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Meine autistische Welt

14. Oktober 2014 um 13:45 Uhr von Atari-Frosch

Ihr sagt, Autisten lebten in einer „eigenen Welt“, also zumindest in einer anderen als Ihr. Und das, obwohl wir uns auf demselben Planeten befinden, denselben Raum teilen und dieselbe Luft atmen. Indem Ihr unsere Gedanken als „eigene Welt“ bezeichnet, grenzt Ihr uns aus, und es schwingt schon deutlich mit, daß „unsere“ Welt nicht die richtige sei.

Aber wie sieht denn Eure „richtige“ Welt aus?

In Eurer Welt sind Recht und Gerechtigkeit eine Frage des Geldes.

In Eurer Welt müssen Menschen wunschgemäß funktionieren, fast wie Maschinen; auf „Empfindlichkeiten“ kann da keine Rücksicht genommen werden. Wer nicht funktioniert, der muß eben Nachteile hinnehmen – nicht nur die, die er von Natur aus schon hat, sondern noch weitere, die Ihr einfach bestimmt, also Nachteile wie Armut, Verzicht auf Teilhabe, Ausgrenzung bis hin zur Isolation, Folgekrankheiten und früherem Tod.

In Eurer Welt wird das, was irgendwie anders ist, nur schwer bis gar nicht akzeptiert. Statt Vielfalt als Vorteil und Stärke einer Gesellschaft zu erkennen, seht Ihr nur die Nachteile und Schwächen derer, die nicht Euren Normen entsprechen, und Schwächen wiederum seht Ihr als Last.

In Eurer Welt ist jeder, der – egal ob freiwillig oder unfreiwillig – nicht auf Anweisung und gegen Geld arbeitet, obwohl er sonst keine Einnahmen hat, ein Schmarotzer, der von Euren Steuergeldern lebt. Überflüssig, wertlos, faul, und am besten rechtlos. Seine Bedürfnisse interessieren Euch nicht. Daß Eure wertvollen Steuergelder, von der er es wagt, leben zu wollen, tatsächlich woanders verplempert werden, davor verschließt Ihr allerdings die Augen – genauso wie davor, daß es Euch jederzeit selbst treffen kann, plötzlich außerhalb dieser Arbeitswelt zu stehen.

In Eurer Welt ist es normal, zu lügen, wenn es Vorteile bringt. Ihr geht sogar teilweise so weit, es ehrlichen Menschen vorzuwerfen, wenn sie nicht lügen, um sich einen Vorteil zu sichern. Lügen erscheint Euch einfacher, als auf der Wahrheit zu bestehen. Erst recht, wenn diese Wahrheit unbequem ist.

In Eurer Welt ist es normal, Regierungen und Abgeordnete zu akzeptieren, die Euch falsche Versprechungen machen oder Entscheidungen aufgrund von offensichtlich falschen Informationen treffen. Es ist Euch egal, Ihr hört schon gar nicht mehr hin und wählt dann den, der die am schönsten klingenden Versprechen gibt – obwohl Ihr wißt, daß er sie nie einhalten wird und das auch gar nicht vorhat. Oder Ihr wählt gar nicht mehr und beschwert Euch dann über die, die von den anderen gewählt wurden.

In Eurer Welt gelten klare Ansagen als Affront. Ihr wollt nicht, daß eine Lüge „Lüge“ genannt wird. Ihr sagt „Konflikt“ statt Krieg. Totalüberwachung nennt Ihr „Sicherheit“, aber unsere tatsächliche, persönliche, wirtschaftliche oder gesundheitliche Sicherheit interessiert Euch nicht.

Ihr sagt, „wir betrachten die Entwicklung mit Sorge“ statt zu sagen, daß da was total falsch läuft und wer daran schuld ist.

Ihr zermatscht und verdreht die Sprache, nur damit alles schön glatt und freundlich klingt. Und Ihr merkt nicht, daß Ihr damit auch die Wahrheit und die eigene Realitätswahrnehmung zermatscht und verdreht.

Und Ihr maßt Euch an, Eure Welt als die „richtige“ zu bezeichnen und uns Autisten aus unserer „falschen“ Welt herausholen und in Eure hineinzwingen zu wollen?

An so eine Welt möchte ich weder angepaßt werden noch mich selbst anpassen.

