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Gambia-Scam

27. Juli 2019 um 19:12 Uhr von Atari-Frosch

Manchmal fällt auch bei mir der Groschen nur pfennigweise. Ich wußte nicht, daß es diese Scam-Variante gibt, und hatte erst auch keine Hinweise gefunden. Erst heute, als ich die Suchbegriffe änderte. Mein Bauchgefühl war, sagen wir, indifferent – was ich seltsam fand, hätten ja auch, sagen wir, kulturelle Unterschiede gewesen sein können, und ich wollte sicher sein, mir da keine Vorurteile aufzubauen. Dabei hatte ich Verdachtsmomente gehabt. Allerdings ging es mir in den letzten Wochen auch nicht gut, meine Konzentration war tageweise ziemlich im Eimer. Das mag auch eine Rolle gespielt haben. – OK, von vorn.

Ich bin auf einen Scam hereingefallen, und ich erzähle Euch das ausführlich, damit es Euch nicht auch passiert. Es fing harmlos an: Ein Account mit dem Twitter-Handle @Modoulamindram3 folgte meinem. Nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war die Herkunft: Gambia, Westafrika. Das war am 24. Mai gewesen. Ich wurde neugierig und folgte zurück. Allerdings war mir durchaus aufgefallen, daß der Account bis zu diesem Zeitpunkt ganze 10 Tweets abgesetzt hatte, die direkt an andere Accounts gerichtet waren und meistens aus Smalltalk bestanden, also „wie geht es Dir“ oder „wie ist das Wetter bei Dir“.

Weiterhin folgte er – ebenfalls zu diesem Zeitpunkt – 2.900 anderen Accounts, während er selbst nur gut 400 Follower hatte. Die meisten davon waren wohl solche, die automatisch zurückfolgen. Die Herkunft der Accounts, denen er folgte, war quer durch den Garten, thematisch völlig unzusammenhängend, aber anscheinend alles Accounts aus Europa, USA und Rußland. Gambischen Accounts folgt er nicht, soweit ich das gesehen habe. Der Account besteht erst seit August 2018.

Ja, das hätten Warnzeichen sein können. Oder ein Zeichen dafür, daß da jemand die Gepflogenheiten auf Twitter einfach mal so gar nicht verstanden hat.

Am 28. Mai bekam ich eine DM von ihm:

Hallo Liebes .. Danke, dass du Freunde bist. Wie geht es dir und dem tollen Wetter mit dir?

Die automatische Übersetzung ist klar ersichtlich. Ich gab – zunächst auf Deutsch – zurück, daß ich automatische Übersetzungen in einer Konversation ungünstig finde und fragte nach, ob er Englisch spricht. Ein Blick in die Wikipedia hatte mich darüber informiert, daß Englisch Amtssprache in Gambia ist, also war die Wahrscheinlichkeit ja recht hoch. Danach war erstmal Sendepause, und ich dachte, er hätte mich vielleicht nicht verstanden. Ich hakte aber erstmal nicht nach.

Erst am 18. Juni las ich wieder von ihm: Ja, er könne Englisch. Also setzten wir die Konversation auf Englisch fort. Sein Englisch ist ziemlich fehlerhaft. Die Grammatik stimmt selten, und er benutzt Wörter nicht immer richtig. Immerhin konnte ich alles „parsen“. Ich ging und gehe davon aus, daß es nicht seine erste, native Sprache ist (neutrale Feststellung, keine Wertung). Gefragt habe ich nicht.

Er erzählte, daß er in Brikama in Gambia lebe und fragte, wo ich denn zu Hause sei (ähja, steht in meinem Profil, aber da hat er offenbar nicht hingeguckt. OK, machen wohl viele nicht …) Außerdem fragte er direkt, ob ich WhatsApp nutzen würde, „um uns kennenzulernen“. Äh, nein. Weder dafür noch für sonst irgendwas anderes.

Schon bald wollte er mehr über mich wissen:

How old are you and what do you do for a living??

OK, das sind jetzt nicht so ungewöhnliche Fragen, wenn man sich kennenlernen möchte (auch mein Alter, sogar mein genaues Geburtsdatum, steht im Profil, aber, ähm, ja OK.)

Ich nannte also mein Alter und erzählte freimütig, daß ich von einer kleinen Erbschaft lebe, die mich aber nicht dauerhaft ernähren wird, und daß ich nach einer neuen Einnahmequelle suche, vermutlich im Bereich der Fotografie. Alles Informationen, die Menschen, die mir auf Twitter folgen und/oder hier mitlesen, bekannt sind, also keine bisher „geheimen“ Daten. Daraufhin erzählte er, er sei 18 (was er später relativierte, er werde erst im Oktober volljährig), habe seinen Vater verloren und lebe bei seiner Mutter. Und er habe gerade die Schule verlassen müssen.

