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„Hochfunktionaler“ und „niederfunktionaler“ Autismus

19. Oktober 2014 um 23:29 Uhr von Atari-Frosch

Dieser Text stammt nicht von mir; es handelt sich um meine Übersetzung des Artikels What’s the Difference Between High Functioning and Low Functioning Autism? von Romana Tate vom 19. Oktober 2014, mit freundlicher Genehmigung von Autism Women's Network.

Romana schreibt:

Zu diesem Artikel wurde ich durch viele Begegnungen sowohl online als auch in der „realen Welt“ mit anderen Eltern autistischer Kinder inspiriert. Dabei stellte ich eine auffallende Betonung der Funktionalitäts-Labels in der Welt der Eltern autistischer Kinder fest. Wenn ich argumentierte, daß solche Labels zur Funktionalität beliebig sind und keinen Sinn ergeben, werde ich beschuldigt, keine Ahnung davon zu haben, wie es sei, Elternteil eines Kindes mit „echtem Autismus“ zu sein und ich das nicht sagen würde, wenn mein Kind nicht „hochfunktional“ sei. Ich bin sehr, sehr traurig, wenn ich an die Kinder solcher Eltern denke. Kein Kind sollte jemals das Gefühl haben, es werde nicht vollständig und bedingungslos geliebt. Und solche Eltern brechen mir ebenfalls das Herz, denn sie drehen einer liebenden und schönen Beziehung mit ihren eigenen Kindern den Rücken zu. Das ist mit Unterstützung und Verständnis nicht auszugleichen.

Wenden wir uns zuerst diesen Funktionalitäts-Labels zu.

Was heißt „hochfunktional“? Was ist „niederfunktional“?

Oft scheint die Unterscheidung daran festgemacht zu werden, wieviel gesprochene Sprache das Kind verwendet, welche als „funktionale Sprache“ eingestuft wird.

Also ist ein Kind, das reden und sich mit jemandem unterhalten kann, „hochfunktional“?

Was ist mit einem Kind, das stattdessen Schrift verwendet?

Was ist mit einem Kind, das manchmal die Sprache verliert und dann alles tippt, um zu kommunizieren?

Was ist mit einem Kind, das sich manchmal mit dem Tippen schwertut und dann stattdessen Bilderkarten verwendet, um zu kommunizieren?

Was ist mit einem Kind, das die Bilderkarten zu überwältigend findet und dann auf die einzige Weise kommuniziert, die es noch kennt, mit Frustration und manchmal SVV [selbstverletzendes Verhalten]? Oh, Ihr wußtet nicht, daß dieses Verhalten Kommunikation ist? Denn genau das ist es.

All das beschreibt mein Kind. Es gibt Tage, da paßt alles zusammen, sie wird vollständig unterstützt und ihre sensorischen Bedürfnisse werden befriedigt, und dann kann sie lebhafte gesprochene Gespräche führen, sogar mit Fremden.

Aber viel öfter schreibt sie auf, was sie sagen möchte.

Zu Hause tippt sie den größten Teil ihrer Kommunikation, denn hier gibt es schon gar keinen Druck, sich „anzupassen“ und kein autistisches Verhalten zu zeigen.

An den Tagen, an denen sie mit der schwierigen Aufgabe zu reden an ihren Grenzen angekommen ist, benutzt sie die Bilderkarten. Meistens jedoch, wenn sie zu erschöpft ist, um zu reden, kommt ihre Frustration heraus und sie kommuniziert auf dem einzigen Wege, den sie dann noch kennt. Manche Leute nennen das „schlechtes Benehmen“. Ich weiß es besser.

Ist das jetzt ein „hochfunktionales“ oder „niederfunktionales“ Kind?

Sagt es mir.

Was ist mit den Dingen, bei denen sie Hilfe braucht?

Mit ihren 11 Jahren braucht sie mich immer noch an ihrer Seite, um einschlafen zu können. Sie braucht auch eine Menge Hilfe, um durchschlafen zu können, aber das ist in Ordnung. Das braucht sie halt, und ich bin ihre Mutter. Das wird von mir erwartet.

