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Sport für Hartz-IV-Empfänger

6. April 2012 um 17:52 Uhr von Atari-Frosch

Ach, und weil wir grade bei lustigen Methoden der Arbeitslosenverwaltung sind …

Gestern teilte uns die Bundesanstalt für Arbeit stolz mit, daß sie einen Kooperationsvertrag mit der GKV geschlossen hat, um „Arbeitslose für die eigene Gesundheit zu sensibilisieren und stärker Präventionsangebote zu nutzen“. Das klingt im ersten Moment ja sehr fürsorglich. Da ich aber das Hartz-System mittlerweile besser kenne, gehe ich davon aus, daß die Fürsorge nur vordergründig eine Rolle spielt, weil's halt so schön sozial aussieht. Das muß es deswegen noch lange nicht sein.

Denn insbesondere die Bundesagentur für Arbeit macht es sich hier verdammt einfach: Sie erklärt uns gesundheitlich angeschlagenen Arbeitslosen nämlich: „Hey, Ihr seid selbst schuld dran, daß Ihr nicht richtig arbeiten könnt, Ihr macht einfach zu wenig Sport!“ Und ich warte schon auf Zwangsmaßnahmen der ARGEn gegen ihre „Kunden“, weil die sich weigern, diese ach so nett gemeinten Kurse zu besuchen, um ihre Vermittelbarkeit zu verbessern.

Arbeitslosigkeit wird von den Betroffenen als einschneidendes Erlebnis empfunden, das ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht. Lebensperspektive, gesellschaftliches Ansehen, finanzielle Absicherung, Lebenssinn und Lebensstruktur – nichts ist mehr wie es war.

Wieder einmal muß klargestellt werden, daß bereits das Wort „Arbeitslosigkeit“ eine Lüge ist. Auch wir so genannten „Arbeitslosen“ haben jede Menge zu tun und können bzw. könnten uns hervorragend selbst beschäftigen und in die Gesellschaft einbringen – wenn man uns lassen würde. Durch die Zwangsverarmung sind viele Teilhabe-Formen aber gar nicht mehr möglich. Der Begriff „arbeitslos“ vermittelt heute immer noch das Bild eines Menschen, der trotz vorhandener Arbeit Langeweile hat und nur rumhängt. Wir sind einkommenslos, nicht arbeitslos!

Kein Wort verliert die BA darüber, warum das so ist und was und wer uns mit der finanziellen Absicherung den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Kein Ton darüber, wer uns die gesellschaftliche Anerkennung – schöne Umschreibung für das Wort Menschenwürde – genommen hat – nämlich die Bundesregierungen der letzten etwa 10 Jahre und aufhetzende Boulevard-Medien.

Das mit dem Lebenssinn ist ja so eine Sache. Wenn Wirtschaftsliberale den Sinn des Lebens einzig damit definieren, befohlene und (vielleicht) bezahlte Arbeiten auszuführen, kann man das so sehen, daß uns der weggenommen wird. Mein Lebenssinn liegt allerdings nicht darin, daß mir ein anderer sagt, was ich wann und wie zu tun habe. Unser aller Lebenssinn sollte nicht darin liegen.

Lebensstruktur? Ich hatte anfangs sehr viel Struktur, als ich „arbeitslos“ war. Ich habe mich intensiv in einem Verein engagiert. Da gab es für die Arbeiten, die ich ausgeführt habe, monatlich eine Deadline, das hat mir sehr viel Struktur gegeben. Dann kam das faschistische Repressionsamt, und dann die Depression. Was hat mich nun krank gemacht, das Repressionsamt oder die „Arbeitslosigkeit“? Und welches „Präventionsangebot“ hätte daran bitteschön etwas ändern können?

Obwohl Heinrich Alt schon selbst vor einem knappen Jahr festgestellt hat, daß von Hartz IV auf Dauer nur Lebenskünstler existieren können, zieht er nicht die notwendige Konsequenz, die dafür verantwortliche Politik anzuprangern. Lieber schickt er die Menschen in weitere kostenintensive Maßnahmen, um ihnen klarzumachen, daß sie selbst schuld seien, wenn sie nicht in Arbeit vermittelt werden können. Bundesarbeits-Zensursula von der Lügen wird es ihm bestimmt danken.

