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Auf der Flucht

30. August 2015 um 17:24 Uhr von Atari-Frosch

Ein Blogartikel für #BloggerfuerFluechtlinge

Ich bin Kind eines Flüchtlingskindes. Als „der Russe“ kam, floh die Mutter meiner Mutter mit ihren drei Kleinkindern aus Landeshut in Oberschlesien. Sie konnten nur so viel mitnehmen, wie sie tragen konnte – zusätzlich zu den beiden jüngeren Kindern. Ihr Mann, mein Großvater, war als Soldat eingezogen worden und in Rußland im Krieg. Er mußte noch nach Kriegsende als Kriegsgefangener dort bleiben. Gelandet ist meine Großmutter dann in Oberfranken auf einem Bauernhof, wo sie eher mürrisch als freundlich aufgenommen wurde.

Wenn die Flüchtlingskinder dort im Dorf zum Bäcker kamen, rief der Bäcker seiner Frau zu, sie möge das Brot mit den meisten Löchern raussuchen. Und auch sonst war man den Flüchtlingen zunächst nicht sonderlich zugetan, und es dauerte lange Jahre, bis sie dazugehörten.

Der Vater meines Vaters floh mit seiner Familie aus der damaligen sowjetischen Besatzungszone in den Westen, bevor die Mauer hochgezogen wurde. Auch sie landeten in Oberfranken. Das Haus in Perleberg, das mein Großvater besaß, mußten sie zurücklassen bzw. es wurde von der DDR eingesackt. Nach dem Tod meines Großvaters – davor wußte ich nichts davon – habe ich es einmal gesehen: Leer, völlig heruntergekommen, einsturzgefährdet und mit einem Riesen-Loch im Dach. Mittlerweile wurde es abgerissen.

Diese Fluchtgeschichten eines Teils meiner Familie sind nun mehrere Jahrzehnte her, und es ist nicht einfach, heute noch Details über die Flucht sowie das Schicksal anderer Verwandter herauszufinden.

Wie es in deutschen Flüchtlingslagern zuging, kann man aber heute zum Beispiel aus einer Rede von Erich Kästner von 1950 erfahren:

Ich habe Flüchtlingsbaracken gesehen, worin Familien dutzendweise nebeneinander hausten, aßen und schliefen. Die einzelnen Wohnquadrate schamhaft durch an Stricken aufgehängte Pferdedecken abzugrenzen wurde verboten. Die Decken seien nicht als Komfort geliefert worden, sondern für die Bettstellen. Glaubt man, daß die Halbwüchsigen und Kinder aus diesen Baracken durch Aktfotos sittlich noch zu gefährden sind?

(Rede gegen das Gesetz zu jugendgefährdenden Schriften)

12 bis 14 Millionen Menschen wurden allein von 1945 bis 1950 aus Mittel- und Osteuropa vertrieben und landeten in den vier deutschen Teilgebieten sowie in Österreich. Dazu

kamen vor allem ab Ende der 1950er-Jahre über vier Millionen deutsche oder deutschstämmige Aussiedler.

(Quelle: Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945 - 1950), Stand: 24. August 2015 um 06:37 Uhr)

Trotz der Menge versuchte man offenbar, die vertriebenen und geflohenen Menschen irgendwie aufzunehmen:

1944/45 kamen 12 bis 14 Millionen Ost- und Sudetendeutsche nach Westdeutschland, in die Sowjetische Besatzungszone und in das „befreite“ Österreich. In der Nachkriegszeit flohen viele noch einmal – aus der sowjetischen in die amerikanische Besatzungszone und die britische Besatzungszone. Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik standen vor einer unlösbar scheinenden Herausforderung. Durch die Bevölkerungsverschiebungen verdoppelten einige Länder und DDR-Bezirke wie Mecklenburg ihre Einwohnerzahl. In vormals konfessionell homogenen Regionen mit starken eigenen Traditionen – zum Beispiel Oberbayern und die Lüneburger Heide – lebten nun große Bevölkerungsgruppen mit anderem Lebensstil und fremder Konfession. Mit Espelkamp, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried, Trappenkamp, Neugablonz und anderen entstanden reine Flüchtlingsgemeinden.

