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Wahlkampf

19. Mai 2014 um 17:37 Uhr von Atari-Frosch

Mal ein paar Gedanken zum Thema Wahlkampf, nicht nur den derzeitigen für EU- und Kommunalwahlen, sondern so generell …

Findet Ihr das eigentlich gut, was die Parteien da machen? Da werden teils Riesen-Beträge ausgegeben, um Plakate zu gestalten und aufzuhängen, um Wahlwerbespots zu drehen und von Fernsehsendern und Kinos ausstrahlen zu lassen und Anzeigen in Zeitungen schalten zu lassen. Es werden Flyer erstellt, gedruckt und verteilt, manchmal kommen auch noch typische Werbegeschenke wie Kugelschreiber, Schreibblöcke, Blumen, Lutscher, Luftballons etc. dazu. Aber mal ehrlich: Was hat das alles mit einer politischen Wahl zu tun?

Für mich persönlich: Gar nichts. Das Ganze wirkt auf mich wie eine reine Materialschlacht, bei der es nicht darum geht, den Wähler von den Inhalten der jeweiligen Partei zu überzeugen, sondern ihn eher zu überreden, eine bestimmte Partei oder einen bestimmten Kandidaten zu wählen, weil sie die schönsten Plakate, die buntesten Flyer, die nettesten Werbegeschenke machen.

Von mir aus könnte man das alles weglassen.

Einen guten politischen Wahlkampf stelle ich mir ganz anders vor. Da erwarte ich, daß mir das Parteiprogramm in gut lesbarer Form präsentiert wird (gedruckt und im Internet), und, noch wichtiger, daß ich die Kandidaten, die mich in einem Parlament vertreten wollen, persönlich befragen kann. Ich erwarte, daß die Kandidaten – sowohl Neulinge als auch solche, die sich nach einer Legislaturperiode erneut bewerben, die Hosen runterlassen müssen, und zwar nach Möglichkeit öffentlich.

  • Ich will nicht wissen, wieviele Kugelschreiber einer verteilt, sondern wie er in dem Parlament, für welches er sich bewirbt, abstimmen wird, wenn es um Themen geht, die mich – direkt oder indirekt – betreffen.
  • Ich will nicht wissen, von wievielen Plakaten mich ein Kandidat angrinst, sondern was er für ein Menschenbild vertritt.
  • Ich will nicht in der Innenstadt an einem Infostand Blümchen in die Hand gedrückt bekommen, sondern lieber erfahren, ob der Kandidat auch wirklich für die Belange der Menschen eintritt oder doch lieber Lobbygeschenke einsteckt und dann dementsprechend abstimmt.
Flyer von SPD, Grüne, Linke auf Treppenstufen

Wenn das möglich ist, dann könnt Ihr Euch von mir aus die gesamten Plakate, Werbespots, Kugelschreiber, Blümchen und den größten Teil der Flyer (nämlich die ohne echte Infos) schlicht sparen, und müßt den Leuten auch keine Wahlwerbung in den Hausgang oder in die Briefkästen werfen, von wo aus sie überwiegend sowieso direkt ins Altpapier wandern. Ihr müßt die Städte und Landschaften nicht mit Plakaten verschandeln und diese hinterher dementsprechend auch nicht wieder abhängen.

So ganz nebenbei würde das einiges an Parteispenden insbesondere aus der Wirtschaft unnötig machen, mit welchen die Parteien wiederum generell kein gutes Bild abgeben. Die Parteien hätten dieses Geld schlicht nicht nötig!

Guter Wahlkampf braucht vor allem Information, aber auch Motivation. Die Teilnahme an den Wahlen ist immer wieder erschreckend niedrig. Besonders auffällig ist das in Wahlkreisen, in welchen viele „Abgehängte“ leben. Ich sehe jedesmal ganz viele nicht abgehakte Namen in den Listen der Wahlstuben, selbst dann, wenn ich erst gegen Abend wählen gehe. Da werden ganz viele Menschen überhaupt nicht angesprochen. Diese Menschen müssen da abgeholt werden, wo sie stehen. Wahlplakate sprechen sie nicht mehr an, die gehören zu der ganzen anderen bunten und jegliche Intelligenz verneinenden Werbung, mit denen man so tagtäglich erschlagen wird. Hier ist mehr nötig.

Infostände sind ein guter Anfang, aber die sieht man üblicherweise nur in den piekfeinen Innenstädten, da wo Leute einkaufen gehen. In den Stadtteilen dagegen sehe ich so gar keine mehr, selbst jetzt für die Kommunalwahl. Tja.

