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Computer und was das Leben sonst noch so zu bieten hat

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Nine-Eleven

11. September 2017 um 15:00 Uhr von Atari-Frosch

Schon lange wollte ich mal aufschreiben, wie ich den 11. September 2001 erlebt hatte. Nun hat mir Tomek (unwissentlich) den notwendigen Schubs gegeben:

Ja, ich erinnere mich extrem genau an diesen und den folgenden Tag. Die Ereignisse hatten (nicht nur) mich völlig in ihren Bann geschlagen.

Ich wohnte damals noch in meiner ersten Düsseldorfer Wohnung in der Ludwig-Zimmermann-Straße, einer kleinen Seitenstraße neben dem Opernhaus. Internet hatte ich gerade schon gehabt, zusätzlich aber bezog ich Informationen und E-Mails per Modem über die Mailbox BILKINFO, die drei Haltestellen weiter in Rainers Gemüsekiste Nähe Kirchplatz stand und die ich auch als Sysop betreute. Und ich hatte auch noch meinen Fernseher in Betrieb.

Zu dieser Zeit war ich fast jeden Tag dort in der Gemüsekiste. An diesem Tag ging ich allerdings relativ früh wieder heim und war nachmittags schon wieder in meiner Wohnung. Etwa 15 Minuten später klingelte mein Telefon. Ohne sich erst zu melden, mit völlig geschockter Stimme, sagte mir Rainer: „Mach den Fernseher an, das Pentagon wird angegriffen!“ Nun tendiert Rainer eigentlich sonst gar nicht zum Imperativ, also mußte es ernst sein. Er selbst hatte die Nachricht im Radio gehört.

Also schaltete ich den Fernseher ein. Das Pentagon sah ich nicht, stattdessen verfolgte ich erschreckt, wie ein Flugzeug in einen der beiden Türme des World Trade Center flog und dieser Turm im oberen Teil in Flammen aufging. Es dauerte nicht lange, bis nahezu alle Fernsehsender ihr normales Programm gecancelt hatten und nur noch über diesen Anschlag berichteten, als gäbe es überhaupt nichts anderes mehr.

Ich geriet in eine Art Ausnahmezustand, der bis zum nächsten Abend anhalten sollte. Ich schrieb wie in Trance alles auf, was ich aus den diversen Sondersendungen erfahren konnte. Dazu begannen wir beide, Rainer und ich, von deutschen und internationalen Websites alles an Artikeln zu sammeln, was wir finden konnten. Die Informationen posteten wir in ein internes Brett (Newsgroup) der BILKINFO. Leider habe ich von dieser Sammlung praktisch nichts mehr übrig, es gibt nur noch ein paar einzelne Nachrichten – insbesondere diese hier:

2001-09-11 17:04 UTC+2

Sie sind aus den Fenstern gesprungen vor Panik, vor ein paar Minuten haben sie die Bilder gezeigt, mir rennen gerade die Tränen runter, ich kann nicht anders ...

Ich schreibe bloß noch und versuche, nicht zu begreifen, was ich da schreibe ...

Die TV-Sender hatten nicht wirklich viel an neuen Informationen zu bieten. Manche befragten diverse Experten, Politiker und Diplomaten, die aber eben aufgrund des Datenmangels noch gar nicht wirklich etwas sagen konnten. Dafür kamen nahezu alle auf die „glorreiche“ Idee, die beiden Crashes in die Türme und später deren Einsturz ständig zu wiederholen – und dazu Enyas Lied „Only Time“ einzuspielen. Die musikalische Untermalung machte die Bilder neben der ständigen Wiederholung noch einprägsamer; die an sich ruhige Musik machte wegen der extremen Diskrepanz zu den Bildern diese noch grauenhafter.

Ich zappte durch die Fernsehsender und hackte das, was ich jeweils erfahren konnte, in „Stenogramme“ zusammen. Ein sehr kleiner Rest davon ist noch indirekt übrig, aus einer Nachricht von Rainer:

2001-09-11 18:37 UTC+2
BET: [WTC] Re: Stenogramm ARD, Fortsetzung 4

FROSCH meinte am 11.09.2001:

> 18:01 Uhr Palästinensischer Vertreter (Fangi oder Kangi?): Ist ein Schlag

Abdallah Fangi. Seit Ewigkeiten Leiter des Büros der PLO in Bonn (bzw Berlin). Ein sehr kluger Kopf, gemässigt, vernünftig. Allgemein anerkannter Gesprächspartner.

