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Computer und was das Leben einer Frau sonst noch so zu bieten hat

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Das Fließband

19. October 2012 um 22:24 Uhr von Atari-Frosch

Mir kommt das Leben immer öfter wie ein Fließband vor. Und ich steh daneben und versuche, so ein paar Dinge, die da an mir vorbeirauschen, zu greifen und geregelt zu bekommen. Und oft genug laufen Dinge einfach zu schnell an mir vorbei, ich kriege sie nicht zu fassen, und dann sind sie auch schon wieder weg. Unerledigt, mit mehr oder weniger unangenehmen Folgen.

Es gibt durchaus Zeiten, in denen ich alles (oder fast alles) erledigen kann. Dann läuft das Band gefühlt langsam (genug). Und dann rast es wieder und gibt mir kaum eine Chance, etwas wegzunehmen. So wie derzeit.

Im März erschien mir einiges so einfach. Als ich den Text Autoritäten schrieb, war ich voller Tatendrang. Die Monate davor waren heftig gewesen, und es waren viele Dinge an mir vorbeigerauscht. Meine Küche sah katastrophal aus, kochen wurde immer schwieriger. Aber ab März ging es wirklich aufwärts, das Band fand wieder ein Tempo, mit dem ich arbeiten konnte. Der Plan, mich selbständig zu machen, nahm Formen an; ich reservierte mir eine Domain und baute die Website dazu auf (kein Link, weil immer noch nicht öffentlich).

Solche aktiven, richtig guten Phasen habe ich nur sehr selten, und sie können nur dauerhafte Wirkung entfalten, wenn ich sie nutzen kann, sprich, wenn ich nicht behindert werde. Echte Spezialisten in solchen Behinderungsmaßnahmen sind die Düsseldorfer Repressionsämter. Mir fehlten wichtige Informationen, und ich benötigte einen Beratungstermin beim ARGE. Aber das ARGE hatte keine Lust. Im März nicht, im April nicht, im Juni nicht, im Juli noch nicht so richtig; erst im August hatte ich, nach bösen Drohungen, den gewünschten Beratungstermin. Da war es fast schon zu spät, die Phase war schon fast vorbei.

Die Kritik, ich hätte mir die nötigen Informationen doch auch aus dem Netz holen können, geht dabei ins Leere. Denn Gesetze und Vorgaben spielen nach meiner langjährigen Erfahrung für die Angestellten in Repressionsämtern keine allzu große Rolle, sofern sie nicht aufs Sparen ausgerichtet sind. Für eine Selbständigkeit brauche ich aber Sicherheit und nicht die Hoffnung auf zufällig mal gute Laune beim Sachbearbeiter. Diese Sicherheit bekomme ich nur über das, was in meiner Eingliederungsvereinbarung steht. In einer, die ich diktiert habe, und nicht ein aufs Sparen gedrillter Sachbearbeiter.

Wie bei vielen depressionskranken Menschen spielt das Wetter für mich eine gewisse Rolle. Daß der Sommer dieses Jahres nun nicht so wirklich sommerlich war, war deshalb keine allzu große Hilfe; ich erinnere mich je an eine heiße Woche im Juli und eine im August. Im Mai gab es aber erstmal diesen schwarzen Tag, an dem ich vom Verlust vieler Tausender alter Fotos und Dias erfuhr und mir dann auch noch mein Hauptrechner starb. Meine körperliche Gesundheit spielte auch nicht so richtig mit: Im Juni, Juli und August hatte ich jeweils eine mehr oder weniger heftige Gastritis, dazu kam dann noch ein Zahnproblem ab Ende August. Dazu brach auch noch mein Bettgestell zusammen.

Das Fließband begann, wieder schneller zu laufen.

Anfang September kaufte ich mir über eBay einen neuen Lüfter für das R61, weil der vorhandene kaputt ist, ziemlich rattert und früher oder später vermutlich ganz den Geist aufgibt. Der gekaufte Lüfter paßte aber gar nicht ins R61, obwohl er dafür angeboten worden war. Ich hab die Reklamation nicht geschafft. Das Fließband lief zu schnell. 25 € in den Sand gesetzt, und der originale Lüfter rattert immer noch.

Im August hatte ich es teilweise geschafft, meine Küche wieder in einen arbeitsfähigen Zustand zu versetzen. Vorbei. Kochen geht schon wieder kaum noch.

