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Autoritäten

7. März 2012 um 21:41 Uhr von Atari-Frosch

Der Artikel von Bruce Levine, Ph. D., den ich am 4./5. März übersetzt habe, läßt mir keine Ruhe. Und das meine ich in einem sehr positiven Sinne! Das klingt jetzt ziemlich guru-artig, aber ich glaube, dieser Artikel und meine Erkenntnisse daraus könnten tatsächlich mein Leben verändern – bzw. ich könnte mit diesen Erkenntnissen mein Leben verändern.

Die erste Erkenntnis ist die Definition von „autoritär/antiautoritär“, die mir so nicht bekannt war:

Antiautoritäre Menschen stellen erst einmal die Frage, ob eine Autorität legitim ist, bevor sie sie ernstnehmen. Die Legitimität von Autoritäten zu überprüfen beinhaltet die Einschätzung, ob Autoritäten überhaupt wissen, worüber sie reden, ob sie ehrlich sind und ob sie sich für die Leute interessieren, von denen sie respektiert werden. Und wenn ein antiautoritärer Mensch eine Autorität als illegitim einschätzt, stellt er sie in Frage und leistet ihr Widerstand — manchmal aggressiv und manchmal passiv-aggressiv, manchmal klug und manchmal auf unkluge Weise.

Also nochmal: Antiautoritär ist man nicht (erst) dann, wenn man gar keine Autoritäten akzeptiert, sondern (bereits) dann, wenn man Autoritäten hinterfragt. Ich verstehe Levine so, daß er davon ausgeht, daß man mit dieser Grundeinstellung geboren wird, genauso wie man beispielsweise mit seiner sexuellen Ausrichtung (hetero-, homo-, bisexuell) geboren wird und diese nicht erst mit der Zeit aufgeprägt bekommt. Somit gälte das gleiche für die Autoritätshörigkeit wie für die sexuelle Ausrichtung: Man kann weder etwas dafür noch etwas daran ändern.

Außerdem ist antiautoritäres Verhalten dadurch gekennzeichnet, daß man sich gegen als illegitim erkannte Autoritäten auflehnt, selbst wenn das für einen selbst finanziell oder sogar existentiell gefährlich werden kann:

Viele Menschen mit starken Angststörungen und/oder Depressionen sind ebenfalls antiautoritär. Ein häufiger Schmerz in ihrem Leben, der ihre Angst und/oder Depressionen befüllt, ist die Furcht, daß ihre Verachtung für illegitime Autoritäten dazu führt, daß sie finanziell und sozial an den Rand gedrängt werden; aber sie fürchten, daß eine Zustimmung zu solchen illegitimen Autoritäten ihren existentiellen Tod bedeuten könnte.

Mit der Übersetzung des letzten Satzabschnittes hatte ich ein wenig Probleme, aber ich weiß sehr genau, was er damit ausdrücken will. Ich sage es mal anders: Die Zustimmung zu illegitimen Autoritäten und/oder Gehorsam ihnen gegenüber tötet ein Stück der Seele, ein Stück des eigenen Ich. Ich kann nicht mehr ich selbst sein, wenn ich Leuten gehorche, die etwas verlangen, was ich für grundfalsch halte; eine solche selbstzerstörerische Situation verursacht mir physische und psychische Schmerzen. Das hatte ich beispielsweise Ende 2009 beim ARGE, als mir ein Angestellter für die Akzeptanz meines Antrages eine Lüge abverlangte.

Ich habe immer wieder Probleme mit Menschen gehabt, die mir als Autoritäten vor die Nase gesetzt wurden, ohne daß sie ihre Autorität bewiesen oder das auch nur versucht hätten. Lehrer zum Beispiel, Angestellte und Beamte des öffentlichen Dienstes in diversen Behörden, aber auch Politiker, und Ärzte, insbesondere Psychiater. Anders ausgedrückt: Eine berufliche oder gesellschaftliche Position, ein Titel, ein Amt oder ein Mandat oder die Tatsache, daß jemand von Dritten als „Experte“ bezeichnet wird, sind für mich überhaupt kein Beweis von Autorität. Diese äußeren Merkmale einer Person sind mir genauso egal wie ihre Haarfarbe oder ihre Schuhgröße. Wer mir eine Autorität sein will, muß sich mir persönlich beweisen; das heißt nicht, daß ich ihn persönlich kennen oder treffen muß. Er muß mich mit Argumenten und/oder Taten überzeugen; das heißt nicht, daß ich ihm nach dem Mund rede (oder er mir). Wer mir mit „das ist halt so“ oder „weil ich das so will“ ankommt, hat von vornherein komplett verloren – und das schon immer, seit ich ein kleines Mädchen war.

Levine, so verstehe ich das zumindest, bestreitet in seinem Artikel nicht, daß es Krankheiten wie ADHS, Depressionen, Psychosen und weitere gibt (im Gegensatz beispielsweise zu Josef Giger-Bütler, der behauptet, Depression ist keine Krankheit). Was Levine herausarbeitet, ist eine mögliche Ursache dieser Krankheiten; darauf, ob es weitere geben könnte, geht er nicht ein, aber er schließt das auch nicht aus (zum Beispiel ist ja bekannt, daß Depressionen auch durch Medikamente oder ein Schilddrüsenproblem ausgelöst werden können). Im Prinzip erklärt sein Text eine These von mir, die ich schon vor Jahren hatte, wissenschaftlich. Diese lautet:

Viele Menschen sind depressionskrank, weil sie nicht so sein dürfen, wie sie sind.

Insofern hat mich Bruce Levine quasi von meiner eigenen, bis dato unbewiesenen These überzeugt. 🙂

Und das hat Folgen – Folgen, die vermutlich nicht jedem gefallen werden.

