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Wir sind Autismus!

26. Oktober 2014 um 16:21 Uhr von Atari-Frosch

Wir sind Autismus!

Heute fordert Hawkeye vom Realitaetsfilter dazu auf, im Hinblick darauf, daß andere, wie die sich selbst so nennende „Selbsthilfeorganisation“ Autismus Deutschland e. V., einmal klarzustellen: Wir sind Autismus!. Nicht NTs (neurotypische Menschen) und keine von NTs gegründeten und (überwiegend) von ihnen betriebenen Organisationen können definieren oder gar uns vorschreiben, was für uns das beste sei und wie wir uns zu verhalten und zu entwickeln hätten.

Nach meinem Gefühl ist die Anforderung, sich „normal“, also wie Neurotypische, zu verhalten, die größte Behinderung, der autistische Menschen ausgesetzt sind. Behinderung hier nicht als etwas, was von innen, sondern was von außen kommt.

Was ich von Autismus-Therapien überwiegend lese, ist, daß sie darauf ausgerichtet sind, uns zu einem „normalen“ Leben, zu einem „normalen“ Verhalten zu bringen – und nicht etwa, uns dabei zu helfen, trotz unserer Andersartigkeit in einer neurotypischen Gesellschaft zu bestehen. Es geht meistens darum, uns „handhabbarer“ zu machen für die NTs, und dann zu glauben, wir seien dann „inkludiert“, es ginge uns besser oder wir seien gar „geheilt“.

Und, noch schlimmer: Obwohl sich der Begriff des Autismus-Spektrums immer weiter durchsetzt, gibt es noch viel zu viele Menschen, die glauben, „den Autismus“ und „den Autisten“ bezeichnen zu können. Autisten können dies und können das nicht – und das muß dann für alle gelten, sonst sind sie ja keine „richtigen“, keine „echten“ Autisten; und die Probleme, die das Individuum hat, seien ja nicht schlimm genug, um Hilfe zu brauchen oder gar beanspruchen zu dürfen. So kommt das halt, wenn Leute, die Autismus nur von außen betrachten, glauben, zu wissen, was echt und unecht ist, beeinträchtigend oder nicht, störend oder nicht, „normal“ oder eben nicht.

Es gibt nicht „den Autisten“. So leid es mir tut, vor allem (aber nicht nur) für Euch, liebe Psychiater, die Ihr so gern in Schemata denkt: Es gibt Probleme, die kommen bei Autisten häufiger vor, bei manchen stärker, bei manchen weniger stark ausgeprägt. Und es gibt Auswirkungen, die nur bei einem Teil von uns überhaupt zum Tragen kommen, und da auch wieder in unterschiedlicher Ausprägung. Euer Schubladendenken nützt uns gar nichts, es schadet uns. Denn letztendlich bekommen wir nicht die Hilfen, die wir brauchen, sondern die, die in Eure Schubladen passen. Wenn überhaupt.

Letztendlich läuft es dann doch wieder nur darauf hinaus, zu bewerten, ob ein Mensch wirtschaftlich nützlich ist. Denn wir wissen ja: Nur, wer regelmäßig eine befohlene und bezahlte Arbeit leisten kann, ist für die Wirtschaft und damit für die Gesellschaft nützlich, alle anderen sind dann irgendwo zwischen Hartz IV und Pflegefall: überflüssig, kostenintensiv, nutzlos. Und wer einmal so eingestuft wurde, kann natürlich kein gutes oder erfülltes Leben haben.

Organisationen wie Autismus Deutschland e. V. und noch mehr die amerikanische Organisation „Autism Speaks“ vertreten uns nicht. Sie vertreten maximal diejenigen, die mit Autisten in der Familie, vor allem autistischen Kindern und Autisten, die zusätzliche mentale Einschränkungen haben, von der Gesellschaft und der Politik alleine gelassen werden. Ihnen soll geholfen werden, indem man zum einen versucht, uns „normal“ zu machen und zum anderen, uns gar nicht erst entstehen zu lassen.

Wie ich das meine? Autism Speaks setzt den größten Teil seiner Spendeneinnahmen dafür ein, Autismus bereits im Mutterleib erkennbar zu machen, wie das heute schon mit Trisomie-21, dem Down-Syndrom, der Fall ist. Letzteres hat dazu geführt, daß 90 % der Kinder, bei denen Trisomie-21 bereits im Mutterleib erkannt wurde, abgetrieben werden. Kinder, die in unserer Gesellschaft als eine erhöhte Belastung gesehen werden, sollen also gar nicht erst geboren werden – und das wird der „normalen“ Gesellschaft dann als Erleichterung verkauft.