Ebenfalls im August kam die Idee auf, die Selbständigkeit nicht alleine zu betreiben. Genauer: Ein Freund sprach mich an, ob wir nicht zusammen eine Unternehmergesellschaft gründen wollen. Das ist an sich eine gute Idee. Die Unternehmergesellschaft entspricht etwa einer britischen „Limited”, nur daß die deutsche UG ihre Steuern an den deutschen Staat und nicht an den britischen bezahlt. Man kann sie schon mit einem Euro Startkapital gründen; allerdings kostet die Eintragung erstmal einen dreistelligen Betrag, und man braucht einen Notar dafür. Wir schrieben meine gewerbliche Website bzw. die Texte dafür um und erweiterten sie; das Layout sollte beibehalten werden. Die neuen Texte stehen immer noch im Pad, ich hab’s noch nicht geschafft, sie wieder zu HTMLisieren.

Und das Fließband beschleunigte weiter.

Um Mitte September fingen die Depressionen wieder an, akut zu werden. Mal ein Tag, mal ein paar Tage. Irgendwie bekam ich das nötigste noch hin, aber es wurde und wird weniger.

Erst Anfang Oktober schaffte ich es, den Antrag für eine Untersuchung beim Medizinischen Dienst des ARGE abzugeben. Diese ist nötig, um meine Arbeitsfähigkeit festzustellen; nur wenn diese prinzipiell bejaht wird, bekomme ich eine Förderung zur Selbständigkeit. Aber es fehlen natürlich immer noch Unterlagen, wäre ja sonst zu einfach.

Vor ein paar Tagen stellte ich dann fest, daß mir im Zweit-PC („Multimedia-PC”, für Digitalisierung und Encoding), der sowieso schon seit einiger Zeit Probleme macht, die große Backup-Platte stirbt. Um Ersatz zu finanzieren, müßte ich in meine Reserven angreifen — also das Geld, das ich für meinen Anteil an der Finanzierung der Firmen-Eintragung vorgesehen habe. Ob die Crowdfunding-Aktion, die +Dominik George gestartet hat, erfolgreich ist, ist noch unklar, auch wenn mich allein der Versuch sehr, sehr freut. Ohne ausreichendes Backup komme ich spätestens dann ins Schleudern, wenn mir eine der anderen aktiven Festplatten (alle deutlich kleiner als die große Backup-Platte mit ihren 500 GB) auch noch sterben sollte.

Gestern Abend war ich relativ früh ins Bett gegangen. Also — so für meine Verhältnisse. Ich war auch eigentlich angenehm müde gewesen, schlief auch irgendwann ein, wachte aber nachts wieder auf und war … verzweifelt. Oder ängstlich. Oder irgendwas dazwischen. Gelähmt. Verspannt sowieso. Als ich aufstand, war es schon nach 16 Uhr. Ich ging direkt unter die Dusche, und als ich da so eingeseift drunterstand, wurde das Wasser kalt. Einfach so. Das letzte Mal hatte ich dieses Spielchen vor einem guten Jahr, aber da war zu wenig Wasser im System. Diesmal steht die Anzeige brav auf gut 1,5 bar, und es gibt auch keine Fehlermeldung. Ich kann nur hoffen, daß das eine einmalige Sache war und sich die Therme wieder einkriegt, sonst muß ich am Montag Vermieter und Handwerker anrufen. Und das mit so einer Küche (wo die Therme hängt).

Das Fließband rast wieder.

Das Möbel-Projekt muß ich wohl erstmal auf Eis legen; ich habe schon für wesentlich weniger aufwendige Arbeiten keine Kraft mehr. Ob ich das mit der Selbständigkeit noch schaffen kann, steht in den Sternen. Danke, Ihr faulen Säcke vom ARGE. Habt Ihr toll hingekriegt.


9 Kommentare zu “Das Fließband”

  1. gerriet quakte:

    es gibt die diegleichen probleme wie du haben und diese werden immer mehr, leider. man kann sich leider nicht tun, als aussenstehendener. ich denke das leistungsdruck in denn den Jahren schlimmer werden wird.

    schöner Artikel, wenn auch sehr traurig


  2. RichardL quakte:

    Schlecht, sehr schlecht. Und wieder sind “die Anderen” schuld. Was glauben Sie wie unter solchen Umständen eine Selbstständigkeit läuft? Wer Aufträge hat bzw. Akquise betreiben muss und damit seinen Lebensunterhalt verdienen will, kann sich keine plötzlich auftretenden (vom Wetter usw. abhängigen)Auszeiten erlauben. Er muss eher in der Anfangsphase viele Stunden über Tage und Wochen malochen und Krankheit Krankheit sein lassen.


  3. frosch quakte:

    @RichardL: Nein, nicht „die Anderen”. Ich benenne Roß und Reiter, immer wieder, auch wenn’s manche schon nervt.

    Die Selbständigkeit ist für mich im Übrigen eine Art von Notwehr. Normales Arbeiten geht nicht, und Zwangsverarmung bis ins Grab finde ich weder akzeptabel noch menschenwürdig. Daß das nicht einfach wird, war und ist mir klar, zumal es nicht meine erste Selbständigkeit ist.

