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Vorstellungsvermögen

25. September 2013 um 0:48 Uhr von Atari-Frosch

Menschen sind von Haus aus hilfsbereite Wesen. Wenn sie erkennen, daß jemand Hilfe braucht, wird sie oft auch angeboten, selbst in unserer relativ kalten Gesellschaft, in der die Menschen dazu „erzogen“ werden, nur auf sich selbst zu achten. Und dann wird den Betroffenen auch zugestanden, nicht alles tun zu können, was sonst „jeder“ kann.

Allerdings gibt es ein Problem. Dies wurde auch hier im Blog in den Kommentaren deutlich.

So schrieb einer in einem schon älteren: Kommentar:

Ich zweifle grundsätzlich an Menschen, die von sich behaupten nicht arbeitsfähig zu sein. Es sei denn, es ist offensichtlich.

Der Autor unterstellt also eine Betrugsabsicht, wenn er die Einschränkung nicht sehen kann. Auch von anderen, inklusive Behördenmitarbeitern und Ärzten (Psychiater und andere), habe ich schon ähnliche Unterstellungen gehört: Was ich nicht sehen bzw. mir nicht vorstellen kann, das ist frei erfunden und kann einfach mal gar nicht sein.

Für Menschen mit psychischen Krankheiten wie Depressionen oder die Betroffenen von AD(H)S oder (Asperger) Autismus kann das ein echtes Problem sein. Denn wie will man etwas „Unsichtbares“ beweisen? Für „uns“ sind die Probleme real, sie gehen von „stört schon etwas“ bis hin zu „bestimmte Dinge gehen (zeitweise) einfach gar nicht“. Und nur, weil sich andere das nicht vorstellen können, bilden wir uns das natürlich nur ein?

Oder sie versteigen sich direkt zu Bemerkungen wie:

Um es auf den Punkt zu bringen: ich halte sie für faul. Stinkfaul.

So kann man sich das Weltbild einfach machen. Aber die Realität von psychisch kranken und/oder anders „unsichtbar“ behinderten Menschen ist nicht einfach. Erst recht natürlich nicht in einer Gesellschaft, in der „unsichtbare“ Behinderungen als „nicht vorhanden“ deklariert werden.

Widerlich wird es dann, wenn „uns“ (beileibe nicht nur mir und nicht nur hier in diesem Blog) unterstellt wird, „wir“ seien ja an unserer Situation selbst schuld. Man sieht ja nichts, also kann da nichts sein, somit ist das alles nur Faulheit, und „wir“ sollten uns gefälligst genauso um Arbeit (nach der protestantischen Definition, also: Arbeit ist nur, was befohlen und vielleicht bezahlt wird) bemühen wie andere auch.

Autisten wird übrigens ein Mangel an Empathie nachgesagt. Wer hat diesen Mangel nun eigentlich?

4 Kommentare zu “Vorstellungsvermögen”

  1. Jürgen A. Erhard quakte:

    Protestantisch? Ich kenn’s als katholisch, von Haus aus: wenn’s Spass macht, isses keine Arbeit.

    Und das mit dem nicht-verstehen-können (Ja, ich seh’s eigentlich nicht als Böswilligkeit, jedenfalls oft, sondern als echtes „ich *kann* mir das nicht vorstellen, das nicht verstehen“) kenn ich, zu gut.

    Das Übelste, finde ich, sind die Selbstzweifel die das dann produziert (und Selbstzweifel sind eh für mich ein Riesenproblem), so der Art „Vielleicht haben *sie* ja recht, ich mein, wenn alle das sagen…“ Und dagegen anzukämpfen kostet dann wieder notwendige Energie, *und* fühlt sich auch immer ein wenig nach Trotz an. Oder gar „Undankbarkeit“.

    Ich geh mal wieder etwas kotzen… (mein Magen verträgt das Wahlergebnis sowieso nicht so gut ;-))


  2. frosch quakte:

    @Jürgen: Protestantische Arbeitsethik ist ein feststehender Begriff. Das schließt nicht aus, daß Katholen das auch so sehen. 😉


  3. JoachimA quakte:

    „…Arbeit (nach der protestantischen Definition, also: Arbeit ist nur, was befohlen und vielleicht bezahlt wird)….“

    Du hast vergessen zu erwähnen und wo man aller spätestens um 8 Uhr morgens anfängt.

    Für meine Eltern gelte ich seit 30 Jahren als „nur zu faul zum Aufstehen“, weil ich sehr wohl genau aus diesem Grunde mir noch nie einen Job gesucht habe, wo es vor 10 oder 11 Uhr los geht. Dass ich z.B. oft bis spät in der Nacht arbeite zählt nicht wirklich.

    Lehrer z.B. kam für mich nicht genau aus dem Grunde nicht in Frage: 14 Jahre (eben eine Ehrenrunde) Schule haben mir als Morgenmuffel gereicht.

    Schon lange arbeite ich freiberuflich und kann zum Glück etwas länger schlafen. Das ist zwar auch irgendwie „faul“, aber ich kann damit (und davon) leben. Besser jedenfalls als weisungsgebunden mitten in der Nacht mich mit hellwachen Idioten beschäftigen zu müssen.

