Froschs Blog

Computer und was das Leben sonst noch so zu bieten hat

Zur Website | Impressum

Unbeeindruckt

12. Februar 2012 um 17:45 Uhr von Atari-Frosch

Gestern gab es europaweite Demonstrationen gegen das Handelsabkommen ACTA, das unter, sagen wir, fragwürdigen Bedingungen hinter verschlossenen Türen ausgehandelt wurde. Je nachdem, auf wen man hören mag, waren 30.000 bis 120.000 Menschen auf den Straßen. Aber das Europäische Parlament zeigt sich unbeeindruckt:

Trotz zahlreicher Proteste in Deutschland und Europa sieht die Europäische Kommission ACTA auf einem guten Wege. Diskussionsprotokolle der EU-Expertengruppe für den TRIPS-Beirat, die heise online vorliegen, sehen die Proteste gegen ACTA als Ausfluss unzureichender Informationspolitik.

Ich lese das so: Die Demonstranten haben wir nur noch nicht richtig eingelullt, wir müssen unseren Propaganda-Apparat verstärken. Am Ende könnten die Politiker aus diesen Ländern den Demonstranten aus diesem bösen Internet noch zuhören!

Das muß man sich echt mal auf der Zunge zergehen lassen. Die Europäische Kommission sieht die Proteste und die umfangreichen Kritiken im Netz nicht als Grund, mal drüber nachzudenken, was sie da tun, sondern hält es für ein reines Marketing-Problem! „Wir machen schon alles richtig, der Pöbel da draußen ist bloß zu dumm, um das zu verstehen“, oder was?

In den Protokollen werden die Straßenproteste wie die Aktionen gegen Regierungs-Webseiten in Österreich und Tschechien als Aktionen der Netzgemeinde bewertet, die durch mangelhafte Informationen entstanden seien.

Bestätigt. Wir sind nur zu dumm, um zu verstehen, wie wiiiichtig ACTA für uns alle ist. m(

Auch individuelle Proteste wie der Rücktritt des ACTA-Berichterstatters Kader Arif hätten nichts mit ACTA zu tun, sondern seien den bevorstehenden Wahlen in Frankreich geschuldet.

Ach ja? Das hat der Herr Arif aber ganz anders dargestellt (französischer Originaltext sowie Übersetzungen in englisch, deutsch und schwedisch). Somit lügt die EU-Kommission, was den Grund für Kader Arifs Rücktritt angeht. Er dürfte sich jetzt wohl noch ein zweites Mal angepißt fühlen.

Es sei misslich, dass sich die Diskussion von den Freihandelsaspekten weg zu den Grundrechten verschoben habe. Grundsätzlich müsse immer darauf verwiesen werden, dass ACTA Arbeitsplätze in ganz Europa sichere, […]

Ach wie dumm, daß Leute gemerkt haben, daß es in den Ländern des Vertrages mehr oder weniger zu Grundrechtsverletzungen kommen wird. Aber was sind Grundrechte schon gegen Arbeitsplätze! Schließlich soll der Pöbel arbeiten, und nicht Grundrechte in Anspruch nehmen, wo kämen wir denn sonst hin?

Somit ist völlig klar: Die EU-Kommission ist von den EU-Bürgern völlig unbeeindruckt. Sie vertritt einseitig die Interessen von Musik- und Filmindustrie, Verlegern, Pharmaindustrie und weiteren Industriezweigen. Die EU-Bürger dagegen sind Pöbel, der gefälligst zu arbeiten und ansonsten die Propaganda zu fressen und das Maul zu halten hat.

Das ist nicht mein Europa.

Ein Kommentar zu “Unbeeindruckt”

  1. Heiko quakte:

    Die liefern da gerade die besten Argumente für eine grundlegende Reform der EU frei Haus 😉


Kommentieren

Bitte beachte die Kommentarregeln!

XHTML: Du kannst diese Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>