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Lebenskünstler

29. April 2011 um 23:02 Uhr von Atari-Frosch

Der Leiter der Bundesagentur für Arbeit(slosenverwaltung), Heinrich Alt, ließ heute verlauten:

Nur Lebenskünstler können von 364 Euro leben.

Desweiteren erfahren wir:

Den Hartz-IV-Regelsatz hält er für zu niedrig. [...] Der Betrag sei nur zur Überbrückung vertretbar - auf lange Sicht sei er menschenunwürdig.

Is' nich' wahr! Das fällt dem jetzt schon auf?

Allerdings schränkt er auch gleich wieder ein:

Allerdings würden nur ein Drittel der Hartz-IV-Bezieher allein vom Regelsatz leben - rund 1,4 Millionen Menschen würden hinzuverdienen und Alleinerziehende Zuschläge erhalten.

Also erstmal: In der Rechnung kann was nicht stimmen. Ein Drittel von welcher Zahl? Von den offiziellen 3,x Mio. Langzeitarbeitslosen, oder von den 6,5 Mio. tatsächlichen Hartz-IV-Beziehern? Aber eigentlich egal: Denn wenn ein Drittel von welcher der beiden Zahlen auch immer ausschließlich vom Regelsatz leben, worauf beziehen sich dann die 1,4 Mio., oder gibt es noch eine dritte, nicht erwähnte Gruppe?

Und was ist mit denen, die vom Sozialsatz abhängig sind, weil sie Grundsicherung (wegen Erwerbsunfähigkeit oder zur Erwerbsunfähigkeitsrente dazu oder wegen niedriger Altersrente) beziehen müssen? Sind die auch eingerechnet?

Aber eigentlich schon wieder egal: Es bleibt nämlich weiterhin eine Gruppe von mindestens einer Million Menschen übrig, die eben doch ausschließlich von diesem Regelsatz leben müssen. Es bleibt weiterhin eine nicht gerade kleine Gruppe von Menschen übrig, die darauf dauerhaft angewiesen sein werden. Und jeder Einzelne, Herr Alt, der auf diesen von Ihnen selbst als menschenunwürdig bezeichneten Regelsatz ausschließlich angewiesen ist, ist einer zuviel in einem Staat, der sich Sozialstaat nennen will!

Allerdings weiß ich jetzt genau, was ich schreibe, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde: Lebenskünstler. Hat ja schließlich der Heinrich Alt gesagt. 🙂

Eine genauso dolle Erkenntnis wie des Herrn Alt gab es schon gestern zu lesen. Die Süddeutsche berichtete unter der Überschrift Kinder in Deutschland: Ärmer, dicker, kränker von einer Studie, zu welcher die Wissenschaftler

[b]estürzt [...] fest[stellen], dass mit der Armut auch die Gesundheitsrisiken rapide wachsen.

ACH NEE!

Auch diese Erkenntnis ist nun nicht neu. Bereits 1999 (mit Bezug auf eine Studie von 1997) berichtete das Deutsche Ärzteblatt unter dem Titel Armut und Gesundheit: Soziale Dimension von Krankheit vernachlässigt, daß „Bevölkerungsgruppen, die besonders von Armut betroffen sind, [...]ein signifikant erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko [haben].” Aufgeschlüsselt sieht das so aus:

Arbeitslose im Vergleich zu Beschäftigten
Sterblichkeit erhöht um 20 - 90 %
körperliche Erkrankung erhöht um 30 - 80 %
psychische Leiden erhöht um ca. 100 %
Gesundheitszufriedenheit negative Bewertung 3x häufiger
Quelle: Rosenbrock, 1997

Die Erkenntnis hatte eigentlich auch schon die Bundesregierung, und zwar spätestens seit 2008: Zum Zusammenhang von Armut, Schulden und Gesundheit — Forschungsergebnisse des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin fließen in 3. Armuts- und Reichtumsberichtsentwurf der Bundesregierung ein). Aber Hartzer sind schließlich keine reiche Atomlobby und keine Bank-Manager, die geben keine Galas und laden nicht zu schicken Urlauben ein, nicht wahr? Deshalb kann man das immer und immer und immer wieder getrost ignorieren. Sollen die doch erstmal ordentlich dafür bezahlen, damit sie gehört werden!