Obwohl sie mit Begeisterung lernt, braucht mein Kind visuelle Pläne und Checklisten, um konzentriert und „auf dem Weg“ zu bleiben. Ohne diese kommt sie oft durcheinander und wird unruhig, weil sie nicht sicher ist, was der nächste Schritt in ihrer Schularbeit ist. Wir unterstützen sie, weil sie es wert ist, und alles Lamentieren darüber, wieviel Unterstützung sie braucht, ändert nichts daran, daß sie sie braucht. Es würde ihr nur ein schlechtes Gefühl geben, so zu sein, wie sie ist, und zu den Dingen, die sie als Hilfestellung benötigt. Weil wir sie wertschätzen, wissen wir, daß unsere Hilfe sie lehren wird, zu verstehen, daß ein Bedürfnis nach Unterstützung nicht beschämend ist.

In unserem Badezimmer stecken Bilderkarten am Medizinschrank, um ihr beim Toilettengang und mit der Hygiene zu helfen. Sie würde oft Schritte vergessen, wenn es keine visuellen Hinweise gäbe, um sie daran zu erinnern.

Mein „hochfunktionales“ Kind kann noch nicht allein auf die Toilette gehen und muß immer noch Windeln tragen. Wir unterstützen und lehren sie, aber wir beschämen sie niemals öffentlich oder sonstwie dafür, daß sie behindert und auf einem anderen Entwicklungsstand ist als andere Kinder im selben Alter.

Moment, macht sie das nicht „niederfunktional“? Ich bin verwirrt, denn sie liest auch den „Hobbit“, was sie sicher „hochfunktional“ macht.

Es ist fast so, als hätte ich recht damit, wenn ich sagte, daß Funktionalitäts-Labels beliebig, ableistisch und völlig frei erfunden sind.

Vielleicht sind es ja sensorische oder Ernährungsdinge, die über das Funktionalitäts-Label entscheiden?

Wir sind ziemlich vorsichtig mit unserer Nahrung, denn viele Lebensmittel triggern Anfälle oder Migräne bei unserem Kind. Obwohl diese Dinge nichts mit Autismus zu tun haben, sind sich viele Leute nicht darüber im Klaren oder verstehen es nicht, also dachte ich, ich nehme das mal dazu, um ihr Funktionalitäts-Label zu bestimmen. Zusätzlich zu diesen gesundheitlichen Bedenken ist sie durch sensorische Einflüsse bei Geschmack und Textur [von Lebensmitteln] in ihrer Ernährung noch weiter eingeschränkt.

Mein Kind hat auch verschiedene sensorische Schwierigkeiten mit der akustischen Verarbeitung, was es sehr schwierig für sie macht, mit ihr in volle Geschäfte oder Gaststätten zu gehen. Also kommen wir ihr entgegen, statt völlig Fremden im Internet zu erzählen, daß Autismus an unserer schweren Zeit als Eltern schuld sei oder an den ganzen Anpassungen, die nötig sind, um sie zu unterstützen. (Nur zur Info, wir essen dann eben später oder früher, wenn wir ausgehen wollen, um die Menschenmassen zu meiden, und wir entschuldigen uns nicht dafür oder werden verlegen, wenn sie autistische Verhaltensweisen in der Öffentlichkeit zeigt. Sie hat genauso ein Recht darauf, an der Gemeinschaft teilzuhaben, wie alle anderen auch, und gleichzeitig authentisch zu sein.)

Sie benötigt auch eine Menge propriozeptiven und vestibulären Input und eine Menge Pausen über den Tag, um ausgeglichen und fröhlich zu sein. Wir verbringen viel Zeit auf dem Trampolin, beim Kreiseln oder Schwingen. Wir verwenden eine Menge Zeit für Stimming. Denn das Wissen, wann man sich um sich selbst kümmern muß, ist ein wichtiger Schritt zu Selbstbestimmung; wir bestärken sie immer darin, sich bemerkbar zu machen, wenn sie eine Pause braucht oder Zeit für sensorisches Spiel. Manche Tage verbringt sie mehr mit Pausen als mit Schularbeit. Also ist sie „niederfunktional“, weil ihre sensorischen Bedürfnisse so intensiv sind, oder ist sie „hochfunktional“, weil sie ihre Bedürfnisse für Körper und Geist selbst erkennt?

