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Autismus und Empathie

12. August 2014 um 21:57 Uhr von Atari-Frosch

In einem Kommentar warf Joachim die Frage auf, wie ich denn als Autistin empathisch sein könnte.

Zunächst einmal unterstelle ich als bekannt, daß nicht alle Autismus-bedingten Eigenschaften bei jedem Autisten vorhanden sind und die, die vorhanden sind, nicht gleich stark ausgeprägt sind. Deshalb nennt man das ja mittlerweile auch ein Spektrum – die veränderte „Verschaltung“ im Gehirn erzeugt individuell unterschiedliche Ergebnisse, die wir als positiv oder negativ einordnen, oder die sogar beides sein können, je nach Situation.

Ich persönlich kann nicht immer die Intention einer verbalen Aussage erkennen, da mir tatsächlich Kommunikationsanteile fehlen. Augen kann ich gar nicht lesen, und Mimik lesen muß ich bei jedem Menschen quasi wieder erneut erlernen, auch wenn ich im Laufe meines Lebens natürlich einen Teil der menschlichen Mimik generell zu lesen gelernt und mir damit sozusagen eine Basis aufgebaut habe.

Was ich auch bei jedem Menschen in Sachen lautsprachlicher Kommunikation neu lernen muß, sind Stimmfärbungen, die beispielsweise Ironie oder bewußte (für andere als solche erkennbar) Falschaussagen oder Übertreibungen kennzeichnen. Das empfinde ich oft sogar noch als schwieriger als Gesichtsausdrücke zu deuten.

Dazu kommt noch eine gewisse Neigung, Aussagen (zumindest in erster Reaktion) erst einmal wörtlich zu interpretieren und dann erst, sofern Erfahrungsschatz und Situation das hergeben, eine weitere mögliche Bedeutung in Betracht zu ziehen. Von dieser Reaktion merkt man häufig nichts, weil ich im allgemeinen versuche, die erste Interpretation für mich zu behalten, sobald ich den Verdacht hege, daß das nicht gemeint war – allerdings merke sich es leider nicht immer. Nach außen fällt dann eher auf, daß ich auf eine Aussage sozusagen verspätet reagiere – oder gar nicht, wenn ich der Meinung bin, daß eine Reaktion dann zu spät käme; in dem Fall lasse ich es dann lieber ganz sein. So mancher denkt sich vermutlich, daß ich ein bißchen schwer von Begriff sei …

Das alles heißt aber doch nicht, daß ich mich überhaupt nicht in andere Menschen hineinversetzen oder ihre Gefühlslagen oder Intentionen überhaupt nicht verstehen könnte! Ist die notwendige Information nämlich einmal bei mir angekommen, kann ich darauf genauso reagieren wie ein neurotypischer Mensch, und zwar unabhängig davon, ob es um fachliche oder emotionale Informationen geht.

Interessant ist, daß dieser „Nachteil“ in einem Medium, in welchem nur geschrieben wird und es keine Gestik, Mimik, Augen, Stimmfärbung etc. gibt, zu einem gewissen Teil wieder ausgeglichen wird, weil den neurotypischen Menschen da genau die gleichen Kommunikationsanteile fehlen. Es gibt nun natürlich Mittel, diese ansatzweise (!) zu ersetzen wie Schreibstil, Wortwahl, zusätzliche Erklärungen, aber auch Smileys und andere Symbole. Letztere wiederum sind im Vergleich mit einem individuellen Gesichtsausdruck viel eindeutiger, so daß ich in diesem Medium nicht mehr ganz so stark benachteiligt bin (was nicht heißt, daß es da keine Mißverständnisse geben kann).

Eigentlich gibt es da jetzt noch einen dritten Teil nach dem Erkennen und Verstehen: Das angemessene Handeln. Denn auch daran wird ja die Empathie gemessen: Handle ich unangemessen (oder gar nicht, obwohl ich hätte handeln sollen), wird leicht unterstellt, ich hätte das Problem oder die Situation nicht verstanden. Das muß aber gar nichts miteinander zu tun haben.

