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Internetkompetenz der KriPo

8. Juni 2011 um 15:33 Uhr von Atari-Frosch

Unsere tolle Kriminalpolizei beweist bei der Übernahme einer Website mit zuvor illegalen Inhalten ihre volle Internet-Kompetenz (Screenshot vom 08.06.2011 14:59):

Die Kriminalpolizei weist auf Folgendes hin: Die Domain zur von Ihnen ausgewählten Webseite wurde wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmäßigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen geschlossen. Mehrere Betreiber von KINO.TO wurden festgenommen. Internetnutzer, die widerrechtlich Raubkopien von Filmwerken hergestellt oder vertrieben haben, müssen mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen.

Zunächst mal zu dem, was man sofort sieht:

  1. Die Domain wurde nicht „geschlossen”, sonst wäre sie ja nicht mehr aufrufbar. Stattdessen hat sich die Kriminalpolizei vom Provider Zugang zur Site geben lassen, um ihre eigene Nachricht dort hinterlassen zu können.
  2. Was bitte sind „widerrechtliche Raubkopien”? Gibt es auch rechtliche, also legale „Raubkopien”? Und daß „Raubkopien” ein dummes Wort ist, weil der juristische Tatbestand des Raubes dabei im allgemeinen gar nicht erfüllt wird, sollte sich mittlerweile auch bei der Kriminalpolizei herumgesprochen haben.
  3. Es ist nirgends erkennbar, daß diese Nachricht tatsächlich von der Kriminalpolizei ist. Es wird kein Logo eingeblendet, kein gerichtlicher Beschluß gezeigt, rein gar nichts, was darauf hinweist, daß diese Nachricht von einer deutschen Behörde stammt. So gesehen könnte das jedes Script-Kiddy, das eine passende Sicherheitslücke kennt und weiß, wie damit ein Defacing funktioniert, dort plaziert haben. Nicht mal ein Link auf eine offizielle Polizei-Seite, zum Beispiel mit einer Pressemeldung, wurde gesetzt.

Und das ist der Teil, den man nicht sofort sieht, nämlich der Quellcode dieser hochoffiziellen Nachricht:

<html>
<head>
<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-15">
</head>
<body>
<table border="0" align="center" valign="middle" width="1200">
<tbody>
<tr>
<td width="20%">&nbsp;</td>
<td width="60%">&nbsp;</td>
<td width="20%">&nbsp;</td>
</tr>
<tr>
<td width="20%">&nbsp;</td>
<td width="60%">&nbsp;</td>
<td width="20%">&nbsp;</td>
</tr>
<tr align="center">
<td width="20%" height="200">&nbsp;</td>
<td width="60%">
<h1>Die Kriminalpolizei weist auf Folgendes hin:</h1>
<p>Die Domain zur von Ihnen ausgewählten Webseite wurde wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur gewerbsmäßigen Begehung von Urheberrechtsverletzungen geschlossen.</p>
<p>Mehrere Betreiber von KINO.TO wurden festgenommen.</p>
<p>Internetnutzer, die widerrechtlich Raubkopien von Filmwerken hergestellt oder vertrieben haben, müssen mit einer strafrechtlichen Verfolgung rechnen.</p>
<p></p>
</td>
<td width="20%">&nbsp;</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</body>
</html>

Der verwendete HTML-Standard wurde nicht deklariert. Ein Browser weiß also gar nicht, nach welchem Standard er darstellen müßte. Ich vermute, daß die meisten dann HTML 4.0 Transitional unterstellen, was hier (ohne daß ich das jetzt geprüft habe) sogar passen könnte, weil ja nicht sonderlich viel auf der Seite steht.

ISO-8859-15 kann man als Zeichensatz deklarieren — mache ich auf meiner statischen Website auch; als ich damit angefangen hatte, war UTF-8 noch kaum in Gebrauch, und ich habe es dort dabei belassen. Die Art der Deklaration ist mindestens suboptimal, auch wenn die meistverbreiteten Browser das wohl so verstehen werden. Allerdings kann es sein, daß der Webserver eine andere Zeichensatzdeklaration schickt.

Tabellenlayout ist schon seit einigen Jahren sehr out und bei einer dermaßen einfachen Darstellung völlig unnötig. Ein

<div style="text-align: center; margin: 2em 20% 0 20%;">
<h1>Die Kriminalpolizei ...</h1>
<p>...</p>
</div>

oder ähnlich hätte es auch getan. Dann hätte man nämlich auch auf die wirklich blamablen leeren Tabellenzellen zur Erzeugung von Randabständen verzichten können.

