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#isjairre

24. Oktober 2013 um 14:10 Uhr von Atari-Frosch

Twitter auf. Hashtag-Welle #isjairre. Uff.

Uff, nicht weil es mich nervt, sondern weil ich das alles nur zu gut kenne. Unter #isjairre berichten Menschen in kurzen Statements, was sie sich wegen psychischer Krankheiten, Traumata, Autismus und anderer „Störungen“ schon für Sprüche anhören mußten.

Die Klassiker dürften wohl „reiß Dich/reißen Sie sich mal zusammen“ und „stell Dich/stellen Sie sich nicht so an“ sein, gefolgt von den altbekannten Vorwürfen, Aufmerksamkeit zu suchen, einfach zu empfindlich oder faul zu sein. Auch sehr typisch: Vorschläge, man solle mal spazieren gehen, Sport machen und mehr unter Menschen gehen.

Heutzutage stehen deutlich mehr Menschen als früher zu ihren Krankheiten, Störungen, nicht-sichtbaren Behinderungen oder Besonderheiten. Da hat sich tatsächlich was geändert. Nicht viel geändert hat sich jedoch an den Ansichten darüber, was „der Mensch“ bräuchte, um „gesund“ zu sein. Vor allem aber hat ein Mensch erstmal zu funktionieren, und wenn eine Krankheit, Behinderung oder „Störung“ das Funktionieren behindern oder gar unmöglich machen, dann hört bei vielen das Verständnis auf. Dann heißt es zusammenreißen, Zähne zusammenbeißen und sich nicht so anstellen.

Denn immer noch wird (befohlene und vielleicht bezahlte) „Arbeit“ als der Mittelpunkt des Lebens angesehen. Nur solcherlei „Arbeit“ gibt einem Menschen das Existenzrecht, und wer nicht funktioniert, ja was will der dann eigentlich noch?

Also am besten gar nicht „krank“ oder „gestört“ sein! Diejenigen, die es nicht betrifft, weisen dann gern die Möglichkeit von sich, daß es „sowas“ geben könnte („Was man nicht sehen kann, ist gar keine Krankheit, Du bist nur faul“). Letztendlich steckt wohl das gleiche dahinter wie auf dem Herumgehacke von gut verdienenden Menschen auf Zwangsverarmten – die Angst, eines Tages unversehens selbst „so einer“ zu werden. Die Angst, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren und auf gewohnte Selbstverständlichkeiten verzichten zu müssen.

Dazu kommt dann noch die Sache mit dem Mangel an Vorstellungsvermögen, aber das hatte ich ja schon behandelt.

Was tun? Ich weiß es nicht. Ich bin des Aufklärens, insbesondere im direkten Kontakt mit Menschen, müde. Es kostet wahnsinnig viel Kraft, immer wieder aufklären, erklären, und, noch schlimmer, rechtfertigen zu müssen. Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen. Ich kann es nicht mehr.

Vielleicht ist #isjairre ein Anfang, um zu zeigen, daß das nicht nur Einzelfälle sind, und wie diese Sprüche immer wieder wirken – auch wenn unter dem Hashtag jetzt schon wieder die ersten Spackmaten auftauchen, die von Einbildung schwallen. Aber genau diese, die es nicht kapieren wollen, sind das größte Problem.

[Update 2013-10-25 20:30] Die Zeit berichtet ebenfalls über den Hashtag und seine Hintergründe: Ein Hashtag gibt psychisch Kranken eine Stimme. [/Update]

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