Denn beim angemessenen Handeln klemmt es dann gelegentlich wieder, aber das ist auch stark von der konkreten Situation, den beteiligten Menschen und meiner eigenen Stimmungslage und Stabilität abhängig.

Da ich sehr direkt bin, mag meine Reaktion nicht immer angemessen erscheinen. Auf emotionale Situationen kann ich (vor allem abhängig von meinem eigenen emotionalen Zustand) scheinbar sehr kalt-logisch reagieren, was individuell sehr unterschiedlich aufgefaßt wird – zwischen völligem Unverständnis und der Ansage, daß so eine Distanz jetzt genau richtig sei, war schon alles dabei. In den Phasen der mittelgradigen bis schweren Depression wiederum fiel diese kalte Logik meist weg, und ich reagierte eher (bis zu hoch-)emotional. Daß Depression und Autismus aufeinander Einfluß nehmen, vermute ich generell schon länger (und Erfahrungen spielen ja auch noch eine Rolle).

Dazu kommt noch, daß ich in manchen Situationen meinen Gesichtsausdruck und meinen Augenausdruck willentlich steuern müßte (ja, ich bin dazu in der Lage), um nicht mißverstanden zu werden, weil ich so „ausdruckslos“ aussehe. Wenn ich selbst nicht fit oder stabil genug dafür bin, schaffe ich das nicht unbedingt. Um die Irritation jetzt noch zu vergrößern: Nein, nicht jeder Gesichtsausdruck von mir ist willentlich erzeugt; im allgemeinen mache ich das sehr selten, weil es doch ordentlich Kraft kostet.

Der fehlende Augenkontakt tut dann noch sein Übriges.

Also, nochmal zusammengefaßt: Ich kann nicht unbedingt ablesen, was jemand empfindet, aber ich kann es verstehen und ggf. nachempfinden oder zumindest akzeptieren, wenn die nötigen Informationen bei mir angekommen sind. Ob ich darauf dann auch adäquat reagieren kann, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Generell: Vorsicht mit Aussagen wie „Autisten haben …“, „Autisten sind in der Lage, …“ oder „Autisten können nicht …“, denn „die Autisten“ gibt es nicht. Ich kann nicht für andere Betroffene sprechen, sofern diese sich nicht selbst schon irgendwo dazu geäußert haben. Einige haben das bereits getan:

8 Kommentare zu “Autismus und Empathie”

  1. NT quakte:

    Ich schätze deine Beschreibung deiner Schwierigkeiten beim Erkennen von Kommunikation sehr, das ist gut geschrieben und nachvollziehbar. Meiner Meinung nach hat Empathie nur wenig mit dem Erkennen von Kommunikation, sondern mit dem Verstehen von Beweggründen zu tun. Daher stimme ich dir zu.


  2. Joachim quakte:

    Du bist schon ein wenig „gemein“. Ich persönlich weiß (glaube zu wissen), dass alle Menschen Empathie empfinden können. Autisten bilden da keine Ausnahme. Das hast Du sehr schön selbst erklärt.

    Es fällt mir nicht leicht, nein, es ist unmöglich, meine Gedanken dazu in wenigen Sätzen unterzubringen – zumal ich wirklich nicht sicher bin. Ich versuche es trotzdem, trotz besserem Wissen und etwas, das in mir sagt: don’t. Der Grund: ich habe einfach zuviel Blödsinn von vollkommen „normalen“ Menschen gehört. Hier also mein Blödsinn als eine Art Stoß, das Normale aus dem zu simplen Gleichgewicht zu bringen.

    Man sagt Aspies nach, sie seien sehr loyal, hilfsbereit und mitfühlend. Man sagt ihnen nach, sie wollten nur und unter allen Umständen das „Richtige“ tun. Man sagt, Aspies hassen alles, was falsch ist. Man sagt, Aspies denken anders.

