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Offener Brief an MONITOR: #noABA

6. März 2016 um 19:40 Uhr von Atari-Frosch

In den letzten Tagen stellten QuerDenkender und weitere – auch ich – auf Twitter viele Fragen an Aktion Mensch. Sie können unter dem Hashtag #FragtWarum nachgelesen werden. Wir fragen, warum Aktion Mensch wissentlich eine „Therapie“-Form, nämlich Applied Behaviour Analysis (ABA), mit 250.000 € finanziert, obwohl bekannt ist, daß diese „Therapie“ dauerhaft schädlich für Kinder ist. Außerdem wird sie größerenteils von Menschen durchgeführt, die keine therapeutische Ausbildung haben (Eltern, Studenten).

Im Vorfeld gab es bereits ein Gespräch mit der Aktion Mensch, das jedoch katastrophal verlief, weil ABA-„Therapeuten“ eingeladen worden waren, die die anwesenden Autisten bedrängten und sogar subtil bedrohten; man sagte ihnen, sie sollten aufpassen, was sie bloggen. Letztendlich redete sich Aktion Mensch damit heraus, daß sie sich „neutral“ zu ABA stellen. Ja nee, sorry, wenn man etwas finanziert, ist man nicht mehr neutral! Wir wollten es genauer wissen. Aktion Mensch ignorierte jegliche Nachfragen und verwies immer nur auf den eigenen Blogeintrag mit ihrem Bericht über die Veranstaltung – welche die neuen Fragen überhaupt erst aufgeworfen hatte. Danach wurden wir ignoriert.

Nachdem Aktion Mensch auch auf die Aktion #FragtWarum nicht reagiert bzw. wieder nur auf den Blogartikel verwiesen hatte, möchten wir nun einen anderen Weg gehen. Wir bitten die Redaktion von MONITOR beim WDR darum, sich des Themas anzunehmen, selbst zu recherchieren und darüber zu berichten. Wenn Aktion Mensch uns nicht antworten möchte, müssen sie halt unter Umständen anderen antworten – oder werden sie auch den WDR anschweigen und ignorieren oder ihn mit Textbausteinen zuballern?

Bitte schreibt in die Kommentare, ob Ihr den Brief mit unterzeichnen wollt. In einer Woche möchte die Initiatorin, Fusselchen, dann den Brief mit allen (nicht nur hier) bis nächsten Sonntag, 13. März 23:59 Uhr gesammelten Unterschriften ausdrucken und dem WDR direkt schicken.

Der Erstaufruf findet sich hier bei Fusselchen: Just Another Things in Life: Offener Brief an die Monitor-Redaktion bezüglich ABA

Und hier ist der Brief:

Westdeutscher Rundfunk
Redaktion MONITOR
50600 Köln

Therapieform ABA und deren Anwendung an autistischen Kindern

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, als Gruppe von AutistInnen und AktivistInnen, schreiben Ihnen diesen Brief, um auf eine Therapieform für autistische Kinder aufmerksam zu machen, die gegen Menschenrechte verstößt. In diesen Therapien wird über lange Zeiträume und bis zu 40 Stunden pro Woche mit Zwang und Druck daran gearbeitet, den Willen der autistischen Kinder zu brechen – mit traumatischen Folgen. Statt eine Verbesserung der Unterstützung autistischer Kinder anzustreben, werden diese missbräuchlichen Therapieformen von einigen namhaften Firmen bzw. Organisationen wie beispielsweise AutismSpeaks oder der deutschen Aktion Mensch mit hohen Summen gefördert.

Der Grundstein für diese Therapieform wurde unter anderem durch den Verhaltenswissenschaftler Skinner gelegt und durch Ivar Lovaas in den 1960er Jahren in den USA zum ersten Mal an autistischen Kindern angewandt. Die Verfahrenweise von ABA (Applied Behavior Analysis, zu deutsch: Angewandte Verhaltensanalyse) basiert zum größten Teil auf den Methoden der operanten Konditionierung. Dies bedeutet, dass erwünschtes Verhalten und Lernversuche-/erfolge des Kindes möglichst direkt verstärkt werden, z. B. durch Nahrung, Wasser oder das Lieblingsspielzeug, die ihm bei Nichtbefolgen wieder entzogen werden. Eine Variante dieser Methode wird auch in der Dressur von Hunden und Katzen verwendet und dort als “Clickertraining“ bezeichnet.