In meinem Kopf hat sich regelrecht fühlbar ein Knoten gelöst. Noch an den beiden Tagen, an denen ich die Übersetzung gemacht habe, hatten mich die Depressionen fest im Griff. Das ist jetzt weg, und auch meine Konzentration erscheint mir wesentlich stabiler. Und ich will, daß das so bleibt, und daß es noch besser wird.

Ich habe mir daher folgende Punkte vorgenommen:

  1. Ich werde es konsequent ablehnen, irgendetwas zu tun, was ich für falsch (inhaltlich, temporär etc.) oder einfach nur überflüssig halte.
  2. Ich werde mich dagegen wehren, meine Eigenschaften in nützliche und unnütze einteilen zu lassen, in wünschenswerte und in unerwünschte. Es gibt nur das ganze Paket oder gar nichts.
  3. Ich werde mich nicht mehr verbiegen, für nichts und niemanden, auch wenn ich mit der Zerstörung meiner Existenz bedroht werden sollte.

Wenn ich wieder in Depressionen versinken sollte, weil mir das Ich-Selbst-Sein verwehrt wird, erinnert mich bitte dran. Das meine ich ernst.

Manchen Leuten wird das selbstherrlich, egoistisch, rücksichtslos und/oder arrogant vorkommen. Schlichte Gemüter wie auch Boulevard-Medien würden mir vorwerfen, nur das zu tun, was ich will. Wer so denkt, kann das ruhig denken und darf mir anschließend gern aus dem Weg gehen. Für mich ist es eine Überlebensstrategie, die im Gegensatz zu vorher mehr als mein pures Überleben sichern soll, viel mehr. Sie soll mir Grundrechte und Lebensqualität garantieren.

Das wird insbesondere bedeuten, daß ich – wieder, weiterhin und verstärkt – die (autoritär ausgerichteten) Repressionsbehörden herausfordern werde. Solange ich keine relevanten eigenen Einnahmen generieren kann, werde ich mit ihnen werden sie mit mir leben und auskommen müssen. Es bleibt abzuwarten, ob sie sich wieder so weit vorwagen, daß sie, wie schon einmal, versuchen werden, meine Existenz zu vernichten, wenn ich nicht so brav und gehorsam bin wie gewünscht.

Und es bedeutet, daß ich vermutlich nie mehr in einem Angestelltenverhältnis arbeiten und so mein Geld verdienen kann. Allein schon wegen meines Alters und meiner langen offiziellen Berufsabstinenz bin ich bei Arbeitgebern höchstwahrscheinlich unerwünscht; mit einer solchen konsequenten antiautoritären Ausrichtung wird mich dann erst recht keiner mehr in einem Befehlsempfänger-Job haben wollen. Dazu kommen ja auch noch die Symptome und Eigenschaften, die mich vermuten lassen, daß ich Asperger-Autist bin.

Daher denke ich gerade über eine mögliche Selbständigkeit und deren eher ungewöhnlichen Ausgestaltung nach. Einer der nächsten Blogeinträge wird sich mit dieser Ausgestaltung befassen, und dann würde ich gern Eure konstruktive Meinung erfahren (die zu diesem Artikel natürlich auch :-))

5 Kommentare zu “Autoritäten”

  1. Alex quakte:

    Die Definition von „antiautoritär“ ist auch speziell. Ich kenne dieses Infragestellen eher als sogenanntes Critical Thinking. Auch da werden Autoritäten infrage gestellt, und es wird hinterfragt, ob sie wissen, wovon sie reden.


  2. vera quakte:

    „selbstherrlich, egoistisch, rücksichtslos und/oder arrogant“? Nö. Richtig.

    Bravo.


  3. ulrics quakte:

    Ich dürfte wohl auch zu den Antiautoritären gehören, einfach, weil ich nichts als einfach gegeben hinnehmen will.

    Ist auf jeden Fall ein schön philosophischer Text, der zum Nachdenken anregt.
    Habe ihn mir mal in meine Sammlung für Alles 2.0 kopiert. 🙂


  4. frosch quakte:

    @ulrics Ich gehe davon aus, daß solche Leute, die Levine „Anti-Authoritarians” nennt, überdurchschnittlich häufig in der Piratenpartei zu finden sind, während in den Alt-Parteien mehr oder weniger die „Authoritarians” überwiegen dürften. Ich dachte gestern schon daran, daß man darüber eigentlich mal ’ne Studie machen müßte. 😉


  5. Libertärer Pirat quakte:

    Interessante Gedankengänge 😉

    jedoch ist es wichtig das man sich nicht allein gegen die Atoritäten stellt, denn so kann man nur wenig ausrichten und wird von denen fertig gemacht.

    Man braucht dafür verbündete die ähnlich denken, nur so kann man evtl den repressiven Sozialstaat in Frage stellen und freiheitlichere Konzepte wie z.B. das Bedingungslose Grundeinkommen erkämpfen.

    Die Herrschaft der Autorität kann nur durch das Prinzip „Divide et Impera“ aufrecht erhalten werden. Wenn die Opfer jener Autorität voneinander getrennt isoliert existieren haben sie keine Chance die Autorität in Frage zu stellen egal wie sehr sie sich dagegen wehren. Würden sie sich zusammentun und z.B. die Arbeitsagenturen im ganzen Land besetzen dann würde das System der Autorität schnell in sich zusammenbrechen. Aber das erfordert das sich jene welche sich der Autorität nicht beugen zusammentun, sich Organisieren anstatt alleine jeder für sich allein einen hoffnungslosen Kampf zu kämpfen.

    Viva La Libertad, Viva La Anarquia


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