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Gesetz statt htaccess

29. Juni 2010 um 13:38 Uhr von Atari-Frosch

Bisher habe ich ja die Leistungsschutzrecht-Geschichten nur sehr am Rande verfolgt. Aber was heute u. a. über Heise hereintickerte, veranlaßt mich zu einem großen Facepalm:

Christian Nienhaus, Vorsitzender des Zeitungsverlegerbands Nordrhein-Westfalen (ZVNRW) und Geschäftsführer der Mediengruppe WAZ, hat die Forderung der Zeitungsverleger nach einem Leistungsschutzrecht bekräftigt. Auf dem medienforum.nrw in Köln sagte Nienhaus, "Unternehmen wie Google leben davon, systematisch unsere Inhalte abzugreifen. Deswegen brauchen wir ein eigenes Leistungsschutzrecht, um unser Eigentum zu schützen".

Ich übersetze das mal für Politiker: „Wir sind zu blöd, die Zugangskontrollmechanismen unseres Webservers (.htaccess) zu benutzen, deshalb müßt Ihr gefälligst ein Gesetz machen, das uns vor dem bösen Google schützt.”

Das ist wie: „Ich bin zu blöd, meine Fenster und Türen zu schließen, deshalb müßt Ihr ein Gesetz machen, das mich vor Einbrechern schützt.” Oder, vielleicht noch besser: „Ich lasse mein Eigentum immer auf der Straße herumliegen, deshalb müßt Ihr ein Gesetz machen, damit es keiner wegnimmt.”

Außerdem beklagte sich Nienhaus darüber, daß ARD und ZDF ihrem Informationsauftrag nachkommen, weil damit die privaten Medien „beeinträchtigt” würden. Ja, schon dumm, daß es da eine scheinbar (!) kostenlose Konkurrenz gibt, die zumindest teilweise besser und ausführlicher informiert, was? (Daß die „kostenlose” Konkurrenz mit einer Zwangsabgabe finanziert wird, die demnächst nicht nur alle Empfangsgerätebesitzer, sondern jeden Haushalt betreffen soll, erwähnt er nicht.)

Sollte sich Microsoft dann vielleicht auch über Freie Software beschweren dürfen, weil die nicht nur weniger kostet, sondern auch noch besser funktioniert, damit Politiker Gesetze machen, um Freie Software zu verbieten? Oder die deutschen Hersteller von Produkten, damit gleichartige ausländische Produkte verboten werden? Schon dumm, daß es da Konkurrenz gibt, nicht wahr? Markt, ja gerne, aber bitte nur, solange bestimmte Anbieter fette Gewinne machen?

Den relevanten, aber internet-ungebildeten Politikern kann man's ja erzählen; daß die lieber auf Lobbyisten als auf Fachleute hören, hat man ja am Zensursula-Gesetz gemerkt. Die plappern es dann fleißig nach, probieren es dann über den Bundestag, und wenn das nicht klappt, schieben sie es irgendwie über die EU durch. Und uns wirft man dann wieder Karlsruhe-Tourismus vor, wenn das BVerfG als letzte Möglichkeit bleibt, sich gegen solchen Schwachsinn zu wehren.

Auf die Idee, ihren Webmaster zu fragen, kommen sie jedoch nicht — das wäre zu banal und ließe sich nicht öffentlichkeitswirksam verkaufen. m(

5 Kommentare zu “Gesetz statt htaccess”

  1. vera quakte:

    Dann lies Dir mal Carta und Netzpolitik durch (zu schweigen von den n Kommentierungen), WAS da für ‚Argumente‘ kommen. Brand legen, Feuerwehr rufen, mit Benzin löschen. Ich grab mich ein.


  2. frosch quakte:

    @Vera: Au Weia. So groß kann ein Facepalm ja gar nicht sein …


  3. Leserin quakte:

    Hallo,

    Die Industrie (hier mal zur Abwechslung die Buchproduzente, statt die CD/DVD/etc Presser) will doch etwas ganz anderes.
    Was hier die Verleger wollen ist mehr eine Lizenz zum Gelddrucke (das verstehen sie nämlich unter: „…beeinträchtige die Entwicklungsperspektiven der privaten Medien.“)
    Und … die tatsächlichen Urheber (dh die Autoren) werden.
    Sie haben schlicht die Zeit verschlafen…
    Man könnte es auch damit vergleichen, wenn man einen sterbenenden Industriezweig durch Gesetze versucht vor dem neuen Industriezweig schützen will.
    Am Ende hilft das aber alles nix …

    Htaccess:
    Naja .. wenn ich will, daß mein Zeugs gelesen werden soll, dann DARF ich es ja nicht verriegeln.

    Was ich aber arg bedenklich halte ist:
    „Demnach sollten „auch Überschriften, Sätze, Satzteile etc.“ schutzwürdig sein,…“
    Jetzt will man sich also eine Art Patent auf Textpassagen haben.

    Wenn jetzt jemand „Die braungestreifte Wespe..“ schreibt, dann dürfte diesen Satz kein anderer mehr schreiben… Sei es in einem Buch, Artikel oder auch bereits in einer Klassenarbeit in der Schule ????

    Wo kommen wir denn hin, wenn wir soetwas zulassen ?
    Es ist schon schlimm genug, daß Namen in Geschichten Probleme bereiten, wenn mehr als ein Mensch gleichzeitig die Buchstabenfolge zusammengebracht haben.

    Und es kann ja nun kein Recht darauf geben, daß sich Dinge !!NICHT!! verändern dürfen..


  4. Nightraven quakte:

    Naja ist doch nix neues das sterbende Industrien (Musik, Verlagwesen etc pp) versuchen in Deutschland ihr Monopol durch Gesetzte zu halten. Lobbyismus ftw! 😉


  5. Fozzie quakte:

    Das Problem lässt sich nicht per htaccess lösen. Die Verleger wollen ja von den Suchmaschinen indiziert, aber nicht wie bei Google-News ausgiebig zitiert werden … so dass man u.U. nicht mehr die Seite des Verlags besucht.


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