Oh, warum das? Fragte ich nach. Nunja: Seit dem Tod des Vaters könne die Familie die Schulgebühren nicht mehr aufbringen. (Nach Recherche bei anderen Quellen: Nur auf dem Papier ist die Schule in Gambia kostenlos. In der Praxis sieht es tatsächlich anders aus: Viele Schulen verlangen Gebühren, und alle Schulen, auch die ansonsten gebührenfreien, verlangen, daß die obligatorische Schuluniform und alle Schulbücher und -materialien selbst bezahlt werden. Es gibt keine Schulpflicht; wer die Kosten nicht aufbringen kann, ist raus. Gambia hat – wohl deswegen – einen hohen Anteil an Analphabeten.)

Ich fragte, ob er schonmal via Crowdfunding versucht habe, die Gebühren und die Kosten für Uniform und Materialien zusammenzubekommen. Nein, habe er nicht. Dann fragte er ganz direkt, ob ich ihm denn die Schulgebühren bezahlen könnte, wenn es nicht viel wäre? Ich fragte zurück, wie hoch die denn sind. 75 €, sagte er. „Nicht viel“, nun ja. Und daß die Angabe direkt in Euro kam und nicht in gambischen Dalasi (GMD), fand ich auch … interessant. Ja, auch das wäre ein Warnzeichen gewesen.

Nein, ich kann nicht mal eben 75 € abdrücken. So reich bin ich nicht, auch wenn „Erbschaft“ für viele erstmal automatisch nach Reichtum klingt. Tatsächlich lebe ich weitgehendst immer noch auf Hartz-IV-Niveau, um das Geld so lang wie möglich zu strecken. Ich weiß ja nicht, ob das mit der neuen Einnahmequelle klappt, bevor es verbraucht ist.

Zu meiner Ablehnung meinte er:

How much amount can you afford to help?? From your clean heart

Jetzt im Nachhinein, da ich das alles nochmal durchgehe: Meine Konzentration war wohl wirklich völlig im Eimer. Bereits an diesem Punkt hätte ich merken müssen, daß da was nicht stimmt. Stattdessen meinte ich, naja, vielleicht 15 oder 20 €. Prompt bot er an, mir zu erklären, wie ich ihm „die 20 €“ schicken könne.

Ich machte mir einen Account bei Western Union und schickte am 19. Juni 15 € (mit Gebühren 16,90 €) an die Daten, die er mir genannt hatte. Das ist ein Betrag, dessen Verlust mir derzeit nicht weh tut. – Ich nenne es Daten, weil das eindeutig keine „richtige“ Adresse war.

Die Account-Erstellung bei Western Union fand ich nicht gerade benutzerfreundlich. Er meinte dazu, er wisse nichts davon, er habe die Methode bisher noch nie genutzt. Trotzdem wußte er, daß mir Western Union eine Transaktionsnummer zuteilen würde, mit der er das Geld dann abholen kann. Wieder ein Warnzeichen, das ich nicht registriert hatte.

Ich hatte von vornherein damit gerechnet, daß es ein paar Tage dauern würde. Er fragte jeden Tag nach, ob er das Geld jetzt abholen könne, probierte es (angeblich) sogar noch direkt am selben Tag. Es kam dann schließlich genau an dem Tag an, den ich – völlig ohne Erfahrung mit solchen Transfers – vermutet hatte: 5 Tage später.

Einen Tag nach dem Start des Transfers begann er wieder mit dem üblichen Smalltalk – vielleicht ist die Frage nach dem Wetter dort ja normal, wenn der Gesprächspartner nicht direkt nebendran sitzt, keine Ahnung. Und er fragte wieder nach WhatsApp. Das sei angeblich „billiger“ als Twitter. Möglich, daß er nicht „cheap“, sondern was anderes meinte, seine Wortwahl hatte ja manchmal gewisse Mängel. Außerdem wollte er unbedingt einen Video-Chat mit mir haben.

Ich schlug vor, statt WhatsApp, für dessen Nicht-Nutzung ich gute Gründe habe, den Signal-Messenger einzusetzen. Allerdings hatte ich den bisher selbst nicht genutzt, ich wußte nur davon. Er sagte zu, sich Signal zu installieren. Seine Verabschiedung an diesem Tag war:

Have a great night Love you mummy ❤️❤️❤️

OK, ich gehe nicht davon aus, daß er mich wissentlich als Mumie bezeichnen wollte. Eine Bezeichnung als Mutter, was offenbar gemeint war, fand ich dann aber auch schon sehr unangenehm, und teilte ihm das auch am nächsten Tag mit.

Als nächstes gab er mir seine Handy-Nummer; Signal identifiziert die Nutzer ausschließlich darüber.

Die Kommunikation verlagerte sich dann ab dem 30. Juni komplett auf das Messaging in Signal. Vorher schickte er mir noch über Twitter-DM ein Foto seiner (angeblichen?) Familie: Er selbst, daneben eine Frau, die nach seinen späteren Angaben nur drei Jahre jünger sein sollte als ich, aber deutlich jünger aussieht, und zwei weitere Kinder, die seine jüngeren Geschwister seien. Die hatte er vorher allerdings gar nicht erwähnt gehabt. Ich fragte nach dem Schulbesuch der jüngeren Kinder, und er meinte, die hätten noch gar keine Schule besucht, dafür wäre nie das Geld dagewesen. Das war dann quasi indirekt schon die nächste Bitte um Geld.

