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Facharbeit mit Sexismus?

9. Juni 2016 um 13:18 Uhr von Atari-Frosch

Ich bin schon länger bei zwei Firmen eingetragen, die immer wieder Umfrageteilnehmer für Online-Umfragen suchen. Die schicken mir in unregelmäßigen Abständen eine Einladung mit einem Link zu einer Umfrage, die sie entweder selbst hosten oder die ansonsten meist bei einer Universität oder einer anderen Forschungseinrichtung liegt. Manchmal ist die Teilnahme mit Punkten für eine spätere Belohnung oder sogar mit einer Gewinnspielteilnahme verbunden.

In diesem Zusammenhang bekam ich kürzlich mal wieder eine Einladung zu einer Umfrage, die ich gestern bearbeitet habe. Dabei hatte ich die ganze Zeit ein massives WTF-Gefühl – und gewann den Eindruck, die müsse wohl so aus den 1970er-Jahren sein:

Es ging darum, wer in einer Familie die Haushaltsarbeiten übernehmen sollte, also einmal generell und einmal getrennt nach waschen/putzen, kochen, Haushalts-Reparaturen und weiteren Bereichen. So weit, so gut.

Die Fragen waren alle nach demselben Schema formuliert:

Die Partner sind verheiratet. Das Kind geht in den Kindergarten.

Die Frau arbeitet in Vollzeit. Der Mann arbeitet in Teilzeit.

Die Frau verdient 3.500 € und trägt damit den größeren Teil zum Haushaltseinkommen bei.

Wer sollte sich um $aufgabe kümmern?

– mit den Antwortmöglichkeiten: Die Frau alleine, überwiegend die Frau, beide gleichermaßen, überwiegend der Mann, der Mann alleine.

Dabei wurden die Fragen danach, wer eine Aufgabe wahrnehmen sollte, variiert mit verheiratet / unverheiratet, Kind geht in Kindergarten / Schule, Mann / Frau arbeitet Vollzeit / Teilzeit / gar nicht, Mann / Frau verdient 3500 € / 800 € und trägt den größeren / kleineren Teil zum Haushaltseinkommen bei.

Also:

Eine Familie nach diesem Schema besteht ausschließlich aus Mann, Frau und Kind. Eine „Regenbogenfamilie“ ist nicht vorgesehen, auch nicht, daß es gar keine Kinder gibt oder mehrere. Weiterhin ist nicht vorgesehen, daß auch dieses eine Kind im Haushalt hilft. Ob die Person, die nicht oder in Teilzeit arbeitet, sich außerdem bewirbt und damit durchaus zeitlich (weiter) eingeschränkt sein kann, wird ebenfalls ausgeblendet.

Des weiteren wird für die mögliche Einschätzung, wer welche Arbeiten im Haushalt zu übernehmen hat, ausschließlich Mann oder Frau vorgeschlagen. Die Frage, ob die Personen jeweils für die gestellten Aufgaben auch die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten haben, wird nicht gestellt. Die Antworten sehen offenbar nur eine Zuweisung der Tätigkeiten aufgrund Geschlecht, Einkommen und Erwerbsarbeitszeiten vor.

Ich weiß ja nicht – würdest Du jemandem die Aufgabe des Kochens zuweisen, der es nicht mal unfallfrei schafft, Wasser zu erhitzen? Nur weil dieser jemand zufällig in der Partnerschaft mehr „Zeit“ hat, weil er nicht oder nur in Teilzeit arbeiten geht?

Und selbst, wenn der Partner mit „mehr Zeit“ die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten hätte oder erlernen könnte, wäre es frustrierend, ständig mit Aufgaben belastet zu werden, die er nicht mag, nur weil der andere „nun mal keine Zeit“ hat. (Was das angeht, weiß ich, wovon ich rede …).

Es wurde noch danach gefragt, welchen Schulabschluß und welche Berufsausbildung (also: Lehre, Studium etc.) man hat. Schließlich ging es noch darum, welche entsprechenden Abschlüsse die Eltern hatten und wie es in deren Haushalt mit der Haushaltsarbeit gehalten wurde (wohl um zu ermitteln, ob man das Schema der Eltern übernommen oder ein eigenes bzw. anderes gewählt hat bzw. wählen würde).

Somit stelle ich mir die Frage, was bei einer Facharbeit herauskommen wird, wenn die Fragestellung schon so dermaßen eingeschränkt ist. Natürlich muß man bei Online-Umfragen oder Umfragen generell mit Schubladen arbeiten, weil eine Auswertung sonst unmöglich wird. Wenn aber wesentliche Komponenten völlig ausgeblendet und Personen rein auf eines von zwei Geschlechtern reduziert werden, kann das ganze letztendlich eigentlich nur auf sexistische Kackscheiße hinauslaufen.

In der Ankündigung der Umfrage stand übrigens nichts davon, daß und aus welchen Gründen die Familie auf Mann + Frau + ein Kind reduziert und die Fähigkeiten und Kenntnisse der Partner vollständig ausgeblendet wurden. Also muß ich davon ausgehen, daß der Autor der Studie (welchen Geschlechts auch immer die Person selbst sein mag) darauf auch sonst keinerlei Rücksicht nimmt bzw. nehmen wird.

