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bi-gender

10. Februar 2014 um 13:34 Uhr von Atari-Frosch

Tja, wie fang ich das an … in gewisser Weise wird das hier ein „Coming Out“, mit etwas, was mir schon seit Jahren im Kopf rumgeht. Gestern hat sich mein Kopf dann mal entschieden, das ganze konkreter zu formulieren. Vorab möchte ich hier Wendelherz für den Artikel Vom verlieren, was man nie hatte. danken, der gab einen wichtigen Anstoß.

Bei mir ist die Sache aber nochmal ein bißchen anders. Zwar habe ich mich nie als „richtige Frau“ gefühlt, aber ich würde auch kein „richtiger Mann“ sein wollen. Ich habe von beidem etwas. Welchen Geschlechts letztendlich mein Körper ist, ist mir dabei nicht so wichtig; das hat ja nur was mit der Sexualität zu tun, nicht mit Geschlechtsempfinden.

Daß ich bisexuell bin, sehe ich dabei eher als Zufall – schließlich hängt auch bei Transmenschen die sexuelle Präferenz nicht vom biologischen oder gewählten Geschlecht ab.

Als ich 17 war, stellte eine Gynäkologin fest, daß ich zu viele männliche Hormone im Blut hätte. Also: zu viele für eine „richtige“ Frau. Ihr war auch aufgefallen, daß mir ein paar einzelne Barthaare am Kinn wuchsen, die ich gelegentlich mit einer kleinen Schere abschnitt. Deshalb verschrieb sie mir, als ich entsprechenden Bedarf anmeldete, nicht eine „leichte“ Antibabypille, sondern einen regelrechten Hormon-Hammer, „Diane 35“ (interessanterweise ist der deutschsprachige Artikel aus der Wikipedia verschwunden, es gibt aber noch diesen englischsprachigen: Cyproterone acetate). In der Zeit der Einnahme hat mir dieses Dreckszeug 30 kg Körpergewicht draufgepackt, und es hat mir meine erste Depression verschafft. Zumindest die Depression war nach dem Absetzen quasi sofort weg; die Gewichtszunahme ging danach erstmal einfach weiter. Der einzige Vorteil: Meine sehr unregelmäßige und wenn, dann heftige Periode wurde quasi zurechtgebügelt.

Nach dem Absetzen wurde die Monatsblutung wieder zur Quälerei, jahrelang. Mit Abständen zwischen zwei und sechs Wochen und Bauchkrämpfen, die mich mit Wärmflasche und Decke aufs Sofa zwangen, bis zu drei Tage lang am Stück. Ein paar Jahre später dann hörte sie einfach auf. Dann stellte sich heraus, daß ich so gut wie unfruchtbar geworden war. Und: Der Bart, an dem sich Frau Dr. Gynäkologin gestört hatte, wuchert seitdem erst richtig. Ich muß mich alle paar Tage im Gesicht rasieren. Das „Übergewicht“ an männlichen Hormonen hat sich dagegen nicht geändert, obwohl mir deswegen auch im Rahmen einer anderen Art von Eierstock-Operation ein Keil aus einem der Eierstöcke geschnitten worden war, was den Hormonhaushalt angeblich regulieren sollte.

Mein Körper will offenbar darauf nicht verzichten. Das gehört zu mir dazu und macht mich zu dem, was ich bin. Wenn ich mich dagegen wehre (oder andere meinen, daß ich das tun müßte), zahle ich einen hohen Preis.

Nur so nebenbei kommt mir eine Statistik in den Sinn: Es wurde ja festgestellt, daß das Verhältnis von Männern zu Frauen, die eine Form von Autismus haben, 7:1 ist. Vielleicht bin ich hier gar nicht auf der Seite der Frauen zu suchen, sondern auf der der Männer.