Am 28. Juni hatte ich nochmals 15 € geschickt, weil er erzählte, seine Mutter sei schwer krank und sie hätten jetzt gar kein Geld mehr, um Essen zu kaufen. Ich machte aber auch gleich klar, daß ich die Familie nicht dauerhaft ernähren könne und das auch gar nicht wolle. Sie sollten sich nicht von mir abhängig machen. Das sagte er zu. (Offenbar ohne die Intention, sich daran zu halten.)

Ich erzählte am 1. Juli, daß ich auf eine Demo gehen und dort fotografieren würde (das war die Soli-Kundgebung für Carola Rackete auf dem Düsseldorfer Marktplatz). Er fragte, ob er später die Fotos sehen könnte. Als ich sie fertig und auf meine Media-Site hochgeladen hatte, schickte ich ihm den Link. Er bedankte sich – gab aber nie eine Rückmeldung. Hm.

Wir hatten es dann nochmal vom Thema Crowdfunding; mittlerweile sollte es um Schulgebühren, Uniformen und Material für ihn und die zwei Geschwister gehen. Und ja, die „Geschwister“ mit einzubeziehen, war von mir ausgegangen, nicht von ihm. Dafür, daß er seine Familie angeblich so sehr liebt, wie er mir sagte, ist das schon recht eigenartig, nur für sich selbst zu fragen, oder? – Der Versuch eines Video-Chats zu diesem Thema scheiterte dann allerdings. Die Video-Übertragung ruckelte stark, und Audio funktionierte nur in eine Richtung: Ich hörte ihn, er hörte mich nicht. Ich vermute, daß auf seiner Seite die Übertragungsgeschwindigkeit schlicht nicht ausreichte. Trotzdem bestand er darauf, mit WhatsApp würde das funktionieren. Nein, ich installiere das trotzdem nicht. 🙂

Stattdessen schrieb ich einen Brief, exportierte den nach PDF, warf ihn ins Temp-Verzeichnis auf meinem Webserver (OwnCloud wollte ich dafür jetzt nicht anwerfen), und schickte ihm den Link. Kleines Detail: In dem Brief sprach ich ihn mit dem Namen an, den er mir für den Geldtransfer genannt hatte. Er korrigierte das nicht. Dieses Detail wird noch relevant.

Er zog das PDF und behauptete dann, alles verstanden zu haben. Seine Antworten gingen jedoch nicht auf alle meine Fragen ein, und lassen darauf schließen, daß er entweder nicht alles beantworten wollte oder eben doch nicht alles verstanden hat. Es wirkte, als habe er meinen Brief nur sehr oberflächlich gelesen. Jedenfalls erklärte er, da er noch keine 18 sei (wie anfangs behauptet), könne er kein Bankkonto eröffnen. Außerdem sei seine Mutter krank und sie bräuchten Geld (schon wieder?), um sie im Krankenhaus behandeln zu lassen. Ich hatte des weiteren nach den Schulgebühren für ihn gefragt, denn die zuerst überwiesenen 15 € deckten ja nicht mal ein Drittel der behaupteten Kosten ab. Ja, die Schule hätte das erstmal akzeptiert, würde aber die ausstehenden 60 € innerhalb der nächsten zwei Monate erwarten, sonst sei er wieder raus. Außerdem wäre es ganz toll, wenn ein Crowdfunding zustande käme und dann seine Geschwister auch zur Schule gehen könnten.

Dann kam die Sache mit der angeblichen Krankheit seiner Mutter. Das kam zunächst ziemlich verwirrend rüber, und ich kann auch jetzt noch nicht beurteilen, ob das genau so gedacht oder seinen Sprachproblemen geschuldet war. Zunächst hieß es, der Arzt wolle sie ins Krankenhaus schicken, und sie müsse da Geld bezahlen. Das seien ja vielleicht nicht mehr als 50 €. Er werde eine „bill“ – eher eine Art Kostenvoranschlag – besorgen und mir zeigen. Einen Tag später (wir sind jetzt am 3. Juli) hieß es, der Arzt habe sein Büro im Krankenhaus, also war damit wohl eine Ambulanz gemeint.

