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Depression als Symptom

25. Juli 2016 um 20:40 Uhr von Atari-Frosch

Alex machte mich Anfang des Monats auf zwei Blogeinträge eines amerikanischen Wissenschaftlers aufmerksam, der die These aufstellt: Ängste und Depressionen sind gar keine Krankheiten (bzw. nur in sehr seltenen Fällen), sondern Symtome dafür, daß wichtige Bedürfnisse des Menschen nicht erfüllt werden: Anxiety and Depression Are Symptoms, Not Diseases und Clarifying the Nature of Anxiety and Depression.

Das fand ich direkt so spannend, daß ich den Autor, Gregg Henriques, Ph. D., per E-Mail kontaktierte und nach der Erlaubnis fragte, die Texte ins Deutsche übersetzen und so publizieren zu dürfen. Die Erlaubnis kam prompt.

Die Übersetzungen selbst habe ich auf meine statische Website gesetzt: Ängste und Depressionen sind Symptome, keine Krankheiten.

Spannend finde ich die beiden Texte vor allem deshalb, weil sie meine schon lang gehegte These bestätigen, welche lautet: Wir sind depressiv, weil wir nicht sein dürfen, was wir sind.

Das ist auch der Grund, warum ich Therapien – abgesehen davon, daß die Wartezeiten hierzulande dafür abartig lang sind – für mich nie so wirklich sinnvoll gehalten habe. Sie können möglicherweise temporär die Symptome lindern, aber auf die Ursachen können sie oft gar keinen Einfluß nehmen. Und ich halte nichts davon, meine knappen Ressourcen in Therapiestunden zu stecken, die an der Ursache nichts verändern können (zumal ich dann auch noch absehen kann, daß ich wegen meiner autistischen Besonderheiten früher oder später in Rechtfertigungs-Situationen gedrängt werden würde).

Die Ursachen bei mir sind hier natürlich Zwangsverarmung, Amtsschikanen und Perspektivlosigkeit. Oder, wie Christel T. das in ihrem Blog formulierte:

Wenn ein Mensch diese Strategie anwendet, der von Haus aus nicht die erforderliche tiefgehende Ignoranz besitzt, dann dauert es von der Erstantragstellung bis zu klinischen Depression ziemlich genau zwei Jahre, meinen persönlichen Beobachtungen nach.

– was wiederum die These von Henriques bestätigt: Depression ist eine natürliche Reaktion auf unerträgliche Zustände.

Dabei ist sich der Einzelne der Unerträglichkeit (eines Teils) seiner Situation vielleicht gar nicht mal bewußt. Wir hören immer wieder von solchen Fällen, in denen es heißt: Aber sie hat doch alles, es geht ihr doch gut. Wirklich? Vielleicht können wir die Ursache ja einfach nicht erkennen. Es kann auch ein Trauma aus frühester Kindheit sein, oder ganz außerhalb des persönlichen Umfelds liegen:

Es genügt ja derzeit oft schon, Nachrichten zu lesen. Für empathische(re) Menschen kann es unerträglich sein, mitzubekommen, was derzeit zum Beispiel in der Türkei abgeht. Oder in Syrien. Auf dem Mittelmeer. In den USA. Oder auch hier in Deutschland. Je empathischer ein Mensch ist, desto eher haben auch solche Ereignisse Auswirkungen auf sein seelisches Wohlbefinden.

Ich merke das an mir selbst und habe mir angewöhnt, zumindest zu versuchen, nur noch einzelne Themenbereiche zu verfolgen. Alles geht einfach nicht, und nicht nur aus zeitlichen Gründen. Es wirkt vielleicht gefühlskalt, wenn ich teils katastrophale Nachrichten schlicht ignoriere oder mich zumindest nicht dazu äußere. Ist es aber nicht, das ist reiner Selbstschutz – eben, um die Depression nicht (noch mehr) zu „füttern“.

Henriques geht insbesondere im zweiten Blogartikel auch darauf ein, daß Menschen unterschiedlich stark (oder auch gar nicht) auf Situationen und Zustände usw. reagieren. Das heißt, eine Situation, die den einen Menschen kalt läßt, kann einen anderen massiv psychisch beeinträchtigen. Er nennt das „neurotisches Temperament“. Das entspricht auch meiner Beobachtung.

Ich finde es, wie gesagt, hochspannend, daß meine laienhafte These nun auch wissenschaftlich behandelt wird. Das will ich auf jeden Fall weiter verfolgen.

Danke an Alex für den Hinweis auf die beiden Artikel und die fachlichen Tips und Erklärungen zur Übersetzung.

2 Kommentare zu “Depression als Symptom”

  1. Daniel Rehbein quakte:

    Es gibt für Außenstehende, die Depressionen verstehen wollen, das Buch „Mein schwarzer Hund“ von Matthew Johnstone. Zu diesem Buch habe ich bisher nur positive Kritik gehört, es soll mit seiner Bildersprache wohl eine sehr gute Erklärung von Depressionen wiedergeben.

    Matthew Johnstone vergleicht Depressionen mit einem großen schwarzen Hund, der oft zu einer großen Last wird, weil er seinen Besitzer beherrscht. Eine Aussage des Buches ist, daß man den Hund niemals richtig loswird, sondern nur lernen kann, mit ihm umzugehen. Egal, was man macht und wie sich die Lebensumstände ändern, der schwarze Hund wird immer Teil des Lebens bleiben.

    Dies würde aber doch bedeuten, daß Depressionen gerade nicht durch äußere Einflüsse entstehen? Sonst müssten doch Depressionen wieder verschwinden, wenn die äußeren Einflüsse sich ändern?


  2. Felix Müller quakte:

    Es ist zumindes bei der Major-Depression so, dass es einen erheblichen Unterschied in der Konkordanzrate zwischen Ein- und Zweieiigen Zwillingen gibt. D.h. es gibt einen genetischen Anteil. Würde mich wundern, wenn das bei der reaktiven Depression, also das was Sie hier beschreiben, nicht so wäre.
    Und was dieser Psychotherapeut in Ihrem übersetzten Artikel hier tut, ist einfach nicht seriös. Man kann nicht aus einem Gespräch heraus ermitteln, dass der Schwerpunkt bei den Risikofaktoren für eine Depression auf lebensgeschichtlichen Faktoren liegt. Das ist einfach unwissenschaftlich und wirft ein schlechtes Licht auf diesen Mann.


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