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Normgerechte Menschen

27. April 2010 um 16:14 Uhr von Atari-Frosch

Mir ist gestern in einem Gespräch mit meinem Psychiater (ja, ich hab sowas wieder) etwas klargeworden: Wir sollen normgerecht sein. Das heißt aber nicht einfach nur, daß wir uns an Gesetze halten sollen; dieser Anspruch ist ja (zumindest größtenteils) gerechtfertigt. Nein, es geht darum, daß Abweichungen von einer Idealvorstellung sanktioniert werden, und zwar bis hin zur Existenzbedrohung.

Der Arzt hatte nämlich gegenüber der ARGE erklärt, daß ich Therapien und Psychopharmaka grundsätzlich ablehne. Das stimmt auch, und meine bisherigen Erfahrungen sind Grund genug dafür. Denn auch die Therapien erwarten eine gewisse Normung des (depressionskranken) Menschen, und wer dem nicht entspricht, dem hilft die Therapie dann eben nicht — was aber nicht der Therapie, sondern dem betroffenen Menschen angelastet wird. Er ist eben „falsch”, und damit schuld daran, daß die Therapie oder das Medikament nicht anschlägt oder sogar schädliche Nebenwirkungen hat. Das liegt natürlich nie an den Therapien oder Medikamenten.

Was ich für mich selbst mache, spielt dabei keine Rolle, genausowenig wie die Tatsache, daß sich das faschistische Repressionsamt immer erfolgreich und sogar mit Lügen und Nötigung darum bemüht, alle erarbeiteten Erfolge restlos wieder zu zerstören. Schließlich ist das, was ich für mich selbst mache, ja nicht „professionell” und muß damit nicht anerkannt werden. Und äußere Umstände werden sowieso grundsätzlich ignoriert; man habe sich eben selbst zu ändern, sprich, anzupassen — sich also normen zu lassen, um das von der Gesellschaft zugedachte Schicksal der Zwangsverarmung und Dauererkrankung besser und vor allem schweigend zu ertragen. Sich zu wehren, ist gleich mal überhaupt nicht erwünscht. Wer sich wehrt, ist unbequem. Wer unbequem ist, darf keine Hilfe erwarten.

Ich bin jetzt auf die Reaktion der ARGE gespannt. Denn nach dem SGB habe ich alles zu tun, um meine Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Was als „alles” anerkannt wird, liegt wiederum im Ermessen der Behörde. Eine Weigerung, eine Therapie zu machen, könnte mir hier schon negativ ausgelegt werden: „Die will ja gar nicht gesund werden, sondern sich nur in die soziale Hängematte legen.”

Im ungünstigsten Fall kann die ARGE mir eine Therapie aufzwingen, indem sie bei weiterer Ablehnung die Unterstützung kürzt oder streicht. Oder, wie es schon ein Sachbearbeiter bei der Beantragung sagte: „Sie haben doch die Wahl, sie müssen keinen Antrag stellen.” Oder anders gesagt: „Sie dürfen stattdessen auch gern sterben gehen, ist eh billiger.”

In diesem Zusammenhang gibt es aber noch eine andere Normung, die eigentlich gesellschaftlich so nicht gewollt sein kann. Es geht um die Normung der Arbeit bzw. dessen, was als Arbeit anerkannt wird. Wer mich kennt, weiß, daß ich nie Langeweile habe. Ich kann mich ständig beschäftigen, und manchmal übernehme ich mich dabei sogar noch, wenn mir ein Problem keine Ruhe läßt.

