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Margot Käßmanns Rücktritt

24. Februar 2010 um 20:22 Uhr von Atari-Frosch

Margot Käßmann trat heute von ihren Ämtern als Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Landesbischöfin von Hannover zurück. Sie war am letzten Wochenende mit 1,54 Promille Alkohol im Blut erwischt worden und hatte in dem Zustand auch noch eine rote Ampel überfahren. Verletzt wurde allerdings niemand.

Sie trat zurück, obwohl ihr vorher der EKD das Vertrauen ausgesprochen hatte:

Es tue ihr leid, dass sie viele enttäusche, die sie dringend gebeten hätten, im Amt zu bleiben.

Sie bezeichnete den Vorfall als „schweren Fehler” und sah ihre persönliche Überzeugungskraft nicht weiter als uneingeschränkt anerkannt: „Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben”, sagte Käßmann. „So manches, was ich lese in den letzten Tagen, ist mit der Würde des Amtes nicht vereinbar. Aber mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und um Achtung vor mir selbst, und um meine eigene Geradlinigkeit, die mir viel bedeutet.”

Ich finde es auch schade, daß Frau Käßmann zurückgetreten ist. Denn selten findet man einen Menschen, der, selbst außerhalb der Politik stehend, unseren Berufspolitikern öffentlich dermaßen den Kopf wäscht. Wobei sie das ja sicher auch außerhalb dieser Ämter tun könnte. 🙂

Indem sie zurücktritt, beschämt sie aber gleichzeitig viele andere, die trotz ihrer strafbaren oder zumindest strafwürdigen Aussagen oder Taten und/oder nachgewiesenen Lügen weiterhin in Amt und Würden sind, selbst wenn es teils massive Rücktrittsforderungen gab:

  • Jürgen Rüttgers (CDU) läßt sich beim Landesparteitag NRW für persönliche Gespräche durch Sponsoren kaufen. Es stellt sich heraus, daß die Praxis schon ein paar Jahre lang durchgezogen wird. Der Zugang zur Macht darf nicht käuflich sein — aber das stört niemanden. Keine Konsequenzen, nur ein Bauernopfer (Wüst), keine Rücktritte.
  • Joseph Ratzinger, mittlerweile besser bekannt als Papst Benedikt XVI., befahl 2001 den Bischöfen die systematische Vertuschung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Hat da jemand was von Rücktritt gehört? Ich nicht.
  • Roland Koch forderte Zwangsarbeit (verboten nach GG!) für Hartzer, „damit niemand das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansieht”. Damit unterstellt er wider besseres Wissen, daß sich Hartzer ihr Schicksal ausgesucht haben und sich in einer „sozialen Hängematte” ausruhen wollten — § 130 StGB. Aber natürlich passiert ihm nichts.
  • Außenminister Guido Westerwelle (FDP) schlägt in dieselbe Kerbe und hat „natürlich” auch keine Konsequenzen zu fürchten Im Gegenteil, die belogene Arbeiterschaft stimmt ihm noch zu.
  • Als Bundesfamilienministerin erzählte uns Zensursula diverse als solche nachgewiesene Lügen, über Monate hinweg, unter penetranter Ignoranz aller Aufklärungsversuche. Als Dankeschön darf sie jetzt über Hartzer lügen.
  • Dieter Althaus (CDU) tötet fahrlässig eine 41jährige Frau in einem von ihm verursachten Unfall. Danach stellt er sich, als sei nichts gewesen, zur Wiederwahl als Ministerpräsident in Thüringen.

Und das sind nur ein paar Beispiele, ich könnte jetzt noch seitenlang weitermachen. Diese Menschen müßten eigentlich angesichts Käßmanns Rücktritt beschämt in den Staub sinken. Aber sie sind buchstäblich unverschämt.

3 Kommentare zu “Margot Käßmanns Rücktritt”

  1. Rainer Grauer quakte:

    Rainer Grauer
    78052 Villingen-Schwenningen
    r.grauer@email.de

    Die Bischöfin, Frau Käßmann hat einen Fehler gemacht den Sie zu tiefst bereut. Was sie veranlasst hat ihre Rolle als Vorbildfunktion kurzfristig zu verlassen, kann nur sie selbst wissen. Ihr ist hoch anzurechnen, dass sie die Konsequenzen zieht und zurücktritt.

    Frau Käßmann ist keine Heilige, will keine sein und hat gegen von Menschen gemachte Gesetze, die für alle Menschen gleich gelten, verstoßen. Dafür muß sie die srafrechtliche Konsequenz tragen.

    Ein vorbildhaftes Verhalten der Kirchen-Menschen, die was zu sagen haben, wäre, wenn Sie Jesus folgen würden und Sie bitten würden, zu bleiben „Geh hin und sündige nicht mehr!“….Wir sind noch nicht im Paradies, wir sind immer noch Menschen… und Menschen machen Fehler… menschliche Größe wäre, diese Fehler zu verzeihen…. Vergebung der Sünden.. nicht nur von Gott, sondern auch von Menschen untereinander… Die Chance des Bereuens und des Neubeginns geben….
    und offen und ehrlich zu sein….
    wir haben keine bessere… bitte bleiben Sie und setzen ihre christlich geprägten Vorstellungen um…wir stehn hinter Ihnen und begleiten Sie auf ihrem Weg… seien Sie weiterhin authentischer Mensch mit Ecken und Kanten und seien Sie Nachfolgerin von Jesus, in dem Sie seine (r)evolutionären Gedanken (ich denke dabei hauptsächliche an die Bergpredigt) in die heutige Sprache und heutige notwendige Verhaltensmuster übersetzen… Jesus ist aktueller denn je… Die Zeit ist entfernter von seinen rettenden Konzepten als je zuvor… Frau Käßmann kann diesen Teufelskreis durchbrechen, in dem sie möglichst viele Menschen (Christen und Nicht-Christen) durch glaubhafte Überzeugungsarbeit aktiviert.
    ich bin dabei.

    Rainer Grauer


  2. steffanos quakte:

    Ich finde es schade, dass sie zurückgetreten ist. Einigen Leuten weht der Wind (die Presse) wochenlang um die Ohren und sie halten sich.. Aber wahrscheinlich gibt es einen Unterschied zwischen Politikern und anderen Menschen 😉


  3. Christian quakte:

    Aus der Sicht von Käßmann ist der Rücktritt meiner Ansicht nach nur nachvollziehbar gewesen. Da Sie trotz alledem eine intelligente Frau ist, wird Sie meiner Meinung nach auch in der Zukunft wieder eine Chance bekommen.


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