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Frauenkampftag neu denken

8. März 2017 um 20:33 Uhr von Atari-Frosch

Heute ist Frauenkampftag, und der steht dieses Jahr unter dem Motto: „Women in the Changing World of Work: Planet 50-50 by 2030“. Also: Bis 2030 sollen Frauen und Männer die Welt – mindestens aber die Arbeits-Welt – halb und halb unter sich aufgeteilt haben. Ähm, und die anderen?

(Wie, welche anderen? – höre ich schon den einen oder anderen Menschen fragen.)

Über den Kampf von Frauen für Gleichberechtigung heißt es auch, es sei ein Kampf der Geschlechter. Wenn wir aber den Kampf um Gleichberechtigung der Geschlechter nur als Kampf zwischen Männern und Frauen sehen, oder besser, als Kampf der Frauen gegen eine männerdominierte bzw. patriarchale Gesellschaft, dann greift dieser Kampf zu kurz.

Ja, es ist richtig, daß zur Zeit der ersten Frauenkampftage, zur Zeit von Clara Zetkin, etwas anderes als Mann oder Frau als Geschlecht [Update 2017-03-08 22:20] in den westlichen bzw. weißen Kulturkreisen [/Update] gar nicht bekannt war. Immerhin ist das jetzt aber schon über 100 Jahre her, und ursprünglich ging es wohl vor allem um das Frauenwahlrecht. Nun sind wir aber 100 Jahre weiter, und das heißt, daß wir aktuellere Erkenntnisse mit einbeziehen sollten.

Das fängt zum Beispiel damit an, daß Transfrauen und -männer vollständig als solche anerkannt werden sollten, und zwar völlig selbstverständlich anerkannt in der gesamten Gesellschaft. Das ist noch lange nicht so. Und da es (auch) um die sogenannte Arbeitswelt geht: Tatsächlich sind Transmenschen übermäßig häufig erwerbslos. Von Anerkennung sind wir also bereits hier sehr weit weg.

Aber selbst das genügt nicht.

Denn wir wissen mittlerweile, daß es eben nicht nur die beiden Geschlechter Mann und Frau gibt, und eigentlich auch, daß die Genitalien bzw. Reproduktionsorgane dafür nicht bestimmend sind. Und jedesmal, wenn ich darüber nachdenke, trauere ich um all die Menschen, die nie sein konnten, was sie waren, weil weder „Frau“ noch „Mann“ für sie paßten und ihnen niemand sagen konnte, daß es da noch mehr gibt – weil es niemand wußte.

Aber jetzt wissen wir es.

OK, das ist etwas ungenau. „Wir“ sollten es wissen, denn wissenschaftlich wurde es spätestens in den 1980ern erkannt. Aber „wir“ wissen es doch wieder nicht, weil die Mehrheitsgesellschaft es offenbar nicht wissen will. Das binäre Modell scheint in der Gesellschaft quasi festgefressen zu sein. Wir hören und lesen schon sehr wenig von Transmenschen, aber rein gar nichts über bi-gender, agender oder genderfluid orientierten Menschen. Wer nicht ins binäre Schema fällt, fällt statt dessen unter den Tisch.

Das könnte/dürfte an mehreren Aspekten liegen:

  • Gewohnheiten. Wir haben es von den Eltern so gelernt, die von unseren Großeltern, diese von ihren Eltern usw.
  • Sprache. Unsere Sprache sieht wie viele andere Sprachen sowohl bei den Personalpronomen als auch bei zum Beispiel Gruppen- und Berufsbezeichnungen nur ein binäres Schema vor, und niemand kam bislang auf die Idee, das mal systematisch zu ändern.
  • Die Weltreligionen, welche auf uraltem Schriftgut basieren, welche natürlich auch noch nichts anderes als Mann und Frau kannten, und auf die sich die Vertreter dieser Religionen immer noch berufen. Sie haben auch Einfluß auf Gesellschaft und Politik (auch wenn letzteres in den sogenannten säkulären Staaten nicht so gern zugegeben wird).
  • Die Tatsache, daß das Festmachen des Geschlechts an den Genitalien bzw. Reproduktionsorganen einfacher erscheint als eine Trennung des einen vom anderen; es vereinfacht scheinbar (!) den Umgang miteinander, weil man meint, bereits mit einem Blick erkennen zu können, welchem Geschlecht das Gegenüber angehört; gleichzeitig wird diese Erkenntnis offenbar irgendwie als wichtig angesehen.

