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Was wir wollen

3. August 2010 um 18:10 Uhr von Atari-Frosch

Tom Strohschneider schrieb heute einen lesenswerten Artikel im Freitag. Das Thema: Die Neuberechnung der Hartz-IV-Regelsätze. Die erstaunliche Überschrift, auch als Frage an Betroffene im Artikel gestellt: Was ihr wollt.

Erstaunlich, weil das schon sehr, sehr lange keiner mehr gefragt hat (bzw. hat das überhaupt je jemand gefragt?). Nicht einmal zu fragen wagte, weil es sofort heißt, Hartzer/Sozialhilfeempfänger haben nichts zu wollen, die können doch froh sein, daß unser „Sozialstaat” sie überhaupt auffängt, man solle doch mal in andere Länder gucken, da gibt's das gar nicht. Und wer als Hartzer selbst Ansprüche stellt, ist gesellschaftlich und politisch sowieso gleich ganz untendurch. Ansprüche! Als Nichtstuer!

Die Frage empfinde ich daher nicht nur als erstaunlich, sondern nahezu befreiend. Wie ein Kind an Weihnachten unterm Baum mit großen Augen fühle ich mich bei dieser Frage: beschenkt. Jemand kommt wirklich mal auf die Idee, „uns” zu fragen oder wenigstens fragen zu wollen.

Daß ich mich auf diese Frage hin so fühle, ist eigentlich traurig in Anbetracht der Grundrechte und des eigentlichen Zwecks der Sozialhilfe (§ 1 SGB I). Es sollte eine selbstverständliche Frage sein, nicht eine, für die man dankbar sein muß.

Gegenüber der Lügnerin vom faschistischen Repressionsamt hatte ich diese Frage sogar mal vor zwei Jahren beantwortet. Eine Reaktion darauf habe ich natürlich nie bekommen. Für Ansprüche fühlt man sich da nicht zuständig, die hat man da nicht zu äußern. Das SGB läßt ja keine zu, und § 1 SGB I dient nur der Verzierung.

Mit geschätzten 1.500 Euro im Jahr mehr bräuchte ich keine Zuverdienste. Alternativ: Mit einem Freibetrag entsprechend dem bei der Rente (derzeit 400 €) würden erwerbsunfähige Grundsicherungsbezieher nicht mehr durch den gesetzlichen Diebstahl in § 82 SGB XII (70 % von jedem Zuverdienst gehören dem Amt) quasi zur Schwarzarbeit genötigt. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß die Zuverdienst-Option nicht jedem Rentner oder Grundsicherungsempfänger offensteht, zum Beispiel, wenn es die Gesundheit gar nicht zuläßt.

Aber es geht nicht nur ums Geld. Was für mich fast noch wichtiger ist, ist die Sicherheit, das Geld dann auch wirklich zu bekommen. Die Sicherheit, daß dieses Existenzminimum nicht als Repressionsmittel gegen mich eingesetzt wird. Daß ich keine Angst haben muß, die Wohnung zu verlieren, wenn da jemand schlechte Laune hat oder — ja, auch wenn ich mich mal nicht 1000prozentig an die Regeln gehalten habe.

Niemandem sonst außer Sozialhilfeempfängern und Hartzern kann wegen geringster Gesetzesverstöße die Existenz zerstört werden. Ich will die Sicherheit, daß das aufhört. Künstlich aufgebaute Existenzangst ist mit Menschenwürde nicht vereinbar. Des weiteren soll ein kleiner Sachbearbeiter beim „Sozialamt” nicht stärker in Grundfreiheiten eingreifen dürfen als ein Strafrichter, denn wir haben kein Verbrechen begangen. Wir sind nur für die Wirtschaft überflüssig, nicht aber für die Gesellschaft.

Ich fürchte, den Tag, an dem ein Bundeskanzler, ein Bundessozialminister, ein Finanzminister, ein Ministerpräsident oder ein Oberbürgermeister die Hilfsbedürftigen fragt, was sie denn gerne wollen, so wie es Tom Strohschneider getan hat, werde ich nicht mehr erleben.

8 Kommentare zu “Was wir wollen”

  1. Daywalker quakte:

    Auch wenn ich mich damit unbeliebt machen werde – wenn mich keiner fragen würde und ich müsste ums Überleben kämpfen würde ich mal aufstehen und laut sagen was ich will. Und … der Herr aus dem Freitag hat gut fragen – hat er doch am Ende nicht wirklich etwas zu tun mit der Entscheidungsbefugnis die es hierzu braucht.


