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Die mentale Einstellung von Langzeitarbeitslosen

22. Juli 2016 um 14:54 Uhr von Atari-Frosch

Diese Formulierung fiel mir gestern in einer Pressemeldung des Polizeipräsidiums Westpfalz auf. Darin wurde über die Vorstellung einer Studie zur Flüchtlingsthematik berichtet. Gegen Ende heißt es dort:

Insbesondere durch die fehlende berufliche Tätigkeit entstehen Leerräume und die Gefahr, dass Zuwanderer beispielsweise die mentale Einstellung von Langzeitarbeitslosen annehmen.

Ich wollte denn doch mal wissen, was es mit dieser „mentalen Einstellung von Langzeitarbeitslosen“ auf sich hat, und fragte bei der angegebenen Mailadresse nach:

Was versteht man dabei unter der „mentalen Einstellung von Langzeitarbeitslosen“?

Wieso ist da jemand der Meinung, es gebe überhaupt eine relativ einheitliche „mentale Einstellung“ unter Langzeitarbeitslosen?

Fragt sich
eine Langzeitarbeitslose

Die Antwort kam heute recht prompt – das ist übrigens schon das zweite Mal, daß ich auf Anfragen bzw. Rückfragen auf solche Polizei-Pressemeldungen prompte Antwort bekam, was man nicht unbedingt von allen Behörden behaupten kann –:

vielen Dank für Ihre Mail und Ihr Interesse an unseren Publikationen. Der zitierte Satz war eine der Kernaussagen der Studentinnen und Studenten, die an dem Projekt beteiligt waren. Die Kernbotschaft resultierten unter anderem auf Informationen von verschiedenen beteiligten Behörden und Institutionen - unter anderem auch dem Jobcenter.

Sie haben in der Tat Recht, dass es sicherlich keine einheitliche mentale Einstellung von sogenannten Langzeitarbeitslosen gibt, zumal die Gründe oftmals sehr vielfältig sein können. Möglicherweise war diese Kernbotschaft etwa unglücklich formuliert? Ich kann Ihnen aber versichern, dass wir damit niemand zu nahe treten oder "abstempeln" wollten.

Meine eigentliche Frage nach dieser ominösen „mentalen Einstellung“ wurde vom Pressesprecher der Polizei Kaiserslautern damit leider nicht beantwortet.

Daß er die die Quelle „Jobcenter“ so hervorhebt, kann aber eigentlich kein Zufall sein. Daher unterstelle ich, daß es genau diese Behörde war, die diese Formulierung eingebracht hat. Die Herabwürdigung von Leistungsberechtigten gehört schließlich zu deren Aufgaben, damit keiner merkt, wie dort Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Wir Erwerbslose haben also dem ARGE nach eine bestimmte „mentale Einstellung“, und diese dürfen andere, die man, wenn man Frau Nahles und Herrn Weise so zuhört, genauso schikanieren und loswerden will, gar nicht erst einnehmen. Und dann brauche ich glaube ich auch gar nicht mehr nachzufragen, was damit gemeint sein soll. Sie hätten ehrlicherweise gleich „Sozialschmarotzertum“ sagen sollen, denn das war ja wohl gemeint.

Tatsache ist jedoch, daß die Studien-Ersteller hier offenbar ohne nachzudenken und völlig kritiklos diese Bezeichnung des ARGE übernommen haben – und die Polizei machte es genauso.

Dabei werfe ich das noch nicht mal so sehr der Polizei vor – obwohl ich auch da kritisches Nachfragen erwartet hätte –, sondern vor allem den Studenten und ihren Professoren bei der Technischen Universität Kaiserslautern, von denen die Studie kommt. Daß an dieser Stelle eine solche Formulierung der ARGEn unkritisch übernommen wird, ist ziemlich peinlich.

Letztendlich sagt es nämlich mehr über die mentale Einstellung der Studenten und Professoren aus als über die von Leistungsberechtigten.

Oh, eins noch: Nicht die „fehlende berufliche Tätigkeit“ ist das Problem, sondern die gewollte oder zumindest in Kauf genommene Perspektivlosigkeit der Menschen. Aber das haben die Herrschaften von der TU Kaiserslautern bestimmt auch übersehen.

Ein Kommentar zu “Die mentale Einstellung von Langzeitarbeitslosen”

  1. Ingom quakte:

    Die Fragen waren echt gut gestellt. Auch die Analyse ist gut. Am erschreckendsten fand ich auch, dass die Studenten nicht eine Sekunde darüber nachgedacht haben was das mit der „mentalen Einstellung“ aussagen soll. Ein(e) StudentIn die sich traut aus der Masse hervorzutreten hätte ja unter Umständen gereicht. Respekt für dein Engagement.
    Grüße.


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