Zusätzlich zu den wenigen Informationen der Fernsehsender grasten wir die Websites der deutschen und internationalen Medien ab. Insbesondere für einen Teil der deutschen Nachrichten-Sites wie Spiegel Online war die Last aber offenbar zu viel gewesen: Sie waren nach einiger Zeit schlicht nicht mehr erreichbar. DDoS durch Informationshunger, sozusagen. Ich erinnere mich dunkel daran, daß Spiegel und andere teils Kapazitäten dazumieteten, um überhaupt noch was ausliefern zu können.

Bei den Sites von großen Medien anderer Länder, insbesondere der USA, gab es meiner Erinnerung nach keine Ausfälle dieser Art, und erst recht nicht stundenlang.

Die erste klare Zusammenfassung kam abends in der Tagesschau:

In den Artikeln und Sendungen wurde der Angriff auf das Pentagon oft nur am Rande erwähnt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, daß der in der Tagesschau erwähnte Bombenanschlag am selben Tag noch irgendwo Thema gewesen wäre.

Immerhin wurde recht schnell klar, daß das bei Pittsburgh abgestürzte Flugzeug ebenfalls entführt worden war und für einen Anschlag mißbraucht werden sollte. Die Passagiere hatten revoltiert und die Entführer damit an der Durchführung ihres Planes gehindert – durch den erzwungenen Absturz kamen sie alle ums Leben. Diese Helden wurden später kaum noch erwähnt; mittlerweile haben die meisten sie wohl vergessen.

Meinen Abschluß des ersten Tages habe ich wieder nur indirekt in Rainers Antwort:

2001-09-12 01:50:00 UTC+2
BET: [WTC] Re: Stenogramm N24, Teil 15

FROSCH meinte am 11.09.2001:

> So, und jetzt kann ich nicht mehr und gehe ins Bett.
[…]

Ich fiel nur noch ins Bett, und als ich um ca. 8:00 Uhr aufwachte, schaltete ich als erstes wieder PC und Fernseher ein. Aber da gab es wohl auch erstmal ein paar Probleme (diesen Absatz habe ich wieder nicht mehr im Original, deshalb auch ohne Zeitstempel; ich hatte mich in der Folgenachricht selbst zitiert):

Zur Zeit kann ich die meisten Kanäle im TV nicht empfangen: ARD, ZDF, Sat.1, WDR, VOX, ntv, premiere, CNN, BBC World, EuroSport, Kabel1, BR, MTV, DSF, Pro7, RTL 2, Phoenix, N3 sind tot. Nur die Sender RTL, RP, KiKa (arte), superRTL kriege ich rein. Auf den Webseiten des ZDF ist nichts dergleichen angekündigt, daher gehe ich von einer lokalen Störung aus.

2001-09-12 08:57:00 UTC+2

Update 08:30 Uhr: Mir brechen auch die restlichen Sender weg. Keine Ahnung, ob es der Fernseher oder eine Störung in Düsseldorf ist. NBC kriege ich noch, keine Ahnung, wie lange. Dort wird gerade aus Paris berichtet. Alle anderen Sender, die ich noch kriege, bringen normales Programm.

ntv und WDR hatte ich kurz, brachen dann wieder weg. N3 bringt eine Talksendung und hat Bildstörungen.

Update 09:00 Uhr: Scheinen alle wieder da zu sein.

Ja, und dann sammelten wir weiter, noch bis zum späten Abend. Erst dann löste sich diese „Trance“ bei mir langsam auf. Ich schätze, das war dann wohl meine Art, die Vorgänge erstmal zu verarbeiten.

Nicht mehr ganz so extrem, aber immer noch sehr intensiv hatte ich eine solche Verarbeitungs-Trance im Februar 2011 gehabt, bei dem Aufstand in Ägypten, als ich drei oder vier Tage lang, diesmal auf Twitter, alles aufschrieb, was ich insbesondere über Al Jazeera English mitbekam.

Seitdem habe ich mir erfolgreich angewöhnt, bei Ausnahme-Ereignissen dieser Art – egal ob politischer Umsturz oder Terroranschlag – am selben Tag erstmal bewußt überhaupt keine Nachrichten dazu zu verfolgen, um diese Extrem-Involvierung zu vermeiden, zu der ich offenbar tendiere. Das mag kaltherzig erscheinen, ist aber schlicht Selbstschutz. Am nächsten oder übernächsten Tag, wenn die ersten Zusammenfassungen aufschlagen, kann man die mal langsam lesen. Aber alles quasi live mitzubekommen belastet einfach nur das Nervenkostüm – ohne daß ich etwas ändern kann.

Siehe auch: Sascha Lobo am 23. August auf Spiegel Online: Soziale Medien: Warum ich nach Terroranschlägen offline gehe.

