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Singletasking

19. November 2017 um 14:33 Uhr von Atari-Frosch

Gestern merkte ich es mal wieder deutlich. Nicht nur, wie mich ein Problem oder eine Aufgabe vereinnahmen kann (siehe Hyperfokus), sondern auch, welche Probleme damit einhergehen. Ich meine, es war ganda, die den Begriff mal im Zusammenhang mit Autismus in meine Timeline warf und mich damit auf eine neue Spur auf der Suche nach Selbsterkenntnis brachte: Singletasking. Ja, das beschreibt es glaub ich ganz gut.

Warum kann ich nicht zwischen Aufgaben „springen“? Warum ist es so schwer, in eine Aufgabe, die ich gerade nicht weitermachen kann, später wieder „reinzukommen“? Warum vergesse ich Aufgaben so leicht, wenn ich gerade in eine Sache vertieft bin? Singletasking. Das scheint mir die Antwort zu sein.

Konkret: Für vorgestern hatte ich mir vorgenommen, nochmal einen Anlauf bei der Installation von MediaGoblin zu nehmen. Denn ich würde meine Fotos wirklich gerne selbst hosten, statt sie, wie seit Jahren, auf Picasa bzw. später Google Photos zu werfen. Schließlich ist auf meinem Server mittlerweile wirklich genug Plattenplatz dafür vorhanden.

Leider funktioniert die Installation nicht so einfach, wie in den Deployment Instructions beschrieben. Ich versuchte die Installation zunächst mit Python3-Unterstützung und mußte mich dann von Fehlermeldung zu Fehlermeldung durchhangeln, für die Google keine Lösungen fand. Nicht mal gleichartige Fragen, als ob das mal wieder Probleme wären, die ausschließlich bei mir auftreten. Ich suchte weiter, fand etwas (manchmal in völlig anderem Kontext), korrigierte oder installierte nach, prompt kam die nächste Fehlermeldung, ich suchte wieder – bis ich völlig feststeckte. Schon sowas ist ja frustrierend.

Schließlich stellte ich meine Fragen im IRC-Channel des Projekts, wo ich erstmal erfuhr, daß das mit Python 3 zwar offiziell geht, aber eigentlich doch keine so gute Idee sei, weil … naja, egal eigentlich, das soll eh ein eigener Artikel werden. Im Channel mußte ich jedoch erstmal zwei Stunden auf eine erste Antwort warten. Das ist natürlich doof, wenn ich feststecke.

Nicht nur in der Installation feststecke, sondern auch gedanklich. Ich kann dann nämlich entweder gar nichts sonst machen, oder ich fange was anderes an und kann dann unter Umständen am Problem nicht mehr weitermachen, wenn ich Antworten bekomme, weil die Aufmerksamkeit dafür eben nachgelassen hat. Ich kann nicht so einfach wieder „zurückspringen“, wenn ich einen Task einmal weggeschoben habe. Es geht einfach nur ein Task; entweder kann ich ihn abhaken, oder er bleibt (meist) erstmal liegen.

Ich gab jedenfalls vorgestern Abend auf und nahm mir vor, es am Folgetag nochmal von vorn, diesmal aber mit Python 2.7, zu versuchen. Aber gestern ging das Spielchen quasi von vorn los. Wieder fragte ich im Channel, weil ich im Netz ab einem bestimmten Punkt keine Hinweise mehr finden konnte, wieder passierte erstmal nichts.

Ich wollte schon aufgeben und fing diesen Blogartikel hier an. Task-Wechsel.

Und dann kam doch noch eine Antwort. Ich mußte also wieder auf das Thema MediaGoblin „zurückschalten“. Und es war weniger der Frust von vorher als die Tatsache, daß ich gedanklich eigentlich schon weggeschaltet hatte, was mir die Konzentration dann massiv erschwerte. Dazu kam, daß ich auch mit den Hinweisen erstmal noch in einige Fehlermeldungen rauschte. Nach fast einer Dreiviertelstunde sehr ausführlicher Hilfe lief die Software dann endlich. Wenn der andere im Channel nicht so konsequent drangeblieben wäre, hätte ich es wohl nicht mehr weiter versucht. Nicht nur gestern, sondern generell. Der Fokus war eigentlich schon komplett weg.

So geht es mir immer wieder. Kann ich eine Aufgabe, egal welcher Art, nicht konsequent durchziehen, weil Informationen fehlen oder gar falsch sind, weil ich auf irgendwas/irgendwen warten muß usw., dann kann ich nur unproduktiv warten. Oder was anderes anfangen – dann jedoch driftet mir der Fokus von der ursprünglichen Aufgabe weg. Aber so richtig. Weil der Fokus dann eben auf die neue Aufgabe gerichtet ist. Der alte Task wird im Kopf abgehakt, auch wenn er noch nicht wirklich fertig ist, sondern nur unterbrochen werden mußte.

Bei der Installation des MediaGoblin gestern ging das sogar noch, ich konnte nochmal zurück, auch wenn es mich wesentlich mehr Ressourcen kostete, als nötig gewesen wäre, wenn die Anleitung einfach durchgehend funktioniert hätte. Meist erlebe ich es aber anders.