  2. frosch quakte:

    Solange keiner (sprich: kein Regierungspolitiker) zuhört, kann man’s auch der weißen Klowand erzählen. Es ist ja nicht so, daß es keine Initiativen etc. gäbe. Aber such mal Berichte darüber in Tageszeitungen. Ich würde mich wundern, wenn Du fündig würdest.

    Und daß nur jemand fragt, der nicht in einer entscheidenden Position ist, macht die Sache nicht besser.


  3. Daywalker quakte:

    Ich wundere mich nicht darüber, dass man darüber nichts hört und auch nichts liest. Würden die Betroffenen am Tag X ALLE vor ihrem Rathaus stehen, in jedem Dorf, in jeder Stast würde man ihren zuhören – was hindert sie daran?


  4. vera quakte:

    Mal wieder klasse.

    @daywalker

    – was hindert sie daran?

    Daß sie ticken, reagieren und funktionieren wie Menschen. Und wir wollen mal dankbar sein, daß es (noch) niemanden gibt, der diesen ganzen Frust und Unmut zu kanalisieren versteht. Das wäre nämlich dann höchstwahrscheinlich kein demokratisch denkender Mensch.


  5. Daywalker quakte:

    Dass immer gleich Faschisten an die Wand gemalt werden müssen, wenn es darum geht, einer grossen, aber offenbar unterpriviligierten Menschengruppe klar zu machen, welche Macht sie eigentlich hat, ist mindestens genauso traurig, wie der Rückzug auf die Position: „W kann ich allein schon tun …“


  6. Marieta quakte:

    Entschuldigen Sie, wenn ich mich hier ohne jegliches Wissen über Ihre Person einmische, aber wie kommen Sie darauf sich als unprivilegierte Menschengruppe zu bezeichnen und Ansprüche zu stellen, wenn Sie auf Kosten der Steuerzahler leben. Wenn Sie wirklich solch große Existenzangst haben, versuchen Sie doch eine Arbeit zu finden. Jammern ist immer leicht – Aktivwerden umso weniger.


  7. frosch quakte:

    Ohne Wissen über meine Person, ahja. Dann darf ich Ihnen einen herzlichen Nuhr[1] zur Antwort schicken, denn mehr bedarf es nicht.

    [1] Kabarettist Dieter Nuhr: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.”


  8. DerMaex quakte:

    „…wie kommen Sie darauf sich als unprivilegierte Menschengruppe zu bezeichnen und Ansprüche zu stellen, wenn Sie auf Kosten der Steuerzahler leben…“

    LOL, made my day… also gehört eine Menschengruppe, die keine Ansprüche zu stellen hat, nicht zu einer unterprivilegierten Gruppe? – Das kann nur in einem Land der Fall sein, in dem überhaupt keiner das Privileg hat irgendwelche Ansprüche zu stellen, ausser ein paar Wenigen. Nordkorea?

    Es gibt Leute, die krank sind, und trotzdem von Hartz4 mit den üblichen Repressionsmassnahmen vom Amt leben müssen.

    Es gibt Leute mit 55, die fast 40 Jahre in dieses System einbezahlt haben, ihren Job verloren haben, die man als Wertschätzung für die 40 Jahre Einbezahlen mit ein paar Hundertern im Monat abspeist, und sie nebenbei noch gängelt was das Zeug hält.

    Glaubst Du nicht, dass es diesen Menschen lieber wäre wieder einen Job zu haben, um dann eine Rente zu bekommen, von der man leben kann, anstelle von einem Kleinbetrag, der erst wieder mit Hartz4 aufgestockt werden muss, während der Beamte in diesem Alter seine Ruhestandsbezüge irgendwo unter Palmen geniesst?

    Wieso dieses ständige Ausspielen Arbeitende vs. Arbeitslose so gut funktioniert ist mir ein Rätsel. Die Forderung vieler Arbeitender ist ja nichts anderes als zu sagen „Ja, nehmt mir weiterhin die Hälfte meines Einkommens weg, und wenn ich meinen Job verliere, und keinen neuen finde, dann ist es schon OK, wenn ihr mich gängelt. Und dass ihr mich mit 55 aussortiert um mir später keine richtige Rente bezahlen zu müssen find ich auch toll.“ – Sorry, aber da kann man sich ja gleich ein Land suchen, wo die Abgaben nicht auf Weltrekordniveau liegen, dort abgabenfrei arbeiten und dann im Alter zurück nach Deutschland gehen um Hartz4 zu kassieren….kommt fast aufs selbe raus, wie wenn man 35 Jahre eingezahlt hat, und dann seinen Job verliert…


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