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Wohin mit den Bahn-Milliarden?

13. Oktober 2010 um 23:55 Uhr von Atari-Frosch

DirekteAktion startete eine Blogparade Wohin mit den Bahn-Millarden? und stellt die Frage:

Nehmen wir mal an, die (derzeit) vorsichtig geschätzten 6,9 Mrd. Euro ständen zur Verfügung: Was ist wäre eurer Meinung damit zu tun?

Die Leistungs-Defizite der Bahn, die dringend zu beheben wären, sind meiner Ansicht nach:

  • Massive Investitionen in den Nahverkehr. Im Nahverkehr hat die Bahn wesentlich mehr Kunden als im Fernverkehr, trotzdem wird er nachrangig behandelt. Züge kommen zu spät oder fallen ganz aus, und in Berlin (S-Bahn) haben sie sogar sicherheitstechnische Mängel. Die Taktungen insbesondere an Wochenenden und nachts sind unter aller Kanone.
  • Was die Sicherheit angeht, sind die Wartungsintervalle für die Züge wieder soweit zu verkürzen, daß man nicht bei jeder Fahrt mit dem Schlimmsten rechnen muß. Außerdem sind die Züge und die Strecken (Weichen etc.) winterfest zu betreiben. Dafür ist entsprechend Personal einzustellen und auszubilden. Außerdem ist dafür zu sorgen, daß die Klimaanlagen die zu erwartenden Sommer-Temperaturen aushalten und abfangen; aufgrund des Klimawandels ist bekanntermaßen mit weiterhin steigenden Temperaturen in den Sommern zu rechnen.
  • Sowohl im Nah- als auch im Fernverkehr ist endlich dafür zu sorgen, daß Einstiegshilfen für Rollstuhlfahrer etc. direkt an den Zügen und von den Betroffenen selbst bedienbar eingerichtet werden. Bisher gibt es an wenigen Regionalzügen Rampen, die jedoch vom Bahnpersonal bedient werden müssen. Um Mißbrauch zu vermeiden, könnte beispielsweise der bereits für Behinderten-Toiletten ausgegebene Euroschlüssel zur Bedingung gemacht werden. Es kann jedoch nicht sein, daß ein Rollstuhlfahrer spät abends oder nachts nur deshalb nicht reisen kann, weil am Zielbahnhof kein Personal mehr anwesend ist, um die Rollstuhlrampe heranzufahren, und dann vielleicht ein Hotelzimmer buchen oder auf die Fahrt ganz verzichten muß.
  • Aus dem gleichen Grund ist eine wesentlich bessere Wartung der Aufzüge an den Bahnhöfen notwendig. Barrierefreie Züge nützen gar nichts, wenn sie dann doch nicht erreichbar sind.
  • Was bei der Bahn ebenfalls nicht funktioniert, ist die Kommunikation mit den Kunden. Verspätungen sind sicher nicht immer vermeidbar, werden aber oft erst dann durchgesagt und angezeigt, wenn der Zug eigentlich schon im Gleis stehen sollte. Außerdem werden — zum Schönen der Statistik? — Verspätungen oft zu gering angegeben. Bei angesagten 5 min Verspätung kann man sich generell auf 10 min einstellen, bei 10 auf bis zu 20. Gerade bei Verspätungen klappt außerdem die Information über Anschlußzüge nicht immer.
  • Im Fernverkehr (insbesondere ICE) sollten die Sitze in der 2. Klasse neu angeordnet werden. Es kann doch nicht sein, daß man, um seine Beine nicht verknoten zu müssen, 1. Klasse buchen muß. Ich bin nun nicht gerade sehr groß, habe aber im Verhältnis recht lange Beine. An einem Reihenplatz weiß ich nicht mehr, wohin damit, wenn vor mir auf dem Boden auch noch mein Handgepäck Platz finden soll, und an den Tischplätzen stößt man ständig mit den Beinen des Gegenübers aneinander. So nebenbei sind manche „Fensterplätze” zwar an der Fensterseite, aber man sieht trotzdem nichts, weil an der Stelle eine breitere Wand ist. Dann soll man mir das bitte auch nicht als Fensterplatz, sondern maximal noch als Außenplatz verkaufen.
  • Außerdem ist in den Fernzügen zu wenig Platz für Gepäck vorhanden. Nicht jeder kann es sich leisten bzw. nicht für jeden ist es möglich, sein Gepäck mit Hermes zu verschicken. Wenn ich komplett gepackt habe, habe ich einen großen Trolly, meine Gitarre und Handgepäck (Stofftasche, Kameratasche, Notebook) dabei. Schon mehr als einmal mußte ich mich von anderen Fahrgästen anpampen lassen, weil die Gepäckablage voll war und mindestens der Trolly im Weg stand. Merke: Die meisten Fernreisenden sind eben nicht Geschäftsleute mit Aktenköfferchen, sondern Leute mit richtig Gepäck. Und seine Jacke kann man oft auch nicht vernünftig aufhängen.
  • Dann wären da noch so Kleinigkeiten wie deutlich mehr Steckdosen, und nicht mehr nur eine pro 4er-Tischplatz in den ICEs (teilweise ist das sogar in den neueren ICs besser) und endlich mal WLAN mindestens für alle ICE, und zwar nicht über überteuerte und zensierte (!) T-Online-Hotspots, sondern einfach frei für alle.
  • Wo der Service auch nicht funktioniert, ist in den Schalterhallen. Um im Düsseldorfer Hauptbahnhof am Schalter ein Ticket zu kaufen und/oder eine Information zu bekommen, muß man tagsüber, egal zu welcher Zeit, 20 bis 30 Minuten Wartezeit einplanen. Im Stehen, natürlich. Die Einführung eines Systems mit Nümmerchenziehen wie bei der ARGE hat daran nichts geändert. Wohl dem, der seine Tickets online kaufen oder am Automaten ziehen kann und keine extra Auskunft benötigt. Und daß man auf die Einlösung seiner Bonuspunkte für einen Freifahrschein mindestens eine Woche lang warten muß und das eben nicht einfach (mit der BahnCard) am Automaten oder am Schalter geht, ist auch so ein Unding.
  • Die Preissteigerungen der letzten Jahre sind wegen der ständig steigenden Mängel mit nichts mehr begründbar. Sie sind daher zurückzunehmen. Die Fahrt von Düsseldorf nach Berlin stieg von etwa 75,00 € in 2001 auf mittlerweile 100,00 €, und die Reservierung für mindestens jetzt 2,50 € ist quasi Pflicht, weil die Züge meistens sehr voll sind. Die BahnCard 50, die mal für 200,00 € zu haben war, liegt jetzt schon bei 230,00 €. Und jedes Jahr werden im September neue Steigerungen angekündigt. Das alles offenbar nicht, um die Leistungsfähigkeit der Züge zu erhalten und zu verbessern, sondern einzig und allein zu dem Zweck, einen möglichst großen Finanzpuffer für den geplanten Börsengang anzulegen.

Ich kann nicht einschätzen, wieviel die geforderten Maßnahmen kosten. Aber mit knapp 7 Mrd. Euro läßt sich doch sicher einiges anfangen ...

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