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Entfremdung

18. Januar 2016 um 16:04 Uhr von Atari-Frosch

Man muß derzeit nicht im Autismus-Spektrum sein, um sich wie auf dem falschen Planeten zu fühlen. Als ich vor ein paar Tagen auf Twitter schrieb, die derzeitige Gesamtsituation fühle sich absurd und surreal an, schlossen sich dem auch neurotypische Menschen an.

Georg Diez schrieb gestern in seiner SpOn-Kolumne S.P.O.N. - Der Kritiker: Verrückter Blödsinn oder Wirklichkeit?: „Die Wirklichkeit zerlegt sich gerade vor unseren Augen, und wir müssen sie neu zusammensetzen.“ Ich glaube, das trifft es ganz gut. Nur, daß zu meiner Entfremdung noch weitere Meldungen als die dort genannten und außerdem meine persönliche Lage beitragen.

Die einzelnen Themenbereiche sind dabei teilweise schon absurd genug – Flüchtlinge, Rüstungsexporte, Pegida und andere Nazis, der Grundrechtsbruch Hartz IV, Überwachungsfantasien, Geheimdienste und Edward Snowdens Enthüllungen, Kriege, Turbokapitalismus, Armut und der Umgang damit, und von dem, was sich außerhalb Europas abspielt, reden wir noch gar nicht … aber in ihrer Kombination zeichnen sie und weitere eine Weltbild, bei dem man eigentlich nur noch in riesengroßen Lettern fragen kann:

WTF?

Der Sozialstaat ist zerschlagen. Existenzgrundlagen und Gesundheit sind entsolidarisiert und privatisiert worden: Jeder für sich statt Gemeinschaft für alle.

Geld ist wichtiger als Menschen geworden, wichtiger sogar noch als die einstmals höchsten Werte des Staates. Und privates Geld ist noch wichtiger: Während Menschen, die aus Not den ÖPNV ohne Fahrschein benutzen und dann natürlich erst recht nicht die Bußgelder bezahlen können, gnadenlos ins Gefängnis geworfen werden, werden Steuerbetrüger hofiert. Finanzbeamte, die ihnen nachspüren wollen, werden mal eben für verrückt erklärt und aus dem Verkehr gezogen.

Grundrechte haben zumindest in einigen Bereichen keine praktische Bedeutung mehr und selbst Richter sind der Meinung, wenn der Staat keine Lust habe, Geld in die Hand zu nehmen, um sie zu garantieren, dann habe man halt Pech gehabt.

Die asoziale Bundesregierung erlaubt lustig immer neue Waffenverkäufe und wundert sich, daß immer mehr Flüchtlinge kommen. Statt diesen zu helfen, denkt sie nach Feststellung eines Haushaltsüberschusses als erstes daran, die Bundeswehr besser auszustatten und in neue Kriegseinsätze zu schicken.

In Berlin am LaGeSo frieren Flüchtlingen die Zehen ab, und ohne ehrenamtliche (sprich: freiwillige und unbezahlte) Helfer wären viele Flüchtlingsunterkünfte schon längst zusammengebrochen. Über die Situation von Flüchtlingen in anderen Ländern wird schon gar nicht mehr berichtet, oder nur in Randnotizen. Derweil denkt die asoziale Bundesregierung darüber nach, bestimmte Flüchtlingsgruppen direkt in Abschiebelager zu stecken.

An anderer Stelle, auch in Berlin, überfallen 550 Polizeibeamte ein besetztes Haus mitsamt Nachbarschaft, brechen ohne Durchsuchungsbeschluß in Wohnungen ein und klauen beschlagnahmen unter anderem Winterkohle und Feuerlöscher. Das alles allein aufgrund des Verdachts, daß vielleicht eventuell möglicherweise ein paar „Vermummte“, die einen Polizisten angegriffen haben sollen, von dort gekommen sein könnten. Also, wir reden von derselben Polizei, die angeblich viel zu wenig Personal hat, um ihre normalen Pflichten zu erfüllen.

Ach, und da ist noch so viel mehr … 🙁

_____

Dazu kommt dann noch meine persönliche Situation: Lügen, Unterschlagungen, Nötigung und mehrfache Existenzvernichtungsversuche durch das ARGE. Und ein faschistisches Repressionsamt, das sich auch erstmal querstellt und lieber Rechtsmittel einlegt, um die Hilfeleistung, zu denen sie bereits vom Sozialgericht verurteilt waren, wenigstens noch herauszögern zu können.

