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#bpt11.1 in Heidenheim

18. Mai 2011 um 14:35 Uhr von Atari-Frosch

Mittlerweile habe ich mich einigermaßen erholt (nein, keine Piratengrippe, nur psychische und physische Erschöpfung), daher möchte ich davon berichten, wie ich den Bundesparteitag der Piratenpartei in Heidenheim erlebt habe.

Anfang April fragte ich auf Twitter nach einer Übernachtungsmöglichkeit in Heidenheim, nachdem bekannt geworden war, daß der Landesverband NRW der Piratenpartei einen Bustransfer für nur 40 € hin und zurück anbieten wird. Bevor ich den Busplatz buchte, wollte ich die Übernachtungsmöglichkeit sicher haben. Das Camp kam für mich nicht in Frage; sowas macht mein Rücken nicht mehr mit. Prompt kam eine Reaktion per Mail: Ich solle mich doch mit einem Piraten vor Ort in Verbindung setzen. Das klappte auch prompt, also buchte ich auch den Busplatz und bezahlte gleich per Online-Überweisung.

Dazu gab es dann noch eine Rückfrage, weil ich noch kein Parteimitglied bin. Wie, werden sich einige Blog-Leser fragen, da war doch schonmal was? — Richtig, aber dieser Mitgliedsantrag von letztem Jahr war entweder nie angekommen oder dann verpeilt worden, jedenfalls habe ich nie Antwort bekommen. Also mußte ich dem Landesverband erst noch meine Adresse mitteilen, dann bekam ich mein Ticket.

Dann gab es am Freitag Nachmittag noch einige Verwirrung. Rein zufällig hatte ich durch einen Tweet von CaeVye erfahren, daß sich die Abfahrtszeit des Busses an den Haltepunkten (Hamm/Westf., Dortmund, Essen, Köln, Frankfurt) geändert hatte. Und danach änderte sie sich nochmal. Weil ich nicht früh um halb drei in Köln rumstehen wollte, entschied ich mich dafür, bereits um 0:55 Uhr in Essen zuzusteigen; zum Glück war diese Änderung problemlos machbar.

Ich hatte damit auch die Hoffnung verbunden, im Bus länger schlafen zu können, aber daraus ist dann leider nichts geworden. Es kamen vielleicht zwei Stunden Schlaf zusammen, weil es im Bus einfach zu unruhig war.

Mit dem Busfahrer hatten wir einen echten Glücksgriff getan. Er war nerdkompatibel und pflegte einen sehr ruhigen Fahrstil. Ich habe in früheren Jahren schon ganz andere Busfahrer erlebt; solche, die alle jüngeren Frauen der Reisegruppe anbaggerten und sogar schon das Handtuch für's Schäferstündchen dabei hatten, zum Abwischen, damit's keine Flecken gibt, Du verstehst ... oder solche, die gefahren sind wie die Henker oder sogar einige Stunden vor einer längeren Fahrt noch größere Mengen Alkohol konsumiert hatten. Insofern fand ich diesen Fahrer als äußerst angenehm. Und er hielt sich streng an die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen, auch das ist wohl nicht unbedingt selbstverständlich.

Nur in Heidenheim hat er sich dann mal noch kurz verfranst, ich habe was davon gehört, daß sein Navigationsgerät Schweden besser als Deutschland kennt. Ich finde es übrigens immer wieder erstaunlich, wie man einen so großen und breiten Bus, in diesem Fall auch noch einen Doppelstöcker, durch so enge Gassen lenken kann, ohne irgendwo anzuschrammen. Heidenheim liegt außerdem in einem Tal, die Straßen und Sträßchen gehen also beidseitig hangaufwärts.

