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Kritische Masse

2. Februar 2018 um 15:26 Uhr von Atari-Frosch

In diesem Fall ging es um iranische Frauen, die in aller Öffentlichkeit ihren Hijab auf einen Stock oder Ast hängen und sich damit demonstrativ auf erhöhte Positionen stellen, zum Beispiel auf Verteilerkästen. Die entsprechenden Bilder liefen in den letzten Tagen über Twitter. Das Problem ist aber grundsätzlicherer Art.

Der Ausdruck „kritische Masse“ bezeichnet in der Kernphysik die für eine Kettenreaktion nötige Mindestmasse spaltbarer Stoffe (Quelle). Wenn diese zu gering ist, passiert halt einfach nichts. Dieses Bild kann man oft 1:1 auf gesellschaftliche Veränderungen übertragen, wie bei diesen Frauen im Iran: Solange sich nur wenige von ihnen demonstrativ weigern, den Hijab zu tragen, hat der iranische Staat problemlos genügend Kapazitäten, um sie festzunehmen und in Gefängnisse zu stecken. Das Engagement der Einzelnen geht damit unter, es wird keine Änderung bewirkt, und die Aktiven haben davon, hier milde ausgedrückt, nur Nachteile.

Wenn es aber zu viele würden, ginge das nicht mehr. Irgendwann sind die Gefängnisse voll, irgendwann gibt es nicht mehr genügend Polizisten, um die „widerspenstigen“ Frauen festzunehmen. Das wäre die kritische Masse.

Das Problem der kritischen Masse im sozialen und politischen Bereich betrifft aber keinesfalls nur die Frauen im Iran. Das haben wir hier genauso. Schon mehrfach erwähnte ich, daß es nur eine kritische Masse von Sachbearbeitern in den Repressionsämtern bräuchte, die sich weigern, Sanktionen durchzusetzen, Gesetze zu brechen, Menschen lügenderweise über den Tisch zu ziehen oder eingereichte Unterlagen verschwinden zu lassen – und Hartz IV sowie das ganze Zwangsarbeits- und Zwangsverarmungsgesetz namens SGB würde fallen. 10 %, vielleicht 15 % – da die Ämter sowieso systematisch unterbesetzt sind, sollte das locker reichen, um das ganze grundgesetzwidrige Repressionsgebilde zum Einsturz zu bringen und Regierung und Bundestag zum sofortigen Handeln zu zwingen. Weil es aber nur sehr wenige überhaupt versuchen, fliegen die halt raus (Stichwort: Zeitverträge), und es ändert sich gar nichts.

Dasselbe haben wir in Firmen bzw. einigen Branchen, durch Hartz IV noch angeheizt: „Wie, Sie wollen Mindestlohn? Keine unbezahlten Überstunden? Keine unbezahlte Bereitschaft? Und Schutz- und Arbeitskleidung bezahlt haben? Dann gehen Sie doch. Da draußen warten tausend andere, die machen werden, was wir wollen.“ – Und wenn die tausend anderen mal nicht mehr „wollen“?

In der Verkehrspolitik zeigt sich ein anderes Beispiel: Da gibt es in verschiedenen Städten die „Critical Mass“, eine mehr oder weniger regelmäßig durchgeführte Fahrrad-Demo. Bewegen sich viele Radfahrer gleichzeitig und zusammen im sonst von Autos dominierten Straßenverkehr, ändern sich plötzlich die „Machtverhältnisse“. Einzelne Radfahrer kann man locker ignorieren, zu dicht an ihnen vorbeifahren, ihnen die Vorfahrt nehmen und sie dann auch noch anhupen und beschimpfen. Ein großer Pulk von Fahrradfahrern kann nicht mehr ignoriert werden. Deshalb geben sich manche Ordnungsbehörden sogar schon richtig Mühe, die „Critical Mass“ zu verhindern – schließlich soll ja auf gar keinen Fall etwas gegen die Dominanz der Autofahrer unternommen werden (wenn sie das wollten, würden sie ja auch systematisch und konsequent Doofparker abschleppen, aber sie wollen ja nicht).

Ein Staat, eine Behörde, eine Organisation, eine Firma kann also mit genügend Angstmacherei die Bildung einer kritischen Masse gegen eigenes Fehlverhalten verhindern. Wenn wir dagegen etwas erreichen wollen, müssen wir unsere Angst überwinden.

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