(Quelle: ebenda)

Die Integration gestaltete sich allerdings schwierig bzw. wurde durch Ablehnung auf seiten der Alteingesessenen erschwert:

Es kam weder im Westen noch im Osten Deutschlands zu einer reibungslosen, schmerzfreien und harmonischen Integration der Flüchtlinge. Bei der Ankunft im „Westen“ waren sie teils mit Verachtung konfrontiert. Flüchtlinge wurden wegen des rollenden „r“ in der Aussprache oft einfach als Polacken beschimpft. Für die furchtbaren Erlebnisse der Flüchtlinge wie Misshandlungen und Vergewaltigungen interessierte sich niemand. Die Probleme der Integration waren kein Thema in beiden Teilen Deutschlands.

(Quelle: ebenda).

[Update 2015-08-30 17:52] Immerhin waren sie offenbar als Arbeitskräfte hoch erwünscht: Ungarn-Flüchtlinge – Die Alten kommen später, Der Spiegel vom 05.12.1956, danke an @HollyGoMadly für den Hinweis.

Was auffällt, ist, daß zu dieser Zeit offenbar niemand auf die Idee kam, die Notunterkünfte der damaligen Flüchtlinge anzuzünden. [/Update]

Aber auch heute wird geflüchtet. Menschen fliehen vor Krieg und Zerstörung, vor Menschenrechtsverletzungen oder einfach vor lebensbedrohlicher Armut. Und so ganz unschuldig sind wir im politischen Westen daran ja nicht.

Genügen wenige Jahrzehnte, um die Erinnerung so radikal auszulöschen? Oder wurde bis heute nichts daraus gelernt?

Heutige Asylunterkünfte sehen kaum anders aus als in der Beschreibung von Erich Kästner vor 65 Jahren. Mehr noch, es scheint heute wesentlich schlimmer zu sein als damals. Und: Wir rechnen heute nicht mit 12 bis 14 Millionen Menschen binnen fünf Jahren (also 2,4 bis 2,8 Millionen pro Jahr), sondern mit 800.000 bis einer Million für dieses Jahr.

Weiterhin haben wir heute keine Nachkriegs-Situation, in der wir selbst schauen müßten, wo wir bleiben, viele Häuser zerstört oder zumindest unbewohnbar waren, Menschen hungerten und Krankheiten wesentlich schwerer einzudämmen waren. Mehr noch, es ist ja nicht so, daß wir ansonsten auch von alleine immer mehr würden: Deutschland ist ein Auswanderungsland! Und auch die Geburtenraten helfen nicht, die Differenz auszugleichen, ganz im Gegenteil.

Also: Wir verursachen zumindest teilweise die Fluchtgründe für die Menschen, die da zu uns kommen, und zum anderen sind wir auf sie angewiesen.

Damit will ich nicht sagen, wir müßten die Fluchtursachen aufrecht erhalten, damit wir genug Einwohner in Deutschland bleiben. Sinnvoller wäre es natürlich, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Menschen würden immer noch kommen; aber nicht über lebensgefährliche Fluchtwege, sondern ganz normal mit Flugzeug und Visum und ohne Schleppern (umgerechnet) tausende von Euro in den Rachen zu werfen.

Trotzdem müssen wir seit Wochen lesen, wie Flüchtlinge in Berlin vor einer Aufnahmestelle tagelang in der prallen Sommersonne campieren müssen, ohne auch nur genügend Trinkwasser, geschweige denn eine Schlafstelle zu bekommen. Wir müssen lesen, daß immer häufiger geplante, seit neuestem sogar bereits bewohnte Unterkünfte angezündet werden und vereinzelt bis auf die Grundmauern herunterbrennen. Wir erfahren, daß ein Mob in Heidenau in Sachsen direkt die Polizei angreift, die eine geplante Flüchtlingsunterkunft schützen will. Und schließlich erfahren wir, daß diese Unterkünfte sich nicht wesentlich von denen unterscheiden, die Erich Kästner 1950 beschrieb, mit zu wenig Personal und keinerlei Privatsphäre. In den sozialen Medien, besonders auf Facebook, hetzen Deutsche, die sicher nie geflohene Menschen kennengelernt haben, und lassen jeden Respekt vor der Menschenwürde missen.