Aber OK, am Ende kamen wir noch rechtzeitig zur Akkreditierung am Congresszentrum an. Dort hieß es erst einmal: Schlangestehen. Denn niemand hatte damit gerechnet, daß so viele Piraten ihren Mitgliedsbeitrag in bar leisten wollten. Die meisten davon waren natürlich keine Neumitglieder, sondern es ging um Folgebeiträge. Ich hatte den Mitgliedsantrag und die Erlaubnis zum Lastschrifteinzug vorher daheim ausgedruckt und ausgefüllt, aber das genügte nicht: Weil ich eine Vergünstigung haben wollte, mußte ich noch einen dritten Vordruck ausfüllen. Der mußte dem Landesvorstand von NRW vorgelegt werden zur Genehmigung, und dann durfte ich grad nochmal in die Schlange ...

Dazwischen packte ich aber schonmal mein Gepäck runter in den eigentlichen Saal. Dort standen Tischreihen in drei Abschnitten längs zur Bühne, auf jedem zweiten Tisch ganz selbstverständlich eine 5fach-Steckdosenleiste, auf jedem Reihenabschnitt ein großer Switch. Welche Partei macht das sonst noch? 😉

Mit der üblichen Verpeilungs-Verzögerung wurde der Parteitag um etwa 10:20 Uhr eröffnet. Erst gab es einige Eröffnungsreden, und sogar der Oberbürgermeister von Heidenheim, Bernhard Ilg, begrüßte den Piraten-Parteitag. Dabei unterlief ihm noch ein unbewußter Patzer: Er begrüßte uns mit „liebe Piratinnen und Piraten”; prompt kamen Buh-Rufe. Der arme Mann guckte ganz irritiert, bis ihm jemand freundlich erklärte, daß Piraten (überwiegend) nicht gendern 😉

Wahlergebnisse Bundesvorstand

Der Tag ging herum mit Verabschiedung des alten Vorstands, diversen Ansprachen und der Wahl eines kleineren Teils des neuen Vorstandes. Eine regelrechte Pause gab es nicht; man mußte sich zwischendurch etwas zu Essen besorgen. Vor dem Saal gab es einen Futterstand, an dem man sich mit heißen Würstchen, Käsespätzle oder Maultaschen zu günstigen Preisen versorgen konnte, aber es war (zumindest offiziell) untersagt, das Essen oder auch offene Getränke mit in den Saal zu nehmen. Man konnte also nichts essen, ohne etwas zu verpassen. Andererseits hielt das natürlich die Warteschlange am Futterstand erträglich kurz.

Es war ziemlich schnell abzusehen, daß die Vorstandswahl nicht an einem Tag abzuwickeln war. Piraten sind einfach zu diskussionsfreudig — das sehe ich zwar durchaus positiv, und das hebt uns auch von anderen Parteien ab, aber das heißt auch, daß die klassischen Schemata eines Parteitages nicht mehr funktionieren. Jeder Kandidat hatte fünf Minuten, um sich vorzustellen, und danach konnten Fragen gestellt werden. Mit den fünf Minuten Redezeit allein wäre alles kein Problem gewesen, aber die Antworten auf die Fragen zogen sich teils zu halben Romanen. Einzelne Kandidaten wurden bis zu 20 Minuten lang befragt.

Zwischendurch gab's da noch den Fashmob oder #abendgarderobeflashmob, bei dem man Piraten in piekfeinen Klamotten bewundern durfte und für den doch so wenig Zeit blieb, zusammen mit dem Weltrekordversuch, so viele politische Menschen wie möglich auf einem riesigen (aus mehreren zusammengesetzten) Foto zu zeigen.

Abendgarderobe-Flashmob

Als der erste Tag endete, war es, glaube ich, schon 20:00 Uhr. Zwischendurch fragte ich mich dann noch zu meinem Übernachtungs-Gastgeber durch. Ich hatte mir den Namen nicht notiert und kam auch nicht auf meinen Rechner zu Hause, um dort nachzusehen (der neue Router hat die dumme Angewohnheit, nach dem 24-Stunden-Disconnect der Telekom die Verbindung nicht automatisch neu aufzubauen, und selbst wenn er das tun würde: DynDNS funktioniert auch nicht mehr; daher hatte ich den PC am Freitagabend runtergefahren). Also mußte ich den Menschen, von dem ich nur noch den Vornamen wußte, erstmal suchen, und fand ihn schließlich bei der Orga.