    Allerdings sollen sie manchmal nicht erkennen, dass nach oben gezogene Mundwinkel nur den Zweck haben, sie kalt lächelnd über den Tisch zu ziehen. Das ist meine (zugegeben etwas ironische) Interpretation von Gesichtsblindheit. In der Tat kann es kalt wirken, sich nicht verarschen zu lassen, ja den Versuch einfach zu ignorieren. Es könnte gut sein, dass dies ab und an sehr angebracht ist. Denn es wird auch gesagt, dass Aspies hier aus einem bestimmten Grund besonders anfällig sind. (Begründung fehlt. sollte aus dem Kontext später klar werden!?).

    Ich pauschalisiere? Ja, ganz sicher. Genau wie es alle oft genug tun. Nur mein Vorzeichen ist mal anders herum.

    Du ahnst vermutlich, zu Deiner ziemlich klassischen Beschreibung von Aspies habe ich eine ziemlich alternative Interpretation. Ja, ja, es stimmt schon, was Du sagst, die Effekte und Deine Gefühle sind real. Ich will, kann und darf das nicht abstreiten. Trotzdem ist (nur) meine Bewertung anders (und zudem nur Spekulation):

    Hast Du schon einmal überlegt, dass Kommunikation nicht nur Deine Sache ist? Es gibt einen Sender und einen Empfänger. So wie Du manchmal Gefühle an nicht verbaler Kommunikation übersiehst, verpasst Dein „normales“ Gegenüber genau so häufig Deine Absichten. Sie unterstellen Dir sogar Gefühlskälte, Besserwissen oder gar „Blödheit“. Das tun sie (also wir!) besonders gerne, wenn Du, der Asperger-Autist, Recht hast. Seltsam, nicht wahr? Immerhin wird Dir als Aspie unterstellt logisch, ja fast wie ein Computer zu sein. Irgendwie geht das nicht zusammen. Das ist wie wenn richtig doch falsch ist.

    Ich denke, das tust Du alles nicht. Ich denke auch, Du bist definitiv kein Computer. Wie kann man das nun bewerten? Sicher ist niemand „perfekt“.

    Die Frage ist: Wer ist anders? Sender oder Empfänger? Was ist anders? Woran liegt das? Klar ist, dass es ein Kommunikationsproblem gibt. Klar ist auch, dass aus irgend einem Grund „Normalos“ „untereinander“ mit der Kommunikation scheinbar zurecht kommen, Aspies aber nicht einmal zwingend untereinander.

    Dazu ein rein spekulativer Gedanke: Was wäre, wenn Normalos nur nicht merken, wie sehr sie sich missverstehen? Ich meine, was kann man an Theater und Smalltalk schon verstehen? Wirklich verlässlich ist da gar nichts wenn mein Chef die Augenbraue hoch zieht und mir sagt, „wir“ müssten jetzt mal Überstunden machen und dann selbst lächelnd nach Hause geht. Manchmal könnt ihr mich mal mit dem Theater und ich verstehe den Aspie wohl ganz gut. Irgendwo haust ein Teil davon auch in mir. Wenn dem so ist, dann ist das einfach menschlich. Dem Chef nicht böse zu sein ist aber was? Na? Jedenfalls keine so schlechte Eigenschaft, abgesehen davon, dass ich Doof dann die Überstunden mache.

    Was wäre, wenn Aspies auf Verstehen und Eindeutigkeit, auf Ehrlichkeit bestehen? Missverständnisse könnten bei ihnen ein Unwohlsein und Unsicherheit verursachen. Ich denke, das geht Jedem so – wenn er es denn bemerkt.

    Möglicherweise ist das so, weil sie einfach mehr oder weniger logisch denken und weil sie Rauschen (z.B. Smalltalk) als unnötige Belastung empfinden. Teilt ihnen jemand etwas mit, so möchten sie das ernst nehmen können. Alles wird an einer Bedeutungs-Schwelle gemessen. Denn Autisten sind permanent und massiv beschäftigt, notfalls mit Volldampf im Leerlauf. Autisten brauchen immer Input oder sie generieren den selbst, sind aber mangels Filter auch damit überfordert. Unter einem gewissen Level wäre die Kommunikation unwichtig, defekt und damit sinnfrei. Möglicherweise ist sie (die Kommunikation), wie in dem Beispiel mit dem Chef, sogar Manipulation oder Betrug. Selbstverständlich irrt man dabei. Doch bei Smalltalk irrt man auch.