Seit etwa letzten Donnerstag fühle ich mich nun wirklich völlig von dieser Menschheit entfremdet. Ich kann nicht mal erklären, warum das so plötzlich kam, obwohl das meiste doch schon länger läuft, aber vielleicht war da ja noch sowas wie Hoffnung gewesen …

Es hat sich seitdem auch nichts mehr wesentlich in diesen Empfindungen verändert, obwohl ich am Freitag dann endlich doch eine Auszahlung vom faschistischen Repressionsamt bekam. Warum, ist noch nicht klar, denn eigentlich läuft noch ihr Rechtsmittel beim Landessozialgericht. Mir kam da schon der sarkastische Gedanke, daß die Auszahlung vielleicht von einem Praktikanten gemacht wurde, der noch nicht wußte, daß man Auszahlungen gefälligst schon aus Prinzip hinauszögert, solange das noch irgendwie möglich ist – legal, illegal, scheißegal.

Zunächst ist das auch wohl eine einmalige Sache, und ich bekam auch keineswegs die volle Nachzahlung. Ich habe noch keine Aufstellung erhalten, aber das müßten die Sätze für Dezember und Januar plus ein bißchen für Ende November sein – ohne Miete und Heizung. Das ist in einer deutschen Großstadt mitten im Winter anscheinend nicht so wichtig. Trotzdem habe ich natürlich erst einmal die Rückstände bei Strom, Gas und Internet/Telefon bezahlt. Bei Außentemperaturen um 0° C lege ich wirklich keinen Wert darauf, plötzlich in einer ungeheizten Wohnung zu sitzen. Kalt ist es auch so genug, weil's hier so zieht.

Eine Strafanzeige wegen Nötigung gegen das ARGE („Rentenantrag stellen oder verrecken“) kann ich mir sparen, denn die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mitsamt Generalstaatsanwaltschaft haben ja bekanntermaßen keine Lust, im ARGE zu ermitteln, kneifen die Augen zu und sehen dann einfach keine Straftaten. Und gegen wen auch, beim ARGE ist ja nie jemand verantwortlich oder gar an irgendwas schuld.

Wie es weitergeht, weiß ich immer noch nicht.

Was ist das für eine Welt? Wo bin ich hier gelandet?

Ein Kommentar zu “Entfremdung”

  1. Hans Bonfigt quakte:

    Erst ‚mal ein frohes neues Jahr!

    Und ja, die Neuigkeiten sind so schön nicht.

    Andererseits: Welche Generation darf den „Luxus“ genießen, bei keinem Krieg mitmachen zu dürfen? Wirkliche Not hält sich in Grenzen.

    Und es gibt in der Bundesrepublik ja auch viel Schönes:

    Ich finde es ganz toll, wie Lokführer und Fahrdienstleiter tagtäglich ihren extrem aufreibenden und verantwortungsvollen Dienst tun. Zu einem Hungerlöhnchen an der Lächerlichkeitsschwelle.
    Sie tun das, weil sie Bahner sind und leisten einen unglaublichen Beitrag zum Gemeinwohl.

    Ja, und diese Republik hat auch solche Menschen wie Julia Fischer hervorgebracht, eine virtuose Musikerin, die einmal in einem Interview gesagt hat, sinngemäß, „Wenn ich nicht an das Gute im Menschen glauben würde, dann könnte ich nicht spielen“.
    Wenn es nicht solche Menschen wie Frau Fischer geben würde, hätte ich an meinem Dasein hier auch keine Freude mehr.

    Ein ganz markantes Beispiel für große Taten gibt auch Sina Trinkwalder, die aus der einfachen Erkenntnis, „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland funktioniert nur über Arbeit“ eine wirklich alternative Firma betreibt.

    Naja, mir macht es im Moment auch viel Freude, auf einer alten, richtigen UNIX – Mascine zu arbeiten, auf der nicht dieses Linux installiert ist, dieser stinkelige Betriebssystemersatz.
    Da habe ich nur Editor und Compiler, nicht einmal X, und da staune ich immer wieder, um wieviel effektiver man damit arbeiten kann als mit einer Java-IDE nebst „Framework“.

    Mag sein, daß Dir meine Auswahl nicht gefällt, aber für Dich ist bestimmt auch etwas dabei.


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