Unsere Vorfahren mögen irgendwann beobachtet haben, daß es zwei Varianten von Körpern gibt: Die einen mit nährenden, größeren Brüsten, Vagina, Gebärfähigkeit und von Natur aus etwas weniger Muskulatur und die anderen mit nicht nährenden, unauffälligen Brüsten, Penis, Zeugungsfähigkeit und von Natur aus etwas mehr Muskulatur. Ihnen mag aufgefallen sein, daß sich die ersteren meistens als „weiblich“ und zweite meistens als „männlich“ empfanden.

In vielen Sprachen (nicht allen!) hat sich diese Beobachtung niedergeschlagen: So gibt es in der deutschen Sprache als Pronomen für die 3. Person singular nur jeweils eines für männliche und eines für weibliche Personen, aber nicht für weitere Geschlechter und auch kein neutrales Pronomen, das alle mit einbeziehen würde („das“ ist dafür eher nicht geeignet, weil sächlich, nicht geschlechtlich bzw. dem Grunde nach nicht auf Menschen bezogen). Letzteres, also ein Personalpronomen, das alle mit einbezieht, könnte hier eine Lösung sein (ich habe dazu schon länger einen Artikel-Skeleton im Draft, mal sehen, wie ich dazu komme, den auszuarbeiten).

Gleiches gilt auch für Berufs- oder Gruppenzugehörigkeits-Bezeichnungen. Wir kennen Polizist und Polizistin, aber was wäre ein Agender-Poliz… – Ihr seht das Problem? Hieran etwas zu ändern finde ich übrigens deutlich sinnvoller als den Versuch, durch großes I, *, _ oder : Frauen sichtbar(er) zu machen. Ich wäre ja eher dafür, Berufs- und ähnliche Bezeichnungen völlig vom Geschlecht unabhängig zu verwenden, statt mit Zeichen mitten im Wort, die schlechter lesbar und auch nicht barrierefrei sind, mühsam zu versuchen, Frauen – und nur Frauen – sichtbarer zu machen. Das Geschlecht soll ja insbesondere für eine berufliche Qualifikation nicht relevant sein, oder?

Und es werden wie gesagt als zusätzliche Gruppe eben wieder nur Frauen angesprochen. Nonbinaries dürfen sich dann wieder „mitgemeint“ fühlen, also genau das, was man Gegnern dieser Schreibweisen vorwirft und gleichzeitig doch wieder selbst praktiziert. Denn „PolizistInnen“ wird dann wieder als „Polizistinnen und Polizisten“ gelesen – und bleibt somit binär.

Also: Ich schlage vor, wir sollten den Frauenkampftag neu denken, und zwar als Tag der geschlechtlichen Gleichberechtigung, um den neuen Erkenntnissen gerecht zu werden.

Es muß sich in der Gesellschaft die Erkenntnis durchsetzen, daß Reproduktionsorgane nicht das Geschlecht bestimmen und es mehr als zwei Geschlechter gibt. Das muß spätestens in der Schule anfangen, besser noch im Kindergarten. Warum?

Wir haben da so einen interessanten Artikel im Grundgesetz, der steht sogar ziemlich weit vorne. Er postuliert als Recht, daß sich alle Menschen frei in ihrer Persönlichkeit entwickeln dürfen. Das funktioniert aber im Bereich der Geschlechter in der Praxis nur, wenn alle so früh wie möglich von allen Entfaltungsvarianten erfahren. Kinder, die lernen, daß es nur (cis) Mann und (cis) Frau gibt und sonst gar nichts, können sich nicht frei entfalten: Sie können nie feststellen, ob sie einem anderen, weiteren Geschlecht angehören. Sie können nie herausfinden, was sie wirklich sind.

Würden wir Schulabgängern sagen, es gäbe nur die Möglichkeit, Arzt, Bäcker oder Fabrikarbeiter zu werden (ich weiß, der Vergleich hinkt, weil sie ja Angehörige anderer Berufe bereits im Alltag gesehen haben) – die meisten würden sich für eine dieser drei Varianten entscheiden, auch wenn sie sich in allen dreien nicht wohlfühlen würden. Das wäre ziemlich schräg, oder? Eine freie Entfaltung wäre so nicht möglich. Gleichzeitig finden „wir“ es aber offenbar in Ordnung, Kindern zu sagen, sie könnten nur männlich oder weiblich sein.