Ich bin eine Frau: Mein Körper ist weiblich, und ich mag meine weibliche Sexualität. Ich mag auch meine Gesangsstimme (Sopran). Und umgekehrt nervt mich, daß ich Haare im Gesicht habe, wo sie meinem Gefühl nach überhaupt nicht hingehören. Und auch sonst mag ich keine Haare am Körper haben. Also: „typisch weiblich“.

Vielen weiblichen Rollenbildern mag ich jedoch nicht entsprechen: Ich will keine „Mode“, sondern Kleidung. Am liebsten bequeme. Wenn sie gut aussieht, umso besser. Ich möchte auch nicht aufgrund meiner Optik bewertet werden (was im allgemeinen sowieso schiefläuft, wie mich die Erfahrung lehrt). Ich bin nicht bereit, mich aufzutakeln, um irgendjemanden zu beeindrucken. Statt einer Handtasche, die offenbar bei „richtigen Frauen“ zur Standard-Ausstattung gehört, habe ich seit vielen Jahren immer nur eine Stofftasche bei mir, auch Drecksack genannt, weil die Dinger immer so leicht schmutzig werden.

Ich mag überall da, wo es um Können und Wissen (und letztendlich auch ums Geldverdienen) geht, nicht einmal als Frau wahrgenommen werden, weil meiner Ansicht nach das Geschlecht da gar keine Rolle spielen sollte.

All diese Anforderungen und Verhaltensweisen habe ich bereits seit meiner ersten Ausbildung an Frauen beobachtet, die sich für „richtige“ Frauen halten, und es wurde auch immer wieder von mir verlangt. Aber all das, was von mir erwartet wird, nur weil ich eine (biologische) Frau bin, stößt mich ab. Es fühlt sich für mich schrecklich falsch an.

Wie ist das nun mit dem männlichen Teil? Zumindest einigen männlichen Rollenbildern dürfte ich deutlich stärker entsprechen als weiblichen. Ich bin eher bereit, Aggression und Wut herauszulassen (wenn auch möglichst auf nicht-zerstörerische Weise), als das von Frauen erwartet wird. Ich will zuerst, daß Dinge funktionieren; wenn sie dann auch noch gut aussehen, ist das nett, aber nicht nötig (siehe auch Mode vs. Kleidung).

Vor Jahren versuchte ich einmal, eine medizinische Indikation für eine Brustreduktion zu bekommen. Ich hatte das Stück Papier schon in der Hand gehabt, verlor es dann allerdings bei meinem Umzug nach Düsseldorf. Also ging ich in Düsseldorf nochmal zu einem entsprechenden Arzt. Der wollte mir die Indikation nicht ausstellen, sondern erklärte, ich solle erstmal abnehmen, da ansonsten im Fall einer Gewichtsreduktion nach einer solchen Operation „zu wenig“ übrig bleiben würde. Ich konnte dem Arzt nicht klarmachen, daß mir das völlig egal war. Er ging wohl davon aus, daß eine Frau sich (auch) über ihre Brüste als weiblich definiert (was wohl für andere wirklich so sein mag), und daß das auch für mich so zutreffen müsse. Es wäre mir wirklich egal. Mich definieren sie jedenfalls nicht.

Auch zu meinem weiblichen Vornamen habe ich – und das schon sehr früh – eine starke Distanz aufgebaut. Dieser Name definiert mich nicht. Er wurde mir nur gegeben, weil ich zufällig in einem weiblichen Körper geboren worden war. Ich kann mir aber umgekehrt auch nicht vorstellen, bei einem der üblichen männlichen Vornamen gerufen zu werden. Insofern ist mein Autonym „Atari-Frosch“ tatsächlich der Name, zu dem ich am besten stehen kann.

Die Bezeichnung für eine Tierart ist geschlechtsunabhängig. Zwar ist der Artikel in diesem Fall zufällig männlich, aber deutsche Artikel sind ja sowieso nahezu komplett zufällig auf die Substantive verteilt. Ist der Tisch männlich? Die Pfanne weiblich? – Eben.

