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Bildung per Chipkarte

14. August 2010 um 16:41 Uhr von Atari-Frosch

Von elektronischen Chipkarten scheinen so manche in der Bundesregierung ja höchst begeistert zu sein, und sie versuchen, sie einzusetzen, wo immer es geht — vor allem, wo immer man damit Mißstände überdecken (und so nebenbei die Sicherheitsbranche wirtschaftlich fördern) kann.

Statt die Gesundheitsversorgung und die Voraussetzungen für ein gesundes Leben zu verbessern, soll eine elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden. Statt endlich einzusehen, daß uns Terrorhysterie nicht weiterbringt, gibt es jetzt ab November den elektronischen Personalausweis, der jeden einzelnen 20 € mehr kostet. Und statt endlich mal die Bildungskosten für arme Kinder auszurechnen, will Zensursula jetzt eine Chipkarte mit einem pauschalen Guthaben von 200 € an sie verteilen. Pro Jahr, wohlgemerkt.

Besonders witzig ist diese Begründung:

Forderungen, das Bildungspaket als Geldleistung auszuzahlen, erteilte von der Leyen erneut eine Absage. Würde dies geschehen, hätte zwar jeder ein paar Euro zur Verfügung, sagte sie. „Um die Nachhilfe zu bezahlen, reicht das Geld aber immer noch nicht.” Da nicht alle Kinder Nachhilfe bräuchten, solle die Leistung nur jenen zu Gute kommen, die sie benötigten.

Quelle: n-tv Bildung auf Karte: Von der Leyen, die Super-Nanny?

Wie meinen? Sie weiß also, daß es für vernünftige Bildungsangebote, insbesondere für Nachhilfe, sowieso nicht reicht. Der Betrag wäre bei einer sinnvollen Nachhilfe vermutlich bereits nach spätestens zwei Monaten weg. Bei spezielleren Angeboten wie Musik-, Sport- oder Ballett-Unterricht dürfte es noch knapper werden. Also was soll das dann?

Auch nicht berücksichtigt wird dabei, daß das Angebot für die betroffenen Kinder damit weiterhin sehr eingeschränkt bleibt. Denn sie bzw. ihre Eltern können sich nicht das sinnvollste Angebot heraussuchen, sondern sind auf jene Anbieter beschränkt, die bereit sind, sich den passenden Chipkartenleser zu kaufen (was die Sicherheitsbranche wieder freut). Die Studentin, die Nachhilfe gibt, der selbständige Musiklehrer oder der kleine Sportverein, der sein Geld sowieso schon mühsam zusammenkratzen muß, werden das eher nicht tun. Gestärkt werden diejenigen Anbieter, die sich sowieso schon gut positionieren können. In einer Großstadt mag das noch nicht so schlimm sein, aber auf dem platten Land bleibt dann vermutlich kaum was übrig.

So ganz nebenbei fällt mir noch ein, was mir letztens ein Gymnasiast berichtet hat. Darüber wollte ich eigentlich noch separat bloggen. Insbesondere an Gymnasien wird wohl erwartet, daß Schüler teils recht anspruchsvolles Arbeitsmaterial selbst kaufen müssen, um am Unterricht überhaupt sinnvoll teilnehmen zu können. Wer das nötige Material nicht kauft oder kaufen kann, wird unter Umständen mit schlechteren Noten bestraft. Sofern das Material überhaupt über diese 200-Euro-Karte gekauft werden kann (weil die entsprechenden Verkäufer sie akzeptieren), bleibt sonst kaum noch etwas für andere Aktivitäten übrig.

Viel schlimmer ist allerdings, daß Zensursula damit direkt in die Erziehung eingreift. Offenbar genügt es ihr nicht, ihre eigenen sieben Kinder zu erziehen, nein, sie will auch noch jene 1,77 Millionen Kinder miterziehen, die unter Hartz IV fallen:

Nicht die Kinder selbst oder ihre Eltern sollen bestimmen, welche Art von Bildung sie haben dürfen, sondern der Staat. Dadurch lernen die Kinder schon früh, daß nicht sie selbst oder ihre Eltern über sie bestimmen dürfen, sondern der Staat. Ist diese Lektion für später gedacht, wenn die heutigen Kinder selbst bei der ARGE vorsprechen müssen?