In diesem Jahrzehnt das Down-Syndrom, im nächsten Autismus – und welche unerwünschten Menschen treiben wir im übernächsten Jahrzehnt so ab? Merkt Ihr, wo das hingeht?

Wir sind Autismus. Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Ein seltsamer, ungewohnter, manchmal anstrengender Teil, aber ein Teil. Ein Teil, der genauso Anspruch auf Teilhabe in der Gesellschaft hat wie die „normalen“, gewöhnlichen, leicht handhabbaren Menschen. Wie jeder.

Relevante Menschen vom Autismus Deutschland e. V. dagegen sehen [PDF] Autismus als eine psychische Störung, die durch Therapie zu beseitigen ist, eines unserer häufigsten Probleme als „Klischee“ und die Aussagen von Autisten, die sich klar ausdrücken können, als Propaganda. Ja nicht mit denen auseinandersetzen, mit denen man es zu tun zu haben behauptet, nein, das könnte ja das Weltbild erschüttern.

Zum Klischee:

Sensorische Auffälligkeiten bei Autismus bezeichnet Kamp-Becker als Klischee. Sie sind eher an ein niedriges Funktionsniveau gebunden.

Quelle: Aleksander Knauerhase (@QuerDenkender): De Kees is gesse, Teil 3 seines Berichtes von der Bundestagung von Autismus Deutschland e. V. an diesem Wochenende in Dresden).

Da haben wir es wieder, das „Funktionsniveau“. Unwichtig, woher eine Einschränkung kommt, diese Menschen funktionieren halt nicht richtig, wie ein kaputtes Auto.

Wir sind Autismus. Hört auf, uns wie Gegenstände oder Maschinen zu behandeln, die man sich wunschgemäß zurechtbiegt, damit sie tun, was man von ihnen will. Und hört vor allem auf, zu behaupten, Ihr würdet irgendetwas für Autisten tun.

Wir sind Autismus. Und wir sind Menschen. Redet mit uns, nicht über uns. Inklusion, von der so gern geredet wird, heißt Mit- und Selbstbestimmung, und nicht die Festlegung einer Normalität, der sich alle anzupassen haben.

[Last Update: 2014-10-30 17:40]

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7 Kommentare zu “Wir sind Autismus!”

  1. Joachim quakte:

    Du kannst Dir hoffentlich vorstellen, wie sehr ich zustimme.

    Nur mit einem Punkt bin ich nicht einverstanden. Das ist die Abgrenzung. Von Uns und Euch zu reden liegt nahe, ist aber letztlich ein Widerspruch in sich. Richtig ist: wir (als Gesellschaft) beurteilen Autismus falsch bis eines Menschen unwürdig. Es wäre gut, wenn ihr umgekehrt diesen Fehler nicht auch machen würdet. Ihr könnt niemals wissen, wie autistisch Euer Gegenüber denn nun ist. Ihr könnt, genau wie wir (als Gesellschaft) nicht beurteilen, welches Recht ihr/wir haben für Dritte zu sprechen.

    Etwas Anderes ist es, wenn handfeste Interessen dahinter stecken – etwa pränatale Diagnostik oder bestimmte sogenannte Therapieformen verkauft werden sollen. Das ist IMHO ein Fall für die Staatsanwaltschaft.

    Ich verstehe den Zorn. Ich verstehe die Notwendigkeit sich zu wehren. Doch niemand kann etwas für seine neuronale Justage. Wir nicht, Ihr nicht!

    Wobei ich mich nun frage, wer ist wir und wer seid ihr?


  2. Wir sind Autismus | dasfotobus quakte:

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  5. Küstennebel quakte:

    Eine fast perfekte Stellungnahme!

    Und weil sie fast Perfekt ist, sag ich aus Freude, Zustimmung und Respekt nix kritisches dazu, wie es sonst so meine Art ist! 😀

    Besten Dank Frau Frosch!


  6. Joachim quakte:

    Frosch, die ersten vier Links Robot in a Box, dasfotobus, La Violaine und Anomaspe gehen auf eine Adresse. Und bitte, versteht meinen ersten Post nicht als „dagegen“ sein. Im Gegenteil, diese Aktion ist notwendig. Ich kann sie nur unterstützen.


  7. Atari-Frosch quakte:

    Oops, danke, korrigiert.


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