    Könnte es also sein, dass wir uns bei den Aspies darüber beschweren, dass sie unsere zu primitiven Kommunikationsformen und vor allen Dingen unser Vorspielen nicht vorhandener oder unklarer Gefühle nicht verstehen? Unklarheit, die wir mit Rollenspiel und Konventionen überspielen wollen? Wie werfen ihnen letztlich vor, dass wir unsere eigene Schwäche, unsere Unsicherheit und unser Tasten nicht auf sie abwälzen können. Wir werfen ihnen vor, kein Theater zu spielen.

    Irgendwo werfen wir ihnen vor, Spock zu sein. Faszinierend, oder?

    Nun, man könnte sagen, genau darin liegt das Defizit. Denn das ist für uns unerwartet und gegen jede Konvention. Aspies sind Alien. Wir lassen sie das fühlen. Die Mehrheit, die tausend Fliegen, können nicht irren, wenn sie es sich ein wenig „leichter“ und unverfänglicher machen wollen. Die Frage ist nur, ob unsere Konvention die einzig Mögliche ist. Die Frage ist, auf wessen Kosten unser „leichter machen“ denn geht. In Wirklichkeit wäre das Theater nicht notwendig, wenn wir uns trauen und uns etwas zutrauen würden. Der Chef könnte einfach ehrlich sein. Dein Flirtpartner könnte einfach ehrlich sein und über etwas „smalltalken“, was ihn wirklich interessiert. Der Interessenabgleich würde deutlich effektiver und interessanter ablaufen, als durch das Raten von Mimik und Theater.

    Natürlich macht Flirten Spaß. So, wie ich das erfahren habe, macht das auch Aspies Spaß, so sie den „Modus“ einschalten wollen/können. Aber auch das geht Jedem so. Belanglosigkeit ist eben ohne Belang und Spaß ist Spaß.

    Vielleicht sehe ich alles flasch. Mein Instinkt sagt mir jedoch genau aus diesen Gründen:

    Schön, dass Du anders bist. Schön, dass Du ein echter Mensch bist. Schön, dass Du also nicht perfekt, dafür aber ehrlich bist. Denn „normal“ gibt man sich nur perfekt, ist aber oft genug unehrlich. Im Grunde lügen wir oft genug, wenn wir Theater spielen und uns auf nicht verbale Kommunikation berufen. Von Aspies sagt man, sie könnten kaum lügen.

    So gesehen würde ich Dir gerne alle Probleme nehmen. Denn ich weiß, nicht so sehr Dein Autismus, sondern wir sind als Sender und Empfänger, als Behörde, als Mitmensch wenigstens zu einem guten Teil die Ursache dafür sind. Doch ich würde Dir niemals den „Asperger“ nehmen. Ich würde nie versuchen, Dir die Seele aus dem Leib zu reißen. Ich würde vielmehr sagen, sei stolz darauf, dass Du bist, was Du bist. Wenigstens habe ich kein Recht zu urteilen.

    Ich kann Dir aber einfach ein 🙂 geben. Ich müsste mich sehr irren, würdest Du dieses Lächeln nicht richtig verstehen. Aha, wo ist nun die Gesichtsblindheit nun? Worauf kommt es an? Ich muss mich nur ein wenig auf Deine Kommunikation, Deine Sprache einstellen. Dann klappt das möglicherweise auch mit dem Lächeln.

    Ich finde, das ist doch ein ziemlich gutes Fazit dafür, dass alles nur „reine Spekulation“, nur „Blödsinn“ ist. Oder?


  3. Joachim quakte:

    Lieber Frosch, ich muss trotz „don’t“ doch noch einmal nach haken. Du hast mit dem Thema Autismus angefangen. Nun sagst Du nichts zu meinem „Blödsinn“. Ich würde gerne verstehen und das geht nur, wenn ein Betroffener sich einmal äußert.