Verwirrendes Zeug, diese Funktionalitäts-Labels!

Da ich nicht weiß, ob sie überhaupt in eine dieser „Kategorien“ von Autismus passen würde, und weil ich sie respektlos ihr gegenüber als menschliches Wesen empfinde, weigere ich mich, Funktionalitäts-Labels zu verwenden. Mein Kind ist autistisch, und ich liebe und akzeptiere sie, egal wieviel Unterstützung sie benötigt. Egal wieviel gesprochene Sprache sie verwendet. Egal was, denn ihr Leben ist es wert, gelebt zu werden. Ehrlich gesagt bin ich angewidert von denen, die mich dazu zwingen wollen, sie in eine Kategorie einzuordnen und auf der Basis, was sie kann oder nicht kann, zu bestimmen, was sie wert ist.

Wie kann es jemand wagen, dem Leben meines Kindes einen Wert zuzuweisen?

Also: Reden wir über Eure Schlußfolgerungen

Wer nun annimmt, mein Kind sei „hochfunktional“ (was immer damit gemeint sein mag), weil ich erzähle, daß es nicht in Ordnung ist, anhand eines Funktionalitäts-Levels zu bestimmen, wieviel Akzeptanz ein autistischer Mensch verdient, der zieht Schlußfolgerungen aus der eigenen Bigotterie. Er unterstellt, daß ich mein Kind nur lieben und akzeptieren könne, weil ich nicht wisse, wie es sei, mit einem „wirklich autistischen“ Kind klarkommen zu müssen. Ist Euch klar, daß das mehr über Euch als über autistische Menschen, mich oder mein Kind aussagt?

Es bedeutet, Ihr denkt, einen Menschen zu lieben, den Ihr als „hochfunktional“ einstuft, sei einfacher, als einen Menschen zu lieben, der mehr Unterstützung braucht.

Es bedeutet, daß es in Ordnung sei, jemanden zu akzeptieren, der in der Lage ist, sich anzupassen, aber nicht jemanden, dessen Behinderung das unmöglich macht.

Es bedeutet, daß manche autistischen Menschen mehr wert sind als andere.

Es bedeutet, daß Ihr denkt, es sei in Ordnung, die sehr realen Bedürfnisse nach Unterstützung von Leuten, die Ihr als „hochfunktional“ betrachtet, als nicht vorhanden anzusehen, denn wenn sie sich zeitweise anpassen können, dann sollten sie auch in der Lage sein, sich mit den Gegebenheiten abzufinden und sich immer anzupassen.

Es bedeutet, daß Ihr das wichtigste über Autismus nicht wißt.

Es bedeutet auch, daß Ihr ein tief verwurzeltes und ziemlich besorgniserregendes ableistisches Weltbild habt, das Ihr mal einsehen und gegen das Ihr Hilfe in Anspruch nehmen solltet. Ihr schuldet das Euren Kindern.

Persönlich empfinde ich diese Schlußfolgerungen unglaublich beleidigend, denn sie bemessen aufgrund von eigener Ignoranz dem Leben meines Kindes einen Wert bei. Wagt es nicht, das meinem Kind anzutun. Mein Kind braucht eine Menge Unterstützung. Ich liebe und akzeptiere sie dennoch vollständig und absolut, egal auf welche Art sie sich entwickelt. Ich bin angeekelt und fühle mich beleidigt von denen, die denken, meine Liebe für sie sei nur bedingt und basiere nur darauf, daß sie keine „echte“ Autistin sei. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich akzeptiere alles an ihr, ihre Gaben, ihre Herausforderungen, ihr komplettes Selbst. Sie kann nicht von ihrer Neurologie getrennt werden, und ich würde das auch nie von ihr verlangen.