Wie lange dann Aufgaben liegenbleiben, hängt nicht nur von ihrer Wichtigkeit (für mich, nicht nach der Bewertung anderer) und davon ab, wie lange ich auf das warten muß, was fehlt. Und dann: Wann ich den Fokus auf die Sache zurückbringen kann. Manchmal dauert es länger, Informationen oder Teile zu beschaffen; aber am längsten dauert es üblicherweise, den Fokus zurückzubringen, die Aufgabe wieder fest einzuplanen, weil es ja noch so viele andere Aufgaben gibt, die sich immer wieder „vordrängeln“.

Das haut mir auch in Behördenvorgängen rein: Was hinschicken, zwei Wochen warten, Ablehnung oder noch mehr Unterlagen werden angefordert, was hinschicken oder Rechtsmittel, wieder mehrere Wochen warten, neue Anforderungen, wieder hinschicken und warten … und immer wieder den Fokus drauf zwingen, obwohl eigentlich gerade auch noch andere Dinge anstehen. Deshalb kostete (und kostet) mich der ganze Scheiß immer so viel Energie: Weil die Vorgänge nicht am Stück stattfinden, sondern häppchenweise und meistens nicht einplanbar.

Daher gibt es hier diverse angefangene Projekte oder notwendige Aufgaben – die teils schon seit Jahren warten:

  • Der Anschluß des Dia- und Negativ-Scanners zum Beispiel, der nur SCSI spricht. Ich weiß nicht einmal, welche SCSI-Version genau. Der wartet zusammen mit den ~5.000 Dias und ~1.000 Negativen, die digitalisiert werden müßten. So ungefähr seit Anfang 2011.
  • Der Neuaufbau des Zweit-PCs für das Digitalisieren und Encoden von Schallplatten, MusiCassetten und VHS-Video; der alte ist an defekten Elkos gestorben, so vor ein paar Jahren. Audio könnte ich noch am Haupt-PC machen, aber Video hätte ich dann doch gern separat (zumal in meinem Haupt-PC schlicht kein Platz für die notwendige TV-Karte ist).
  • Seit … Februar oder so müßte ich meine Fernbrille nochmal zum Optiker bringen, weil sie die ersten neuen Gläser verschliffen zurückbekommen hatten und nochmal bestellen mußten. Hätte ich sie sofort bekommen, wäre es kein Problem gewesen …
  • Mein neuer Personalausweis liegt auch schon wieder seit ein paar Monaten beim Bürgeramt am Bilker Bahnhof. Den Abholschein finde ich schon nicht mehr. Bezahlt ist er.
  • Und ich müßte zum Zahnarzt. So ungefähr seit August 2014 (da knallte ja erstmal das ARGE mit seiner Idee, mich zu einer Straftat nötigen zu dürfen, dazwischen und ließ dann über längere Zeit nicht locker).

Übrigens, Depressionen aushalten ist auch so ein Task. Über fast 16 Jahre hinweg war das zumeist mein Haupt-Task gewesen, dem so viel anderes zum Opfer fiel.

Seit einem Jahr habe ich davor ja Ruhe, aber dafür ist sehr, sehr viel nachzuholen. Eigentlich ist das selbst für einen Nicht-Singletasker kaum zu schaffen, aber es gibt ja keinerlei echte Hilfen, nur Pseudo-Hilfen mit viel Bürokratie und den Nebenwirkungen Diskriminierung, Nötigung, Lügen und verschwindende Unterlagen.

Ich erinnere mich übrigens, daß mich das schon in der Schule so gestört hat: Themen wurden nicht konsequent durchgezogen, sondern alle 45 bis 90 Minuten kam was anderes dran. Wie soll man so richtig an einem Thema arbeiten und gedanklich dranbleiben? Das habe ich damals nie verstanden. Zwar waren die Stunden „geplant“, aber das half mir nur begrenzt – und sonderlich interessant war es meistens sowieso schon nicht, also umso schwerer, da überhaupt einen Fokus draufzusetzen. Ich konnte lange Zeit nicht verstehen, warum das den anderen Schülern anscheinend so überhaupt keine Probleme gemacht hat (daß ich zu der Zeit auch mit Mobbing und zeitweise auch schon mit Depressionen zu tun gehabt hatte, mal ganz außen vor).

Also gilt heute auch ohne Depressionen: Es bleibt schwierig. Oder wie meine Gesangslehrerin mit ihrem ungarischen Akzent zu sagen pflegte: „Ist immer-etwas, damit nicht wird langweilik.“

2 Kommentare zu “Singletasking”

  1. Marie quakte:

    Vielleicht bedeutet das Loslassden ohne abgeschlossen zu haben einen gewissen Kontrollverlust über das Thema. Die Stimmung bleibt in dem Modus wie man sich mit dem Thema beschäftigt hat und hebt sich nicht als wie man mit etwas abgeschlossen hat.


  2. Oerb quakte:

    https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F2220-2.pdf?__blob=publicationFile&v=6

    Hallo Frosch,

    das Dokument war für mich das Erhellendste, was ich je zu dem Thema gelesen hatte. Jetzt könnte ich Dir noch nen stapel weiterführende Literatur nennen, wenn Du darauf Bock hast.

    Schöne Grüße,
    Das Oerb


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