Zur Klarstellung: Nein, ich unterstütze keine kommerzielle, nicht genehmigte Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Werken. Auch als Pirat nicht. Mir geht es ausschließlich darum, zu zeigen, daß unsere Polizei vom Internet immer noch keine Ahnung hat und außerdem nicht in der Lage ist, juristisch korrekte Formulierungen zu verwenden.

Nachtrag 15:44 Uhr: Interessant ist noch diese Erkenntnis:

:~$ host kino.to
kino.to has address 91.228.39.12
kino.to has address 91.223.89.57
kino.to has address 91.223.89.58
kino.to has address 91.228.39.11

:~$ whois 91.228.39.12
[...]
organisation: ORG-DTL22-RIPE
org-name: Digital Technologies LTD
org-type: other
address: 614022, RU, Perm, Tankistov str. 64, of. 2
[...]
person: Alexander Sukhoi
address: Perm, RU, Tankistov str. 64, of. 29
[...]

Das whois für alle vier IPs für kino.to zeigt nach — Rußland. Das heißt, kino.to wird gar nicht in Deutschland gehostet. Das zeigt so nebenbei, daß die internationale Zusammenarbeit bei illegalen Inhalten doch sehr gut funktioniert. Wenn es um Bilder von Kindesmißbrauch geht, wird ja immer das Gegenteil behauptet.

Noch ein Nachtrag, 15:53 Uhr: Der @fasel sagt, auf kino.to selbst wurde keine Inhalte gehostet. Die sind bzw. waren dann wohl eher sowas wie ThePirateBay. Kino.to scheint übrigens jetzt ganz platt zu sein, da wollten wohl alle die tollen HTML-Kenntnisse der Polizei bestaunen 😉

Nu is aber gleich genug mit Nachträgen (16:13 Uhr) 😉 — Seit ein paar Minuten ist kino.to aus dem DNS verschwunden, es gibt keinen gültigen Nameserver mehr für die Domain.

Artikel bei anderen:

6 Kommentare zu “Internetkompetenz der KriPo”

  1. ElBarto quakte:

    Wundert mich ein wenig, das ausgerechnet Russland da mitgemacht hat. Liegt wohl daran, dass kino.to wohl mehr oder weniger ausschließlich von Deutschen genutzt wurde.

    Zitat:“nicht in der Lage ist, juristisch korrekte Formulierungen zu verwenden“

    Ich will jetzt nicht die Polizei in Schutz nehmen, aber müssen sie das zwangsläufig? Sie sind halt Polizisten und eben keine Juristen. Bullenslang sozusagen 😉


  2. comeonecandy quakte:

    Ich vermute mal das der DNS draußen ist, da der Polizeiserver die vielen Anfragen nichteinaml bei dieser kleinen Website standhalten konnte. Oder vielleicht eine DOS Attacke des vermissten 14. Mannes?

    Man wird sehen..


  3. Count Zero quakte:

    Ich glaube nicht, dass man direkt die Polizei für das schlechte HTML verantwortlich machen sollte. Das sieht eher aus, wie ein nicht sehr gut WYSIWYG-Editor.

    Und inzwischen stimmt sogar der Satz, dass die Domain „geschlossen“ wurde 😉


  4. fasel quakte:

    es gibt schon ein Unterschied zu ThePirateBay. Wenn man den Meldungen glauben schenken darf, dann haben die kino.to-Betreiber auch die Streamingdienste und Affiliatelink-Strukturen (das habe ich noch nicht ganz druchblickt) betrieben. Zudem ja auf die Inhalte direkt verlinkt. TPB hat ja nur torrents angeboten, die nur sehr indirekt als Link gewertet können.

    Aber direkt unter kino.to selbst lag eher nichts, sonst wäre die Seite nicht so lange am Netz geblieben.


  5. NichtAngegeben quakte:

    Jetzt mecker doch nicht so über die HTML Kentnisse der Polizei. 🙂
    Da wollten die einmal Geld sparen und ein Beamter, der etwas über HTML weiß oder wie man ein WYSIWYG bedient, hat das mal schnell gemacht.

    Freu dich doch darüber, dass kein Steuergeld für externe Dienstleister verwendet wurde. 😉


  6. koma1980 quakte:

    Ist schon ganz Interessant mit Kino.to. Das Problem liegt ja nur daran, dass keiner die Rechteinhaber bezahlen wollte. Ist so oder so ein komisches Ding mit dem Urheberschutz. Wenn ein Comedian einen Witz erzählt, wird er auch in fast jeder deutschen Schule weitergetratscht und Irgendwann ins Netz gestellt. Wo bleibt da den das Urheberrecht. Ist doch eine Sache der Unmöglichkeit. Aber da werden wir noch ne Weile zuschauen dürfen. Kino.to war bestimmt noch nicht alles.

    MfG


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