Dies bedeutet konkret, dass die Kinder mit ihren Therapeuten zusammen an einem Tisch sitzen und der Therapeut das Kind beispielsweise auffordert, die Hände an den Kopf/auf den Tisch zu legen und das Kind bei Befolgen dieses Befehls übertrieben gelobt wird und sein Spielzeug bekommt. Das wird einige Mal wiederholt und jegliches Kompensationsverhalten des Kindes wird dabei unterbunden, um zu verhindern, dass sich das Kind der Situation entzieht. Es finden sich Videos dieser Therapiesitzungen auf Youtube, da ABA-Anbieter sie als Werbung für ihre Therapie benutzen.

Autisten, die mit dieser Therapie behandelt wurden, berichten Jahre später von schwerwiegenden psychischen Folgen. Dazu gehören unter anderem Depressionen und die Unfähigkeit, Dinge im Alltag ohne Befehle in Angriff nehmen zu können. Sie wurden durch ABA darauf trainiert, blind zu gehorchen und dies hat sich auf ihr ganzes späteres Leben ausgewirkt. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Verfahren eher um eine Dressur als um menschliche Erziehung oder gar eine Therapie handelt.

Wir sehen auch die Gefahr, dass ein Kind, das nie „Nein” sagen darf, verstärkt in Gefahr ist, missbraucht zu werden.

ABA hilft nicht den Betroffenen, sondern nur deren Umfeld:
Auf der einen Seite den Angehörigen, welche (zusätzlich zur elterlichen Fürsorge) unter den gesellschaftlichen Druck gestellt werden, „normale“ Kinder hervorzubringen. Auf der anderen Seite Therapeuten, von denen erwartet wird, entsprechende Hilfen zu leisten. Unter besseren Umständen gestalteten sich Ziele und Fortgang einer erfolgreichen Therapie immer durch den Dialog zwischen Therapeuten und Klienten. Da gerade diese Kommunikation bei Autismus nicht erwartungsgemäß funktioniert, entwickelt sich dieser Dialog zwischen dem Therapeuten und den Angehörigen. Damit kann sich das Ziel der Therapie also nicht nach der Persönlichkeit des Klienten richten (Stichwort Kindeswohl), sondern nur nach den Erwartungen des Umfelds.

An dieser Stelle kommt noch ein viertes Interesse hinzu: Firmen und Organisationen möchten mit ihren „Therapien“ Geld verdienen. Daher wehren sie sich gegen Kritik und intervenieren entsprechend bei Aktion Mensch und anderen Geldgebern, um ihre Geldquellen nicht versiegen zu lassen, auch wenn sie damit Schaden anrichten.

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von MONITOR: Bitte recherchieren und berichten Sie über dieses Thema. Es ist für uns unerträglich, hilflos zusehen zu müssen, wie noch im Jahr 2016, zu Zeiten von UN-Menschenrechts-, -Kinderrechts- und -Behindertenrechtskonvention solche Verfahren an Kindern angewandt werden, obwohl wir wissen, dass damit nur Schaden angerichtet wird. Inklusion heißt nicht, Menschen zwangsweise zurechtzubiegen, sondern ihnen auf ihre Weise die Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen und sie in diese zu integrieren.

Weiterführende Quellen:

Erstunterzeichner:

  • Lisa Wüpper
  • Sabine 'Atari-Frosch' Becker
  • Sophie “Fianox”

5 Kommentare zu “Offener Brief an MONITOR: #noABA”

  1. Lisa quakte:

    Meine Unterstützung hat der Brief. Es ist immer gut, wenn sich ein seriöses Medium eingehender mit dem Thema ABA befasst. Das passiert nur – leider (!) – in der Regel nicht von allein. Insofern hoffe ich auf einen erfolgreichen Anstoß.


  2. pillenknick quakte:

    Hej,

    ich finde den Brief gut und wichtig. Auch wenn ich mich selbst bis dato nie als Aktivist verstand (vielleicht sollte ich darüber mal nachdenken) und ich aus meiner Wahrnehmung heraus im Vergleich zu meiner Umwelt nicht den Verdacht habe neuroatypisch zu sein, will ich ihn daher unterschreiben.
    Gerne dürft ihr meinen Namen darunter setzen, bevorzugt „Hendryk Schäfer“.

    Viel Erfolg mit dem Brief und dem ganzen Vorhaben!


  3. Eva quakte:

    Wollte den Brief auch mit unterschreiben, konnte ihn aber auf Google nicht mal ordentlich lesen. Dachte, ein Account dort wäre nicht notwendig, wurde aber ständig zum Einloggen aufgefordert.


  4. Atari-Frosch quakte:

    @Eva: Der steht auch nicht „auf Google“. Ich hatte auf Google+ zwar drauf hingewiesen, aber der ganze Brief selbst steht nur hier und im Original bei Fusselchen.


  5. Gretel quakte:

    Gute Idee
    aber warum ist da TEACH drin? TEACH ist doch gut


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