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ARGE, Teil 2

14. Oktober 2009 um 14:25 Uhr von Atari-Frosch

Wie verlangt war ich morgens um acht bei der ARGE. Leicht müde, mit gerade noch genug Schlaf, und wissend, daß ich nicht alle Unterlagen habe, die angefordert wurden. Dann mußte ich wieder eine Wartemarke ziehen, diesmal in einem anderen Bereich. Die Frage, wie lang es ungefähr dauern würde, wurde mit „unterschiedlich” beantwortet. Das heißt: Zwischendurch weggehen ist nicht, weil nicht klar ist, wie schnell es gehen wird.

Um neun war klar, daß ich 14 weitere Wartende vor mir habe. Um halb zehn stand fest, daß sie derzeit nur einen Arbeitslosen pro halbe Stunde drannahmen.

Später ging es dann etwas schneller, aber trotzdem saß ich bis halb eins, bis meine Nummer aufgerufen wurde. Davor hatten wohl schon einige aufgegeben, denn auf mehrere Nummernaufrufe direkt vor meiner meldete sich niemand. Man muß da also morgens um acht antreten, um dann vielleicht gegen Mittag mal drangenommen zu werden — systematische Repressionsmaßnahme, die alle mitmachen und für die sich keiner verantwortlich fühlt: „Das ist halt so.”

Als ich drankam, war ich also durstig, hungrig (viel frühstücken konnte ich vorher nicht, ich hatte kaum etwas herunterbekommen), mit den Nerven fertig und hatte massive psychosomatische Schmerzen im Brustraum. Die Sachbearbeiterin tippte langsam und umständlich einiges in ihren Computer (war das nicht vorgestern schon alles eingegeben worden?), erklärte mir bestimmt ein Dutzendmal, was noch fehlt, und bestimmte dann einen Gesprächstermin mit einem weiteren Sachbearbeiter. Am 20. —

nein, nicht etwa Oktober, was glaubt Ihr denn! 20. November natürlich! Morgens um halb neun. Ich erklärte der Frau, daß ich mit Depressionen größte Probleme habe, so früh aufzustehen, aber sie meinte nur, das sei ja hier kein Wunschkonzert, und außerdem seien Termine gut bei Depressionen. Sie glaubt also, zu wissen, was mir bei Depressionen hilft. Danke, Frau Doktor.

Fünf Wochen darf ich dann also mindestens noch in der Luft hängen. Und mit dem Gesprächstermin weiß ich dann immer noch nicht, ob ich Geld bekomme, denn erst danach wird über den Antrag entschieden. Das ist eine total fiese Masche: Die Behörde muß nämlich eigentlich binnen drei Wochen über einen Antrag entscheiden. Dadurch, daß sie die Bearbeitung des Antrags hinter den relativ weit in der Zukunft liegenden Gesprächstermin schieben, holen sie sich Wochen und Monate an Zeit heraus, bis sie dann vielleicht mal etwas ausbezahlen.

Der Betroffene darf dazwischen höchstens gelegentlich um einen kleinen Vorschuß betteln. Die Prozedur: Tagesaktuellen Kontoauszug holen, Wartemarke ziehen, stundenlang warten, vielleicht etwas bekommen. Ich hörte davon, daß dabei grundsätzlich weniger ausbezahlt wird, als notwendig ist, und der Betroffene dazu gezwungen wird, sehr bald wieder mit Kontoauszug und viel Zeit anzutreten.

Das ist Schikane mit System, organisierte Repression. Aber eine bereits verfassungswidrige Behörde hat natürlich keine Probleme mehr damit, gegen § 1 Abs. 2 SGB I zu verstoßen. „Das ist eben so.”

So nebenbei bekam ich noch andere Dinge mit. Die Zwischentür zur Sachbearbeiterin nebenan stand offen (Datenschutz?), und ich erfuhr nicht nur den Nachnamen des Paares, das nebendran saß, sondern auch, daß die beiden keinen Vorschuß für Windeln und Babynahrung bekamen, weil der Mann aus irgendwelchen Gründen seit zwei Wochen keine Kontoauszüge beischaffen kann. Als die beiden, insbesondere der Mann, sich nachdrücklich beschwerten, erklärte die Sachbearbeiterin das Gespräch kurzerhand für beendet. So kann man es natürlich auch machen.

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