Ihr verletzt und entmenschlicht mein Kind und alle autistischen Menschen, wenn Ihr Euer ableistisches Weltbild aufrecht erhaltet.

Hört auf, Leuten zu erzählen, daß manche Autisten es wert seien, akzeptiert zu werden, aber andere nicht. Hört auf, Schlußfolgerungen über mein Kind und andere autistische Menschen zu treffen, die auf Eurer eigenen Ignoranz und Euren Vorurteilen basieren. Am wichtigsten: Hört auf, über Autismus zu reden, als würdet Ihr ihn wirklich verstehen. Denn wenn Ihr solche Funktionalitäts-Labels verwendet, wird klar, daß Ihr gar nichts verstanden habt.

Über die Autorin

Romana Tate ist das Pseudonym einer vielbeschäftigten Mutter. Sie schreibt nicht unter ihrem richtigen Namen, um die Privatsphäre ihres Kindes zu schützen, wollte aber trotzdem etwas über die Schlußfolgerungen von Leuten über Funktionalitäts-Labels sagen. Sie mag es, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen und Eltern und Familien über die Erziehung ihrer autistischen Kinder mit Leidenschaft, Akzeptanz und bedingungsloser Liebe zu informieren.

6 Kommentare zu “„Hochfunktionaler“ und „niederfunktionaler“ Autismus”

  1. Küstennebel quakte:

    auf der Basis, was sie kann oder nicht kann, zu bestimmen, was sie wert ist.

    Das ist doch eine Emotionalisierung des Begriffs „funktional“ oder „hochfunktional“. Das sind einfach Begriffe, die eine Dehnbarkeit haben und letztlich verschiedene Punkte in einem Spektrum bezeichnen wollen.

    http://autismus-kultur.de/autismus/autipedia/high-functioning-autismus.html

    Es gehört nicht mal zur offiziellen Diagnose.

    Die Dame kann mit dem Begrifflichkeiten nicht richtig umgehen und emotionalisiert und projiziert in die Begriffe etwas hinein, das nicht da ist.

    Warscheinlich hängt das auch mit der Willkür der Begriffe zusammen.

    Hinzu kommend ist das zitierte einleitende Bewertungsproblem, das die Dame nennt, sehr verräterisch.

    Sie beschwert sich über den „Leistungs-Duktus“ zwischen den Begrifflichkeiten, der sicher von fachlicher Seite so nicht gemeint ist, aber gesellschaftlich ein Faktor sein mag.

    Es scheint mir eher eine Kritik an der Leistungseinteilung kapitalistischer Gesellschaftsformen zu hängen. Denn die Dame unterscheidet ja gar nicht zwischen Leistung und Krankheit, sondern vereinheitlicht den Begriff Leistungsfähigkeit als eine Kollektion von Können und leitet Wert daraus ab.

    Letztlich gehen ihr die Pferde durch. Das kommt davon, das die Leuts sich meist wenig für Kapitalismuskritik interessieren und die Äquivalenz von Stärkemythos und Leistungsideologie nicht verstehen. Deshalb können sie diese Elemente nicht differenzieren.

    Nun scheint die Dame nett zu sein und das will ich nicht mißverstanden wissen, mir ist das nicht entgangen das eine Mutter hier zutiefst menschliche Werte verteidigt und richtigerweise zum Nachdenken auffordert.

    Nur leider bringt das nichts, wenn das nur auf Basis dieser Autismusgeschichte läuft und nicht allgemein betrachtet wird. Denn dann wird Behindertenlobbyismus draus und keine Diskussion über Menschenrechtskultur.

    MFG


  2. Markierungen 10/21/2014 - Snippets quakte:

    […] Froschs Blog: » „Hochfunktionaler“ und „niederfunktionaler“ Autismus […]


  3. Joachim quakte:

    Nun habe ich schon drei Posts verworfen. Ich woll’t ja nicht mehr so viel sagen. Doch Frosch, danke für diese Übersetzung.