Ein Kommentar zu “Nine-Eleven”

  1. Daniel Rehbein quakte:

    Als die Anschläge auf das World-Trade-Center passierten, gab es noch keine Smartphones. Ich hatte zwar einen Funkrufempfänger der Marke „Skyper“, aber den hatte ich auch nicht immer griffbereit. Erst 2006 gab es in Deutschland unter dem Namen „Pocket Web“ ein Gerät, mit dem man unterwegs einigermaßen komfortabel Webseiten und E-Mails abrufen konnte (das war das Ogo CT-17).

    Am 11.09.2001 habe ich im Büro eine Schulung gegeben. Einer der Teilnehmer hatte einen Dienst abonniert, der ihm Schlagzeilen per SMS aufs Handy schickt. Er schaute zwischendurchs auf sein Handy und sagte, daß gerade die Türme des World Trade Centers eingestürzt seien. Ich habe erst gedacht, daß es sich bei dieser Schlagzeile um die Ankündigung eines Kinofilms handelt.

    Mittlerweile wird wohl allgemein vorausgesetzt, daß man solche Ereignisse in Echtzeit mitbekommt. Das ist mir im vergangenen Jahr bei dem Amoklauf in München aufgefallen, daß es im Nachhinein echt schwer ist, sich über die Ereignisse von Grund auf zu informieren.

    An dem Freitag, als abends der Amoklauf in München passierte, hatte ich eine Freundin zu Besuch. Wir haben viel miteinander angestellt, und ich war nicht online, und habe deshalb nichts von den Ereignissen mitbekommen.

    Später lagen wir dann nebeneinander im Bett, und ich konnte nicht einschlafen. Nachts etwa gegen Zwei Uhr bin ich aufgestanden, in die Küche gegangen, habe Schokolade genascht und mein Smartphone eingeschaltet. Dadurch habe ich bei Spiegel Online eine Schlagzeile über einen Amoklauf in München gelesen. Da habe ich mir gedacht „Och nö, davon will ich mir jetzt nicht meine Laune verderben lassen“ und habe das Gerät wieder ausgeschaltet.

    Am Samstag haben wir noch lange im Bett herumgetobt, gegen Mittag habe ich Frühstück gemacht, und am Nachmittag ist meine Besucherin gegangen.

    Dann habe ich mich erst mal um meinen Haushalt gekümmert: Ich habe Wäsche gewaschen, Staub gesaugt, das Badezimmer geputzt, ich war einkaufen.

    Schließlich am Samstagabend (es mag so etwa 20 Uhr gewesen sein) wollte ich wissen, was in München passiert ist. Also habe ich am Rechner den Browser geöffnet und Nachrichtenseiten aufgerufen. Ich habe aber erst mal keine Schilderung der Ereignisse gefunden, sondern haufenweise Kommentare, Schlußfolgerungen, Kritiken & Rechtfertigungen, Pressekonferenzen.

    Es wurde also offensichtlich davon ausgegangen, daß alle, die am Samstagabend auf die Webseiten schauen, bereits wissen, was passiert ist. Nach langer Suche bin ich schließlich zu der Information gekommen, daß ein einzelner Täter in einem Einkaufszentrum um sich geschossen hat. Beim Lesen in verschiedenen Twitter-Account bin ich aber haufenweise Meldungen (Tweets und Retweets) begegnet, wo Menschen aufgrund des Amoklaufs Übernachtungsplätze in München anboten.

    Wieso bedingt der Amoklauf eines Einzeltäters in einem Einkaufszentrum, daß Menschen überraschend in der Stadt übernachten müssen? Aus keinem der Tweets und Retweets konnte ich irgendetwas zu diesem Zusammenhang entnehmen, und auch die Presseberichte schafften da keinerlei Klarheit. Ich hatte am Samstagabend das Gefühl, daß die Nachrichten bei mir mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten.

    Erst sehr viel später in der Nacht von Samstag auf Sonntag bin ich dann im Web auf die Information gestoßen, daß aufgrund von Fehleinschätzungen der Polizei am Freitagabend der Münchner Hauptbahnhof und ein wesentliche Teile der überörtlichen Straßen gesperrt worden waren. Diese zum Verständnis der Abläufe wesentliche Information musste man aber suchen wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.

    Und die Moral von der Geschicht‘: Wenn man bei Terrorereignissen offline bleibt, ist man offenbar ein Sonderling, man ist ein Einzelfall, der nicht berücksichtigt wird. Man muß sich nachher mühsam die Informationsbrocken einzeln zusammenklauben, um die Ereignisse überhaupt zu verstehen.


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