    Ja? ein wenig? Teilweise? Nein? Kontraproduktiv? Arsch? Zu lang ist mir klar…


  4. Atari-Frosch quakte:

    @Joachim: Gelegentlich müssen auch Autisten andere Dinge tun, als überlange Kommentare zu beantworten. 😉 Hey, alte Frau ist kein D-Zug! – sagte man früher. Also: Kömmt noch.


  5. Joachim quakte:

    high five.

    Danke schön (und nicht nur dafür). Lass Dir alle Zeit der Welt.


  6. Atari-Frosch quakte:

    Du bist schon ein wenig “gemein”.

    Öhm, wieso? (Ja, Anführungszeichen gesehen. Kapiert hab ich es trotzdem nicht.)

    „Kalt über den Tisch ziehen“: Ob ich etwas nicht wahrnehme oder zwar bewußt wahrnehme, aber ignoriere, sind schon zwei Dinge. Richtig ist, daß das Gegenüber nicht erkennen kann, was zutrifft. Wenn ich etwas nicht wahrnehme, ist die Definition „läßt sich nicht verarschen“ nicht zutreffend, denn das würde eine bewußte Wahrnehmung des Versuchs voraussetzen.

    „zu Deiner ziemlich klassischen Beschreibung von Aspies“ – ich beschreibe nicht „Aspies“, oder ich versuche zumindest immer wieder, klarzustellen, daß ich nur für mich sprechen kann, weil die Unterschiede innerhalb des Spektrums teilweise doch recht groß sind. Ja, auf diese Unterscheidung lege ich großen Wert.

    „Hast Du schon einmal überlegt, dass Kommunikation nicht nur Deine Sache ist?“ – Ja, dazu gehören immer zwei, schon klar. Meine Absichten verpaßt man aber nicht, indem man etwas übersieht, sondern indem man zu viel sieht, sprich, etwas in meine Aussagen hineininterpretiert, was gar nicht gemeint war und ich deshalb auch nicht gesagt habe.

    Einfaches Beispiel: Sage ich „ich finde es hier etwas kühl“, dann ist das erstmal nur eine Darstellung meiner persönlichen Empfindung. Es heißt nicht: „Mach mal einer das Fenster zu“ oder „dreh mal einer die Heizung auf“, sondern einfach nur „ich finde es hier etwas kühl“. Wenn ich das Fenster geschlossen oder die Heizung aufgedreht haben will, sage ich das dazu oder mache es je nach Situation direkt selbst. 🙂

    Mir wurde bislang übrigens persönlich noch nicht unterstellt, „fast wie ein Computer“ zu sein. Das ist eher eine der Allgemeinplätze, die so über Autisten verbreitet werden.

    „Was wäre, wenn Normalos nur nicht merken, wie sehr sie sich missverstehen?“ Doch, ich denke schon, daß sich neurotypische Menschen besser verstehen, da sie üblicherweise untereinander auf etwa dem gleichen Interpretationslevel sind. Denn der unterschiedliche Interpretationslevel stört die Kommunikation mehr als unterschiedliches Wissen; letzteres kann man ändern, ersteres ist schon schwieriger.

    Natürlich kann auch ein Autist auf Dauer, wenn auch wesentlich mühsamer, lernen, die weiteren Interpretationsmöglichkeiten einer Aussage zu erkennen. Aber der Lernprozeß ist viel schwieriger als es vermutlich für einen NT wäre, das Interpretieren einfach (weitestgehend) wegzulassen.

    „Normal“ ist übrigens, ähm, immer so ’ne Sache, daher bevorzuge ich, wie andere Autisten auch, „neurotypisch“ für nicht Betroffene. Als nicht neurotypisch sehen sich andererseits auch AD(H)S-Betroffene, und wie ich kürzlich gelernt habe, auch Menschen mit Schizophrenie an.

