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#TwitterSperrt

4. Februar 2020 um 16:42 Uhr von Atari-Frosch

Twitter sperrt offenbar immer mal wieder Accounts von Menschen, die sich gegen Rassismus, Sexismus, Ableismus und andere -ismen wehren. Allerdings ist nicht so ganz klar, nach welchen Kriterien; ich habe mehrfach beobachtet, daß nach solchen Sperrungen andere aus Solidarität denselben Wortlaut twitterten und nicht gesperrt wurden.

Daher wollte ich das jetzt mal selbst ausprobieren. Gesperrt wurde @nhile_de wegen folgendem Tweet:

Alle, die Witze über Asiat*innen und Coronavirus machen, bekommen eine Schelle. Don't even try to wrap your racism into a joke.

Daraufhin bekam Nhi eine 12stündige Sperre mit der Begründung: „Du darfst Dich nicht an der zielgerichteten Belästigung von Nutzern beteiligen oder andere dazu ermutigen. Darunter fällt auch, jemandem anderen körperlichen Schaden zu wünschen oder Hoffnungen in dieser Richtung zu äußern.“

[03.02.2020] Bereits in den Vormittagsstunden des 3. Februar bekam ich mit, daß auf verschiedenen Accounts die Aussage von Nhi aus Solidarität wortwörtlich wiederholt wurde.

Und jetzt wollte ich es wissen: Ich habe den Tweet von Nhi wortwörtlich wiederholt und nur den Hashtag #UnbanNhi angehängt:

Dann habe ich öffentlich die Behauptung aufgestellt, es läge nicht (so sehr) am Inhalt, sondern daran, wieviele einen Tweet melden und daß es damit möglich ist, beliebige Accounts sperren zu lassen, wenn man nur genügend Leute beisammen hat, die den Account melden, und darauf direkt mal den deutschsprachigen Twitter-Support-Account aufmerksam gemacht:

Kurz darauf bekam ich bereits die erste Bestätigung:

Text im verlinkten Bild:

Hello, we have received a complaint regarding your account, @DanielaKayB, for the following content:

Tweet ID: 1224266247531106304

Tweet Text: Immer dran denken: Schön höflich bleiben, wenn Ihr auf Rassismus aufmerksam macht! Und: Alle, die Witze über Asiat*innen und Coronavirus machen, bekommen eine Schelle. Don't even try to wrap your racism into a joke. #unbanNhi [url]

We have investigated the reported content and could not identify any violations of the Twitter rules (https://support.twitter.com/articles/18311) or German law. Accordingly, we have not taken any action at this time.

Auch wenn Daniela dem Original-Tweet noch etwas vorangestellt hat, ist die Aussage identisch. Genauer: Copy-Paste.

Es gibt da aber noch eine weitere These:

Das würde allerdings ebenfalls dafür sprechen, daß Meldungen nicht von Menschen überprüft werden, sondern einfach nur eine gewisse Kette von Bedingungen erfüllt sein muß. Das würde allerdings nicht der Theorie entgegenstehen, daß es (vor allem) auf die Anzahl der Meldungen ankommt.

Derweil erfuhr ich, daß es doch noch eine Sperrung wegen desselben Tweets gab:

[04.02.2020] Mein Twitter-Tag begann mit einer Mitteilung von Twitter, daß mein Tweet gemeldet worden sei, man habe aber keine Verstöße gefunden und sei daher nicht aktiv geworden. Ach schau.

Enno Lenze hat das auch mal ausprobiert, er bekam ebenfalls keine Sperre:

Jemand vermutete zwar in den Antworten, es läge an seinem „blauen Haken“, aber ich hab ja keinen. Also kann der nicht der (alleinige) Grund sein.

Das Meldesystem erweckt also den Eindruck, daß es so funktioniert:

  • Melden einen Tweet nur wenige Menschen, passiert – nichts.
  • Melden einen Tweet viele Menschen, dann rennt eine Routine – ein „Algorithmus“ – los und sucht nach bestimmten Worten oder vielleicht noch Wortkombinationen in der Sprache, die für den Tweet vermutet wird (Spracheinstellung des Accounts, eventuell noch Erkennung sprachspezifischer Eigenheiten wie Zeichensatz oder wiederum bestimmte Worte/Wortkombinationen). Wird was erkannt, wird gesperrt. Ein Mensch ist nicht involviert.
  • Ist ein Bild angehängt, wird außerdem nach „eindeutigen sexuellen Merkmalen“ gesucht. Weibliche Brustwarzen zum Beispiel. Hakenkreuze oder andere rechtsextreme Motive scheinen ja nicht so das Problem zu sein.
  • Bei Menschen mit blauen Haken wird möglicherweise „vorsichtiger“ gesperrt, da guckt vielleicht auch eher mal ein Mensch drauf.

Die bisherigen Erfahrungen mit Sperrungen sehen so aus, daß Marginalisierte für weit weniger gesperrt werden als Nazis und andere Hater. Dazu würde es ja genügen, daß mehr Nazis und Hater Marginalisierte melden als sie selbst gemeldet werden. Um den Algorithmus also davon zu überzeugen, Nazis und Hater zu sperren, müßten sie weit häufiger gemeldet werden.

