Froschs Blog

Computer und was das Leben sonst noch so zu bieten hat

Zur Website | Impressum

Wehrhahnlinien-Rant

9. Mai 2016 um 18:31 Uhr von Atari-Frosch

Gestern bei bzw. nach der Teilnahme an der DSSQ-Demo fiel es mir mal wieder auf: Seit der Aktivierung der sogenannten Wehrhahn-Linie am 21. Februar 2016 gibt es für Bilk und Friedrichstadt deutliche Verschlechterungen bei der Anbindung mit Bussen und Straßenbahnen an wichtige Ziele – und teils auch noch Verteuerungen als Sahnehäubchen obendrauf.

Nach der Demo, die am Marktplatz endete, wollte ich beispielsweise wie bisher mit der Straßenbahn nach Hause fahren (Heimathaltestelle: Helmholtzstraße). Vor der Wehrhahnlinie hieß das: An der Straßenbahnhaltestelle Heinrich-Heine-Allee in die 715 setzen, Kurzstrecke stechen, direkt durchfahren. Heute heißt das: In die U-Bahn unter Heinrich-Heine-Allee einsteigen, Stufe A stechen, bis Hauptbahnhof fahren, aus dem Bahnhof rausgehen, auf 704 oder 707 warten, noch zwei Stationen nach Hause fahren. Die Straßenbahnhaltestellen an der Heinrich-Heine-Allee gibt es schlicht nicht mehr.

Alternativ: Nur Kurzstrecke stechen, mit der U-Bahn bis Hauptbahnhof fahren und von dort aus laufen (was ich dann gestern auch gemacht habe, obwohl mir die Füße nach der Demo schon ziemlich weh getan hatten).

Also wo ich bisher für den Kurzstreckentarif durchfahren konnte, muß ich jetzt für den Tarif Stufe A einmal umsteigen. Kurzstrecke heißt dabei derzeit 1,60 € als Einzelfahrschein oder 5,90 € (4 x 1,475) als Vierer-Fahrschein; Stufe A kostet als Einzelfahrschein 2,60 € und als Vierer-Fahrschein 9,80 € (4 x 2,45). Das ist schon ein starkes Stück, den Fahrgästen einen Euro mehr abzunehmen – pro Richtung, wohlgemerkt! – und sie dann auch noch zum Umstieg und damit zu einer Fahrzeitverlängerung zu nötigen, liebe Rheinbahn!

Schauen wir mal auf den Liniennetzplan [PDF]:

Die neue Linie 705, die die alte 715 ersetzt (ähm, das heißt, eigentlich ersetzt sie sie nicht …), fährt umgekehrt von der Helmholtzstraße aus natürlich auch nicht mehr zur Heinrich-Heine-Allee, sondern bringt die Fahrgäste jetzt direkt zur Schadowstraße. Das mag für Leute, die reich genug sind, um regelmäßig dort einkaufen zu gehen, nett sein. Wer in Richtung Altstadt bzw. Heinrich-Heine-Allee will, muß jetzt umsteigen oder vom Schadowplatz aus rüberlaufen.

Als ich am Dienstag nach der Umstellung vom Bundesparteitag der Piratenpartei in Lampertheim zurückkam, schienen mir die Änderungen erstmal nicht so umfangreich: Statt 707 und 708 fahren jetzt 704 und 707 auf der Strecke zwischen Hauptbahnhof und Helmholtzstraße. So weit, so gut.

Daß das nur ein kleiner Teil der Änderungen war, fiel mir einen Tag später auf die Füße, als ich zu meiner Anwältin an der Heinrich-Heine-Allee mußte und noch überhaupt nicht durchblickte. Ich stieg in die 705 und erwartete, daß sie mich wie bisher die 715 direkt zur Heinrich-Heine-Allee bringen würde. Stattdessen bog die Bahn an der Berliner Allee ab, was ich nicht erwartet hatte. Ich wußte überhaupt nicht, wohin, fand an der Berliner Allee keinerlei Hinweis darauf, wie ich jetzt zu meinem Ziel kommen sollte, und lief zum Graf-Adolf-Platz, wo ich dann den Eingang der neuen U-Bahn-Station fand. Von dort aus kam ich dann ans Ziel – „nur“ 15 Minuten später als geplant und mit einem zusätzlich gestochenen Kurzstrecken-Ticket.

Inzwischen ist klar: Ohne Umsteigen bzw. extra Fußwege nach Heinrich-Heine von hier aus gibt's nicht mehr. Entweder fahre ich bis Schadowstraße und laufe dann rüber bzw. nehme für eine Haltestelle die U-Bahn, oder ich fahre mit dem Bus 732 zum Kirchplatz und nehme von dort aus eine U-Bahn zur Heinrich-Heine-Allee. Das sind dann zwar nicht mehr Haltestellen als bisher mit der 715; trotzdem ist die Heinrich-Heine-Allee aus der Liste der Kurzstrecken-Ziele an der Helmholtzstraße verschwunden. Tja.

Auch um mit der Straßenbahn zum Landtag zu kommen, muß jetzt im Gegensatz zu vorher umgestiegen werden, optimalerweise an der Berliner Allee. Immerhin ändert sich hier nichts am Fahrpreis, das war auch vorher schon Stufe A. Bisher fuhr die 708 von der Helmholtzstraße aus direkt zur Haltestelle Landtag/Kniebrücke durch. An dieser Haltestelle hält sie heute immer noch, nur fährt sie nicht mehr durch die Helmholtzstraße, sondern von der Heinrichstraße via Hauptbahnhof wie bisher dann über den Stresemannplatz und Graf-Adolf-Platz zum Polizeipräsidium (vorher: via Hauptbahnhof und Helmholtzstraße über S-Bahnhof Bilk weiter nach Süden). Somit fällt die Direktverbindung zum Landtag flach: Die jetzt noch an und in der Helmholtzstraße haltenden Straßenbahnen fahren zur Universität (704) bzw. zum Medienhafen (707).

