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Entsolidarisierung

23. August 2010 um 14:30 Uhr von Atari-Frosch

Es gibt Tage, da sollte ich vielleicht besser nicht in meine Twitter-Timeline schauen. Und dann: Doch, denn es ist wichtig, auch so etwas mitzubekommen, um nicht überraschend nackt dazustehen, weil Politiker mal wieder asoziales Gewäsch in die Zeitungen gekotzt haben und es am Ende noch durchsetzen, wenn sich keiner wehrt. Der heutige asoziale Hammer: Patienten sollen Honorar für Arztbesuch vorstrecken, ausgedacht von Schwarz-Geld.

Die Idee ist, daß Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung, genauso wie bisher schon privat Versicherte, erstmal die Kosten für ihren Arztbesuch selbst vorstrecken sollen, um dann vielleicht das Geld irgendwann von ihrer Krankenkasse zurückzubekommen. Damit wird jeder Arztbesuch für Zwangsverarmte zum Russischen Roulette: Ist das Geld nicht da, muß man sich eben mit seiner Krankheit abfinden. Oder sich Geld leihen, sofern man noch jemanden findet, und dann befürchten, es nicht (zeitnah) zurückzahlen zu können, weil die Krankenkasse meint, nicht oder erst nach Monaten zahlen zu müssen.

Ich stelle mir das gerade für meine letzte akute Krankheit vor: Gastritis plus Gallensteine. Was wäre passiert, wenn ich die Notaufnahme im Krankenhaus und später den Internisten erstmal hätte selbst bezahlen müssen, ohne das zu können? „Pech gehabt, Mädchen, warte halt auf den Magendurchbruch, dann ist alles schnell vorbei?”

Oder, als ich mir die Zähne machen lassen mußte, weil ich sie mir buchstäblich selbst zerbissen hatte (Verspannungen/Depression): Das war ein hoch vierstelliger Betrag. Ich würde heute ohne Zähne herumlaufen, hätte ich den Zahnersatz und die dazugehörige Behandlung (Abschleifen der Rest-Zähne und mehrere Brücken, danach noch eine Beißschiene für die Nacht) selbst vorlegen müssen. Es sollte sich herumgesprochen haben, daß ein kaputtes Gebiß weitere Krankheiten auslösen oder begünstigen kann.

Die Behauptung, es ginge um Transparenz, ist natürlich dreist gelogen. Wenn man den Patienten mitteilen wollte, wieviel ihre Behandlung kostet, würde es genügen, wenn die Krankenkassen in einem vorgegebenen zeitlichen Rhythmus Abrechnungen an die Patienten verschicken. Dafür ist es nicht notwendig, kranken Menschen die Solidarität der Gemeinschaft zu versagen und sie mit den Kosten erst einmal allein zu lassen — um hinterher, sofern sie sich den Arztbesuch überhaupt leisten konnten, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht das Geld zurückbekommen könnten.

Auch sonst hat sich die Gesundheitspolitik ja schon in den letzten Jahren, im Prinzip seit der asozialen Zwangsverarmungsgesetzgebung namens Hartz IV, alle Mühe gegeben, die Gesundheitsversorgung für Bedürftige salamitaktik-artig immer weiter zu reduzieren. Notwendige Brillen werden beispielsweise schon lange nicht mehr bezahlt. Ich habe damit noch relativ Glück: Meine letzte Brille kostete 123 €; andere müssen für ihre notwendige (!) Brille mal eben 500 € oder mehr hinlegen — oder eben schlechter sehen und dann am besten ins nächste Auto laufen.

Die Aufforderung an die Bundesregierung, das Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes endlich wieder mit Leben zu füllen, wird natürlich auch hier wieder unbeachtet verhallen. Stattdessen wird hier weiterhin fahrlässige Körperverletzung und Tötung gegen Zwangsverarmte betrieben als Strafe dafür, daß diese es wagen, für die Wirtschaft unbrauchbar zu sein.

Die Bonzen der FDP müssen sich darüber natürlich keine Gedanken machen. Sie bekommen ihre Gesundheitskosten ja vom Steuerzahler, ohne daß dieser das hinterfragt.

Richtig peinlich ist dann noch, daß zumindest offiziell ein Teil der Mediziner zustimmt:

Entsprechend angetan sind die Mediziner von Röslers Plänen: „Die Kostenerstattung schafft Transparenz – und zwar für Patienten und Ärzte gleichermaßen“, lobt Andreas Köhler, Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).

Herr Vorstandschef Andreas Köhler: Hippokratischer Eid IN YOUR FACE! Tip: Da steht nicht als erstes „abkassieren” sondern „helfen”. Es ist zu hoffen, daß andere Ärzte sich noch an den Sinn ihres Berufs erinnern und sich auf die Seite der Patienten stellen, statt bei der fahrlässigen Körperverletzung der Bundesregierung mitzuspielen.

2 Kommentare zu “Entsolidarisierung”

  1. vera quakte:

    Fahrtkosten für notwendige Untersuchungen werden bereits jetzt selbst im Fall eines Bruchs nicht übernommen. Nur mal so zur Ergänzung. #Liebermann


  2. Leserin quakte:

    Hallo,

    Transparenz würde es nur in dem Maße, daß grober Abrechnungsmißbrauch eingedämmt werden kann. Aber der kleine Missbrauch geschieht mittlerweile industriell. Die meisten Mediziner machen ihre Abrechnungen nicht mehr selber, sondern lassen machen. Und da geschieht das mittlerweile hochautomatisiert, wo bei einer Behandlung das letzte Quäntichen herausgequetscht wird (ich finde das ziemlich unappetitlich :(). Wenn da ein systematischer absuchtlicher Fehler eingebaut ist, dann kann das kein Patient überprüfen.

    Natürlich freuen sich die Mediziner, wenn alle Patienten vorstrecken sollen, denn dann haben sie den Ärger mit der Krankenkasse nicht mehr.
    Wenn dann wäre folgender Ansatz richtig:
    a) Mediziner stellt behandlungsabrechnung
    -> Patient bekommt diese
    b) Patient nickt ab (oder auch nur Teilweise
    c) Mediziner wird die Arbeit durch die KK bezahlt.

    alles andere wäre nicht zumutbar.

    Ganz nebenbei gehört die Medizinerhaftung für miese Arbeit (gerade im Zahnersatz wird viel schlechte Arbeit abgeliefert… oft Dinge, die man keinem Bauhandwerker je abnehmen würde…) erhöht werden (und zwar unversicherbar, sonst spornt es sie nicht an).

    Leider aber ist in D der lobbyismus zu stark :/

    *vor sich hingrummelnd*


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