Am Abend desselben Tages schickte er mir diese „bill“. Hier wurde ich zum erstenmal richtig mißtrauisch. Ich will das Foto jetzt nicht hier publizieren, aber das wirkt schon arg seltsam: Ein händisch ausgefüllter Vordruck einer angeblichen Klinik, der auch noch fotokopiert aussieht, auf dessen Briefkopf keine Telefonnummer und keine genaue Adresse steht, sondern nur eine Mailadresse, und ausgerechnet bei GMail? OK, Datenschutz mag in einem armen Land jetzt nicht so das Thema sein, aber, ähm, trotzdem …

Aber es ging noch weiter. Der vorgedruckte Teil enthält drei Typos, die selbst einem Menschen auffallen müßten, der deutlich weniger gut Englisch kann als ich. Nein, „amount“ schreibt man wirklich nicht mit „d“ hinten. Als nächstes fiel mir ein weiteres Detail auf: Der Name der Patientin. Es war genau der Name, an den ich die Geldbeträge gesandt hatte. Ich guckte mehrfach hin und verglich die handschriftlichen Buchstaben mit den anderen handschriftlichen Angaben, um sicher zu sein, daß der Name nicht nur ähnlich aussieht, war mir dann aber sehr sicher: Der Name ist identisch.

Die genannte Diagnose lautete Bluthochdruck, und die aufgeschriebenen Medikamente – nur Medikamente, keine Behandlungen! – paßten durchaus dazu. Als Rechnungshöhe wurden dann 13.800 Dalasi angegeben. Darunter eine Unterschrift, ohne gedruckte Wiederholung, kein Stempel oder sowas.

Achja, was ich erst jetzt bemerke: Das Alter der Mutter ist auf dem Schrieb mit 46 angegeben. Sie soll aber nach seiner späteren Aussage schon 1971 geboren worden sein. Ein Arzt sollte doch rechnen können …?

13.800 Dalasi sind etwa 276 €; der Wechselkurs Euro zu Dalasi bewegt sich um 1:50.

Er fragte mich, was „wir“ nun tun könnten, die Behandlung sei ja dringend nötig, seine Mutter sei wirklich schwer krank. (Ja, Bluthochdruck kann lebensbedrohlich werden, wenn er nicht adäquat behandelt wird.) Der Arzt könne sie behandeln, aber dann hätten sie maximal zwei Wochen Zeit, diese Rechnung zu bezahlen.

Mir ging es in diesen Tagen sowieso nicht gut, und ich fühlte mich massiv unter Druck gesetzt. Daher antwortete ich erst einmal gar nicht mehr. Er versuchte, mich mit Signal anzurufen, aber ich hatte das WLAN am Smartphone – wie auch sonst üblich – meistens aus. Ich teilte ihm schließlich zwei Tage später mit, daß ich derzeit an meinen Grenzen bin und daher nicht mehr ständig und zeitnah antworten kann. Wieder dieses Nichtverstehen: Ja OK, tut mir leid, aber was ist jetzt mit der Rechnung? Und ob er seine Mutter jetzt behandeln lassen könne.

Allerdings wandte ich mich per E-Mail mit einer Beschreibung der Situation an die Gambische Botschaft in Deutschland und fragte, ob das ein Scam sein könnte. Von dort kam zwar nach drei Tagen eine Antwort, sie haben aber entweder nichts verstanden oder wollen nicht zugeben, daß von Gambia aus Scams laufen könnten:

Leider können wir zu den angesprochenen Punkten keine Auskunft geben. Wir empfehlen Ihnen, falls Sie Hilfsprojekte in Gambia unterstützen möchten, sich über die verschiedenen NGO's , die in Gambia tätig sind zu informieren.

Ja danke auch. m(

Einen Tag nach dieser Antwort, am 8. Juli, wurde ich nach mehreren Messages pro Tag von „meinem“ Gambier zum ersten Mal deutlich und sagte ihm, daß er mir nicht auf die Nerven gehen soll. Und daß ich den Eindruck bekomme, es gehe ihm gar nicht um Freundschaft, sondern nur um Geld.

Oh nein, meinte er, er suche natürlich nur nach Freundschaft. Es gehe ihm nicht um Geld. Wenn ich seiner Mutter nicht helfen wolle („not willing to help my mother“), sei das in Ordnung für ihn. Ich war so schon fertig genug, hatte massiven Schlafmangel (nein, nicht primär deswegen), den Druck konnte ich grade nicht mehr ab, und ich ignorierte ihn nochmal für eine Weile. Die Nerv-Nachrichten wurden weniger, allerdings versuchte er auch noch ein paarmal, mich anzurufen.

Am 22. Juli früh morgens kam ein halber Roman an Nachrichten. Und früh morgens heißt: kurz nach 4:00 Uhr (MESZ). Es tue ihm so leid, was er mir angetan hat. Er bitte mich „for the sake of God“, ihm „for the overdose“ zu verzeihen. Er würde mich so sehr vermissen. Unsere Freundschaft sei sehr wertvoll für ihn (ja, glaub ich sofort …), und es sei bestimmt unmöglich, wieder so einen Freund zu finden, ich sei fürsorglich („caring“), geduldig, lustig (äh … okay …). Außerdem würde sich seine Familie Sorgen um mich machen.

Ich hatte immer noch Schlafprobleme und bekam die Nachrichten mit, weil ich eigentlich die Twitter-Timeline checken wollte und deshalb WLAN an hatte. Aber im Bett lag ich schon, und ich antwortete nur: Später.