Wer es unbequemer im schaukelnden Bus mag, dem bleibt dann noch die Linie 732, die vorher die Linie 725 war. Damit kann man dann bis Stadttor oder Rheinturm fahren und den Rest laufen. Für gehbehinderte Menschen ist das jetzt sicher nicht unbedingt die optimale Variante.

Die Linienumstellung auch bei den Bussen wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die alte 725 aufzutrennen und die Einzelstrecken zu verkürzen. Stattdessen fährt die 732 wieder so einen super langen Weg; eine Verkürzung auf die Strecke zwischen Hauptbahnhof und Lausward wäre hier sinnvoll gewesen. Innerstädtische Buslinien, die pro Richtung eine Stunde oder länger unterwegs sind, sind nämlich generell eine schlechte Idee; da sind Verspätungen vorprogrammiert, weil sie schlechter ausgeglichen werden können.

Auch eine nicht so tolle Idee war es meiner Meinung nach, die Straßenbahnschienen zwischen Kirchplatz und Heinrich-Heine-Allee teilweise mit Teer zuzugießen und sich die Benutzung damit in Zukunft zu verbauen, statt sich die Parallelverbindung zur U-Bahn bzw. zu den weiter östlich verlaufenden Straßenbahnlinien für Notfälle offenzuhalten. Gerade im Hinblick darauf, daß es am Kirchplatz hinter der Kirche eine Wendeschleife gibt (Haltestelle Kirchfeldstraße), wäre das eine sehr sinnvolle Option gewesen; in Google Maps ist sie sogar noch eingezeichnet, obwohl die Straßenbahnhaltestellen in Richtung Heinrich-Heine-Allee bereits gelöscht wurden und diese Haltestelle gar nicht mehr angefahren werden kann.

Aber nunja – viel Spaß dann mit dem Schienenersatzverkehr im Stau von Kirchplatz nach Heinrich-Heine-Allee, wenn es im Tunnel mal ernsthafte Störungen gibt oder die östliche Parallelstrecke durch einen Unfall blockiert ist … – oder soll es dann etwa gar keinen geben?

Die Intention hinter der Wehrhahn-Linie bestand offenbar nicht darin, wie von Marketing behauptet, den ÖPNV in Düsseldorf zu verbessern. Es ging von Anfang an um eine Joachim-Erwin-Gedächtnis-Linie: Mehr Platz für Autos, zum Beispiel auf der Strecke zwischen Kirchplatz und Heinrich-Heine-Allee, dafür weniger oder umständlicherer ÖPNV für den Rest. Das Projekt war von Anfang an eines von mehreren Prestige-Projekten des damaligen Oberbürgermeisters Joachim Erwin (und der Firma Schüßler, die „seltsamerweise“ ziemlich viele Bauvorhaben in Düsseldorf durchführen durfte). Und Joachim Erwin war bekanntermaßen autogeil – alle anderen Verkehrsteilnehmer interessierten ihn nicht bzw. er empfand sie eher als störend (08.11.1999).

Gegen das Projekt gewehrt hat sich die Rheinbahn die ganze Zeit über offenbar nicht (aber daß sich Verkehrsunternehmen gegen Verschlechterungen, die ihre jeweilige Stadt plant, nicht wehren, kenne ich schon seit den 1990ern). Nun darf sie sehen, wie sie mit den kaputt gemachten Verkehrsströmen und den verärgerten Fahrgästen klarkommt.

BTW, ich bin sicher, die Rheinbahn generiert die separaten Tarifaushänge an den Haltestellen, insbesondere für die jeweilige Gültigkeit des Kurzstrecken-Tarifs, aus einer Datenbank. Und wenn man online eine bestimmte Verbindung abruft, wird ja auch angezeigt, ob man dafür Kurzstrecke oder bereits Stufe A stechen muß. Trotzdem findet man die Information, wie weit von einer bestimmten Haltestelle aus der Kurzstreckentarif gilt, nicht auf der Website, sondern ausschließlich an der jeweiligen Haltestelle. Bisher bekommt man nur den reinen Aushangfahrplan pro Linie und Richtung zum Download angeboten; will man es genauer wissen, muß man alle entsprechenden Haltestellen physisch aufsuchen. Das aber nur so nebenbei.

Ein Kommentar zu “Wehrhahnlinien-Rant”

  1. SackOhneSenf quakte:

    Also lieber Frosch,

    wie kannst du dich auch wagen nicht dahin fahren zu wollen, wo die Straßenbahnen halten bzw. du mit Kurzstrecken-Tarif fahren kannst und wohin die Verkehrsplaner das vorausberechnet haben?

    Das wäre ja noch schöner, wenn jeder selbst bestimmen könnte wohin die Bahnen zu fahren haben. Schließlich sind wir doch eine Gesellschaft und die kann doch nur funktionieren, wenn jedes Rädchen im Getriebe perfekt seine vorbestimmte Funktion erfüllt! Wie kannst du versuchen wollen aus diesem Getriebe auszubrechen?

    … ach und im übrigen bin ich dafür, dass jedem gleich nach der Geburt ein Chip in den Kopf eingesetzt wird, der wirksam verhindert, dass so etwas passieren kann. So klappt es dann auch in einer perfekten Gesellschaft!

    … net war !?!?

    O:-;


Kommentieren

Bitte beachte die Kommentarregeln!

XHTML: Du kannst diese Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>