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Alles nicht so gemeint?

22. April 2011 um 13:33 Uhr von Atari-Frosch

Die SPD kam nach einem Gespräch mit Thilo Sarrazin zu dem Ergebnis, daß man diesen nicht loswerden wolle. Andrea Nahles verkündete:

Es sei eine «konstruktive, respektvolle, ernsthafte und intensive Diskussion» mit allen Beteiligten geführt worden, betonte Uken. «Wir haben uns darauf verständigt, uns als SPD nicht auseinanderdividieren zu lassen, auch nicht durch Interpretationen von außen», sagte die Vorsitzende.

Aha. In dem erwähnten Gespräch ging es, wenn der Bericht der Rheinzeitung hier vollständig ist, offenbar nur um die Ausländerhetze des Herrn Sarrazin. Dem verblüfften Leser wird erklärt: Das war alles gar nicht so gemeint!

versus

2. Mir lag es fern, in meinem Buch Gruppen, insbesondere Migranten, zu diskriminieren. Vielmehr sollten meine Thesen auch der Integration von Migrantengruppen dienen, die bislang aufgrund ihrer Herkunft, sozialen Zusammensetzung und Religion nicht bereit oder in der Lage waren, sich stärker zu integrieren. Es entspricht nicht meiner Vorstellung, dass diese Gruppen bei eigenen Anstrengungen und einer ergänzenden Bildungspolitik etwa aus genetischen Gründen nicht integriert werden könnten. Mir ging es also darum, schwerwiegende Defizite der Migration, Integration und Fehlentwicklungen der Demografie in Deutschland anzusprechen, eine fördernde Integrationspolitik und Demografiepolitik zu entwickeln und dafür insbesondere die vorhandenen Defizite des Bildungssystems zu überwinden.

(Quelle: Die Erklärung Sarrazins von der SPD-Schiedskommission bei tagesschau.de)

Gar nicht so gemeint?

Warum hat er das dann alles gesagt und geschrieben bw. von der BILD und anderen schreiben lassen?

Ich interpretiere die Aussage aus seiner Erklärung jetzt mal so, daß er mit all seinen Provokationen, Beleidigungen, Lügen, verdrehten bis falschen Tatsachen und Demütigungen nur dafür sorgen wollte, daß die Leute doch endlich das tun, was der Herr Sarrazin für richtig hält. Habe ich das so richtig verstanden? Man dürfte demnach auch und gerade in hohen Positionen Menschen und Menschengruppen beliebig beleidigen, um sie dazu zu bringen, wie gewünscht zu funktionieren? Das wäre mal zumindest eine, sagen wir mal, interessante Art der Politik. Will die SPD eine solche Politik verteidigen, vielleicht sogar vertreten?

Eine Alternative bestünde darin, daß das alles über die Jahre nur so dahergeplappert war. Damit steht die SPD zu einer Politik der verantwortungslosen Daherplapperei, die keine Menschenwürde achtet und strafrechtlich mindestens fragwürdig ist.

Beides wäre für sich genommen schon schlimm genug, wenn Herr Sarrazin nur einfaches Parteimitglied oder von mir aus der Vorsitzende eines Dackelzüchtervereins in Kleinkleckersdorf wäre. Aber nein, der Mann hat(te) richtig fette öffentliche Ämter und damit das Ohr der Massenmedien. Das wird eben nicht nur am Stammtisch in Kleinkleckersdorf, sondern in ganz Deutschland und darüber hinaus verbreitet.

Im September letzten Jahres klang das alles von Seiten der SPD noch ganz anders. Da tönte Sigmar Gabriel:

Klar sei aber auch, dass die SPD nicht identifiziert werden wolle mit Aufforderungen an den Staat, über Vererbung in die Bevölkerungsentwicklung einzugreifen. Sarrazin müsse im Zuge der Diskussion sagen, ob er „diese Eugenikdebatte aufrecht” halte oder nicht, sagte Gabriel. Davon werde die Entscheidung über den Parteiausschluss abhängen. Sarrazin hatte in der hitzigen Debatte über sein Buch davon gesprochen, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen, und vor einer Überfremdung Deutschlands durch weniger intelligente Ausländer gewarnt.

Und jetzt — alles nicht so gemeint.

Die Hetze gegen Langzeitarbeitslose und andere Zwangsverarmte fiel bei den „konstruktiven Diskussionen” bei der SPD gleich ganz unter den Tisch. Das war wohl auch alles nur ein Versehen und alles nicht so gemeint?

Zu diesen Themen möchte man sich nun in der SPD nicht „auseinanderdividieren” lassen. Das sagt für mich verdammt viel über die offizielle Haltung der SPD zu den genannten Gruppen aus. Für die SPD ist es — im Gegensatz zu den Verlautbarungen vom letzten September — offenbar damit in Ordnung, was der Herr Sarrazin so verbreitet bzw. via BILD verbreiten läßt. Die SPD hat damit wohl auch in Zukunft keine Probleme damit, Menschen auszugrenzen.

Gut zu wissen, SPD, daß Ihr Euch mit Volksverhetzern verbunden fühlt.

Nach mehreren Jahren der Hetze (ich finde spontan in Google Quellen bis 2008 zurück) kann mir Thilo Sarrazin nicht mehr erzählen, daß das alles „nicht so gemeint” gewesen sei, wie es in der Öffentlichkeit verstanden wurde.

Bei der Bundesbank hat man sich auf so eine Taktik übrigens nicht eingelassen. Dort ist er allerdings von selbst gegangen und hat dem abzusehenden Rauswurf damit vorgegriffen. Und der war so gemeint.

[Update 2011-04-22 23:00] Innerhalb der SPD ist man über diese Entscheidung offensichtlich nicht ganz so glücklich. Liebe SPD-Mitglieder, dann müßt Ihr wohl mal Eure Parteispitze rauswerfen, sonst hat Eure Partei endgültig verschissen. Alternative: Austreten. [/Update]

4 Kommentare zu “Alles nicht so gemeint?”

  1. rhein main quakte:

    Schau an, jetzt kann der Sarrazin doch in der SPD bleiben und das ziemlich stressfrei. Was haben die Nahles und der Gabriel getönt. Was heisst das jetzt für mich, ist das alles richtig was der Sarrazin sagte und sind das SPD Positionen. Schon komisch. Irgendwie schafft sich die SPD mit einem solchem Verhalten wohl selbst ab.


  2. ElBarto quakte:

    Ach, der Thilo ist doch gar kein Rassist. Der hetzt doch auch keine Deutsche. Also, alles halb so wild und nicht so gemeint. Was die Sozen da abziehen ist mehr als peinlich. Aber was will man von denen nach Agenda 2010 auch noch gross erwarten?


  3. resident_alien quakte:

    Boah wie peinlich!Ich schäme mich,dass ich je SPD gewählt habe!Geht nicht nur mir so,die ersten Austritte haben schon stattgefunden,nach dem Motto:“Wenn ihr den behalten wollt,müsst ihr auf mich verzichten!“ Menschenskinder,selbst die Kürbisse von der FDP haben weiland den Möllemann ausgeschlossen wegen Äusserungen,die verglichen mit Torfhirn-Thilo schon gemässigt klingen…SPD is dead,yo!


  4. arkay3 quakte:

    Ich frage mich: Was haette die SPD verloren, wenn sie Sarrazin rausgeworfen haette? Welchen plausiblen Grund gibt es ihn zu behalten? Sarrazin als zukuenftiger Kanzlerkandidat? Sarrazin for president? Das kann es doch nicht sein…


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