6 Kommentare zu “Sport für Hartz-IV-Empfänger”

  1. Markus quakte:

    Hallo,

    das ist immer der Unterschied zwischen subjektiv und statistisch.

    Die zwei unteren Drittel deines Artikels gefallen mir. Schön, dass du dich in Vereinen engagierst und dein Leben nicht aufgibts nur weil gerade keine Arbeit da ist/möglich ist.

    Allerdings sind nicht alle Arbeitslosen so. Zu allererst werden in einer Gesellschaft diejenigen Arbeitslos die eben nicht in der Lage sind sich um einen Job zu kümmern (Ausbildung -> Jobsuche -> Lebenssinnsuche (Wobei ich dir Recht gebe, dass nicht Jobsuche = Lebenssinnsuche sein sollte)) und diese Menschen schaffen es auch nicht sich selbst zu organisieren.
    Das heißt es gibt sehr viele – die nicht so wie du – nicht in der Lage sind darüber nachzudenken was ihnen gut tut (Ernährung, Sport, soziale Arbeite wie Vereine). Und es gibt Menschen denen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, eben weil sie — fälschlicherweise — ihr Leben durch Job definiert haben.

    Was ich sagen will. Laut deinem Artikel machst du es richtig, aber jeder Mensch ist eben anders und nicht jeder ist ein arbeitsbemühter im leben stehender Mensch dessen einziges Problemchen ist, dass er eben gerade keinen Job hat.

    Ich denke, dass z. B. die Arge ist sicherlich nicht perfekt, aber sie ist auch nicht so schlimm wie sie gerne dargestellt wird.


  2. Markus quakte:

    Hab gerade den Text mal gelesen, der hört sich doch absolut sinnvoll an.

    Klar diskriminiert er ein wenig Leute die nicht in das Raster fallen, aber könnte sehr vielen Menschen auch helfen, da muss man abwägen.

    Ich selber möchte nicht der Abwäger sein, da es einfach schwer ist. Macht man nichts gür Menschen die Hilfe brauchen? Bietet man nur an? Verpflichtet man Menschen sich helfen zu lassen?

    Ich habe viel mit leicht Behinderten zu tun, die teilweise jetzt erst einen Behindertenausweis bekommen. Allerdings waren sie davor auch schon eingeschränkt.

    Wie gesagt ich beneide keinen darum eine allgemein geltende Regel für einen großen Menschenkreis treffen zu müssen.

    Als Appel finde ich aber könntest du doch einfach mal Vorschläge bringen. Deine Artikel schimpfen meistens nur über das vorhandene aber was würdest du den Politikern denn raten?

    Wenn du willst können wir hier das Spielchen gerne machen. Du schlägst was vor und ich versuche die verschiedenen Positionen einzunehmen und wir schauen wos hinführt, ob wir so etwas wie den „idealen Umgang“ mit Menschen finden, am Beispiel der Arbeitslosen (Betrifft ja alles und jeden aber hier haben wir eben ein Beispiel.).

    Grüße


  3. Markus quakte:

    Hallo?


  4. frosch quakte:

    @Markus. Ja. Wenn ich den Kopf wieder frei habe dafür. Nicht mehr diese Woche.


  5. Mengel quakte:

    Mit Hartz4 kenn ich mich persönlich wirklich garnicht aus.
    Sport für Hartz4-Empfänger anzubieten sehe ich grundsätzlich als keine schlechte Maßnahme an. So entstehen soziale Kontakte die so manch einer nicht mehr hatte und sich sportlich betätigen schadet auch niemandem. Das dieses Angebot vielleicht mal eine Art Druckmittel gegen Hartz4-Empfänger werden könnte, das wäre mir nie in den Sinn gekommen. Um so besser dass ich deinen Artikel gelesen habe, er eröffnet eine neue Sichtweise auf dieses Thema, zumindest für mich.

    [EDIT Frosch: Werbenden URL entfernt.]


  6. Gast quakte:

    Arbeitslosigkeit wird von den Betroffenen als einschneidendes Erlebnis…
    Ja, das ist wirklich ein einschneidendes Erlebnis 😉


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