Jegliche abendlichen Vergnügungen, die angeboten wurden, ließ ich sausen. Es gab in Heidenheim eine Musik-Nacht mit 35 Bands in 32 „Locations”, und die AG Schnittchen hatte ein großes Grillen auf dem Camp vorbereitet. Aber ich wollte nur noch schlafen. Abgesehen davon, daß bei meinen Gastgebern nachts um ein Uhr ungeplant ein Wecker lospiepte (der, wie mir versichert worden war, in den letzten zwei Wochen davor keinen Ton von sich gegeben hatte), klappte das mit dem Schlafen dann auch.

Neuer Teil des Heidenheimer Schlosses

Ausblick vom
Balkon meiner
Gastgeber

Nach einer Dusche und Frühstück durfte ich den Service genießen, vom Piraten-Shuttle-Bus abgeholt zu werden. Beim Losgehen vergaß ich dann noch fast mein Duschzeug. Diesmal an der Halle alles viel einfacher, kein Schlangestehen mehr, und neue Akkreditierungsbändchen brauchten nur die, die sie, wie man mir sagte, „letzte Nacht im Suff verloren haben” 😉 Meins war auch beim Duschen nicht abgegangen, aber ich hatte das Gefühl, daß es sich ein wenig zusammengezogen hatte.

Wahlergebnisse stellvertretender Bundesvorstand

Am Sonntag zog sich die Vorstandswahl weiter hin. Es war bald abzusehen, daß für inhaltliche Diskussionen kein Raum bleiben würde. Auch Unterhaltungen zwischendurch waren nicht möglich, näher Kennenlernen nicht eingeplant. Mehr als zu einem „hallo” reichte es selten, wenn man mal jemanden traf, den man bislang von Twitter oder sonstwie aus dem Netz kannte. Da fehlte eindeutig die soziale Komponente.

AG Umwelt

Und auch die Frage nach dieser schönen Leuchttafel der AG Umwelt konnte ich nur zwischendurch während eines Wahlgangs stellen, während wir darauf warteten, unsere Stimmzettel in die Urnen werfen zu können. Es konnte sich auch keine AG vorstellen, wie auch, es wurde ja ständig gewählt ...

Es wurde immer wieder betont, daß wir uns von den anderen Parteien unterscheiden; das heißt aber auch, daß deren Muster, wie zum Beispiel ein klassischer Parteitag, für uns nicht passen. Ein zweiter Parteitag für die inhaltlichen Anträge wurde notwendig und beschlossen. Nur über den Ort muß man sich noch einigen.

CaeVye hat dazu allerdings noch einen weiteren Aspekt aufgeworfen: Da es keine Delegierten gibt, ist die Teilhabe aller Piraten am Parteitag stärker eingeschränkt als bei den klassischen Parteien, was unserer basisdemokratischen Überzeugung eigentlich komplett widerspricht. Am Samstag, also am ersten Tag, wurden 783 stimmberechtigte Teilnehmer gezählt, und nur diese 783 konnten an den Abstimmungen und Wahlen wirklich teilnehmen. Und auch das nur begrenzt: Am Sonntag war von Wahl zu Wahl sichtbar, wie die Anzahl der Gesamtstimmen immer weiter nach unten ging, einfach, weil Einzelpersonen und ganze Gruppen vorzeitig losfahren mußten.

Hier müssen wir uns neue Beteiligungsformen überlegen. Entweder brauchen wir doch Delegierte, oder wir müssen ein Wahlsystem schaffen, an dem alle Piraten teilhaben können, und zwar sehr spontan. Eine Briefwahl, wie von CaeVye angeführt, kann da m. E. nicht funktionieren. Elektronische Wahlen sind bekanntermaßen unsicher, was wir gerade bei diesem Parteitag wieder gelernt haben: Der Liquidizer, mit dem vorab über die Reihenfolge der Anträge abgestimmt worden war, war mittels einer Sicherheitslücke manipuliert worden, sodaß kurzfristig mit einem anderen Verfahren neu über die Reihenfolge abgestimmt werden mußte — auf Papier.