    Was man am „Smalltalk“ verstehen kann … das scheint eine Art zu sein, um soziale Strukturen zu bilden und zu festigen, die Position zum Anderen hin sowohl abzuklopfen als auch zu sichern. Wer das nicht kann, kommt natürlich nur wesentlich schwerer oder auch gar nicht in soziale Strukturen hinein.

    Wirklich verlässlich ist da gar nichts wenn mein Chef die Augenbraue hoch zieht und mir sagt, “wir” müssten jetzt mal Überstunden machen und dann selbst lächelnd nach Hause geht.

    Auch das hat dann wohl was mit, ähm, „sozialen Strukturen“ zu tun. 😉

    Manchmal könnt ihr mich mal mit dem Theater und ich verstehe den Aspie wohl ganz gut. Irgendwo haust ein Teil davon auch in mir.

    Nicht zwangsweise. Je nach Art des „Theaters“, wie Du es nennst, kann sowas jedem auf die Nerven gehen. Das kommt dann wohl wieder drauf an, wie man in die Struktur, in der das Theater gerade gespielt wird, reinpaßt.

    Im frühen Gemeinschaftskunde-Unterricht in der Realschule hatten wir mal das Thema „Rollen“. Menschen spielen unterschiedliche Rollen, je nachdem, in welcher Gruppe sie sich gerade befinden. Man gibt sich am Arbeitsplatz anders als zu Hause, dort wieder anders als im Sportverein, in der Kneipe mit den Kumpels oder in der Handarbeitsgruppe. Trotzdem ist das alles nicht unbedingt „Theater“, denn wer ständig schauspielern muß, der fühlt sich in der jeweiligen Gruppe üblicherweise nicht wohl. Es sind nur unterschiedliche Seiten derselben Person, die in den verschiedenen Gruppen jeweils stärker oder schwächer herauskommen (können/dürfen).

    Was dann Deinen Chef angeht, der selbst keine Überstunden macht: Ob man auf dieses Verhalten böse ist, ist wieder eine Frage, wie man sonst so mit dem Kerl klarkommt. Klar, das „wir“ ist an der Stelle nicht angebracht, und ich wäre wohl auch ein wenig angepißt. Wenn er mir aber sonst viele Freiheiten läßt – mal so als Beispiel –, relativiert sich das dann wieder.

    „Was wäre, wenn Aspies auf Verstehen und Eindeutigkeit, auf Ehrlichkeit bestehen?“ – Ohja. Vor allem auf Ehrlichkeit. Merke ich ja gerade beim ARGE. Das mögen manche so gar nicht. :->

    Auf Ehrlichkeit zu bestehen scheitert nach meiner Erfahrung umso grandioser, je stärker autoritär derjenige eingestellt ist, gegenüber dem ich sie einfordere.

    Möglicherweise ist das so, weil sie einfach mehr oder weniger logisch denken und weil sie Rauschen (z.B. Smalltalk) als unnötige Belastung empfinden.

    Die Fähigkeit zum logischen Denken oder auch der IQ hat aber nichts mit Autismus zu tun. Eventuell rücken logische/sachliche Betrachtungen eher in den Vordergrund.

    „Teilt ihnen jemand etwas mit, so möchten sie das ernst nehmen können.“ – Ja, definitiv. Ich glaube, das kann man sogar recht pauschal so sagen. Aber eben, wie oben schon erwähnt, auch umgekehrt: Wenn ich etwas mitteile, möchte ich das genau so verstanden haben, wie ich es sage.

    Könnte es also sein, dass wir uns bei den Aspies darüber beschweren, dass sie unsere zu primitiven Kommunikationsformen und vor allen Dingen unser Vorspielen nicht vorhandener oder unklarer Gefühle nicht verstehen?

    Teils die Kommunikationsformen, teils die Inhalte. „Smalltalk“ bezieht sich eher auf den Inhalt: Der ist überwiegend bis völlig irrelevant, er bringt – sachlich betrachtet – beide Seiten nicht weiter. Es werden Daten ausgetauscht, aber keine echten Informationen.

