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Alles aus einer Hand

24. März 2010 um 23:07 Uhr von Atari-Frosch

Ich find das ja jedesmal witzig, wenn im Zusammenhang mit dem ARGE-Urteil des Bundesverfassungsgerichts immer gern gesagt wird, daß man die ARGEn bzw. Jobcenter ja auf keinen Fall wieder trennen sollte, weil sonst die Arbeitslosen die Leistungen nicht mehr „aus einer Hand” bekommen würden, sondern zu verschiedenen Sachbearbeitern müßten. Deshalb soll jetzt sogar das Grundgesetz geändert werden.

Die ARGE soll also alles aus einer Hand bieten? Das meinen die jetzt nicht ernst, oder? Denn so läuft das heute:

Zuerst geht man zur ARGE hin und bekommt nach längerer Wartezeit von Empfangsteam Nr. 1 die Antragsunterlagen ausgehändigt. Mit etwas Glück sind die dann sogar vollständig. Außerdem tippt dieses erste Empfangskomittee ein paar Daten vorab in die Datenbank. Mit Empfangsteam Nr. 1 hat man danach nie mehr was zu tun.

Mit den ausgefüllten Anträgen und den dazugehörigen Unterlagen geht man dann, natürlich wieder nach stundenlangem Warten, zu Empfangsdame Nr. 2. Die guckt, ob alles vollständig ist, nimmt aber noch keine inhaltliche Prüfung vor. Dann tippt sie den ganzen Kram nochmal in die Datenbank und vereinbart einen Termin zu einem Sachbearbeiter. Mit diesem Termin wird jetzt gezielt die Drei-Wochen-Regelung gebrochen: Eigentlich müßte jetzt binnen drei Wochen über den Antrag entschieden werden. Das wird dadurch umgangen, daß dieser ach so notwendige Gesprächstermin mal eben mehrere Wochen in die Zukunft gelegt wird. — Auch mit dieser Dame hat man hinterher nichts mehr zu tun.

Nun ist man also bei einem Sachbearbeiter (der ist jetzt schon Mitarbeiter Nr. 3), der Wochen später den Antrag nochmal in anderen Worten ausgedrückt und unterschrieben haben will und dann darüber entscheidet, ob man überhaupt Leistungen beziehen darf. Wenn der feststellt, daß das nun gar nicht geht, fängt man mit dem ganzen Antragsgedöns an einer anderen Stelle, zum Beispiel dem Grundsicherungsamt, wieder von vorne an.

Danach geht die Akte (sofern sie nicht, wie bei mir, mal eben ein paar Wochen lang einfach liegenbleibt), in die Leistungsabteilung (Bearbeiter Nr. 4).

Einige Zeit später gibt es dann eine „Einladung” zur Arbeitsvermittlung. Das ist Bearbeiter Nr. 5. Leistungsabteilung und Arbeitsvermittler bleiben jetzt parallel zuständig.

Oh, und wer geschieden ist und daher oder aus anderen Gründen evtl. Unterhaltsansprüche haben könnte, bekommt jetzt noch Post aus einer ganz anderen Ecke. Das Grundsicherungsamt möchte dann nämlich Auskünfte über die möglicherweise unterhaltsverpflichtete Person haben. Dann lädt es noch zu einem Gespräch (für dessen Vereinbarung die Sachbearbeiterin Nr. 6 scheinbar prinzipiell nicht erreichbar ist; mit einem Anrufbeantworter kann ich nunmal keine Termine vereinbaren).

Und ich vermute mal, wenn man dann noch in eine Maßnahme gestopft wird, kommt noch der Maßnahmenträger dazu.

So. Jetzt erklär' mir bitte nochmal einer dieses Konzept „alles aus einer Hand”. Was hab' ich daran jetzt nicht verstanden? 😉

5 Kommentare zu “Alles aus einer Hand”

  1. vera quakte:

    schreib das doch auf dem ‚freitag‘. das ist toll.


  2. frosch quakte:

    Hm, meinste? Mit allen Links? Oder eher ohne? Ich bin da gar nicht angemeldet.


  3. cassionetta quakte:

    Anmeldung beim Freitag ist unkompliziert, außerdem bekommt noch ein größeres Publikum zu Gesicht, was du zu berichten hast.

    Ich hab bisher (Glück gehabt) nur kurz mit dem verschwurbelten Laden Bekanntschaft gemacht, als man mir verklickern wollte, ich solle mich zwischen Schule und Studium arbeitslos melden wg. etwaiger Rentenansprüche. Dass ich mich darüber aufregte, dass die weder telefonieren noch Emails schreiben können (mit einer Ja/Nein-Antwort) erscheint mir jetzt lächerlich…


  4. Eberhard quakte:

    Ich seh das ähnlich wie Du. Als ich gestern die „Riesengroße Koalition“ in der Tagesschau sah, also CDU/CSU, FDP und SPD, die jetzt eine Grundgesetzänderung beschließen will, geht mir das Messer in der Tasche auf. Die freuen sich über sich selbst und denken nicht daran, die Probleme der Arbeitsverwaltung wirklich anzugehen.


  5. Hoshpak quakte:

    Die Beschreibung erinnert mich leicht an die Musterung im Kreiswehrersatzamt, das scheint also die Hochform deutscher Beamtentugenden zu sein.


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