In meiner Welt wird die Wahrheit gesagt, und ein Versprechen ist etwas wert. In meiner Welt heißt Sicherheit, daß ich keine Angst um meine Existenz haben muß. In meiner Welt ist Vielfalt Stärke. In meiner Welt steht nicht Arbeit gegen Geld, sondern der Mensch im Mittelpunkt.

Aber ich lebe ja nur in einer eigenen Welt, und so mancher nennt mich deswegen naiv.

Manchmal glaube ich, Ihr seid nur neidisch. 🙂

2 Kommentare zu “Meine autistische Welt”

  1. Joachim quakte:

    Wieso kommen denn hier keine Kommentare? Hast Du etwa so sehr getroffen Frosch?
    Gut, wenn niemand was sagt, dann kann ich mir ein paar Zeilen erlauben. Das ist kein Kommentar sondern vielmehr ein Brief an Dich und alle die meinen, sie seien nicht „normal“.

    Nun denn, neidisch bin ich nicht und ich frage mich, ob das nun gut oder schlecht ist. Jedenfalls sprichst Du mir aus der Seele. In jedem einzelnen Punkt, ganz egal, wo jemand spezifisch seine Gewichtung legen mag. Es gibt nur einen marginalen Unterschied. So böse die Dinge auch sind, ich distanziere mich nicht davon in dem Sinn, die Neider seien Schuld. Sind sie vielleicht, doch ich habe selbst zu viel „falsch“ gemacht, bin selbst das Böse, sehe die Dinge zu anders um noch Urteilen zu können. Wozu sollte ich das tun? Ändern geht auch anders.

    Weil ich aber sowieso am Thema bin ein Hinweis: Du bist nicht alleine. Und damit meine ich nicht so sehr die „autistische Welt“. Ich meine, es gibt nur eine Welt, ob wir uns damit identifizieren können oder nicht. Es ist genau so Dein Platz, wie mein Platz. Für Dich kann ich durchaus etwas aufrücken. Ich meine, es ist an der Zeit, nicht alles noch weiter zu verkacken. Deshalb brauchen wir ein Umdenken. Wir brauchen das andere Denken, ganz unabhängig davon, welchen Ursprung das hat, sogar unabhängig davon, ob dieses andere Denken denn nun „richtiger“ oder „falscher“ ist. Nur so können wir etwas ändern, die Dinge besser machen. Hier denke ich an sehr konkrete, praktische Dinge (…)

    Es gibt Menschen, die anders Denken. Sie ändern die Welt, zeichneten den ersten Mammut auf die Höhlenwand und flogen zum Mond. Sie schrieben Geschichten und machten Photos. Sie wurden ausgelacht, für naiv erklärt, ignoriert, klein gemacht, manchmal komplett zerstört und Mancher wurde total verrückt daran. Doch Einige gehörten zu den größten Denkern ihrer Zeit. Zugegeben, Einige gehörten auch zu den größten Verbrechern ihrer Zeit. Das ist der Preis dafür, zu wissen, wie es nicht geht.

    Nun Frosch, Du bist wohl so wenig ein wirklich großer Denker wie ich. Man weiß ja nie, doch mit Nietzsche etwa können wir es wohl selbst in aller Verrücktheit nicht aufnehmen. Wir können nicht viel ändern, irren wahrscheinlich oftmals gewaltig. Man müsste schon mächtig sein, etwas ändern zu können. Mächtig zu sein liegt weit außerhalb meines Selbstverständnisses. Der Übermensch, der Wille zur Macht wäre der Horror für mich, Autorität, die nicht in Kompetenz begründet ist, die akzeptiere ich nicht. Doch das bedeutet keine Ohnmacht.

    Wir können lernen. Wir können zum Beispiel lernen, niemals jemanden zurück zu lassen. Wir können lernen, dass es so sein kann. Das ist Voraussetzung dafür, dass es so ist. Das können wir lehren.

    Wäre das hier eine TV-Soap, so würde ich sagen: Halte durch, Frosch. Wir lassen niemals unsere Leute zurück. Schon gar nicht einfach so alleine auf einem fremden Planeten.

    Es ist aber keine Soap und auch kein Märchen. Zu glauben und zu wissen, dass es so sein könnte ist Voraussetzung dafür, dass es so ist. Es existiert nur eine Konsequenz daraus.

    Lass es uns tun.


