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Bundestag und Fußball-WM

16. Juni 2014 um 18:58 Uhr von Atari-Frosch

In einem Beitrag beim Deutschlandfunk vom 12. Juni (Ablenkungsmanöver: Was der Bundestag während der WM alles durchjubelt) heißt es:

„Wir haben jetzt schon Wert darauf gelegt, dass wir möglichst keine Debatten haben, wenn die Deutsche Nationalmannschaft ein Länderspiel hat“, sagt Michael Grosse-Brömer. Das gilt auch für die Haushaltswoche Ende Juni. Da werden am Donnerstag alle Etats etwas knapper besprochen als gewöhnlich. Um Viertel vor fünf soll nämlich Schluss sein. Um sechs spielt Deutschland gegen die USA.

Ich finde das interessant. Denn das heißt ja, daß die Abgeordneten im Bundestag, ohne ihren Arbeitgeber, also den Souverän, zu fragen, sich selbst wegen eines Sportereignisses ihre Arbeitszeiten verkürzen.

Es ist außerdem zu vermuten, daß auch an den anderen Plenartagen, an denen Fußballspiele laufen, mehr Abgeordnete vor Fernsehern als im Plenarsaal sitzen werden. Da gab es ja diese berühmte 57-Sekunden-Abstimmung, in der mal eben Bürgerrechte verkauft wurden – es waren eigentlich nicht einmal genügend Abgeordnete anwesend, um überhaupt eine Abstimmung durchführen zu können, aber man war sich offenbar fraktionsübergreifend darüber einig, daß man trotzdem abstimmen wollte.

Stellt Euch das mal in anderen Arbeitsumgebungen vor:

  • Angestellte in einer Firma sagen, wir machen jetzt einfach mal früher Schluß, bzw. legen keine wichtigen Tätigkeiten in diese Woche, weil ja Fußball läuft und alle abgelenkt sind, ohne den Chef zu fragen.
  • Oder: Eine Firma beschließt, in dieser Woche keine wichtigen Aufträge zu bearbeiten, weil ja Fußball läuft, alle abgelenkt sind und früher Schluß machen wollen.
  • Noch lustiger: In einem Krankenhaus werden mal eben keine wichtigen Operationen angesetzt und die Schichten werden ebenfalls verkürzt, damit alle Fußball gucken können.
  • Im Pflegeheim werden auch die Schichten verkürzt und während der Spiele keine wichtigen Pflegemaßnahmen durchgeführt.

Die Arbeitnehmer, die sowas ohne ihren Chef beschließen, hätten hinterher mindestens mal eine fette Abmahnung in der Personalakte.

Der Unternehmer, der so dermaßen auf die Fußballspiele Rücksicht nimmt, daß er wichtige Aufträge liegenläßt und/oder mit weniger Aufmerksamkeit bearbeitet, der könnte nach der WM seinen Laden zumachen.

Kranke oder pflegebedürftige Menschen würden sich sicher bedanken, wenn sie – ohne deswegen weniger bezahlen zu müssen – (noch) schlechter versorgt würden als sonst schon.

Aber unsere Abgeordneten dürfen bei vollem Gehalt einfach mal so ihre Arbeitszeit verkürzen, weil ja Fußball ist.

Geht's noch?

Dürfen Erwerbslose eigentlich auch Termine beim ARGE schwänzen mit der Begründung, sie mußten zu der Zeit live ein Fußballspiel sehen? Oder weil ein Fußballspiel, wegen der Zeitverschiebung, bei uns mitten in der Nacht läuft, können sie nicht früh morgens beim Termin erscheinen? Die Sanktion folgte garantiert auf dem Fuße.

Die anderen Schwänzer sind allerdings viele Pressevertreter, für die, wie im DLF-Beitrag erwähnt, ebenfalls jetzt die WM im Vordergrund steht. Es gibt offenbar nichts wichtigeres als eine Fußball-Weltmeisterschaft – oder doch?

Der nächste Plenartag im Bundestag ist am 24. Juni. Auf der Tagesordnung stehen vor allem Haushaltsthemen. Unwichtig und trocken, werden viele denken, aber der Haushalt definiert, welchen Handlungsspielraum jedes Ministerium hat – und was es mit dem Geld, zumindest grob, so anstellen darf. Am gleichen Tag finden vier WM-Spiele statt, sodaß die Aufmerksamkeit von Journalisten und Bevölkerung eher gering sein wird.