    Und woran sollte ich bitte selbst schuld sein? Das ist neoliberale Denke: An schlechten Lebensverhältnissen ist immer der Einzelne schuld, und wenn mal jemand Erfolg hat, werden seine Steigbügelhalter vergessen. Bin ich schuld an unserem faschistoiden „ Sozialsystem”? Bin ich schuld an meiner Krankheit? Na?

    Lesetip: Die schwere Schuld der Hartz IV-Verantwortlichen von Barbara Ellwanger. Außerdem, auf Papier: Gabriele Gillen: Hartz IV. Eine Abrechnung. Und von Barbara Vallenthin: Ich bin dann mal Hartz IV. Bildet ungemein.


  4. Tom quakte:

    Warum sind die Mitarbeiter der ARGE faule Säcke, während sie bis nach 16 Uhr schlafen, ihre Kücker verdreckt und sie es nicht mal auf die Reihe bringen, einen Lüfter zurückzusenden. Da fehlt mir jegliches, aber auch wirklich jegliches Verständnis! Selbstständig mit dieser Einstellung? Nie und nimmer


  5. Hans Bonfigt quakte:

    Hallo !
    Hat mir gut gefallen, Dein Text.

    Wenn ich daraus ableite, daß Du seit Jahren unglücklich lebst, dann sehe ich doch einige
    Parallelen zu anderen Menschen, nebenbei auch zu mir.

    Ich habe den Eindruck, Du flüchtest vor der realen Welt.
    Bei mir hieß der Zufluchtsort “Corbacher Schänke”, Du kriechst unter die Fittiche des Sektengurus PEZEDOS.
    Ist auch irgendwie verständlich, ich konnte erstklassig saufen und Du kannst prima mit PCs umgehen.
    Das Dumme ist nur: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

    Ich bin damals ganz gut aus der Nummer herausgekommen, indem ich mich radikal von meinen Lebensschwerpunkten entfernt habe, so etwa für ein halbes Jahr. Während dieser Zeit lebte ich mit einem komplett umgekehrten Lebensparadigma: Nicht der Körper ist dazu da, es dem Kopf recht zu machen, sondern *genau andersherum*. Das hat dazu geführt, daß ich nach kurzer Zeit auch wirklich einfache Dinge lustvoll erleben konnte.
    Gleichzeitig sorgte der Abstand von allem, was mir wichtig war, für eine sich quasi automatisch einstellende Reorientierung.
    Helmut Kohl, der Urvater deutscher Degeneration, hat immerhin zwei wahre Sätze hervorgewürgt, “Die Grünen sind die neuen Nazis” und “Entscheidend ist, was hinten ‘rauskommt”. Der erste gilt nicht, weil von Geißler souffliert, und der zweite ist wohl unabsichtlich zustandegekommen, aber doch wahr: Wenn Du gut scheißen kannst, dann geht es Dir auch mental gut, also wenn Du dich um dich selber kümmerst, belohnt Dich dein Körper. Das funktioniert nach kürzester Zeit so zuverlässig wie der Patellasehnenreflex. Wenn Du wenig Kraft und inneren Antrieb hast, dann investiere dieses Wenige nicht in PCs, Onlinepräsenzen oder Feldzügen gegen die “Repressionsämter”, sondern investiere diese Kraft in Dich.

    Daher empfehle ich Dir, tatsächlich im Rahmen eines aufregenden Experimentes eine Welt zu verlassen, in der Du sowieso nicht glücklich bist, beispielsweise indem Du für, sagen wir, drei Monate in einem Kloster lebst. Man muß den religiösen Mummenschanz nicht mitmachen und die meisten fratres resp. sorellae glauben eh’ nicht daran.

    Aber der konsequente Verzicht auf PC-Kram und die “Umkehr zum Leben” werden eine Veränderung herbeiführen, die in Deinem Falle eigentlich nur eine Besserung sein kann.

    Solltest Du hieran Gefallen finden, würden meine Frau und ich, aktiv und/oder finanziell, gene helfen.


  6. Manu-1978 quakte:

    Hi,

    ich habe ja auch Depressionen, bekomme auch angeblich nix auf die Reihe, aber mit so einer Einstellung selbstständig sein zu wollen, schafft man so nie und nimmer. Sorry, ich bin ehrlich und direkt wie du mich kennst. Ich kann auch nicht jetzt von einer WfbM-Maßnahme plötzlich einen auf selbstständig machen, weil es Größenwahn wäre, nichts anderes. Fange erstmal klein an und versuche erstmal Alltag reinzubringen. Es ist auch so viel einfacher, die Schuld bei anderen zu suchen und nicht bei anderen, okay mache ich auch oftmals aber es ist nicht so offensichtlich.