Später erklärte er mir auf meine Nachfrage, was er mit „overdose“ meinte. Das sei halt der Streß gewesen, er habe sich solche Sorgen um seine kranke Mutter gemacht, er wolle sie ja nicht auch noch verlieren.

Außerdem hatte ich meine Bedenken wegen dieser „bill“ geäußert. Das würde hier direkt als Fake angesehen werden. Er meinte dazu erst, ja, der Betrag sei unverschämt hoch. Nein, den Betrag meine ich gar nicht – Medikamente können ja sehr teuer sein –, sondern die Form. Ich erwähnte nicht alles, aber zum Beispiel das Fehlen einer Telefonnummer, dafür eine GMail-Adresse. Aber es könnte ja auch ein kultureller Unterschied sein, vielleicht ist das dort ja normal. Er ging darauf aber gar nicht mehr ein.

Ja, und schließlich dieses kleine Detail: Der Name der Patientin. Der selbe Name, an den die Auszahlungen gingen. Ja, das sei der Name seiner Mutter. Er könne als noch nicht Volljähriger ja kein Geld abholen und er habe dafür immer den Ausweis seiner Mutter mitgenommen. (Freundlich gedacht könnte man jetzt noch vermuten, daß sie ihm vielleicht sowas wie eine Vollmacht mitgegeben hat, aber trotzdem ist das schon seltsam.) Ja, wie denn nun sein Name sei? Er nannte einen zweiteiligen Vornamen, der ähnlich dem Twitter-Nick lautet, und den Nachnamen seiner angeblichen Mutter, also der Person, die auf der „bill“ als Patientin genannt ist. Noch so ein Detail, das wird gleich nochmal relevant.

Wiederum später am Tag schickte er mir einfach so nochmal zwei Fotos von sich. Ich stellte belustigt fest, daß seine Jeans wohl zu weit sind und es aussieht, als würde er sie gleich verlieren. Ja, sie sei zu groß, er habe keinen Gürtel dafür. Generell hätten sie nicht viel zum Anziehen.

Dann fragte er nochmal, in welcher Stadt ich wohne. Ja, immer noch Düsseldorf. Och, die hätten doch einen Fußballverein, ne? Ja schon, aber ich hab da kein Interesse dran. Er offenbar doch. Nun wünschte er sich Fußballschuhe.

Ja, und außerdem sei das Geld, das ich zuletzt für Lebensmittel überwiesen hatte, in zwei Tagen alle. Ob ich nochmal …? Ich wies nochmal drauf hin, daß ich das nicht regelmäßig bzw. ständig machen kann und daß er sich nicht von mir abhängig machen soll. Jaaa, ich hätte ja Recht, aber ich solle („should“) ihn doch auch verstehen. Die Regierung habe den Leuten verboten, im Wald Brennholz zu schlagen, das habe er bisher gemacht, um etwas Geld für Lebensmittel zu verdienen. Ich möge das doch bitte verstehen. Bitte nur nochmal den gleichen Betrag wie letztes Mal.

Ich versuchte es mal anders und legte ihm dar, wie meine monatlichen Grundkosten aussehen. Das ist halt schon 'ne andere Größenordnung (vorausgesetzt, man kommt dort mit einer vierköpfigen Familie tatsächlich drei Wochen lang mit umgerechnet rund 15 € aus, wie er behauptete). Das verstehe er ja, und daß ich dann mein Geld zusammenhalten müsse. Trotzdem bettelte er weiter. Und ich ließ mich nochmal breitschlagen. Nochmal 15 € plus 1,90 € Gebühren. Wieder fragte er, wann das Geld da sein würde. Auch beim zweiten Mal waren es fünf Tage gewesen, natürlich waren's auch beim dritten Mal fünf Tage … ich zeigte ihm den Link bei Western Union, wo man, ohne eingeloggt zu sein, eine Transaktions-Nummer einkippen kann, um nachzusehen, wie der Stand des Transfers gerade ist. Damit er mich nicht wieder mindestens einmal am Tag fragt. Ich sagte, Freitag (also gestern) werde es ankommen. Und natürlich stimmte es wieder.

Als ich dann am Dienstag von meinem Nachtspaziergang zurück war, fragte er – noch mitten in der Nacht – wieder nach den Fotos, von denen ich vorher gesagt hatte, daß ich sie machen würde. Den Link hat er dann später von mir bekommen. Feedback: Null. Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt draufgeguckt hat.

Völlig kontextfrei erzählte er mir am Dienstag Abend, es kämen Touristen aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und vielen anderen Ländern nach Gambia, und er hoffe, daß ich ihn eines Tages besuchen könnte. Ich klärte ihn nach kurzer Recherche auf (das wußte er dann komischerweise nicht), daß der Flug von Düsseldorf nach Banjul (der Hauptstadt von Gambia) mindestens 200 € kostet. Pro Richtung. Das ist mir dann doch etwas zu teuer für einen netten Besuch. Er meinte noch, nicht mal für eine Woche? m)

Danach erzählte er mir von einer Neuigkeit. Eine Frau aus Schweden hätte eine neue Schule eröffnet, eine Vorschule, in der er gern seinen jüngsten Bruder geben würde. Dann jedoch erzählte er weiter, er würde da auch gern hingehen, weil es kostenlos sei. Bis auf Uniformen und Schulmaterial, natürlich. (Hä? Auf 'ne Vorschule?)