    Außerdem war da noch dieses Zitat von oben:

    „Hört auf, über Autismus zu reden, als würdet Ihr ihn wirklich verstehen.“

    Es ist nur mein subjektives Empfinden und da ich kann Romana Tate einfach nur zustimmen. Alleine der Begriff „Hochfunktional“ spricht Bände. Wenn Wissenschaft objektiv sein will, dann sind Begriffe korrekt zu wählen. Hochfunktional bezieht sich im Wesentlichem auf den IQ. Ein IQ-Test ist für Autisten nicht zwingend aussagekräftig. Selbst wenn der Test aussagekräftig wäre, was wären die Folgen? Dass ein HFA Rakentenwissenschaftler wird während ein LFA Tüten klebt? Wegen eines Tests? Oder wie (naiv) denken die das? Tun sie nicht? Das ist möglich. Sie transportieren es aber so, auch in vielen Interviews mit den Medien.

    Schon seit einiger Zeit überlege ich, was geschieht, wenn man einige Kriterien einmal auf die Wissenschaftler selbst anwendet. Wer das nun als dreiste Herabwürdigung sieht, als Angriff auf Ärzte, die nur helfen wollen oder als Polemik, der sollte in Erwägung ziehen, sich diesem Gedankenmodell doch einmal selbst zu stellen. Ich werte die Schlüsse, die man dann selbst ziehen muss, als Diagnosekriterium, die im schlimmsten Fall durchaus zu der Aussage „massive Störung“ führen kann. Warum das so ist … ist neurologisch sehr interessant. Es ist nur so, dass ich das nicht werte. Begriffe wie „Störung“ kommen nicht von mir. Es sind ihre ureigenen Begriffe, die auf sie selbst angewendet, „Unbehagen“ auslösen.


  4. Küstennebel quakte:

    Wieso wollen Sie nichts mehr schreiben?

    Ist doch prima zu diskutieren.

    Und diese HFA und LFA Geschichte, das ist die REALITÄT für ALLE!

    Denn in vielen hochdotierten Jobs gilt der IQ als Einstellkriterium. Zwar nicht immer und jederzeit speziell getestet, aber zumeist durch entsprechende Schulabschlüsse und dergleichen eingefordert.

    Ich meine in den USA ist das viel verbreiteter als hierzulande, den IQ als Kriterium zu verwenden z.B. in Bewerbung und Co.

    Das ist eben das was ich meinte, das diese Leistungsideologie in dem möglichst hohen IQ-Wert verdinglicht wird und damit auch als Haben-Symbol, als Kapital eingesetzt wird.

    Eine Störung des Bewegungsapparates nennen Sie dann wie?

    Einen Segen? Oder was? Hört doch mal auf mit eurer falsch verstandenen kuschelei die Wirklichkeit zu verdrehen.

    Tatsachen sind Tatsachen und die Menschen, die Behindert sind, die wissen das auch. Aber das ist typisch für diese Welt: Man fordert einfach das man das, was ist, nicht mehr so nennt, wie es ist. Denn dann würde, so hofft man, einfach die ganze Diskriminierung verschwinden.

    Darum gehts doch gar nicht. Diskriminierung entsteht schlicht in den Köpfen anderer Menschen aus Unwissenheit, Selbstbeweihräucherung und oder Rassimuskonnotaten. Also wenn sie es nicht deutlich sagen dürfen, dann finden sie andere Kriterien mit denen sie das ausdrücken. Durch Verhalten, Ironie oder sonst etwas.

    Wünsch dir was hilft nicht, es geht um Tatsachen und einem Behinderten zu verweigern ihn Behindert zu nennen, bedeutet auch, zu verhindern, das man seine Probleme und Schwierigkeiten nicht benennen kann. Wer nicht behindert ist, braucht keine besonderen Hilfen und Teilhabeleistungen auch keine besonderen Rücksichtsnahmen.

    Vermutlich ist es sinnfrei gegen die ideologisierte emotionalisierte Form der Positivdiskriminierung anzuschreiben.