Mit der Suchbegriffs-Kombination armut gesundheit zusammenhang finden sich noch mehr Artikel dazu. Aber die Hartz-Politiker konnten das natürlich alles gar nicht wissen.

3 Kommentare zu “Lebenskünstler”

  1. Eostre quakte:

    Besser spät als nie! Immerhin hat der Herr Alt den Hintern in der Hose, diese Wahrheiten öffentlich zu machen. Das nenne ich Courage. Offensichtlich bekleidet keineswegs immer raffgieriges Gesindel die gutbezahlten Spitzenposten.


  2. frosch quakte:

    @Eostre: Leider muß man das relativ sehen. Mittlerweile ist ja das komplette Interview des Tagesspiegel online verfügbar: „Nur Lebenskünstler können von 364 Euro leben”, und da sagt er auch so Sachen wie

    Wir müssen im Hochlohnland Deutschland einen Weg finden, wie wir Menschen eingliedern können, die nicht so produktiv sind.

    Hochlohnland? Hallo? Wieviele arbeiten mittlerweile im sogenannten Niedriglohnsektor? Für Menschen in seiner Position mag Deutschland noch ein Hochlohnland sein, aber für die Mehrheit ist es das längst nicht mehr.

    Hartz IV hat sich gelohnt. Früher wurden die Menschen alimentiert, jetzt arbeiten wir mit ihnen an ihren Problemen, wir aktivieren sie.

    Ja ne is klar. Komisch, daß Hartzer das überwiegend ganz anders sehen. Hartz IV hat sich nur für die gelohnt, die es haben wollten: Arbeitgeber, die auf einen Markt von Arbeitskräften zugreifen wollen, die aus Existenzangst bereit sind, jeden Job für jeden noch so mickrigen Lohn zu machen. Getragen von der Bertelsmann-Stiftung. Obwohl von einer verschröderten SPD mit den Grünen eingeführt, haben die ach so christlichen Nachfolge-Regierungen sie nicht etwa wieder entsorgt, sondern immer weiter verschärft — das hilft der eigenen Klientel. Das derzeitige Gerede von der bald möglichen Vollbeschäftigung heißt nur: Wir haben Angst davor, daß uns die Zwangsarbeiter ausgehen.

    Wir neigen in Deutschland dazu, jedem Einzelfall gerecht werden zu wollen.

    Nein, das tun wir gerade nicht, im Gegenteil. Es wäre endlich mal an der Zeit, genau das zu tun: Den individuellen Menschen gerecht zu werden, und nicht einem Schema mit dem Stempel „Hartzer”. Das entspräche übrigens auch dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 9. Februar 2010. Und dem Grundgesetz. 🙂

    Hinter dem zitierten Satz fehlte mir ursprünglich auch der Nachsatz:

    Nur Lebenskünstler können auf Dauer von 364 Euro im Monat leben. Als Überbrückung ist das vertretbar, aber auf lange Sicht ist Transferbezug menschenunwürdig. Deswegen sollten wir daraus auch keinen Dauerzustand werden lassen.

    Daß es Menschen gibt, bei dem das wegen dauerhafter (eingeschränkter oder vollständiger) Erwerbsunfähigkeit nicht änderbar ist, sagt er nicht. Die gibt es für ihn offenbar nicht. Auch die Tatsache, daß es mehr arbeitsfähige Menschen als (ordentlich bezahlte!) Arbeitsplätze gibt, ignoriert er damit konsequent.


  3. Gardiners-Seychellenfrosch quakte:

    Bei mir funktioniert nur das griechische Modell, von der Großmutter-Rente lebt die ganze Familie…


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