Als nächstes fragte er nach Kleidung. Ob ich nicht was schicken könnte. Und Schuhe. Ich antwortete, klar könnte ich hier gebrauchte und gut erhaltene Kleidung sammeln, aber sie nach Gambia zu schicken ist teuer: Je nach Gewicht nimmt DHL zwischen rund 42 und 100 €. Trotzdem fragte ich nach den Größen für ihn und seine „Geschwister“. Nach einer Unterbrechung – ich war einkaufen gegangen – wollte er wissen, ob er mir dann gleich seine Postadresse geben solle, damit ich was schicken kann. Hätte ich mir wohl direkt geben lassen sollen, um die Behörden drauf anzusetzen, aber ich sagte, ist nicht eilig, so schnell geht das eh nicht.

Für den nächsten Tag, Mittwoch, kündigte er mir nochmal den Versuch eines Video-Chats an. Er wolle das unbedingt nochmal ausprobieren, „sie“ (ohne genauer zu bezeichnen, wer gemeint ist) hätten was am Netz verbessert, es sollte jetzt gehen. Für diesen Chat wollte er eine Zeit vereinbaren, ich solle ihm eine Zeit zu meiner Lokalzeit nennen, er könne sich das dann schon ausrechnen. Wann ich denn Zeit hätte?

Ich antwortete mit „good question“, was er offensichtlich nicht als ironische Phrase auffaßte, sondern wörtlich nahm und sich dafür bedankte. m) Dann schlug ich 16:00 Uhr vor. Also 16:00 Uhr UTC+2. Ah, das wäre dann also 18:00 Uhr zu seiner Zeit? Und ich so, ähm, nee, falsche Richtung. Aber wir seien Gambia doch zwei Stunden voraus? Ja, eben.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er's verstanden hatte.

Was den geplanten Video-Chat angeht: Er funktionierte wieder nicht. Ruckelndes Bild, und er konnte mich (angeblich zumindest) nicht hören.

Ich hatte allerdings schon vorher angefangen, einen Text für ein Crowdfunding zu schreiben. Mit allem, was er mir bislang genannt hatte: Schulgebühren, Uniformen und Material für drei Kinder, die Behandlung der Mutter, ein Paket mit Kleidung, und monatlich rund 20 € für Lebensmittel. Den Entwurf schickte ich ihm wieder wie zuvor als PDF, um sicherzugehen, daß alles stimmt. Ein paar fehlende Informationen hatte ich in rot markiert.

Er meinte nur so, ist OK, könne ich so publizieren. Ähja, und was ist mit den rot markierten Bereichen? – Oh, OK, guck ich nach.

Dann ging mein Akku in die Knie, der eigentlich länger hätte halten müssen. Völlig leer und ziemlich heiß. Ich hatte Signal im Verdacht, aber vermutlich war's einfach die Hitze. Also schaltete ich das Smartphone erstmal komplett aus und hängte es an den Strom.

Derweil hatte er mir die fehlenden Daten geschickt. Ich wollte die Vornamen der Geschwister sowie deren Geburtsmonat und -jahr wissen, damit man da eine bessere Beziehung zu aufbauen kann. A, B, und C klingt halt besser als „eine gambische Familie“. Und da hatten wir plötzlich wieder einen Namenskonflikt. Denn nun nannte er als Nachname für sich und seine Geschwister nicht mehr denselben wie den seiner Mutter, sondern einen anderen. Das Geburtsjahr seiner Mutter wiederum sollte 1971 gewesen sein. Ihr erinnert Euch an die Altersangabe auf der angeblichen Arztrechnung? Demnach könnte sie erst 1973 oder 1974 geboren worden sein.

Nach einigen Änderungen und Nachfragen war der Text fertig, und ich begann, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Publizieren wollte ich dann beide Sprachversionen. Er wollte aber erst noch ausführlich wissen, wie das dann funktioniert, wenn da Geld kommt, wie er da drankommen könne. Nachdem ich erklärt hatte, daß das erstmal über mein Konto läuft und ich das wie bisher per Western Union überweisen würde, ging ich an die Übersetzung und warf das Ganze auf Leetchi. Dann schickte ich ihm den Link und machte wie schon vorher nochmal deutlich klar, daß das ein Versuch und kein Versprechen ist, daß ich also für nichts garantieren kann.

Gestern erzählte er nach dem üblichen Wetter-Smalltalk schon wieder etwas neues. Er habe ein Stück Land bekommen (huch, einfach so?). Er wolle es bewirtschaften, aber er habe keine Saat. Ich fragte ihn, ob ihm Nachbarn da nicht aushelfen könnten? Er habe noch niemanden gefragt. Einen könne er vielleicht fragen.