    Mir verweigert man übrigens gerade den Behindertenstatus und ich kann keine Teilhabeleistungen bekommen. Ganz im Ernst, so funktioniert das nicht. Denn jetzt erwarten andere wiederum das ich dasselbe leiste wie alle anderen Auch. Und das kann ich nicht, aller Intelligenz übrigens zum Trotz. Denn HFA könnte durchaus auf mich zutreffen. Es ist eine zusätzliche Verschleierung und ein Problem. Man BRAUCHT diesen Begriff um klar zu machen, das es Menschen gibt, denen man die Behinderung nicht deutlich ansehen kann und auch sonst kaum anmerkt.

    Es ist nur eine bestimmte Typisierung für von ASS Betroffene mit bestimmten Symptombild. Und ich BRAUCHE diese Bezeichnung und brauche die Anerkennung dieser Bezeichnung, als Differenzierungswerkzeug zum „normalen“ oder „typischen“ ASS, weil ich sonst nicht als solcher Wahr genommen werde und man schon auf Grund der Intellektuellen Leistungsfähigkeit davon ausgeht, das ich keine Probleme haben könnte.

    Wie ich schon eingangs schrieb, machen die Empfänger dieser Sprache daraus etwas, was nicht damit gemeint ist. Überbewertung oder Niederbewertung von Menschen. Aber das hat mit dem Begriff nichts zu tun, sondern mit dem kulturellen Verständniss von Intelligenz im Hinterkopf. Intelligenz bedeutet da Leistungsfähig = Stärke = Leistungsstark = Produktivkraft.

    Darum gibts ja die Diskussion, ob Hochbegabung überhaupt jemand sein könne, der nicht Erfolgreich ist. Denn das ist der Witz! Natürlich kann man Hochbegabt sein, ohne Leistungsfähig zu sein. Nur das theoretische Können heißt ja nicht das man es auch unter realen Lebensbedingungen an den Tag legen kann. Insbesondere dann nicht, wenn eine Behinderung Konfusion verursacht und die Ergebnisse nicht willkürlich abrufbar sind.

    Beste Grüße


  5. Joachim quakte:

    @Küstennebel, ich muss entgegen meiner Wünsche wohl mal was ausholen. Diese Punkte sind mir einfach zu wichtig.

    „ich BRAUCHE diese Bezeichnung“ ist schon klar – leider. Das ist jedoch letztlich ein Unding. Wir haben also eine „wissenschaftliche“, eine „behördliche“ und eine „gesellschaftliche“ Definition eines „Behindertenmerkmals“. Der selbe Begriff in minimal vier unterschiedlichen Bedeutungen. Selbst die „wissenschaftliche“ Sicht ist dabei inkonsistent, wenigstens nicht zeit-invariant. Du „darfst“ also gleich vierfach um Deine Rechte kämpfen – von alltäglichen Diskriminierungen und Schwierigkeiten einmal abgesehen. Und das alles, wo Du es sowieso nicht so leicht hast. Es braucht schon einen Übermenschen, um das zu leisten. Jedenfalls dann, wenn Du Dich nicht einer Fremdbestimmung ergeben willst/kannst und ein weitgehend selbstbestimmtes Leben anstrebst. Letzteres ist übrigens *DIE* Voraussetzung für Leistungsfähigkeit.

    In allen Definitionen sollte es darum gehen, Menschen individuell und menschlich zu behandeln. Es ist zutiefst unfair, hier von den Betroffenen mehr als von Menschen in privilegierten Situationen zu fordern, ihnen den schwarzen Peter zuzuschieben und sich in seiner eigenen Ignoranz zu sonnen.

    Sieht man es einmal logisch, so ist es nicht die Anerkennung einer „Behinderung“, die Du benötigst. Du benötigst eine angemessene Behandlung, medizinisch, therapeutisch, sozial und gesellschaftlich. Das sollte selbstverständlich sein. Eine Diagnose wie ASS ist da alleine einfach grundsätzlich unzureichend. Die Behandlung sieht auf den verschiedenen Ebenen klar unterschiedlich aus. Vom Arzt brauchst Du etwas Anderes, als vom Amt und wieder Anders von der Gesellschaft. Dazu kann ASS vollständig unterschiedliche Dinge bedeuten. Dein Stempel, den Du brauchst, den brauchst Du nur, weil wir nicht verstehen und nicht einmal nachdenken wollen. Das „Amt“ z.B. will (oder muss) Kosten sparen. Das ist zwar „dein Problem“, doch unterliegt das trotzdem nicht sinnvoll Deiner Verantwortung. Du kannst es nicht alleine lösen! Das „Amt“ z.B. macht es sich hier etwas zu leicht…