Die Tätigkeiten, Aktivitäten oder Beschäftigungen, für die man üblicherweise keine Rechnung schreibt, weil sie unter Freunden, Kollegen etc. gegeben werden, sind zwar durchaus „gemeinnützig”, ändern aber meinen wirtschaftlichen Status nicht. Sie werden nicht als Arbeit anerkannt, weil ihr (gesellschaftlicher) Nutzen nicht durch direkte Geldzahlungen an mich „bewiesen” wird. Die genormte Arbeit hat durch einen Gehaltsstreifen oder durch sonstige Abrechnungen bewiesen zu werden, sonst ist sie einfach nichts wert. Mehr noch: Vereinzelt wurde mir quasi schon vorgeworfen, daß ich meine Arbeitskraft verschenke. Ich bezweifle allerdings, daß Menschen mit einer solchen Einstellung viele Freunde haben.

Demnach müßte ich mich ja fast bei den Behörden dafür entschuldigen, daß ich anderen Leuten beim Einrichten ihres Computers oder ihrer Peripheriegeräte, beim Konfigurieren ihrer Software, bei Hardware-Reparaturen, etc. helfe. Dafür, daß ich anderen Leuten bei Webseiten helfe oder ihnen auch mal direkt welche baue. Dafür, daß ich Menschen zu freier Software bringe. Oder eigentlich schon dafür, daß ich mich mit anderen vernetze und Informationen weiterverbreite sowie Menschen desselben Fachgebiets zusammenbringe. Oder dafür, daß ich ein paar Leuten den Zugang zu einem bitlbee-Server zur Verfügung stelle, oder ihre Webseiten bei mir hoste. Oder dafür, daß ich einen privaten Radioserver betreibe. Und das alles, ohne Geld zu verlangen, stellt Euch das mal vor!!!1!

Und dann höre ich: Arbeit muß sich wieder lohnen. Manchmal denke ich, ich sollte die Abrechnung für meine Tätigkeiten solchen Politik-Scherzkeksen schicken. Ja, was ist denn das, was ich da mache? Ist das alles keine Arbeit? Nur, weil es nicht der genormten Vorstellung von Arbeit entspricht?

Leider habe ich das Buch „1984” von George Orwell nicht in meinem Regal, und es ist ewig her, daß ich es gelesen habe. War da nicht auch was mit genormten Menschen?

Ich bin kein normgerechter Mensch und werde es niemals sein. Trotzdem habe ich den Anspruch, mehr als nur existieren zu dürfen, auf meine Weise (erfolgreich!) gegen meine Krankheit kämpfen zu dürfen, auf meine Weise zu arbeiten und meinen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, das Leben auf meine Weise leben und — ja! — auch genießen zu dürfen.

Exakt so verstehe ich auch das, was das Grundgesetz in seinem Artikel 2 sagt: Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Auf freie, nicht auf genormte!

Ein Kommentar zu “Normgerechte Menschen”

  1. Dunkelangst quakte:

    Wer mich kennt, weiß, daß ich nie Langeweile habe. Ich kann mich ständig beschäftigen, und manchmal übernehme ich mich dabei sogar noch, wenn mir ein Problem keine Ruhe läßt.

    Also ich kann das auf jeden Fall bestätigen. Anders kenne ich Dich jedenfalls nicht. 🙂

    Mehr noch: Vereinzelt wurde mir quasi schon vorgeworfen, daß ich meine Arbeitskraft verschenke. Ich bezweifle allerdings, daß Menschen mit einer solchen Einstellung viele Freunde haben.

    Ja, das bezweifele ich auch. Ich bin Dir jedenfalls für Deine Hilfe überaus Dankbar und könnte mir eine Bezahlung (schöne Grüße an den Mitarbeiter des Repressionsamtes der den zu letzt zitierten geistigen Dünnschiss von sich gegeben hat) derzeit nicht leisten. Du hast mir jedenfalls damit aus der Patsche geholfen. 🙂

    Exakt so verstehe ich auch das, was das Grundgesetz in seinem Artikel 2 sagt: Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Auf freie, nicht auf genormte!

    Dem kann ich nur zustimmen. Ich möchte auch für mich entscheiden dürfen, welche Medikamente ich nehme und welche nicht. Das ist nämlich immer noch mein Körper. 👿


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