Danach ging bei mir schon wieder das Smartphone aus, weil der Akku leer und heiß war.

Inzwischen war aber noch etwas anderes passiert. Dadurch, daß ich auf Twitter das Stichwort Gambia erwähnt hatte, wurde ich auf den Account @gambia_bot aufmerksam. Der retweetet automatisch alles mit Gambia oder #Gambia, ohne den Inhalt irgendwie zu überprüfen. Oh, wie praktisch, dachte ich, da erfährst Du vielleicht ein bißchen mehr über das Land. Das stimmte sogar.

Vor allem aber erfuhr ich noch was anderes. Zwei Tweets von zwei verschiedenen Accounts sprachen abfällig über seltsame gambische Follower, die angeblich nach Freundschaften suchten. Also genauso wie „mein“ Gambier in seinem Profil. Der zweite davon ist erst wenige Tage her. Den zweiten fragte ich dann einfach mal, was er damit meine; er hatte sich über einen Menschen (ohne den Account zu nennen) beschwert, der „looking for friendship“ im Profil haben sollte. Genau dasselbe steht bei „meinem“ nämlich auch da. Der Mensch meinte aber nur, naja, das sei halt so'n Fake-Account gewesen.

Ich hatte bereits Anfang Juli, etwa zu der Zeit, als ich auch an die Botschaft geschrieben hatte, schonmal einen Suchlauf gestartet, allerdings waren die Suchbegriffe wohl ungünstig gewählt. Heute suchte ich nochmal. Und fand eine Seite der US-amerikanischen Botschaft in Gambia, und es geht um Scams:

One of the most common scams we currently see claims that a Gambian has lost his parents, is caring for younger siblings, and does not have money for school fees. The story is always extremely similar. The common elements are: Online soliciting of friend in developed country, parents supposedly dead, caring for younger siblings, has to drop out of school for lack of funds. These elements exploit the Western value of education, trustful nature, and sympathy for orphans. There is very little variation on the theme. It may be wise to ask why someone who has no funds for school and is allegedly caring for younger siblings can apparently spend a large amount of time and money in internet cafes searching for “friends” from wealthy countries online. Family networks in the region are usually extensive, so if a child’s parents die, then the many aunts, uncles, grandparents, cousins, and other extended family members take them in and provide for them.

Das war dann der letzte Pfennig für den Groschen.

Ich löschte als erstes den Pool bei Leetchi, auf den zum Glück noch nichts einbezahlt worden war. Dann blockte ich die Nummer in Signal und schließlich seinen Twitter-Account, letzteres aber nicht, ohne ihm mit einer DM noch ein „Game Over“ mitzuteilen, zusammen mit dem obigen Link zur amerikanischen Botschaft.

Eine Stunde später besaß er nochmal die Frechheit, zu versuchen, mich anzurufen. Nicht über Signal, sondern normal über Telefon. Die Nummer hat er ja. Ich habe natürlich abgelehnt.

Was hier jetzt nicht so direkt eingeflossen ist: seine Aufdringlichkeit. Er meinte, wenn er mit mir reden (also Messages schicken) wollte, müßte ich auch sofort antworten. Dafür rief er sogar außerhalb von Signal an, riskierte also die Kosten einer internationalen Mobiltelefon-Verbindung, damit ich doch bitte WLAN einschalte und antworte. Und worauf? Auf Smalltalk. Oder die nächste Geld-Bettelei. Ja, das war belastend, und ich bin froh, daß es vorbei ist.

Das Geld habe ich natürlich abgeschrieben, ich glaube, das nennt man Lehrgeld.

So, das war diese Geschichte. Ich habe einige Dinge weggelassen, die für den Vorgang jetzt nicht ganz so wichtig waren, sonst würde ich heute mit diesem Beitrag nicht mehr fertig.

Und alle Trolle, die jetzt abhetzen wollen, wie naiv ich doch gewesen sei, mögen sich, wie eine Freundin von mir das letztens so schön formuliert hat, geschälten Ingwer rektal stecken, und zwar quer.

Es geht mir weder darum, mich als armes Opfer darzustellen, so sehe ich mich auch nicht, sondern vor allem, mit der konkreten Schilderung der Abläufe andere zu warnen, nicht in dieselbe Falle zu laufen. Das war „social hacking“ vom Feinsten, und wer nicht so auf's Geld achten muß, hätte vielleicht mehr Geld geschickt. Vielleicht sogar deutlich mehr. Mein Lehrgeld hielt sich in Grenzen, weil ich gar nicht so freigebig sein kann.

Übrigens finde ich es eher peinlich, daß ich die entscheidende Information nicht von der gambischen, sondern von einer amerikanischen Botschaft bekommen habe. Also peinlich für die gambische Botschaft. Das aber nur so nebenbei.