    Gruß Manu


  7. Konni quakte:

    Ja, Selbständigkeit ist anstrengend. Aber ich könnte nicht mehr anders. Auch wenn man 14 Stunden in der Küche steht, muss man sich immer wieder neu motivieren. Das klappt nicht immer.

    Ich hatte auch Phasen, wo ich einen Hauch von Depression spürte. Wenn man so weit ist, vor lauter Arbeit und Frust, dass man einem Schnitzel beim Verbrennen zusieht, ohne die Kraft zu haben, es in der Pfanne umzudrehen ist das einen Tag später unfassbar.

    Aber es gibt Leute, die sind – aus welchen Gründen auch immer – ständig in so einem Zustand. Das muss eine schreckliche Welt sein, die „Normale” nicht nachvollziehen können.

    Das Ganze ist angeblich medikamentös behandelbar. Aber welches von den 1000den Medikamenten das richtige ist, das ist nicht von Anfang an klar. Begleitende Therapie ist unverzichtbar.

    Ich für meinen Teil bin fest davon überzeugt, dass Frosch eines Tages den Absprung schafft und ein sehr zufriedenes Leben führen wird.

    Nein. Die ARGE wird dabei nicht helfen. Das ist kein Amt zur Unterstützung sondern zur Demotivierung. Und das ist von der Politik gewollt.


  8. resident_alien quakte:

    @ Tom:Sie haben noch nie an Depressionen gelitten und auch keinerlei Kenntnis über zweite oder dritte Personen,sonst würden Sie nicht so ignorant daherschreiben.
    Ein_e Depressive_r liegt nicht bis nachmittags im Bett,weil das so schön muckelig wäre,sondern weil durch die Depression Kraft und Motivation fehlen,aufzustehen.Das gleiche mit der Küche.Man kann so scheiss-depressiv sein,dass einem sogar die Kraft fehlt zu Weinen,oder dass man kaum sprechen kann.
    Vor einiger Zeit ging ein Fall durch die Medien:Eine Frau und ihr erwachsener Sohn,beide Hartz4-zwangsverarmt,beide schwer depressiv,verhungerten in ihrer Wohnung,weil sie wegen der Depressionen den Einladungen des Amts nicht folgen konnten,weshalb ihre Stütze wieder und wieder gekürzt wurde,bis schliesslich nur noch die Miete bezahlt wurde.
    So sehr kann eine Depression den Selbsterhaltungstrieb niederdrücken (daher der Name),von so spassigen Sachen wie Autoaggression und Todeswunsch mal ganz abgesehen.


  9. frosch quakte:

    @Tom: Wenn man Einstellung und Krankheit nicht auseinanderhalten kann, sollte man vielleicht lieber die Backen halten. Den zweiten, an Hans Bonfigt gerichteten Kommentar habe ich wegen der pauschalen Beleidigung gelöscht; wenn Sie inhaltlich auf Hans eingehen wollen, können Sie das gerne tun. Ansonsten: Was resident_alien sagt.

    Warum die Behörde faul ist? Naja, wie nennen Sie das, wenn eine Behörde 4 Monate lang ihren Pflichten gar nicht und danach nur auf Arschtritt nachkommt? Übrigens die gleiche Behörde, die mich bei entsprechendem Verhalten schon zu Tode sanktioniert hätte?

    @Hans Bonfigt: Nö, mit dem, was ich mache, bin ich gar nicht unglücklich. Aber: Was ist die „reale Welt”? ;-) — Nein, ich habe kein Interesse an einer Auszeit, denn das Problem mit Auszeit ist, daß sich die Lebensverhältnisse nicht ändern. Es wird auch immer davor gewarnt, mit akuten Depressionen in Urlaub zu fahren. Nach meiner Erfahrung ist nicht der Urlaub das Problem, sondern das Zurückkommen in die alten Verhältnisse. Nach Reisen oder größeren Ereignissen sacke ich regelmäßig ab und muß das dementsprechend auch mit einkalkulieren. Also versuch ich dann doch lieber, die Lebensverhältnisse zu ändern, auch wenn das eine größere Aufgabe ist. Eine Auszeit wäre so gesehen nur ein Fluchtversuch.

    @Konni: Ja, Du lebst auch komplett davon. Das wird zumindest anfangs bei mir sicher nicht funktionieren.

    Es ist auch nicht so, daß ich ständig in so einer Phase lebe, aber ich hab schon ein paar mehr, und mit einem Tag ist es selten getan. Deshalb geht ja auch ein Angestellten-Verhältnis nicht, das würde einfach keiner mitmachen.


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