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Piraten: Klausur vs. Klassentreffen

26. März 2017 um 14:50 Uhr von Atari-Frosch

Piraten, wir müssen reden. Über Barrierefreiheit bei Parteitagen.

Parteitags-Armbändchen vom #bpt171

Schon beim Bundesparteitag in Lampertheim haben sich viele über die Versammlungsleitung aufgeregt, weil die ständig gemahnt hat, daß nicht so viel nebenbei geredet werden soll. In Wolfenbüttel war es dann noch schlimmer. Und nun, in Düsseldorf, ist es so schlimm geworden, daß ich auf den zweiten Tag verzichten mußte. Und ich meine nicht die ständigen Beschwerden der Versammlungsleitung!

Ich bin, wie die Leser meines Blogs mitbekommen haben dürften, im Autismus-Spektrum und habe eine Reizfilterschwäche insbesondere im akustischen Bereich. Wenn da links neben mir gequasselt wird, rechts neben mir gequasselt wird, hinter mir gequasselt wird und eine Person an einem Mikrofon einen Antrag zu erklären versucht, dafür oder dagegen argumentiert, dann will mein Gehirn alle vier Gespräche gleichzeitig, unabhängig von der Lautstärke (!), auswerten. Das wurde weiterhin erschwert durch das meist noch lautere (wenn auch von meinem Standort aus nicht mehr verständliche) Gerede im Eingangsbereich der Halle, wo Leute grüppchenweise zusammenstanden und völlig ungeniert die ganze Zeit über quasselten. Mein Gehirn kann das nicht wegfiltern, sondern ist gezwungen, das alles die ganze Zeit über bewußt auszuwerten.

Das ist wie der Versuch, einer Single-Core-CPU mit weniger MHz in derselben Zeit dieselbe Leistung abzuverlangen wie einem QuadCore mit mehr MHz unter Vollast. Irgendwann gibt's eine Überhitzung, und in der Folge geht dat Dingen irjendswann aus. Bei Autisten heißt das dann Overload mit nachfolgendem Shutdown. Das fühlt sich mehr als nur unangenehm an. Und wenn es statt des Shutdowns erstmal ein Meltdown wird, wollt Ihr nicht nebendran stehen. Nicht mal zufällig.

Mein Kopf fühlte sich gestern bereits am Nachmittag an, als hause ein Bienenschwarm darin. Ich hatte ein ständiges Summen in den Ohren. Gegen Abend wuchs sich das zu Kopfschmerzen aus. Daß ich keinen Overload bekam, wunderte mich sogar noch. Aber es hatte mir auch erstmal so gereicht, um abends völlig fertig zu sein. Und das kam nicht von der eigentlichen Aufgabe des Parteitags, über Anträge zu diskutieren und zu entscheiden.

Die einzige längere Unterbrechung davon war nachmittags die Datenschutz-Schulung bei @SirThomasMarc, bei der ich nicht nur einiges lernen konnte, sondern die den unglaublichen Vorteil hatte, daß immer nur ein Mensch gleichzeitig redete. Und das war keineswegs immer nur Thomas, denn es wurden Anmerkungen gemacht und Fragen gestellt, aber nicht so, daß man sich ständig gegenseitig dreinredete. Und es saß auch niemand daneben, der mit einer weiteren Person die ganze Zeit über quasselte.

Zwischendurch war ich dann mal noch draußen auf dem sonnigen Balkon, was mir ein wenig Erholung brachte. Doch auch das hielt sich in Grenzen, denn unten auf dem Parkplatz hatte jemand ein Autoradio aufgedreht, und es dröhnte Hibbelhops oder sowas durch die Gegend.

Aber ich wollte ja eigentlich am Parteitag teilnehmen, um über Anträge zu diskutieren und abzustimmen. Dazu muß man im Plenum sein. Also da, wo Leute meinen, sich lautstark begrüßen zu müssen, über alles mögliche zu plaudern, was oft nichts mit dem Parteitag zu tun hat oder dem Tischnachbarn ständig zu erzählen, was man vom gerade laufenden Antrag hält. Am besten so, daß es mindestens der ganze Tisch mitbekommt.

Leute, das geht so nicht.

Bei Parteitagen sollte klar getrennt werden zwischen Klausur – die Arbeit (ja, Arbeit!) im Plenum – und Klassentreffen, also den „sozialen“ Teil. Ich will Euch den ja gar nicht wegnehmen. Aber ich will ihn nicht im Plenum haben. Und ich glaube, andere wollen das auch nicht. Die Versammlungsleitung, die dem ständigen Durcheinandergeplapper gar nicht ausweichen kann, hat das ja schon häufig und nachdrücklich kundgetan. Aber es hat Euch nicht interessiert.

Barrierefreiheit war bei diesem Bundesparteitag 2017.1 sowieso schon ein Problem. Rollstuhlfahrer können die Heinrich-Heine-Gesamtschule (bzw. das von uns belegte Gebäude davon) nicht ohne Hilfe betreten. Sie können nicht ohne Hilfe durch Orga-Leute den Aufzug zum Saal benutzen, weil das nur mit einem Schlüssel geht, der zentral deponiert ist. Sie können – auch wegen des Aufzugs – nicht ohne Hilfe zu einer barrierefreien Toilette gelangen, die sich nicht im selben Gebäude befindet. Gebärdensprachdolmetscher gab es auch keine mehr. Ebenfalls gab es keine Live-Untertitel mehr.

Das alles könnte man noch mit Geldmangel begründen und mit einem Mangel an Leuten, die entsprechend notwendige Leistungen (Gebärden, Live-Untertitel) freiwillig erbringen wollen.

Aber das ständige Geschwätz im Raum hat mit all dem nichts zu tun. Das würde auch auf einem sonst perfekt barrierefrei organisierten Bundesparteitag nichts zu suchen haben. Denn damit ist er nicht perfekt barrierefrei.

Oder anders: Barrierefreiheit endet nicht bei Rampen, frei zugänglichen und funktionsfähigen Fahrstühlen, rollstuhlgerechten Toiletten, Gebärdensprachdolmetschern, Induktionsschleifen und Live-Untertiteln. Barrierefreiheit braucht auch die Rücksicht aller Teilnehmer einer Veranstaltung.

Barrierefreiheit ist ein Anliegen der Piratenpartei. Ich habe schon oft festgestellt, daß einzelne Piraten sehr wohl auf solche Dinge achten, wie schon letzte Woche in meinem Artikel Warum ich Pirat bin geschildert. Allerdings hatte ich dabei die Parteitage vergessen. Denn im Pulk sind die ganzen Vorsätze von Rücksicht und Barrierefreiheit wohl wieder obsolet.

Durch diese Rücksichtslosigkeit ist mir der zweite Tag des Bundesparteitages 2017.1 verschlossen. Den Overload hatte ich dann heute Nacht gehabt, Stunden später, als Nachwirkung. Das Summen hatte ich noch heute früh um vier in den Ohren. Die Kopfschmerzen waren erst heute Morgen um neun endlich wieder weg. Ein zweiter Tag unter diesen Bedingungen wäre quasi ein „ins offene Messer rennen“ gewesen.


An das spätere „Socialising“ in der Hafenpinte oder sonstwo war für mich übrigens erst recht nicht zu denken, und das nicht wegen des damit verbundenen Schlafmangels. Ich frage mich, warum Ihr das noch braucht, wenn Ihr doch in der Halle schon so viel „Socialising“ treibt, daß andere nicht mehr konzentriert arbeiten können …

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