Ja, und ansonsten hab ich jetzt Signal. 😉

3 Kommentare zu “Gambia-Scam”

  1. Daniel Rehbein quakte:

    Ich verstehe die Kritik an der Botschaft von Gambia nicht. Es ist ja nicht Aufgabe einer Botschaft, vor Straftaten der eigenen Staatsbürger zu warnen. Und die Botschaft hat gar nicht die Möglichkeit, zu beurteilen, ob in einem persönlichen Dialog zwischen einem Staatsbürger des eigenen Staates (hier: Gambia) und den Staatsbürger eines anderen Staates (hier: Deutschland) die Wahrheit erzählt wurde.

    Der Botschafter von Gambia von Deutschland hat vermutlich auch keinen Durchgriff auf die Daten der Einwohnermeldeämter in Gambia (vorausgesetzt, Gambia hat überhaupt ein funktionierendes Meldewesen). Deshalb kann er keine Auskunft dazu geben, ob es einen Menschen mit dem betreffenden Namen gibt, ob dieser Mensch tatsächlich 17 Jahre alt ist und ob dessen Vater tatsächlich kürzlich gestorben ist.

    Die Botschaft ist ja keine Ermittlungsbehörde ähnlich einer Kriminalpolizei, die feststellen kann, ob in einem grenzüberschreitenden persönlichen Dialog eine Person gelogen hat oder nicht. Insofern fände ich es sehr bedenklich, wenn die Botschaft zu dem konkreten Einzelfall eine Einschätzung abgeben würde.

    Deshalb war die Antwort der Botschaft Gambias in Deutschland die einzig mögliche und auch die einzig richtige Antwort: Wenn Du Bewohner von Gambia finanziell unterstützen möchtest, dann wende Dich an eine professionell arbeitende Nichtregierungsorganisation.

    Was hätte der Botschafter sonst schreiben sollen? Alles andere hätte falsch sein können.


  2. Atari-Frosch quakte:

    Damit, daß der Scammer ermittelt werden könnte, hätte ich jetzt auch nicht gerechnet. Wobei es mit Umweg über die lokalen Ermittlungsbehörden vermutlich tatsächlich funktionieren könnte. Ich habe den Ausweisnamen des Scammers, und ohne Ausweis bekommt man bei Western Union kein Geld ausbezahlt; darauf weisen sie jedesmal ausdrücklich hin. Er wäre also vermutlich tatsächlich ermittelbar.

    Aber: Wenn ein Scam aus dem Land bekannt ist, der meiner Beschreibung entspricht, sollten sie mich darüber informieren, daß mein Verdacht berechtigt ist und das ein Scam sein könnte. Das wäre zumindest ehrlich. Die Hinweise, die ich gegeben hatte, waren – im Nachhinein betrachtet – ausreichend, um diese Masche zu erkennen.

    Im Gegensatz zum Nigeria-Scam findet man darüber auch nicht wirklich was online. Man kann also nicht behaupten, man könnte es wissen. Wenn jemand als Botschafter über sein Land berichtet, empfinde ich es als unfair, die „unangenehmen“ Dinge wegzulassen oder, wie hier, sogar auf konkrete Anfrage so zu tun, als wüßte man nicht, worum es geht.


  3. Daniel Rehbein quakte:

    Eine Botschaft ist ja im Wesentlichen die Vertretung der Bürger ihres Landes im jeweiligen Ausland. Insofern hätte man eine allgemeine Auskunft über mögliche Straftaten von Bürgern Gambias gegenüber Deutschen eher von der Botschaft Deutschlands in Gambia erwarten können, aber nicht von der Botschaft Gambias in Deutschland.

    Es geht hier auch nicht darum, daß irgendwelche Dinge „unangenehm“ sind. Es geht darum, daß ein Botschafter kein Urteil abgeben kann über einen Bürger des Landes, das er vertritt.

    Wir halten zu Recht unsere Werte hoch, daß es keine Kollektivschuld gibt, und daß für jeden einzelnen Menschen die Unschuldsvermutung gilt. Zu Recht regen wir uns darüber auf, wenn die Polizei Bevölkerungsgruppen kriminalisiert, in dem sie zum Beispiel Racial Profiling durchführt, oder in dem sie bei Demonstrationen schon im Vorfeld von Gewalttaten bestimmter Gruppen ausgeht. Zu Recht beharren wir darauf, daß die Schuld jedes einzelnen Menschen klar belegt werden muß. Die Unschuldsvermutung hat für uns einen großen Wert. Jemanden alleine aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe als kriminell (oder gar nur als „möglicherweise kriminell“) darzustellen, ist nicht nur üble Nachrede, sondern wird von uns auch als Diskriminierung geächtet.

    Andererseits erwartest Du aber von der Botschaft von Gambia in Deutchland, daß sie ihre eigenen Staatsbürger als möglicherweise kriminell bezeichnet. Dabei kennt der Botschafter von Gambia weder Dich noch den Bürger Gambias, mit dem Du da kommuniziert hast. Ich fände es aus rechtsstaatlichen Prinzipien sehr bedenklich, wenn der Botschafter sich zu einer Aussage hätte hinreisen lassen, die bedeutet, daß dieser konkrete Bürger Gambias möglicherweise kriminell ist.


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