Was bin ich nun? Frau? Mann? Beides? Nichts davon?

Ich definiere mich dann erstmal als bi-gender, also beides. Von jedem ein Stückchen, keins davon „richtig“, aber das macht nichts. Denn was „richtig“ ist, ist sowieso nur eine gesellschaftliche Definition.

5 Kommentare zu “bi-gender”

  1. Wendelherz quakte:

    Ich lüpfe mein Hütchen und bedanke mich flauschend! <3
    Auf jeden Fall verdammt interessant. In vielem konnte ich mich ein wenig wiederfinden, nur dass es bei mir eben auch ne Ecke weiter geht. Aber Du darfst sein, wer Du sein möchtest, und vor allem, wer Du BIST. Und das ist gut so. <3


  2. Julitschka quakte:

    Vielen Dank für diesen Einblick in Ihre Gefühlswelt, die ich an einigen Stellen sehr gut nachvollziehen kann (Probleme mit der Periode, Kleidung statt „Mode“ etc.). Ich kann gut verstehen, wie schwierig es ist, wenn man teilweise nicht als „richtige/r Frau/Mann“ wahrgenommen wird. Ich habe auch schon viele Kommentare und schiefe Blicke kassiert, weil ich mich an einigen Stellen eben nicht „typisch weiblich“ verhalte.
    Ich denke, dass auch jeder gewisse „männliche“ und „weibliche“ Anteile/Interessen hat, diese aber eben einfach unterschiedlich verteilt sind. Wenn Sie sich zwischen den Geschlechtern richtig fühlen, dann ist das auch richtig so.
    Sehr eng gefasste Vorstellungen von „weiblich“ und „männlich“ finde ich eh immer etwas seltsam und fragwürdig.


  3. Nico quakte:

    Hey,
    ich bin ganz beeindruckt. ich entdecke das was du bigender nennst, als einen wesentlichen Aspekt meines Seins. Als „Tochter“ einer Autistin, bin ich gewohnt für seltsam gehalten zu werden und artfremd. Jahre, die ich in schamanischer Ausbildung verbracht habe, auch wegen diverser spiritueller Begleiterscheinungen, die lt Wikipedia ja „normal“ sein sollen bei bigendern (da musste ich echt lachen, dann bin ich für das was ich bin wenigstens normal 🙂 ), habe ich damit verbracht mir zu wünschen „endlich“ vollständig anwesend zu sein mit Allem. Das Ergebnis ist jetzt da. Das wirft noch mal einiges um und einige Fragen auf. Langweilig ist mir also mit mir nicht.
    Ich habe Lust auf einen tiefsinnig selbstreflektierenden Austausch, wenn dir danach sein könnte – gerne via Mail
    herzlich


  4. Atari-Frosch quakte:

    Hallo Nico, ich kannte die Wikipedia-Artikel zu dem Thema gar nicht. Aber weder im deutschen noch im englischen ist generell sonderlich viel zu finden (andere Sprachen verstehe ich nicht). Von Spirituellem finde ich da nichts.

    Interessant ist aber, daß ich ohne Einfluß von außen auf diesen Begriff gekommen bin. Ich wußte nicht, daß es den schon gibt; ich hatte den von Bisexualität abgeleitet, weil es ja nicht um die Sexualität geht, sondern eben um das eigene Geschlechtsempfinden. Per Mail können wir uns gern austauschen, aber Du wirst damit klarkommen müssen, daß ich für Esoterik nicht sonderlich offen bin. 😉


  5. Harley Liam quakte:

    Hallo,

    vielen Dank für diesen Artikel. Mir ging es ähnlich. Auch bei mir wurden zu viele männliche Hormone festgestellt und ich habe mich seit der Kindheit mehr als Mann angesehen. Ich schätze nur wenige weibliche Eigenschaften an mir. Die Behandlung mit Diane35 brach ich ab, da ich zu meiner männlichen Seite stehen will. Lieben Gruss


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