  2. Küstennebel quakte:

    Man könnte ja schon vieles schreiben. Das Problem ist, es hat nicht viel Sinn.
    Meines Erachtens wird hier Identitäts“krise“ bzw. Charaktereigenheiten, psycho-soziale Reife und Asperger vermischt, was mir aber schon häufiger aufgefallen war.

    Die Erkenntnisse, das nur kooperative Handlung eine Gemeinschaft stützen kann, hat mit dieser „psycho-sozialen Reife“ zu tun. Mit Verstand, Gefühl, Erfahrung, kritischer Selbstbeobachtung.

    Charaktereigenschaften sind eine Summe aus genetischer Veranlagung und langfristigster Lern-Einflüsse hieraus und diese Eigenschaften sind Millieubezogen. Das heißt Familie, soziale Umwelterfahrungen sowie (national/regional) Mentalitätsbezogen eben die aus dieser Subsumtion entstandenen Charakterprägungen. Das ganze hat auch eine biologische Komponente, das ist wichtig denn Charakter ist Summe eingefleischter Verhaltensmetaphorik und angeborene Verhaltenselemente.

    Nun geht Frau Frosch hin, zieht Resümee als große Rassismuskritikerin in dem rassistische Elemente und Vorurteile eine Rolle spielen. Das liegt auch an gewissen Problemen mit dem Asperger, das fehlende Gruppenzugehörigkeitsgefühl. Fehlende Gemeinschaftserfahrungen und der tiefen Sehnsucht danach, aber auch die Unverbrüchlichkeit eigener als unveräußerbar erfahrener sozialer Richtlinien. Mit Asperger selbst, der „Krankheit/Behinderung“ hat aber diese Erkenntniss nix zu tun, wohl aber wird das Gut-Sein einer sozialen Lebensphilosophie mit Asperger gleichgesetzt. Das ist fatal und entspricht dem sonst üblichen Rassismus und der Überbewertung der eigenen sozialen Gruppe gegenüber einer Anderen. Das ist für uns ASS gebrandte Kinder, die wir nach Erhalt der Diagnose zumindest in eine „Verstoßungsgemeinschaft und Leidensgemeinschaft“ uns aufgenommen sehen, Balsam auf die Seele. Endlich eine Zuordnung für das eigene Selbst! Mehr als nur „Mensch-Sein“.

    Jedoch ist die Verschiebung Aspies sind Gut, Nicht-Aspies böse gerade falsch. Wir betroffenen verdanken unsere staatlichen Almosen der Nicht-Aspie-Gemeinschaft. Unsere Krankenversicherung, Frührente, Teilhabeleistungen etc. ebenfalls. Bei allem Respekt für die kritische Auseinandersetzung mit (A?)Sozial-Politik seit Hartz4 Einführung, bleibt trotzdem festzuhalten das die „Erfindung“ der staatlich organisierten sozialen Leistungen für Gehandicapte ein Glücksfall sind. Diese Erkenntnisse sind nicht einfach einzugestehen. Es fühlt sich nun mal besser an, sich auf die Menschenrechte oder sowas zu berufen, einem Recht das der Staat / internetionale Staatengemeinschaft vergeben hat und auch wieder nehmen kann, wie die letzten 20 Jahre Weltgeschichte deutlich zeigen.
    Der Staat ist hier vielleicht moralisch in einer Bringschuld. Realistisch ist der Staat ein mehr oder weniger totales Machtverhältniss zum Bürger und damit kann der Staat tun und lassen was er will und der Bürger kanns nicht ändern. Ein ähnliches Gefälle wie wir das alle aus der Kindheit kennen: Auf Gedeih und Verderb den Eltern ausgeliefert, bleiben wir es als Erwachsene gegenüber dem Staat.

    Insofern, was soll man so schreiben wenn man die „Lobhudelei“ auf „Aspergerweltanschauung“ zu lesen bekommt, die nicht mal sich selbst betrachten gelernt hat? Ich hatte wohl „Glück“, nicht ganz so arg einseitig zu sein, weil ich dollerweise ADHS mit „etwas“ Asperger unbestellterweise „bekommen“ habe.

    Seht das bitte nicht wieder als bös gemeinten Angriff an. Ich liefere Sachinformationen. Beleidigungen, Kränkungen oder so etwas sind nicht eingeplant, sondern entspringen der Deutung des Lesers.

    Beste Grüße und hoffentlich kann ich hier Klarheit stiften und muss nicht stiften gehen! (Achtung: Metapher/Wortspiel)

    MFG


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