    Rollenspiele und (soziale) Konventionen überspielen keine Unklarheiten! Sie definieren soziale Normen und Strukturen und/oder helfen dabei, diese einzuhalten. Inhaltlich sind sie nur teilweise relevant, nämlich dann, wenn ihre Einhaltung (unabhängig davon, ob das gesetzlich sanktioniert ist oder nicht) notwendig ist, um sich nicht gegenseitig zu schaden.

    (Gesetze sind eine andere Baustelle. Es heißt, Autisten könnten praktisch keine Gesetze und Vorschriften brechen. Da kann ich wieder nur für mich sprechen. Richtig ist, daß ich bis vor einigen Jahren nicht mal in der Lage war, einen Fußgängerüberweg mit roter Ampel zu überqueren, wenn die Straße über weite Sicht hin frei war. Ich habe aber festgestellt, daß ich Gesetze und Vorschriften sehr wohl brechen kann, ja manchmal sogar muß, wenn sie offensichtlich so sinnlos sind wie jene rote Ampel oder sogar „falsch“ sind.)

    Irgendwo werfen wir ihnen vor, Spock zu sein. Faszinierend, oder?

    Es gibt ein Blog eines Autisten mit dem Untertitel „Autisten kommen von Vulkan, NTs von Betazed“. Allerdings hinkt der Vergleich meiner Ansicht nach gewaltig. Der Geschichte des Star-Trek-Universums nach versuchen Vulkanier bewußt, ihre Gefühle zu unterdrücken und der Logik absoluten Vorrang zu geben. Spock muß „logischerweise“ an diesem Versuch scheitern, weil er eben auch menschliche Anteile hat („you have not achieved Kolinar“ im ersten Kinofilm – und nein, ich kann nicht alle Dialoge auswendig ;-)).

    Autisten versuchen sicher im allgemeinen nicht, ihre Gefühle zu unterdrücken, genausowenig wie neurotypische Menschen. Im Gegenteil, es wäre ja sogar auf Dauer schädlich, Emotionen ständig zu unterdrücken. Und auf der anderen Seite haben auch neurotypische Menschen sicher nicht unbedingt immer die Empathie und Einfühlsamkeit von Betazoiden – ich glaube, in dem Fall sähe es auf der Welt deutlich menschlicher aus …

    „Die Frage ist nur, ob unsere Konvention die einzig Mögliche ist.“ – Nö, das sehen wir ja hier. Die Frage ist, ob es die einzig richtige Möglichkeit ist. Das kann man sicher bezweifeln. Umgekehrt würde ich aber auch nicht in Anspruch nehmen wollen, daß „unsere“ Kommunikation die wahre Perfektion aller Kommunikationsformen darstellt. 🙂

    Nein, Theater wäre sicher nicht notwendig. Ich bezweifle aber, ob das allein damit zu tun hat, was wir uns zutrauen (dürfen). In manchen Situationen ist es schon mutig, die Wahrheit zu sagen, auch wenn (soziale oder gesetzliche) Sanktionen drohen. Aber muß man dann Theater spielen?

    Das ist immer diese Sache mit Mehrheiten, ich glaube, da fehlt unserer Gesellschaft etwas. Etwas, was sich Solidarität nennt.

    Wenn viele auf der Wahrheit bestehen, ist es nicht mehr mutig, sondern normal, sie auszusprechen. Sanktionen sind dann schlicht nicht mehr möglich. Wenn viele Angestellte in den ARGEn hinwerfen und sagen würden, wir machen das nicht mehr mit, Leute zu schikanieren – ab einer kritischen Masse kann man die nicht mehr alle rauswerfen oder auch nur damit drohen. Es würde nicht mehr funktionieren wie bei Inge Hannemann in Hamburg.

    Statt dessen werden aber lieber die Normen eingehalten – jeder für sich, um seinen Arsch im Warmen zu haben, und einzelne, die doch ausbrechen, sind dann schnell als Verräter abgestempelt.