Wenn im Jahr 2016 Universitäts-Facharbeiten immer noch nach solchen Kriterien geschrieben werden, wird das mit der Gleichstellung noch sehr lange dauern …

4 Kommentare zu “Facharbeit mit Sexismus?”

  1. Daniel Rehbein quakte:

    Ich fahre öfters mit der Bahn und lese dann auch die in den Zügen der Deutschen Bahn AG ausliegende Kundenzeitschrift „mobil“. In der März-Ausgabe dieses Jahres ist mir dabei gleich in mehreren Artikeln sehr deutlich aufgefallen, wie selbstverständlich die monogame Zweierbeziehung zwischen Frau und Mann als Norm gesehen wird, und wie ebenso selbstverständlich alles andere komplett ausgeblendet wird.

    Ich habe dieses Heft aufbewahrt, um es in meinem Youtube-Kanal zu besprechen. Heute habe ich mich endlich aufgerafft, das zu tun. Nun muß ich den Film noch schneiden. Es kann sich nur noch um Jahre handeln 😉


  2. Atari-Frosch quakte:

    @Daniel: Oh, da bin ich schon gespannt – und ich weiß einige Leute, die sich dafür auch interessieren würden.


  3. Daniel Rehbein quakte:

    Ich habe am Samstag mich tatsächlich an den Rechner gestellt und Videos geschnitten. Da hatte ich zunächst noch Videomaterial von Januar, in dem ich 20 Minuten lang über Steckdosen und die dazugehörigen Stecker erzähle. Da berichte ich davon, daß ich im Urlaub Kirchen besichtige und dann unter den Kirchenbänken herumkrabbele, weil ich dort eine interessante Steckdose gesehen habe, oder daß ich aus dem Urlaub im Ausland als Souvenir eine Steckdosenleiste mitbringe.

    Und dann erzähle ich etwas über den Stecker in Großbritannien, den „Commonwealth-Stecker“, der selbst bei Weglassen des Erdleiters zu nichts anderem kompatibel ist. Und da sage ich in meiner Videoaufnahme „Bei den Briten ticken die Uhren ja sowieso immer ein bischen anders“. Als ich mich das jetzt sagen hörte, habe ich mir gedacht „Schau mal an. Das ist ja sogar ganz aktuell. In ein paar Monaten stimmen ja die Briten darüber ab, ob sie überhaupt noch zur Europäischen Union gehören wollen“.

    Und heute, am Montag, ging mir das wieder durch den Kopf, und ich habe bei Wikipedia den Artikel über den Brexit nachgeschlagen. Und da habe ich gelesen: Die Abstimmung ist ja gar nicht erst in ein paar Monaten, die ist in drei Tagen! So schnell vergeht die Zeit!

    Am 20. Februar 2016 hat David Cameron den 23. Juni 2016 als Termin für die Abstimmung bekanntgegeben. Vorher war das ja gar nicht klar, daß es überhaupt so eine Abstimmung geben würde. Als Schottland im Jahr 2014 über seine Unabhängigkeit abgestimmt hat, war gängige Meinung, daß dann, wenn die Schotten sich von Großbritannien lösen, daraufhin Rest-Großbritannien sich von Europa löst. Aber Schottland ist dringeblieben in Großbritannien, und ich bin damals davon ausgegangen, daß sich somit die Unabhängigkeitsbestrebungen in Großbritannien generell erledigt haben.

    Ich habe Ende Januar an einem Tag gleich drei Videos gedreht: Die Buchbesprechungen zu „Mein buntes Bilderwörterbuch“ und „Mein erstes Technikbuch“ (wo ich auch auf Geschlechterrollen eingehe) und die Erzählung über die Steckdosen. Die beiden Buchbesprechungen habe ich im Februar geschnitten und dann veröffentlicht, die dritte Aufnahme ist liegengeblieben. Und nun schaue ich mir diese Aufnahme an und höre mich sagen „Bei den Briten ticken die Uhren ja sowieso immer ein bischen anders“. Damit meinte ich den britischen Nationalstolz, Königshaus, Zeitzone, English Breakfast, Linksverkehr, Eisenbahnen mit Stromschienen, das alles hat für mich denn auch eher so einen süß-niedlichen Charme. An einen Brexit habe ich im Januar überhaupt nicht gedacht.

    Und ich habe mich erschrocken, wie schnell sich die Welt verändert. Ich möchte die Zeit anhalten und noch länger in der Gegenwart verweilen, statt unaufhaltsam und (nach meinem Empfinden) immer schneller in die Zukunft getrieben zu werden. Und wenn ich die Zeit schon nicht aufhalten kann, dann sollte sich die Gesellschaft doch nach vorne entwickeln und nicht rückwärts. Ich wünsche mir die Akzeptanz aller Menschen, egal, welches Geschlecht sie für sich definieren, egal, wen und wie viele sie lieben, egal, welche Berufe und Aktivitäten sie ausüben. Und ich wünsche mir ein integratives Europa, in dem wir uns alle frei bewegen können und uns als eine große Gemeinschaft fühlen.


  4. Daniel Rehbein quakte:

    Ich habe es tatsächlich geschafft, die Hitze der letzten Tage zu überleben anstatt in der Sonne dahinzuschmelzen. Und so habe ich tatsächlich meine Filme fertiggestellt. Das ist der Film über die Steckdosen:

    https://www.youtube.com/watch?v=hE4IvToDE_A

    Und das sind meine Ausführungen über die Hetero-Normativität und die Geschlechterollen im Kundenmagazin der Deutschen Bahn AG:

    https://www.youtube.com/watch?v=m2JooHg_mg4

    Und dann habe ich es sogar geschafft, mit meinen Fingerkuppen die Tastatur so zu berühren, daß sich ein halbwegs sinnvoller Text zu dem Thema der Geschlechterrollen ergibt:

    http://www.rehbein-dortmund.de/heteronormativitaet.html


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