Ich weiß nicht, wie's Euch geht … ich habe nicht viel zu geben, da ich seit 15 Jahren zwangsverarmt bin, durch einen Staat, der weder fremden noch einheimischen Menschen etwas gönnt, die – zumindest scheinbar – nicht wirtschaftlich verwertbar sind. Überstanden habe ich das nur, weil Menschen solidarisch waren. Wie könnte ich mich abwenden? Wie könnte ich dann jemals wieder in einen Spiegel sehen?

#BloggerfuerFluechtlinge sammelt Geldspenden, ursprünglich für #Moabithilft, mittlerweile für bundesweite Initiativen. Geld zu spenden kommt für mich derzeit nicht in Frage, denn der Satz von Hartz IV sieht Solidarität nicht vor.

Aber wenn ich noch intakte Kleidungsstücke finde, die mir nicht mehr passen, werde ich diese in eine Flüchtlingsunterkunft spenden. Und demnächst werde ich, wenn alles klappt, einmal pro Woche ein Internetcafé für Flüchtlinge leiten. Darauf bin ich schon gespannt.

Denn: Wissen wir, ob wir, unsere Kinder oder Kindeskinder, eines Tages nicht selbst auf der Flucht sein und auf Solidarität angewiesen sein werden?

4 Kommentare zu “Auf der Flucht”

  1. Thorsten quakte:

    Schöner Artikel. Hilfreich wäre es, wenn die Rüstungskonzerne an den Kosten für die Flüchtlingshilfe beteiligt würde. Am Besten zu 100%. Diese Konzerne sind Mitverursacher an dieser Krise. Dazu kommen dann noch die Regierungen in USA, BRD, GB, Frankreich, …. und deren Geheimdienste. Es sind also genug Verbrecher vorhanden um die Kosten mehr als ausreichend zu decken.


  2. inne quakte:

    Als ALG2 Bezieherin zu spenden, ist ja auch nicht Sinn der Sache – mM.

    Ein Flüchtlig bekommt ja nicht weniger an Leistungen vom Staat. Glaube es sind ca. 50 weniger als der ALG2 Regelsatz, der wohl knapp über 300 Euro liegt.

    Ich habe auch nur den sog. symbolischen Euro gespendet:
    http://0010100.net/blog/?x=entry:entry150903-122330


  3. Atari-Frosch quakte:

    @inne: Sinn der Sache, mag sein. Aber jedesmal, wenn irgendwo zu Hilfen oder Spenden aufgerufen wird, deprimiert mich die Tatsache, daß ich nichts beisteuern kann.

    Bei den Flüchtlingen muß differenziert werden: Die, die ankommen und noch nicht registriert sind, bekommen wohl von offizieller Seite so gut wie gar nichts. In den Erstaufnahme-Einrichtungen sind es dann diese 140 € Taschengeld, die de Mazière zusammenstreichen will, und erst später bekommen sie den „vollen“ Satz, der, wie Du richtig sagst, immer noch unterhalb von Hartz IV liegt.

    Eigentlich ein Unding, denn das BVerfG hat im Februar 2010 klargestellt, daß der Sozial-Regelsatz zwar nicht essenziell zu wenig sei (worin ich ihm mit Lutz Hausstein widersprechen muß), aber daß weniger eben auch nicht geht. Also, so gar nicht. Deshalb sagen ja auch viele zu Recht, daß die Hartz-IV-Sanktionen verfassungswidrig sind.


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