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Nazis sind Nazis, nicht „krank“!

23. Januar 2019 um 20:50 Uhr von Atari-Frosch

In letzter Zeit lese ich das öfter. Bemerkungen wie „das ist doch krank!“ oder „Der gehört in eine Geschlossene!“, wenn es um die Taten oder das Verhalten von Nazis geht.

Nein. Einfach nein.

Kurzform: Eine psychische Erkrankung macht einen Menschen nicht zum Nazi. Ein menschenverachtendes Weltbild macht einen Menschen zum Nazi.

Langform:

Generell steht niemandem eine Pathologisierung oder gar eine „Diagnose“ anderer Menschen zu. Ob jemand eine psychische Krankheit oder eine unsichtbare Behinderung hat, kann der Betroffene wissen und sein Arzt, aber sonst erstmal niemand, solange der Betroffene sich selbst damit nicht outet. Und selbst bei scheinbar sichtbaren Einschränkungen oder einem als „nicht normal“ empfundenen Verhalten weiß ein Außenstehender noch lange nicht, wie sich das genau auswirkt. Denn in vielen Fällen sieht man nicht „die Behinderung“, sondern nur ein Verhalten oder maximal ein Hilfsmittel, das ein Anzeichen für eine Behinderung sein kann (Rollstuhl, Rollator, Krücke, Hörgerät, Blindenstock, Assistenzhund …).

Bei dem Personenkreis der „Besorgten Bürger“ haben wir es aber nicht mit kranken oder behinderten Menschen zu tun. Was sie denken und sagen, wenn sie hetzen, Menschen jagen, verprügeln oder gar ermorden, dann ist die Ursache in ihrem Weltbild zu suchen. Im Gegensatz zu einer wie auch immer gearteten Krankheit oder Behinderung haben sie sich dieses Weltbild selbst herausgesucht; Krankheiten und Behinderungen sucht man sich nicht raus.

(Und bevor der Einwurf kommt: Ja, natürlich kann auch ein „Besorgter Bürger“ eine psychische Krankheit oder eine Behinderung haben, ganz unabhängig von seiner Einstellung. Das definiert aber üblicherweise nicht sein Weltbild und seine Einstellung zu Gewalt.)

Was bewirkt das nun, wenn „Besorgte Bürger“ als „krank“, „behindert“ oder „gestört“ bezeichnet werden?

Zum einen bewirkt das eine Verharmlosung: Der kann ja nix dafür, der ist ja „psychisch krank“. NOPE! Für seine Weltsicht kann man immer was. Selbst wenn ein Mensch als Nazi erzogen wurde, kann dieser Mensch diese Erziehung immer noch reflektieren und abwerfen. Man muß halt zur Selbstreflexion bereit sein.

Zum anderen erzeugt es gedanklich einen objektiv nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen Krankheit/Behinderung einerseits und menschenverachtenden Weltbildern sowie (deshalb) begangenen Gewalttaten andererseits. Das kann durchaus dazu führen, daß nach solchen Gewalttaten der „Verdacht“ vor allem in Boulevard-Blättern auftaucht, der Täter sei, als konkretes Beispiel, Autist gewesen:

Es kommt nach solchen Schlagzeilen immer wieder zu den absurdesten Forderungen. Man solle Autisten doch für immer wegsperren, eine öffentliche Datei einrichten, wo sie -wie in den USA die Sexualstraftäter- mit Name, Foto und Wohnort genannt werden oder sie sogar mit einem GPS-Sender chippen wie einen Hund.

Es scheint so einfach: Da wird eine – vermutete oder tatsächlich vorhandene – Krankheit/Behinderung als Ursache für Gewalttaten herangezogen, ohne weitere Umstände zu hinterfragen, und prompt folgen menschenverachtende Forderungen. Mit diesen Forderungen will man die Gewalttäter treffen und „abschrecken“, trifft aber tatsächlich kranke und behinderte Menschen.

Denn solche Spekulationen auf eine Krankheit/Behinderung und solche Forderungen haben Auswirkungen. Sie erzeugen und festigen einerseits, insbesondere bei mehrfacher Wiederholung, ein Weltbild, das letztendlich dazu führt, daß (in diesem Fall) Autisten tatsächlich ausgegrenzt bzw. noch weiter ausgegrenzt werden. Und dann genügt vielleicht mal ein Sommerloch, damit ein Hinterbänkler mit solchen Forderungen angeschlappt kommt und nach dem Sommerloch dann ein entsprechender Gesetzesentwurf gebaut wird; dazu genügt ein entsprechender Push durch die Medien.