Der Gedanke eines dezentralen Parteitages erscheint auch reizvoll. Der Nachteil ist, daß mindestens eine Gruppe abgeschnitten ist, sobald irgendwo die Technik versagt, und der Rest dann nicht ewig lang warten kann, bis alles wieder läuft. Die Probleme hatten wir ja teilweise schon bei diesem zentralen Parteitag: Das Piratenradio hatte Unterbrechungen, das lokale WLAN soll sehr langsam gewesen sein (keine eigene Erfahrung, ich habe nur LAN genutzt), und am Sonntag ging von etwa 10 bis 12 Uhr in den zwei letzten Reihen rechts von der Bühne der Internet-Zugang nicht: Es wurden zwar IPs zugeteilt, aber man kam nicht raus. Und die ganze Zeit über hatte ich, wenn auch geringe, Paketverluste, was mir insbesondere Twitter immer wieder übelnahm. Mit jedem Tweet bekam ich mitgeteilt: „Ups, das hast Du schon gesagt”, was nur heißen kann, daß durch Paketverluste der ganze Tweet neu geschickt wurde und dann mindestens zweimal bei Twitter ankam.

So nebenbei ist der Saal funkmäßig dermaßen dicht, daß da kein Mobilfunk- oder UMTS-Signal durchkommt. Sämtliche Mobiltelefone waren quasi tot, solange sich ihre Besitzer direkt im Saal aufhielten. Davor (aber noch innerhalb der Halle) konnten die meisten Geräte dann wieder Kontakt aufnehmen.

Für einen dezentralen Parteitag wäre noch viel mehr Technik nötig: Live-Videostreams müßten auf Beamer geleitet werden (dazu muß jede dezentrale Gruppe einen solchen erstmal besitzen), und die Anbindungen aller Orte, nicht nur von einem, müßten stabil laufen. Es ist abzusehen, daß so etwas nicht funktioniert. Stellt Euch mal vor, die Verbindung zu einem Ort reißt ab, während von dort aus ein Kandidat für ein Parteiamt oder ein Antragsteller Fragen beantwortet. Geht nicht, oder?

Themenbezogene Parteitage, die immer nur einen kleinen Teil des Gesamtspektrums abdecken können, wären zwar eine gute Gelegenheit, Themen viel ausführlicher zu diskutieren, bedeuteten jedoch noch mehr Reisen, die sich dann noch weniger Leute finanziell und/oder zeitlich leisten können; und alles, was über Internet organisiert wird, ist potentiell instabil, angreifbar und manipulierbar. Alles nicht so einfach.

Was bleibt? Ich habe zu vielen Twitter-Avataren die passenden Gesichter gesehen und die dazugehörigen Stimmen gehört, insbesondere @DerFizz, @CaeVye, @herrurbach (darüber habe ich mich besonders gefreut), @Felicea und @eckes, @huxi und @Oreo_Pirat. Wiedergesehen habe ich @sqampy, @GrmpyOldMan, @einfachBen, @martinhaase, @tauss, und @forschungstorte und @veloc1ty sowieso.

Sonnenuntergang mit dichten Wolken

Oh, und auf der Rückfahrt fuhren wir in einen fantastischen Sonnenuntergang. 🙂

2 Kommentare zu “#bpt11.1 in Heidenheim”

  1. TheBug quakte:

    Die „Leuchttafel“ der AG Umwelt läuft offiziell unter dem Produktnamen „AgniSign“ und wir sind jetzt an dem Punkt, dass wir langsam mit der regulären Produktion solcher Logos beginnen. Sonderpreise für Piraten und besonders für piratige Anliegen sind natürlich selbstverständlich.

    Zum BPT2011.2 werde ich mit Sicherheit ein paar nette Exemplare mitbringen.


  2. frosch quakte:

    @TheBug Cool! Danke für die Info! 🙂


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