    „Natürlich macht Flirten Spaß. So, wie ich das erfahren habe, macht das auch Aspies Spaß“ – keine Ahnung, das ist ein Spiel, das Regeln folgt, die ich nicht begreifen kann. Aber nicht nur beim Flirten; ich kann generell nicht gut auf andere zugehen. Was ich kann, ist, auf Kontaktversuche anderer reagieren – und da sind wir wieder beim „Spiegel“.

    „Von Aspies sagt man, sie könnten kaum lügen.“ Da kann ich wieder nicht für andere sprechen, aber für mich trifft das zu, ja. Ich kann was verschweigen, wenn es mir notwendig oder sinnvoll erscheint. Ich kann durchaus auch mal im Scherz (ja, doch, wirklich! ;-)) Blödsinn erzählen, von dem „jedem“ klar ist, daß er so nicht stimmt. Aber je ernster das Thema, desto schwerer wird das mit dem Lügen für mich. Das kann soweit gehen, daß ich physische Schmerzen leide, wenn ich mich zu einer Lüge gezwungen sehe.

    ich würde Dir niemals den “Asperger” nehmen. Ich würde nie versuchen, Dir die Seele aus dem Leib zu reißen.

    Sehr gut dargestellt. Genau das – „die Seele aus dem Leib reißen“ – würde passieren, wenn man mir „den Asperger“ nehmen bzw., weil das ja technisch nicht geht, mich um jeden Preis anpassen wollte. Ist ja nicht so, daß ich solche Versuche nicht schon hinter mir hätte, auch wenn zu der jeweiligen Zeit noch keiner wußte (oder nicht erkannte), daß ich im Spektrum bin.

    Sicher erkenne ich ein Lächeln. Das heißt aber nicht, daß ich es in jeder Situation richtig einordnen kann.

    Schönes Fazit, ja, und längst nicht nur eine Spekulation. Hilft aber nicht viel, wenn es keine Mehrheitsmeinung ist. Bis dahin dauert dat noch.


  7. Joachim quakte:

    @Atari-Frosch,

    danke für diese Klarstellung und überhaupt für Deinen Mut. Ich denke, das kann sehr zum Verständnis beitragen und so das Leben für Autisten und neurotypische Menschen einfacher und vorurteilsfreier machen. Wenigstens ich habe etwas dabei gelernt.

    Dass Du „gemein“ nicht „Verstehst“, weil Du die Frage ganz korrekt nur wörtlich und ohne Wertung nimmt, das ist mir (wirklich nicht überheblich gemeint!) klar. Ich fürchte, neurotypische Menschen interpretieren und meinen vielleicht, meine Frage würde einen Widerspruch aufzeigen. Sie meinen, ich würde Dich sozusagen Lügen strafen wollen. Tatsächlich denke ich jedoch, es existiert kein Widerspruch und Dein Bild vom Spiegel ist korrekt.

    Lieber Atari-Frosch, ich hätte noch gut ein Dutzend Fragen. Ich will aber weder nerven, noch Dich auf den „Aspie“ reduzieren. Deshalb halte ich mich vorläufig einmal zurück. Nur Eines kann ich mir nicht verkneifen: für einen guten Teil des Austismus gilt ganz sicher:

    „Is’t not a bug. It’s a feature“.

    Das hast Du gerade selbst „bewiesen“. Denk‘ daran, wenn es einmal nicht so gut läuft.


  8. Atari-Frosch quakte:

    @Joachim: Was daran mutig sein soll, muß ich mal wieder nicht verstehen 😉

    Frag ruhig weiter. Oder frag zur Abwechslung auch mal jemand anderes: Hawkeye (selbst Autist) sucht gerade Fragen, die er Sam Becker von Auticare stellen könnte: Ich podcaste wohl bald mit Sam Becker von auticare. Wenn also jemand Fragen hat, die ich unbedingt stellen muss, her damit! Falls Du nicht auf Twitter bist, kannst Du Hawkeye auch über seine Website Realitaetsfilter kontaktieren.

    Generell ist es sicher hilfreich, nicht immer nur an einer Stelle zu fragen, sondern sich mal „im Spektrum“ umzuhören. Gibt da ja noch so’n paar Varianten.


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