Kommentare zu: Nine-Eleven http://blog.atari-frosch.de/2017/09/11/nine-eleven/ Computer und was das Leben sonst noch so zu bieten hat Mon, 11 Dec 2017 00:25:25 +0000 hourly 1 Von: Daniel Rehbein http://blog.atari-frosch.de/2017/09/11/nine-eleven/#comment-322811 Sat, 16 Sep 2017 18:49:28 +0000 http://blog.atari-frosch.de/?p=16613#comment-322811 Als die Anschläge auf das World-Trade-Center passierten, gab es noch keine Smartphones. Ich hatte zwar einen Funkrufempfänger der Marke „Skyper“, aber den hatte ich auch nicht immer griffbereit. Erst 2006 gab es in Deutschland unter dem Namen „Pocket Web“ ein Gerät, mit dem man unterwegs einigermaßen komfortabel Webseiten und E-Mails abrufen konnte (das war das Ogo CT-17).

Am 11.09.2001 habe ich im Büro eine Schulung gegeben. Einer der Teilnehmer hatte einen Dienst abonniert, der ihm Schlagzeilen per SMS aufs Handy schickt. Er schaute zwischendurchs auf sein Handy und sagte, daß gerade die Türme des World Trade Centers eingestürzt seien. Ich habe erst gedacht, daß es sich bei dieser Schlagzeile um die Ankündigung eines Kinofilms handelt.

Mittlerweile wird wohl allgemein vorausgesetzt, daß man solche Ereignisse in Echtzeit mitbekommt. Das ist mir im vergangenen Jahr bei dem Amoklauf in München aufgefallen, daß es im Nachhinein echt schwer ist, sich über die Ereignisse von Grund auf zu informieren.

An dem Freitag, als abends der Amoklauf in München passierte, hatte ich eine Freundin zu Besuch. Wir haben viel miteinander angestellt, und ich war nicht online, und habe deshalb nichts von den Ereignissen mitbekommen.

Später lagen wir dann nebeneinander im Bett, und ich konnte nicht einschlafen. Nachts etwa gegen Zwei Uhr bin ich aufgestanden, in die Küche gegangen, habe Schokolade genascht und mein Smartphone eingeschaltet. Dadurch habe ich bei Spiegel Online eine Schlagzeile über einen Amoklauf in München gelesen. Da habe ich mir gedacht „Och nö, davon will ich mir jetzt nicht meine Laune verderben lassen“ und habe das Gerät wieder ausgeschaltet.

Am Samstag haben wir noch lange im Bett herumgetobt, gegen Mittag habe ich Frühstück gemacht, und am Nachmittag ist meine Besucherin gegangen.

Dann habe ich mich erst mal um meinen Haushalt gekümmert: Ich habe Wäsche gewaschen, Staub gesaugt, das Badezimmer geputzt, ich war einkaufen.

Schließlich am Samstagabend (es mag so etwa 20 Uhr gewesen sein) wollte ich wissen, was in München passiert ist. Also habe ich am Rechner den Browser geöffnet und Nachrichtenseiten aufgerufen. Ich habe aber erst mal keine Schilderung der Ereignisse gefunden, sondern haufenweise Kommentare, Schlußfolgerungen, Kritiken & Rechtfertigungen, Pressekonferenzen.

Es wurde also offensichtlich davon ausgegangen, daß alle, die am Samstagabend auf die Webseiten schauen, bereits wissen, was passiert ist. Nach langer Suche bin ich schließlich zu der Information gekommen, daß ein einzelner Täter in einem Einkaufszentrum um sich geschossen hat. Beim Lesen in verschiedenen Twitter-Account bin ich aber haufenweise Meldungen (Tweets und Retweets) begegnet, wo Menschen aufgrund des Amoklaufs Übernachtungsplätze in München anboten.

Wieso bedingt der Amoklauf eines Einzeltäters in einem Einkaufszentrum, daß Menschen überraschend in der Stadt übernachten müssen? Aus keinem der Tweets und Retweets konnte ich irgendetwas zu diesem Zusammenhang entnehmen, und auch die Presseberichte schafften da keinerlei Klarheit. Ich hatte am Samstagabend das Gefühl, daß die Nachrichten bei mir mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten.

Erst sehr viel später in der Nacht von Samstag auf Sonntag bin ich dann im Web auf die Information gestoßen, daß aufgrund von Fehleinschätzungen der Polizei am Freitagabend der Münchner Hauptbahnhof und ein wesentliche Teile der überörtlichen Straßen gesperrt worden waren. Diese zum Verständnis der Abläufe wesentliche Information musste man aber suchen wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.

Und die Moral von der Geschicht‘: Wenn man bei Terrorereignissen offline bleibt, ist man offenbar ein Sonderling, man ist ein Einzelfall, der nicht berücksichtigt wird. Man muß sich nachher mühsam die Informationsbrocken einzeln zusammenklauben, um die Ereignisse überhaupt zu verstehen.

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