ging es noch hinauf zur Kuppel. Schade, daß man dort keine Möglichkeit hat, die Kamera aufzulegen (Stativ-Ersatz): Der Ausblick bei Nacht wäre mir einige Bilder wert gewesen, aber ich hätte mehrere Sekunden lang belichten müssen. „Aus der Hand” geht das aber nicht.

Ach ja, Hinweis an Interessierte: Vor dem Betreten der Kuppel (interessanterweise nicht am Eingang) werden alle Taschen von Sicherheitsleuten durchsucht. Da hat man besser nichts dabei, was denen unangenehm auffallen könnte. Einem Piraten wurde auf diese Weise die Piratenfahne abgenommen, weil ja die „Gefahr” bestand, daß er sie auf der Kuppel aufhängen könnte. Unschön, das.

(Alle Bilder: CC-BY-NC-SA)

Ein Kommentar zu “Reichstagsführung mit Jörg Tauss”

  1. Stefan quakte:

    An den unterirdischen Durchgang erinnere mich von meiner Studienfahrt auch noch. Habe sogar ziemlich genau das gleiche Foto wie du, nur mit anderen Leuten 😀

    Die Kuppel war zu meiner Zeit leider gesperrt – war aber früher schonmal drauf – und in einen Ausschussraum konnte ich auch nicht. Irgendwie wäre ich auch lieber mit Piraten und Tauss in die Gebäude gegangen als mit meiner Klasse 😛


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