Mir wurde übrigens in der Berufsberatung des Arbeitsamtes in den frühen 1980er Jahren gesagt, ich bräuchte mich gar nicht erst um eine Ausbildung als Fotograf zu bemühen, denn „die Fotografen nehmen keine Mädchen als Lehrlinge“ (war zwar – auch bereits zu dieser Zeit – kackendreist gelogen, aber das kennt man ja von dieser Art von Behörden). Mein zugewiesenes Geschlecht empfand die Berufsberatung als legitimen Grund dafür, meine Entfaltung (weiter) einzuschränken. Man wollte „Mädchen“ zu dieser Zeit offenbar bevorzugt in kaufmännische bzw. Verwaltungsberufe mit niedrigerer Qualifikation bzw. in die Pflege drücken. Das wurde mir jedenfalls als mögliche berufliche Richtungen angegeben.

Ich habe mich mein Leben lang nicht mit der Zuweisung „Mädchen/Frau“ bzw. „weiblich“ wohlgefühlt. Ich mußte 47 Jahre alt werden, um herauszufinden, was ich wirklich bin. Das ist nicht freie Entfaltung der Persönlichkeit, das ist eine Unterdrückung von Persönlichkeit. Ich hätte es gern bereits im Kindergarten erfahren, daß es noch mehr gibt, um mich finden zu können. Denn bereits damals fand ich das Mädchen-Sein für mich irgendwie eigenartig.

Und heute?

Als ich mich vor über einem Jahr outete, haben das die meisten Leute, vor denen ich mich outete, erstmal schlicht ignoriert. Ich wurde bei Treffen erstmal weiterhin dem „Frauen-Anteil“ zugeschlagen. Ich wurde und werde weiterhin als Frau bezeichnet. Und obwohl ich mehrfach darauf hinwies, daß ich den Spitznamen Frosch als Anrede haben möchte, werde ich weiterhin mit meinem Auweis-Namen angesprochen, der eindeutig weiblich konnotiert ist (unter Transmenschen würde man von „deadnaming“ sprechen). Dabei geht es nicht immer um Umgewöhnung; das würde ich zugestehen. Es ist schon nervig genug, daß ich mich bei Ämtern usw. als Frau deklarieren und anreden lassen muß.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es ist nichts falsch daran, eine Frau zu sein. Es ist auch nichts falsch daran, ein Mann zu sein. Aber cis Männer überlegen jetzt mal, wie sie sich fühlen würden, konsequent als Frau bezeichnet zu werden, und cis Frauen überlegen sich an dieser Stelle, wie es sich anfühlen würde, ständig als Mann angesehen zu werden. Mit dem falschen Geschlecht in Verbindung gebracht zu werden, ist eben einfach – falsch. Man fühlt sich nicht ernst genommen.

Wenn wir also echte Geschlechtergerechtigkeit wollen, müssen wir mehr tun, als nur für eine gerechte Beteiligung von Frauen an der Gesellschaft einzutreten: Wir müssen alle Geschlechter mitdenken.

  • Genitalien bzw. Reproduktionsorgane dürfen nicht mehr geschlechtsbestimmend sein. Kinder sollen nicht mehr ab Geburt auf eines der binären Geschlechter festgenagelt werden. Jeder Mensch weiß selbst am besten, welchem Geschlecht er angehört.
  • Es muß auf allen Ebenen eine gesellschaftliche Aufklärung über die bekannten Varianten der Geschlechter und deren Unabhängigkeit von den Reproduktionsorganen sowie über körperliche Variationen (wie Intersexualität) geben. Es muß klar werden, daß alle Geschlechter und körperlichen Variationen ihre Daseinsberechtigung haben und es kein „falsches“ Geschlecht gibt. Das ist natürlich vor allem eine politische Aufgabe, aber auch Medien, insbesondere solche mit großer Reichweite, müssen ihren Teil dazu leisten.
  • Geschlechtsbezeichnungen gehören nicht in Ausweisdokumente jeglicher Art. Auch in Bewerbungen haben sie nichts verloren, sofern es keinen verdammt guten Grund gibt, eine Stelle nur den Angehörigen eines bestimmten Geschlechts oder bestimmter Geschlechter anzubieten. Das gilt natürlich auch für alle weiteren Bereiche des Lebens, in welchem das Geschlecht eines Menschen objektiv keine Rolle spielt.

Denken wir also den 8. März neu. Damit es irgendwann in der Zukunft tatsächlich Geschlechtergerechtigkeit für alle geben kann.

Oder um es mit der Piratenpartei auszudrücken: Klarmachen zum Ändern.

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