Den Eltern wird außerdem pauschal unterstellt, ihrem Kind das nötige Geld vorzuenthalten. Schließt sie da von sich auf andere? Oder wo hat sie ihre Weisheit her? Mal wieder zu viel BLÖD gelesen?

Ins Grundgesetz hat Zensursula bei alledem, wie üblich, mal wieder nicht geschaut. Dort steht in Artikel 6 Absatz 2:

Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

Den zweiten Satz kann ich nicht so interpretieren, daß diese „staatliche Gemeinschaft” über den Bildungsgrad der Kinder zu bestimmen oder sich generell ohne wirklichen Grund (denn die Behauptung, das Geld werde versoffen, ist natürlich eine Lüge und kein Grund) in die Erziehung einzumischen hat. Eine Einmischung ist erst dann angebracht, wenn die genannte Pflicht vernachlässigt wird, aber auf keinen Fall pauschal gegenüber einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.

Der Sinn der Chipkarte ist also nicht, armen Kindern mehr Bildung zukommen zu lassen. Stattdessen geht es darum, sie frühzeitig so zu dressieren, daß die Ämter später leichteres Spiel mit ihnen haben. Sie lernen, daß sie sowieso außen vor sind und nicht über ihr Leben zu bestimmen haben. Sie sollen begreifen, daß die Freiheiten des Grundgesetzes für sie nicht gelten. Sie sollen weiterhin schlechtere Bildungs-Chancen haben, damit sie nicht aus der Hartz-IV-Hölle ausbrechen können — schließlich braucht der ach so wichtige Niedriglohnsektor Nachschub, wenn die Sklaven dieser Generation in ihre nicht vorhandene Rente gehen oder, noch „besser”, vorher wegsterben.

Wer sind jetzt eigentlich die Asozialen und die Schmarotzer?

7 Kommentare zu “Bildung per Chipkarte”

  1. vera quakte:

    Wie immer auf den Punkt. Leider.


  2. Hans Bonfigt quakte:

    Ich kann Dir wieder einmal nicht folgen.

    Barauszahlung wird vom Großteil der Hartzer definitiv
    versoffen.

    Wie Du selbst zitierst:
    Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht
    der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende *Pflicht*.

    Also sollen doch bitte die Eltern dafür sorgen, ihren
    Kindern Bildung angedeihen zu lassen – und wenn man
    seinen Pflichten nicht nachkommen kann, dann sollte man
    sich vielleicht überlegen, darauf zu verzichten.


  3. Manfred quakte:

    Ich denke, dass durch dieses Konzept der Sinn der Chipkarte durchaus erfüllt werden kann. Da der Grundsatz davon spricht, dass primär die Eltern für die Finanzierung der Ausbildung und Verpflegung zuständig sind, leistet der Staat an dieser Stelle nur eine gewisse Hilfestellung für Minderbemittelte. Eine negative Beurteilung finde ich an dieser Stelle unangebracht! Vor allem da man nicht davon ausgehen kann, dass Kinder armer Familien keine bessere berufliche Zukunft anvisieren können. Solange die Motivation des Einzelnen und der Wille da ist, sind durch staatliche Mittel wie z.B. Bafög oder BAB auch größere Sprünge auf der Karriereleiter möglich.


  4. Leserin quakte:

    Ich verstehe das ganze gemache sowieso nicht.
    Zu meiner Schulzeit hatten die Schulen noch eine Schulbibliothek, die für jeden Jahrgang die nötigen Lehrbücher zur Hand hatte. Sicher es gab immer etwas Schwund und ab und an mußten auch modernere nach angeschafft werden. Dies so wieder einzuführen (zumindest für dienigen Familien mit schwachem Einkommen) würde sicher einiges Erreichen.