Ein sehr gutes Konzept wurde gerade in Heidelberg ausprobiert: Dort veranstaltete der Stadtteilverein Rohrbach ein Speed-Dating mit den Kandidaten für die Kommunalwahl. Statt die Kandidaten von einem Podium herunter reden zu lassen, mußten sie sich den Bürgern direkt in kleinen Runden stellen. Wer hier schlichte Monologe abläßt oder keine Antworten hat, ist vermutlich schnell raus. Natürlich sollten solche Veranstaltungen dann nicht von einer Partei getragen werden, aber ich würde sowas auch hier und generell vor Wahlen begrüßen und erwarten, daß die jeweiligen Kandidaten auch teilnehmen.

Was man dabei erfährt, inclusive des persönlichen Eindrucks, kann kein Wahlplakat ersetzen. Selbst das Wahlprogramm der jeweiligen Partei ist ja nur ein Anhaltspunkt, da die Gewählten hinterher als Mandatsträger nicht daran gebunden sind (von so undemokratischen Dingen wie Fraktionszwang mal abgesehen, aber das lehne ich sowieso ab).

So sollte meiner Meinung nach Wahlkampf laufen. Dann braucht’s auch diese ganzen nervigen Plakate mit ihren teils dümmlichen Sprüchen nicht mehr. (Ja, es gibt auch gute, die ändern aber nichts am Gesamtproblem.)


3 Kommentare zu “Wahlkampf”

  1. Alex Schestag quakte:

    Ich muss dir da als derzeitiger und früherer Wahlkämpfer widersprechen.

    Zunächst: In einem Punkt hast du Recht: es wäre schön, wenn das alles nicht nötig wäre. Es ist leider nötig. Einige Beispiele:

    – Würden alle auf Plakate verzichten, wäre alles gut. Aber derzeit sind Plakate schlicht eine praktische Notwendigkeit. Nicht für politische Aussagen. Die kannst du in den meisten Fällen in die Tonne kloppen – wenn überhaupt eine drauf steht. Plakate dienen lediglich der Signalisierung, dass man präsent ist, und liefern allenfalls Schlagworte zu den eigenen Inhalten. Eine andere Funktion können sie gar nicht erfüllen, weil für differenzierte Aussagen schlicht der Platz fehlt. Aber insbesondere zum Präsen-Zeigen sind sie zwingend notwendig. Dazu gibt es m. W. sogar Untersuchungen.

    – Information ist wichtig, reicht aber nicht. Leider zeigt auch die Erfahrung am Stand, dass es nicht ohne Giveaways geht. Giveaways für die lieben Kleinen ebnen nicht selten den Weg zum Gespräch mit den Eltern. Kann man scheiße finden – tu ich auch, wenn Eltern weiterrennen und meinen „Ihr habt ja keine Luftballons“ – ist aber schlicht so.

    – Ähnlich ist das mit den von dir angesprochenen Rosen. Die transportieren auch bestimmte Emotionen, und Emotionen bestimmen den Wahlkampf ganz erheblich. Ich habe es schon erlebt, dass solche Dinge als Wertschätzung empfunden werden und zu einer Wahlentscheidung führen. Kann man völlig absurd finden. Tu ich auch. Ist aber so. Information ist nicht alles. Eine Wahlentscheidung ist zu einem gut Teil eine emotionale Entscheidung und keine rein sachliche.

    – Du kritisierst, dass man Infostände nur in den Innenstädten sieht. Das kann ich so nicht bestätigen. Hier machen fast alle Parteien, auch wir, Infostände in den Ortsteilen, z. B. auf den Wochenmärkten.

    Das Speeddating bei uns war in der Tat eine tolle Sache und ist sehr zur Nachahmung zu empfehlen. Von mir aus können wir auch gern mal das Experiment wagen und im Konsens alle Plakate, Flyer – wobei unser Kurzwahlprogrammflyer sehr gefragt war und klar der Information diente – und Giveaways abschaffen und nur noch rein sachliche Infostände, Podiumsdiskussionen, Speeddatings und ähnliche Veranstaltungen machen. Ich prognostiziere dann allerdings, dass die Wahlbeteiligung noch weiter massiv in den Keller gehen würde.


  2. Joachim quakte:

    Bei uns hat die SPD rotes Spüli verschenkt. Nun frage ich mich, was müssen die denn reinwaschen? Und ich frage mich, ob das Geld für den Quatsch nicht besser für ein soziales Projekt angelegt wäre.

    Null-Aussagen, ansprechen von Instinkten und Emotionen ist doch wohl mehr Sache von Populisten. Für mich ist das Anti-Werbung.

    In der Tat, Wahlentscheidungen sind auch emotional. Das schließt Sachlichkeit aber nicht aus. Selbst dann nicht, wenn die den Parteien fehlt. Denn sonst würde ich an einen großen Sack denken… Tu ich aber nicht. Ich mache etwas weit Schlimmeres: ich wähle die einfach nicht, die mich derart primitiv verarschen wollen. Das Problem ist nur, so langsam gehen mir die Alternativen aus.


  3. Fozzie quakte:

    Als Politiker würde ich solche Mittel auch nutzen, denn die meisten Leute haben doch kein rationales Verhältnis zur Politik.


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