Schon länger habe ich mir angewöhnt, systematisch Accounts zu blocken, die, sagen wir, einen Tacken zu sehr rechtslastig sind oder generell Zeug twittern, das für mich einfach nicht akzeptabel ist. Dazu gehört Rassismus, Ableismus, Sexismus, Antisemitismus, Verharmlosung der Shoa, victim blaming in unterschiedlichen Formen, aber auch Deutschland-Verherrlichung, Nationalismus und weiteres. Ich blocke solche Accounts grundsätzlich, weil ich einfach keine Lust dazu habe, mich irgendwann von solchen Figuren anpissen zu lassen. Wenn ein Tweet in meiner Timeline auftaucht, bei dem zu erwarten ist, daß genau solche Accounts drauf anspringen, gehe ich aufs Webinterface – weil mir Tweetdeck längst nicht alle Antworten anzeigt – und gehe den ganzen Strang durch, um genau solche Accounts quasi präventiv zu blocken. Ich will sie nicht sehen, sie sollen mich nicht sehen.

Möglicherweise bin ich damit bei solchen systematischen Meldetrupps quasi unterm Radar. Da das recht zeitaufwendig sein kann, machen das ja vielleicht nicht alle, die es betreffen könnte – wofür ich durchaus Verständnis habe. Allerdings sollte die Möglichkeit, diesen Aufwand betreiben zu können, nicht darüber bestimmen können, ob Menschen mit zu viel Haß und Langeweile die Accounts anderer Menschen sperren oder gar löschen lassen können oder nicht.

Wer aus Selfcare blockt, meldet nicht unbedingt immer; blocken geht mit einem Mausklick, das Melden macht Twitter eher umständlich, und man muß sich überlegen, ob man das Strafgesetzbuch gut genug kennt. Zudem werden einige Gründe, wegen derer gerade Marginalisierte melden wollen, gar nicht als Option genannt. Deshalb müßte man eine Option wählen, die für den Algorithmus dann wieder nicht unbedingt mit dem gemeldeten Tweet zusammenpaßt, und die Wahrscheinlichkeit, daß nicht gesperrt wird, dürfte hoch sein.

Außerdem: Wer geblockt ist, kann zwar immer noch melden, muß den Account, der ihn geblockt hat, aber dafür erstmal zu sehen bekommen. Das funktioniert nur, wenn sich viele zusammentun und sich gegenseitig die Ziel-Accounts melden. Bleibt man unterm Radar, passiert nix.

Meine These „Es scheint also einfach nur davon abzuhängen, wieviele Leute etwas melden und nicht so sehr, was drinsteht. Finde genug Leute zum Melden, und Du kannst jeden rauskicken lassen“ scheint sich damit bestätigt zu haben.

Das scheint so nebenbei auch einer der Gründe für die vielen Sockenpuppen zu sein, denen eine Sperrung ziemlich egal sein kann, weil sie dann eben den nächsten Account aktivieren; sie haben auch im Gegensatz zu denen, die sie angreifen, kein Interesse daran, daß ihre Inhalte bestehen bleiben. Die Personen dahinter sind immer dieselben.

Ein sicheres Umfeld ist Twitter damit, daß man „unterm Radar“ bleiben muß, um nicht relativ willkürlich gesperrt zu werden, allerdings nicht.


Und direkt nach dem Absenden bekam ich dann gleich noch eine Bestätigung:

3 Kommentare zu “#TwitterSperrt”

  1. Alexander Neß quakte:

    Na wenn ich nach Twitter geh, dann halt ich mich an deren Regeln die aus deren Hausrecht erwachsen. Wenn mir das nicht passt, dann geh ich halt nicht da hin.


  2. Atari-Frosch quakte:

    Hallo Alexander, so einfach ist das nicht. Wenn es nicht so sehr darauf ankommt, was jemand schreibt, sondern vor allem darauf, wieviele einen Tweet melden, ist das mit Hausrecht nicht mehr zu erklären. Zudem wurde auch von weiteren Nutzern festgestellt, daß da vor allem Algorithmen, also Computerprogramme, die gemeldeten Tweets bewerten; diese können jedoch weder Kontext noch Ironie/Sarkasmus noch Sprachstile erfassen. Und so kommt es, daß Nazis und aggressive Trolle lustig weitermachen können, während Menschen, die sich dagegen wehren, gesperrt werden, weil erstere sich quasi zusammenrotten, um letztere gezielt von Twitter zu kicken.


  3. Alexander Neß quakte:

    Na wenn Twitter das anhand der Anzahl der Rückmeldungen und anhand von halbgarer KI festmacht, dann muss denen das wohl so akzeptabel erscheinen.
    Kann gar nicht verstehen wieso das noch zu Experimenten einladen soll. Entweder man akzeptiert das oder man schreibt halt wo anders, wie Du hier in deinem Blog.


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