    JO


  4. Küstennebel quakte:

    Über solche Dinge habe ich lange nachgedacht. Als ADHS Betroffener mit erheblichen zusätzlichen Erschwernissen habe ich nicht gerade meine Talente früh entdeckt, geschweige denn daraus irgendetwas machen können. Zusätzliche Probleme brachten Komorbiditäten zu Tage und mit Depressionen über gut zweieinhalb Jahrzehnte in verschiedenen Ausführungen und Freudlosigkeit kenne ich mich bestens aus.

    Insofern kann ich mir herausnehmen ungefragten Rat an depressive Menschen zu erteilen:

    Die Menschen, die dich so unverschämt kritisieren üben über dich Macht aus, wenn du das zulässt. Diese Menschen selbst sind es, die sich dem angesprochenen protestantischen Arbeitsethos unfreiwillig unterworfen haben. Sie sind sozusagen Sklaven ihrer eigenen „Pseudo“-Moral geworden und überhöhen sich über diejenigen, die diesem Ethos nicht mehr folgen können oder wollen – Sie üben auf diese Art eine Pseudomacht aus, die sie gar nicht haben. Aber weil sie die Illusion aufrecht erhalten wollen Macht über ihr Handeln zu haben, müssen sie so handeln und denken. Daher müssen sie sich ja geradezu zwanghaft auch über diejenigen echauffieren, die sich absichtlich oder ohne Absicht vermeintlich diesen Zwängen nicht unterwerfen.

    Jeder sucht sich seine Herren aus. Aus Feigheit oder wegen eines persönlichen Deals für die Vorteile verkaufen sich die Menschen an diesen oder jenen Herren. Dazu gehört das arbeitsmoralische Gebrabbel und Getue einer Zwangsarbeitsgesellschaft.

    Ob du nicht mitmachen willst oder nicht mitmachen kannst: Es ist dein Leben. Das geht niemanden etwas an ausser dich selbst und du stehst nur vor dir Gerade und wenn du magst vor Gott. In etwas anderem Sinne auch vor dem Gesetzgeber, mit dem wir uns alle arrangieren müssen, das gehört einfach dazu und solltest du nicht persönlich nehmen.

    Wichtig ist, das du dir Selbst verzeihst das du bist wie du bist und das du deine Schwächen akzeptierst und deine eigenen Bedürfnisse beachtest und dir dein eigener Herr bist.

    Depressive Menschen neigen dazu sich zuviel von dem Anzunehmen was Andere sagen, denken und meinen und wir meinen oft zu wenig selbst und selbst wenn wir trotzig auf etwas beharren, sind wir nicht Autonom in dieser Haltung sondern eher wie hilflose Kinder in der Trotzphase.
    Gewinne deine Autonomie zurück bzw. erfinde diese Neu und dazu gehört nicht das du arbeitest, sondern das du deine Entscheidung triffst und deine Gefühle selbst bestimmst.

    Du bist sozusagen dein eigener König, deine eigene Königin. Niemand kann deine Burg einreißen, ausser du räumst ihm die Macht dazu ein.

    Verstehe mich nicht falsch: Ich verstehe die oft desolate Gefühlsebene dahinter, die Enttäuschungen, das Stakkato des Stresses im Background, die Verlusterfahrungen und das alles was mit einer Depression und einem Scheiternden Lebensentwurf zusammenhängt: Es ist letztlich alles deins. Deine Gefühle, deine Enttäuschungen und dein Stress, deine Verlusterfahrungen, dein Leben. Betrachte es als dein Eigentum, besonders die Gefühle. Nimm die Verantwortung für deine Gefühle und Enttäuschungen an, setze dich mit deinen Verlusterfahrungen auseinander und lass deine Mauern nicht von jedem dahergelaufenen Stichelprinzen einreißen.
    Versuche die „Stichelprinzen“ zu verstehen, aber meide es auf solche Menschen einzugehen oder dich von diesen „enttäuscht zu fühlen“. Sei nicht die Müllabfuhr für Andere und lass dich nicht mit dem Abfall von Anderen beladen. Sei auch nicht die Verfügungsmasse an der Andere sich abarbeiten können.

    Dann klappt es auch wieder mit dem Selbstwert, der Selbstachtung. Wenn man seine innere Selbstbestimmtheit, sein „Eigentum“ errungen hat, dann ist es leichter autonome Lebensentscheidungen oder Rückschläge einzustecken und mit den eigenen (gesundheitlichen) Schwächen zu leben.

    Denn möglicherweise hat man eine Form einer Behinderung, die nicht durch solch ein Vorgehen geheilt werden kann.
    Dann kann man nur die eigene Reaktion behandeln und eine eigene würdevolle Haltung und seine innere Autonomie bewahren – Das ist aber schon mehr als die halbe Miete.

    Alles Gute – Jetzt wirds ja gerade Frühling! – Da gehts Ihnen / Euch / Dir besser bzw. Aufwärts!


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