Am folgenden Tag, am 25. Juni, ist wieder Plenartag. Die Tagesordnung hat durchaus spannende Punkte: So geht es beispielsweise in TOP III um die „Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der Multidimensionalen Integrierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA) auf Grundlage der Resolution 2100 (2013) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 25. April 2013“. Auch TOP IV betrifft militärische Einsätze, da geht es um die „Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der "United Nations Interim Force in Lebanon" (UNIFIL) auf Grundlage der Resolution 1701 (2006) vom 11. August 2006 und folgender Resolutionen, zuletzt 2115 (2013) vom 29. August 2013 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen“. Ansonsten stehen weitere Haushaltsberatungen auf der Tagesordnung. Am selben Tag laufen wieder vier WM-Spiele, sodaß wiederum die Aufmerksamkeit von Journalisten und Bevölkerung gegen Null tendieren wird.

Am 26. Juni stehen wieder „nur“ Haushaltsberatungen auf der Tagesordnung – die natürlich „pünktlich“ abgearbeitet sein muß, damit auch alle die vier WM-Spiele dieses Tages live mit ansehen können.

Die Beratung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat man immerhin auf den spielfreien Freitag, den 27. Juni, gelegt. Dafür soll an dem Tag auch ohne Fußball bereits um 14:25 Uhr Feierabend sein. (In einer Firma müßte man hier die versäumte Arbeitszeit nachholen.) Vor lauter WM-Berichterstattung wird man aber vermutlich vom Ergebnis dieser Debatte in der Presse nur unter „ferner liefen“ lesen. Schließlich ist Fußball, Fußball ist wichtiger als alles andere, nicht wahr?

Bei den EEG-Beratungen geht es übrigens um Steuerbefreiungen für die großen Stromfresser, die die privaten Haushalte über Strompreiserhöhungen wieder ausgleichen „dürfen“. Nach drei fußballtrunkenen Tagen wird da sicher jeder Journalist ganz genau zuhören und sehr kritisch berichten. (Ähm, ja.)

Weitere Tagesordnung für die Zeit der Halbfinalspiele (28. Juni bis 1. Juli sowie 4. und 5. Juli) und die Finalspiele (8./9. und 12./13. Juli) wurden vom Bundestag noch nicht bekanntgegeben.

Generell frage ich mich, wieso eine private Großveranstaltung Politiker, politisch interessierte Menschen, Journalisten und überhaupt die ganze Bevölkerung dermaßen in Beschlag nehmen kann, daß außenherum nichts mehr wahrgenommen wird. Andere Sportveranstaltungen, auch wenn sie einen Weltmeister-Titel versprechen, werden weder medial noch durch die Politik dermaßen stark hofiert – was ja durchaus in Ordnung ist! Aber (Männer-)Fußball – ja, das ist was „anderes“. Das einzige, was da noch gleichziehen kann, sind die Olympiaden – aber auch wiederum nur die der Nichtbehinderten: Die Olympiade der behinderten Menschen wird kaum beachtet, ein krasses Gegenstück zu der vorher laufenden Olympiade.

Ich verstehe, daß sich Menschen aus ihrem Alltag ablenken lassen wollen, für viele ist er übel genug (was man von Bundestags-Abgeordneten allerdings eher nicht sagen kann). Aber diese völlige Abschaltung aller Wahrnehmung von allem, was nicht Fußball (bzw. Olympia) ist, die kann ich nicht verstehen.

Primär ist hier wohl der Berufsstand der Journalisten angesprochen. Fernsehen, Zeitung, Webseiten, alles ist voller bunter Fähnchen und voller Fußbälle. Wie ein Spieler welcher Mannschaft wann wo ein Tor geschossen hat oder warum ein Schiedsrichter wann wie entschied, wird intensiver diskutiert als die Frage, wie unser Bundeshaushalt zustande kommt und wie die Gelder verplant werden.

Darf ich das krank finden?

Ich denke, es wird Zeit, dieser Veranstaltung den Platz zuzuweisen, der ihr zusteht und ihr die Aufmerksamkeit kräftig zu kürzen. Weg damit von den Titelseiten, ab in die Sportseiten, in die Sportzeitungen, von mir aus in den Boulevard. Außerdem gehört das Thema raus aus der Werbung und aus den Schaufenstern (von Sportgeschäften und -abteilungen vielleicht mal abgesehen), damit wir nicht aggressiv immer und überall nur noch Fähnchen und Fußbälle sehen und alles andere vergessen (sollen).

Die Menschen sollten auch während solcher Veranstaltungen, ohne ständig abgelenkt zu werden, noch in der Lage sein, klar zu denken und in der Realität zu bleiben. Das scheint da nämlich ein Stück weit verloren zu gehen.

In diesem Sinne: Hoffentlich fliegt Deutschland bald raus, damit zumindest ein Teil des medialen Fußball-Terrors mal vorbei ist und wieder über wirklich wichtige Dinge gesprochen und geschrieben wird.

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