Umgekehrt erschreckt sowas natürlich auch Autisten bzw. Menschen mit der entsprechenden Krankheit oder Behinderung, auf die bei dem Täter spekuliert wurde, und sie überlegen sich dann wieder einmal öfter, ob und wo sie sich outen können, ohne daß man ihnen Gewalttätigkeit unterstellt, ohne daß sie (noch mehr) gemobbt werden, ohne daß sie selbst angegriffen werden.

Deshalb: Fangt damit bitte gar nicht erst an. Nazis sind nicht „krank“. Nazis sind Nazis, weil sie Nazis sein wollen.

6 Kommentare zu “Nazis sind Nazis, nicht „krank“!”

  1. Oliver S. quakte:

    Nene, viele Nazis sind definitiv meist gestört.
    Man mag sich das vielleicht nur anders zurechtlegen weil die als Kranke weniger angreifbar wären.
    Man kann daher nicht so einfach verlangen, dass die über ihren Schatten springen können.
    Aber nichtsdestotrotz sind die natürlich für ihre Taten verantwortlich wenn die Gesetze verletzen.


  2. Atari-Frosch quakte:

    @Oliver: Artikel nicht verstanden. Problematik nicht verstanden. Setzen, 6.


  3. Oliver S. quakte:

    Ne, ich habe das schon richtig verstanden. Du schrobst: „Bei dem Personenkreis der „Besorgten Bürger“ haben wir es aber nicht mit kranken oder behinderten Menschen zu tun.“ Und ich schrob, dass die schon zum Teil gestört sind, und das kann man je nach Standpunkt auch als Behinderung auffassen, denn die fühlen sich von der Geselschaft so provoziert wie es ihnen nicht zum Nachteil wird; d.h. das ist dysfunktional. Dir liegt es sehr wohl daran, denen das abzusprechen damit die angreifbar sind („Für seine Weltsicht kann man immer was.“). Ich finde, die sind auch wenn man denen teilweise Störungen zuspricht angreifbar.


  4. DerMaex quakte:

    Gut gemeint, ist halt nicht immer gut gemacht.

    Man kann doch nicht das Pathologisieren als NoGo darstellen, das Nichtpathologisieren jedoch als richtig.

    Also, man kann schon, aber man will doch in der Regel auch ernst genommen werden, oder?


  5. Feenminze quakte:

    Hallo Froschel,

    pathologisieren kann man die natürlich nicht, aber es hat auch einen Grund, dass der eine zu Gewalt und Intoleranz neigt und der andere nicht.

    Das hat Ursachen in der Erziehung, im Umfeld und in deren eigenen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, mit Andersartigkeit, Diversität, Frust und Stress umgehen zu können. Diese Gaben sind leider ungleichmäßig verteilt und werden auch manchmal auch im Elternhaus oder von den lieben Mitmenschen kaputt geprügelt oder durch emotionales Mobbing und Ausgrenzung zum Verkümmern gebracht.
    Und auch da gibt es Unterschiede im Umgang damit.

    Meiner Meinung nach ist das eine Mischung aus eigenverantwortlichen Entscheidungen, die dumm waren, Trittbrettfahren, weil es ja „alle im Umfeld so machen“, kritikloser Umgang mit Medienberichten, aufgestaute Wut auf alles Mögliche und das eigene Leben und dem Wunsch, „mal so richtig zuzuschlagen“. Letzten Endes dokumentiert das vielleicht auch das eigentliche Problem, sich machtlos zu fühlen.

    Wobei, so kanalisiert ist es auch besser, wenn diese Menschen machtlos bleiben, bis sie bereit sind, zu verstehen, wer sie sind und warum sie diesen Weg gegangen sind. Vorher wird da kaum einer den Anreiz verspüren, etwas an den eigenen Einstellungen zu ändern und es auch schlicht nicht können.

    Liebe Grüße
    Feenminze


  6. Atari-Frosch quakte:

    @DerMaex: Warum? Welchen Grund sollte es geben, Nazis zu pathologisieren, wenn nicht den, vorhandene schädliche Stigmata weiter am Leben zu halten?

    @Feenminze: Das ist schon klar. Mir geht es um eine strenge Trennung zwischen den von Dir genannten Gründen und irgendwelchen Unterstellungen von Diagnosen oder (vor allem) mentalen Einschränkungen, aus den genannten Gründen, nämlich vor allem Stigmatisierung von Unschuldigen.


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