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Gesellschaft und Depressionen

24. November 2009 um 16:45 Uhr von Atari-Frosch

Via Twitter (@ekelias, @PrinzessinAggro) wurde ich auf einen Blogeintrag aufmerksam, der ein paar meiner eigenen Erkenntnisse schön auf den Punkt bringt. LeBambi fragt: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?”. Gleich als erstes wird dabei dieses Bild gezeigt: Sie wurden vom System abgemeldet! — ein Bild, das wie Arsch auf Eimer paßt.

Im Beitrag erklärt ElBambi, sie er (sorry ...) möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der

Erfolg wichtiger ist als Menschlichkeit, in der geschäftliche Rafinesse mit Intelligenz gleichgesetzt wird und in der nicht Erfahrung sondern Linientreue zählen.

Word! Menschlichkeit jeder Art wird hier bestraft. Echte Intelligenz übrigens auch, vor allem, wenn sie gegen falsche Strukturen eingesetzt wird. Wer weiterdenken kann als bis zu seiner Nasenspitze und dann seine Meinung laut sagt, kriegt auf's Maul. Und Linientreue gibt's auch außerhalb der Parteistrukturen: Wer nicht auf seine Grundrechte verzichtet, kriegt halt keine Sozialhilfe, Pech gehabt.

ElBambi geht insbesondere auf Depressionen ein. Sie Er kennt sechs Leute, die darunter leiden oder gelitten haben. Ich könnte noch einige mehr aufzählen, aber ich vermute, als Betroffene findet man leichter andere Betroffene, als wenn man „eigentlich” nichts damit zu tun hat und damit andere Depressive vielleicht gar nicht als solche erkennt.

Ein Freund von mir behauptet ja, wir Depris könnten uns quasi gegenseitig „riechen”: Mach eine Veranstaltung mit 200 Leuten, mische zwei Depressive drunter, die sich nicht kennen, und Du kannst drauf wetten, wer hinterher zusammen an der Bushaltestelle steht. Nach meinen Erfahrungen insbesondere im IRC könnte da was dran sein: Wir erkennen uns an der Wortwahl, an Begriffen, die für uns eine zweite Bedeutung haben, weil wir für unsere emotionalen Zustände keine eigenen Wörter haben. Das aber nur so als kleiner Einschub.

Ja, es trifft auch Reiche. Ja, es trifft auch Leute, die wirklich persönliche Probleme haben und bei denen dann auch eine Therapie wirklich hilft. Aber zu Zeiten von Hartz IV, zu Zeiten, in denen Menschen nur noch entweder Arbeitssklaven für Konzerne oder störende Kostenfaktoren für „Sozial”-Behörden sind, stimmt ElBambis Aussage mit Sicherheit nicht nur für eine Minderheit:

MAN, die Leute haben Existenzängste.

Und da hilft auch keine Therapie. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Der Versuch, hier zu therapieren, kommt mir eher vor wie der Versuch eines Arztes, einen Gefolterten bei Gesundheit zu halten — nicht, damit er wirklich gesundet, sondern damit er unter der Folter länger aushält. An den Ursachen ändert sich durch die Therapie nichts. Mehr noch: Dem einzelnen Betroffenen wird dadurch erst eingeredet, das Problem läge bei ihm selbst und eben nicht in seiner Lebenssituation, die er nicht verursacht hat, sondern deren Opfer er ist. Auch ElBambi stellt fest:

Wenn man Ende 20 länger als für einen Moment, den andere kollektiv für´s vielbeschworene Gemeinschaftsgefühl nutzen, überlegt, ob man das alles den Rest seines Lebens erträgt, dann hat man entweder Depressionen oder einfach die Schnauze voll von einem „System“, an dessen Implementierung man etwa so viel Zutun hatte, wie der eigenen Geburt.

Was mich derzeit freut, ist, daß diese Erkenntnisse über unsere Realität jetzt immer öfter ausgeprochen und aufgeschrieben werden (zum Beispiel im Freitag von Jacob Fricke: Zwischen nicht mehr können und weitermachen bis zum Schluss). Nun müssen sie „nur” noch auf der politischen Ebene ankommen.

3 Kommentare zu “Gesellschaft und Depressionen”

  1. LeBambi quakte:

    Danke für die umfangreieche Besprechung und das Interesse, aber eine Kleinigkeit muss ich dann doch im Zuge der Geschlechterrollenverteilung richtig rücken…
    Ich bin der Kerl auf dem Foto und damit vom schöneren Geschlecht so weit entfernt, wie Guido Westerwelle vom native speaker!

    😉

    Ansonsten, bleiben wir in Kontakt


  2. Micxs quakte:

    In einer kranken Gesellschaft ist der Depressionskranke eigentlich der Gesunde, weil seine Sinne/Körper ihm sagen das er so nicht weiter funktionieren will und/oder kann. Im Gegensatz zu den „Gesunden“ erkennt/fühlt ein Depressionskranker die widerwärtigen Mechanismen einer Gesellschaft. Die „Gesunden“ sind so weit abgestumpft das sie diese Signale nicht hören können oder auch gar nicht hören möchten, also verdrängen.

    Daher halte ich eine medikamentöse Behandlung auch für nicht geeignet einen depressiven Zustand längerfristig zu beheben, weil das eigentliche Problem nicht verarbeitet wird sondern mit Stimmungsaufhellern ein Leben künstlich aufgehellt wird. Wie du schreibst der Mensch soll funktionieren und nicht über Probleme und berechtigte Sorgen nachdenken.

    Schau dir alleine die Zahlen der psychisch Erkrankten an. Bei mir vor Ort sagt eine Ärztin das die Zahlen in den letzten 10 Jahren sich um ca. 300-500% erhöht haben. Die Wartezeit für einen Therapieplatz beträgt 3-5 Monate. Und ja auch Hartz4 hat seinen Beitrag dazu geleistet. Die Existenzangst geht um im deutschen Ländle. Die die Arbeit haben, haben Angst davor in das Repressionswerkzeug Hartz4 abzurutschen und die die in Hartz4 stecken, fühlen sich als wären sie auf einem Abstellgleis. Altersarbeitslosigkeit und Altersarmut sind weitere Kandidaten die zu psychologischen Problemen führen. Ja auch die Medienhetze, Parasitenbeschimpfungen von Politikern und menschenverachtende sarrazinsche Vorschläge tragen dazu bei das diese Volkskrankheit blüht. Wenn aber ein großer Teil der Bevölkerung den Belastungen des normalen Alltags nicht gewachsen sind, dann heißt das für mich, das der Alltag dieser Menschen nicht stimmt. Zum positiven verändert werden muss der Alltag, Lebenssicherheit und Lebensgefühl der Menschen. Den Menschen mit Medikamenten zum funktionieren zu bringen halte ich für den falschen Weg.

    Ich empfehle da mal ein nettes Buch zu : Erich Fromm : Wege aus einer kranken Gesellschaft.


  3. frosch quakte:

    Öhm … LeBambi, das ist mir außerordentlich peinlich, ein Bambi automatisch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet zu haben. Wird SOFORT korrigiert! 😉


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