    Deinen potentiellen Arbeitgeber dagegen interessiert nicht, ob Du ASS hast. Ihn interessiert, ob Du in die Firma passt und ob Du Deine Aufgaben erfüllen kannst. Trifft das zu, dann ist jegliche Behinderung irrelevant. Wäre das anders, so wäre der Arbeitgeber nicht nur diskriminierend, er wäre wohl auch nicht mehr lange Unternehmer.

    Wie weit das zutrifft, ob Du Deine Aufgaben erfüllen kannst, das kann natürlich auch mit einer sogenannten „Behinderung“ zusammen hängen. Ohne Beine ist Arbeit im Hochbau nicht zu leisten. Der selbe Mensch könnte in der Uni jedoch Professor sein. Hochbegabt ist ein so abstrakter und nichtssagender Begriff, wie Leistungsfähigkeit. Sie machen ohne Kontext überhaupt keinen Sinn. Folglich kann sie auch nicht für eine pauschale Wertung herangezogen werden. Zumal man in unserer Gesellschaft auch Glück haben muss, um überhaupt seine Leistungsfähigkeit – wie immer die aussehen mag – ausspielen zu können.

    Bin ich behindert, weil ich keinen Marathon in akzeptabler Zeit laufen kann? Bin ich behindert, weil ich nicht die allgemeine Relativitätstheorie erfunden habe, keine tollen Bücher schreiben kann und nicht einmal in meinen eigenen Bereichen unfehlbar bin?

    Wenn Du mir sagst, Du seist nicht leistungsfähig, so sage ich Dir, das ist eine „Lüge“. Ich muss mir nur Deine Postings ansehen. Natürlich gönne ich Dir alle Unterstützung und natürlich sagen Deine Posts auch, dass Du Grenzen hast. Grenzen hat Jeder. Alle Grenzen sind vollkommen individuell.

    Was zählt, Küstennebel, ist nicht ASS, nicht die Behinderung, nicht die Wertungen Dritter. Wenn ein dämliches Amt das braucht, dann ist das dummerweise so. Doch das muss ich mir nicht zu eigen machen. Im Gegenteil, dass muss ich kritisieren, wenn möglich ändern. Dritte haben immer andere Interessen und ich bin auch ein Dritter. So geht Demokratie.

    Was zählt, ist den Menschen zu sehen, ihn zu unterstützen, sozusagen ihm helfen, das Beste aus ihm heraus zu holen. Nur wenn es ihm gut geht, so kann er Dinge zurück geben. Nur so entsteht eine sinnvolle „Leistung“. Nur so profitiert diese „Leistungsgesellschaft“. Was Du beschreibst mit „BRAUCHE“, das zeigt uns nicht nur, wie menschlich armselig wir sind. Es zeigt uns vor allen Dingen, das wir die von anderen geforderte Leistungsfähigkeit selbst nicht erbringen können oder wollen. Wir sind so dumm, wie die der diskriminierende Arbeitgeber. Wir schaden uns selbst und nicht nur Dir. Leiden wir also an etwas wie Autoaggression? An mangelhaftem Intellekt? Wann wird dieses falsch verstandene Leistungsprinzip krankhaft und selbstzerstörerisch?

    Genau aus diesem Grund (nicht nur aus diesem Grund) schrieb ich, „wir lassen niemals unsere Leute zurück“. Wir wären ja auch schön blöde…


  6. Küstennebel quakte:

    Ja schon, Sie haben schon weitestgehend eine passende, konsistente Sicht auf die Dinge und ich vermute unsere menschlichen Grundauffassungen sind nicht so weit voneinander unterschiedlich.

    Beste Grüße und Danke für Ihre Antwort.


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