Froschs Blog

Computer und was das Leben sonst noch so zu bieten hat

Zur Website | Impressum

Ich bin Aurin!

9. Mai 2019 um 18:10 Uhr von Atari-Frosch

Ich war lange nicht mehr so wütend. Ich habe lange nicht mehr so gehaßt, wenn überhaupt.

Es hat mangels öffentlicher Informationen und Aufklärung schon viel zu lange gedauert, bis ich meine Geschlechtsidentität herausfand. Dann gibt es da dieses unsägliche „Transsexuellengesetz“, dessen Inhalt genauso Bullshit ist wie sein Name: Denn es geht ja nicht um Sexualität, sondern um Geschlecht. Und berücksichtigt werden dabei wiederum nur die Geschlechter „Mann“ und „Frau“.

Nun soll dieses Gesetz, ähm, reformiert werden. Das wäre eine ganz große Chance gewesen, trans Menschen endlich das gleiche Recht zuzugestehen wie cis Menschen: Ihre Geschlechtsidentität eintragen zu lassen und zu leben. Es wäre die Chance gewesen, die eigentlich allen Menschen garantierten Rechte wie Menschenwürde, freie Entfaltung und Gleichheit vor dem Gesetz auch trans Menschen zu garantieren, denn für uns sind sie nicht garantiert. Aber diese „Reform“ wurde von einem CSU-geführten Innenministerium und dem Justizministerium unter der Umfaller-Partei SPD gemacht, und was dabei rauskam, ist eine Weiterführung der bisher angewandten Menschenverachtung.

Ich hab mal einen Blick reingeworfen (PDF, beim Tagesspiegel). Das erste, was mir ins Auge fällt (Aua!), ist dieser kleine Absatz mit dem Buchstaben C:

C. Alternativen

Keine.

Das scheint bei Gesetzesvorlagen standardmäßig mit drinzustehen und wird offenbar schon gar nicht mehr hinterfragt, ist hier aber ein besonders harter Schlag in die Magengrube im Hinblick darauf, was diese „Reform“ mit sich bringen soll.

Es geht menschenverachtend weiter:

E.1 Erfüllungsaufwand für Bürgerinnen und Bürger

Bürgerinnen und Bürger, die eine Änderung des Geschlechtseintrags bei Transsexualität anstreben, müssen sich zuvor einer qualifizierten Beratung unterziehen. Für die betroffenen ca. 3 000 Personen entsteht ein einmaliger Zeitaufwand von durchschnittlich ca. vier Stunden.

Die vorlegenden Ministerien verwenden weiterhin den Begriff „Transsexualität“, obwohl es überhaupt nicht um Sexualität geht, sondern um das Geschlecht einer Person. Was die Beratung angeht, hat @NicolasTransgay das schön zusammengefaßt:

Wo ich Beratung brauch(t)e:

  • Kontakt zu anderen trans Personen finden
  • Entwicklung von Strategien, wie ich mit Dysphorie besser umgehen kann, um weder mich noch anderen zu schaden
  • Hilfe beim Aufbau einer relativ stabilen Psyche & einem guten Selbstvertrauen
  • jahrelangem Mobbing in der Schule
  • Transfeindlichkeit bei Bewerbungen, am Arbeitsplatz, bei Entlassungen
  • im Umgang mit Krankenkassen, Behörden, Ärzte, Psychologen
  • beim Outing (Familie, Befreundete, Behörden, Schule, Beruf)
  • passende Kleidung zu finden, einen eigenen Kleidungsstil zu finden, insbesondere finanzielle Unterstützung dabei
  • Gatekeeping-Strategien erkennen und bekämpfen
  • verinnerlichte Transfeindlichkeit bekämpfen

Was ich ~nicht~ brauche:

  • eine beratende Person, der ich ~beweisen~ muss, dass ich wirklich trans bin und wirklich ein Mann bin und dass sich das auch niemals ändern wird

Oder anders: Wir klären vorher nicht auf, wie das mit den Geschlechtern ist und daß es nicht nur zwei gibt (warum auch, wir wollen das ja schließlich nicht akzeptieren), sondern hämmern Euch Euer Leben lang rein, daß Ihr gefälligst Mann oder Frau zu sein habt, und zwar ausschließlich aufgrund Eurer Fortpflanzungsorgane, und wenn Ihr das immer noch nicht kapiert habt, drücken wir Euch eine „Beratung“ auf, die Euch das nochmal ausführlich erklärt, ne.

In den dann aufgeführten, neu zu fassenden §§ 18 bis 20 BGB wird dann entsprechend konsequent darauf abgestellt, daß körperliche Merkmale „eigentlich“ das Geschlecht definieren:

Als körperliche Geschlechtsmerkmale im Sinne des Absatzes 1 Satz 1 sind die das Geschlecht bestimmenden Erbanlagen, die hormonalen Anlagen und das Genitale anzusehen.

Damit werden fast 40 Jahre alte wissenschaftliche Erkenntnisse weiterhin komplett ignoriert, die besagen, daß genau diese Merkmale nicht das Geschlecht bestimmen und es mehr als zwei Geschlechter gibt.

Weiter habe ich nicht mehr gelesen. Menschen, die das auf Twitter zusammengefaßt haben, sprachen noch davon, daß Ehepartner angehört werden sollen, und daß es Angehörigen abseits von offiziellen Akten frei stehen soll, den wahren Namen und das wahre Geschlecht zu verwenden (AKA misgendering).

Doch, die meinen das ernst.

Also, drehen wir das mal um:

FRAU Hodenlose Seehofer und HERR Kackarinus Barley wollen weiterhin Menschenrechte und unsere Grundrechte verletzen, weil wir nicht in ihre Schubladen passen.

Das sind die „falschen“ Vornamen und die „falschen“ Geschlechter? Ich weiß ja nicht. Das sollen die doch erstmal beweisen!!!!1! 😎

Wer sich darüber freuen wird:

Achja, undemokratisch sind die feinen HERRschaften auch noch: Der Entwurf wurde zwar entsprechenden Organisationen zur Stellungnahme vorgelegt, dafür wurden ihnen jedoch nur zwei Tage eingeräumt. So kann man auch sagen: „Erzählt uns gern schnell noch was, es geht uns sowieso am Arsch vorbei.“

Letztendlich geht es darum, daß uns reaktionäre Leute aus den Ministerien und damit aus der Bundesregierung weiterhin an den Rand drücken und uns unsere Identität absprechen werden, weil wir nicht in ihre cis Schubladen passen und sie sich sonst dazu genötigt fühlen würden, Geschlecht mal auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen neu zu denken.

Übrigens, in zwei Wochen ist der Geburtstag des Grundgesetzes. Diejenigen, die diesen Entwurf geschrieben haben und jetzt pushen, werden sich dann wieder gegenseitig auf die Schulter klopfen für dieses tolle Grundgesetz.

Keine Pointe.

Kommentieren

Bitte beachte die Kommentarregeln!

XHTML: Du kannst diese Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>