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Politischer Schichtkäse

20. Februar 2010 um 15:15 Uhr von Atari-Frosch

Oder was für einen Käse uns Berufspolitiker und Massenmedien zum Thema gesellschaftliche Schichten auftischen wollen

Ist das eigentlich niemandem aufgefallen? Zuerst wurde über die Unterschicht gehetzt, also über diejenigen, die durch Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit oder aus anderen Gründen wirtschaftlich nicht verwertbar sind und damit per politischem Willen automatisch zwangsverarmt und aus der Gesellschaft herausgedrängt werden. Hier wird nach Härte und Sanktionen gerufen, um die Leute zu allen zumutbaren Arbeiten zu zwingen, die ... äh ... ja, die eigentlich gar nicht da sind. Und weil wir, die so Ausgegrenzten, uns da ja sauwohl fühlen, darf man uns dann auch „spätrömische Dekadenz” vorwerfen.

Die Bundesregierung, namentlich deren Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU), legt jetzt auch noch nach und teilt die sogenannte Unterschicht noch in Deutsche und Ausländer auf, was bedeutet, daß die Unterschicht noch eine Unter-Unterschicht bekommt.

Letzte Woche jammerte Westerwelle — und jammern mittlerweile auch andere Leute aus der FDP — über die ach so arme Mittelschicht, die nicht vergessen werden dürfe, über die „Arbeitnehmer, die als Deppen dastehen”. Damit kann man wohl bei genau diesen Arbeitnehmern Quoten schinden; die Wahrheit muß man ja nicht sagen („Absturz der Mittelschicht ist eine Mär”).

Wenn wir dieses politische Schichtenmodell mal als gegeben annehmen, haben wir also eine Unterschicht und eine Mittelschicht. Irgendwann müßte doch dann mal auffallen, daß in diesem Modell eine Schicht fehlt: Was ist denn eigentlich mit der Oberschicht?

Die Bundesregierung und die Parteien CDU und FDP spielen hier zwei Gruppen, nämlich Arbeitnehmer und Transferleistungsbezieher, gegeneinander aus, während sie ihre eigene Klientel, nämlich diejenigen, die allein dadurch Geld „verdienen”, daß sie mit vorhandenem Geld andere arbeiten lassen und damit ihr Einkommen mehren, völlig außen vor lassen. Regelrecht zynisch ist es, daß genau diese Leute dann auch noch als „Leistungsträger” bezeichnet werden, obwohl sie die Leistungen, derer sie sich rühmen, meistens durch andere erbringen lassen.

Wo bleibt denn der Ruf nach Verpflichtung dieser (wirtschaftlichen) Oberschicht gemäß Art. 14 Abs. 2 GG (Eigentum verpflichtet ...), wo sind da Härte und Sanktionen, wenn diese Verpflichtung nicht eingehalten wird? Sicher, es gibt Steuern, aber es gibt auch Steuer-Schlupflöcher. Da wird aber nicht geschrien, wenn diese genutzt oder auch überdehnt werden, im Gegenteil: Große Steuersünder werden mit Samthandschuhen angefaßt, damit sie auch ja weiter die Mehrheit des Volkes kleinhalten können.

Aber eigentlich ist das ganze Schichtenmodell ziemlicher Käse. Auffällig unbeachtet blieb ein Artikel bei BBC Online, der eine Studie vorstellte, in welcher der Begriff „Leistungsträger” mal völlig anders bewertet wird: Cleaners 'worth more to society' than bankers - study. So heißt es beispielsweise über Elite-Banker:

Paid between £500,000 and £80m a year, leading bankers destroy £7 of value for every pound they generate.

und über Steuerberater:

Every pound that a tax accountant saves a client is a pound which otherwise would have gone to HM Revenue. For a salary of between £75,000 and £200,000, tax accountants destroy £47 in value, for every pound they generate.

Das sind also unsere „Leistungsträger”. Gesellschaftlich gesehen sollten sie eigentlich die Unterschicht darstellen, weil sie sich extrem antisozial verhalten. Aber das wird bei FDP und der ach so christlichen CDU natürlich nie jemand zugeben. Man müßte nämlich feststellen, daß Westerwelles „spätrömische Dekadenz” auf die eigene „Schicht” zurückfällt.

2 Kommentare zu “Politischer Schichtkäse”

  1. vera quakte:

    ach sabine, bestimmt hast du das falsch verstanden! das ist ja eine BBC-untersuchung. die gilt dann auch nur Grossbritannien. UNSERE banker und steuerberater würden so was sicher nicht tun.


  2. Peter quakte:

    Hallo Sabine (Stimmt der Name? Habs mal von der Vorkommentatorin übernommen),

    vielen Dank für Deine Meinung. Mir persönlich erscheint das Geschehen aktuell auch als eine Ablenkung von anderen Dingen. Wenn ich Dich nämlich richtig verstanden habe, geht es Dir da ähnlich. Ich habe mich gefreut, in Deinem Artikel zu lesen, dass in den Medien die Bevölkerung dahingehend gelenkt wird, dass zwei Bevölkerungsschichten untereinander sind gegenseitig bekämpfen.

    Ich habe exakt diesen Gedanken heute in einem Artikel meinerseits niedergeschrieben. Falls es Dich interessiert, Du kannst es hier nachlesen.
    http://www.piksa.info/blog/2010/02/21/wie-guido-westerwelle-das-ganze-land-an-der-nase-herumfuhrt/

    Liebe Grüsse, Peter


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