    In jedemfalls bringt eine Pauschale Geldgieskanne (auch über Chipkarten oder ähnlichem… ) rein gar nichts. Entscheidend ist, daß die Leistung eben nicht in Form von Bargeld vergeben wird, sonst „versickert“ das nämlich und kommt nicht den Kindern zugute.
    Dazu braucht es aber keine komplizierte neue kostenträchtige Infrastruktur …
    Eventuell brächte es ja was, wenn statt „Technik“ anzuschafft, Menschen beschäftigt werden. Diese kümmern sich dann um die Interaktion mit denen, bei denen der Bedarf gegeben ist. Das ist auf lange sicht allemal besser, selbst, wenn es vermutlich nicht die „billigste“ Lösung ist … nur BILLIG ist nie GUT, das sollte ja nun auch klar geworden sein.

    „Geiz ist Geil“ ist der Anfang vom Ende 😉
    dreht den Kreis da mal weiter 😉 ihr werden an einem erschreckenden Ende ankommen :/

    Grüßlis


  5. frosch quakte:

    Hans Bonfigt: Für die Behauptung, eine Barauszahlung würde „vom Großteil der Hartzer definitiv versoffen”, hast Du natürlich eine verifizierbare Quelle, die nicht BLÖD, RTL II, Bertelsmann Stiftung oder INSM heißt? Nein? Wie dumm. Du wolltest also nur hetzen?


  6. frosch quakte:

    @Manfred: Fragt sich dann aber, was der Sinn der Chipkarte ist. Förderung der Hersteller bei weiterer Gängelung und Kontrolle der Zwangsverarmten? Ja, dann ist der Sinn natürlich erreichbar. Die eigentliche Aufgabe, nämlich die Auflage des Bundesverfassungsgerichts, die Bedarfe insbesondere für Kinder neu zu berechnen, wird damit nicht erfüllt, im Gegenteil, sie wird weiterhin ignoriert.


  7. frosch quakte:

    @Leserin: Ja, so eine Schulbücherei hatten wir auch. Der Punkt ist aber, daß der Unterricht heute wohl nur noch teilweise auf diesen Büchern aufbaut. Alles, was nicht in dieser Bücherei verfügbar ist (und, wenn ich das richtig verstanden habe, von Schule zu Schule nochmal variiert), muß selbst gekauft werden. Das fängt bei Büchern an und hört bei speziellen Mappen oder bei Overhead-Folien für Hausarbeiten oder Vorträge noch nicht auf. Daß von jedem Schüler — mindestens an den Gymnasien — wie selbstverständlich erwartet wird, einen PC samt hochwertigem Drucker zu Hause zu haben, kommt noch dazu.

    Warum bitte ist es entscheidend, daß die Leistung nicht in Form von Bargeld kommt? Und wo bitte soll das Geld „versickern”? Ich muß — obwohl ich Dich besser kenne — den Satz erstmal so interpretieren, daß Du meinst, das zusätzliche Geld werde durch die Eltern auf eine Weise ausgegeben, die den Kindern nicht zugute kommt. Das hätte ich doch bitte gern näher erläutert.

    Im Gegenteil, die Verwaltungskosten werden das Geld, das eigentlich auf die Karten sollte, gewaltig reduzieren — und dann kann spätestens die nächste Regierung wieder darüber abhetzen, daß die Hartz-Kinder den Staat so teuer kommen.

    Natürlich gibt es nicht-bare Möglichkeiten, wie zum Beispiel
    die besser ausgestattete Schulbücherei
    notwendiges Material (z. B. Mappen, Overheadfolien etc.) zur freien Verfügung
    ordentlich eingerichtete Fachräumen (wie Chemie oder Physik) und genügend anständige Turnhallen
    Schul-Mittagessen
    Sozialarbeiter und Psychologen usw.

    Das ändert aber nichts daran, daß auch arme Kinder ordentliche Kleidung brauchen und mal beim Schulausflug mitwollen. Wir hatten in der Realschule einen Klassenkameraden, der sich die Fahrt ins Landschulheim (1983) nicht leisten konnte, da sind wir allesamt mit diversem Krempel auf die Flohmärkte gegangen, Klassenlehrer inclusive, und haben von den Einnahmen zusammengelegt — das sollte aber nicht der Normalfall sein und dürfte heute auch nicht mehr so funktionieren, weil zumindest in einem Teil der Klassen eben nicht mehr um Einzelfälle geht.

    Gruß, Frosch


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